Kindersprache
"Isch d Welt überall?"
Die Sprachentwicklung in den ersten Lebensjahren veranschaulicht uns auf faszinierende Weise das Wunder menschlichen Lernens. Es wird uns dabei auch bewusst, was für ein immenser Brückenschlag zwischen einer Welt der "Nichtsprache" und einer Welt der Sprache überhaupt notwendig ist, damit sich das Kind einen Zugang zu dieser Welt, in die es hineingeboren wurde, verschaffen kann. Das Erlernen der Muttersprache zeigt uns auch auf besonders eindrückliche Weise, dass die Schlüssel zum Lernen in jedem Kind von Anfang an vorhanden sind und jede äussere Form von "Unterricht" nie auch nur annähernd so erfolgreich sein kann wie jenes Lernen, das ein Kind von sich aus, aus eigener Kraft und in eigenem Vermögen, zu leisten vermag.
Bei der Beobachtung der Sprachentwicklung unserer drei Kinder Andri, Sven und Lia war ich immer wieder verblüfft über die Art und Weise, wie vorhandenes Wissen mit dem Versuch, Neues einzuordnen und zu verstehen, verknüpft wurden, ein beständiges "Learning by Doing", durch Versuch und Irrtum. Und nicht selten ertappte ich mich bei dem Gedanken, ob es nicht mal einen Versuch Wert wäre, nicht die Kinder die Sprache der Erwachsenen erlernen zu lassen, sondern umgekehrt die Erwachenen die Sprache der Kinder, in der immer wieder so viel Wahrheit und Weisheit zum Vorschein kommt...
Im Folgenden Zitate von Andri, Sven und Lia, geordnet nach Lebensjahren.
ERSTE HÄLFTE ZWEITES LEBENSJAHR
"Alo alo!" (Lia kann schon Französisch!)
"Amma!" (heisst in Lias Sprache offensichtlich, wie wir mit der Zeit herausgefunden haben: "Ich will essen!")
ZWEITE HÄLFTE ZWEITES LEBENSJAHR
"Polenta" (Andri hat sich ein Badetuch über den Kopf gezogen. Seit er in einem Theaterstück eine Frau namens Polenta gesehen hat, die sich immer wieder neu verkleidet hat, ist "Polenta" für ihn ein Synonym für "Verkleidung")
"Helikopter" (damit bezeichnet Andri alles, was hoch in der Luft ist, egal ob es sich um einen Drachen, ein Flugzeug oder einen Hochspannungsmasten handelt)
"Sei!" oder "Leiber!" (Beides heisst das Gleiche, mal braucht Lia das eine Wort, mal das andere. Es bedeutet: Ich will es selber machen! Das sagt sie immer sehr energisch, manchmal fast böse - immer dann, wenn wir ihr etwas abnehmen möchten, was sie selber machen will)
ERSTE HÄLFTE DRITTES LEBENSJAHR
"Übercho" (Andri zeigt dazu auf einen Falter am Boden, etwas Neues, was er noch nicht kennt und nun jedes Mal mit "übercho" bezeichnet)
"Balla" (ist für Andri alles, was rund ist, egal ob es sich um einen Ball oder eine Orange handelt)
"Umpf un Nochio" (Andri meint Schlumpf und Pinocchio)
"Ufpassa" (sagt Andri, als er in einer Zeitschrift ein Bild mit einer Seiltänzerin sieht)
"Hedy" (Andris Wort für seine Mutter, das er immer dann braucht, wenn es ihm besonders ernst ist)
"uflada" (Andri meint: Konfitüre aufs Brot streichen)
"Seilella!" (Lia meint: Ich kann mir das Rivella selber einschenken)
"A heisses Guatzli" (Lia meint ein Eis)
ZWEITE HÄLFTE DRITTES LEBENSJAHR
"Warum tuats trimbambela?" (Andri meint: Warum läuten die Kirchenglocken?)
"Bisch du de Fuzlipaz?" - "S Mami luaget wia n en Rumpelküngel." (Andri erfindet für Mama und Papa immer wieder neue Phantasiewörter)
"I bi nid so zwerg" (Andri liegt mit Grippe im Bett und will sagen, dass er sich nicht wohl fühlt)
"I ha mi au gern" (Andri vor dem Einschlafen)
"Chamilaus" (Svens Wort für den Samichlaus)
"Das isch mer e Wurscht!" (Lia meint: Das ist mir egal)
ERSTE HÄLFTE VIERTES LEBENSJAHR
"Muasch es i din Buch legga" (Andri meint: Vergiss es nicht!)
Zum Mittagessen gab es Schinkenrollen. Kurz darauf muss Andri aufs WC und betrachtet jetzt die "Würstchen" in der Kloschüssel: "Luag, wia chli jetz dia Schinggarolla sin!"
"Aber denn müe mer doch ein vo üs wieder zrugg ge." (Weil es, wie seine Mama ihm erklärte, auch aus ihm und seinem Bruder später einmal Papis geben würde, meint Andri, das gäbe dann zu viele Papis, einen von ihnen müsste man deshalb wieder zurückgeben)
"Du, Peter, hesch du de Weg zur Schual au scho gwüsst, wo du no im Buch vom Omi gsi bisch?" (Ebenso intensiv wie für das Erinnern an Vergangenes interessiert sich Andri auch für die Vorahnung von Zukünftigem)
"Rau - lüba - lüga" (Sven lässt bei 2 Konsonanten noch meistens den ersten weg: Frau, chlüba, flüga; 3 Monate später erscheint auch der erste Konsonant fast durchgehend)
"Bin i wütig." (Sven meint damit: Ich bin wütend)
"Wenn i gross bi, i di in Boda inaschlo." (Hier scheint Sven mir gegenüber besonders wütend gewesen zu sein.)
"Schüalchrank." (Keine neue Krankheit, sondern Svens Wort für Kühlschrank)
"Dr Has het en Fuchs gfresst." (Svens erste Versuche, sich die Rangordnung in der Tierwelt begreiflich zu machen)
"Sie het gschraut." - "A Muggi het mi gstocht." - "Bin i gloft un han i Bai brocht." (Sven auf der Suche nach den korrekten Partizipien)
"I wett di vergleita." (Auch die Vorsilben sind nicht immer so logisch, wie wir Erwachsene uns das einbilden, Sven meinte: Ich will dich begleiten)
"Chan i mit ohni Füass ussi?" (Sven meinte, ob er barfuss nach draussen gehen dürfte)
"Chaschtle." (Svens vorläufiges Wort für Schachtel)
"Loch rabi." (ist weder Schottisch noch Arabisch, sondern Svens Ausdrucksweise für: Ich grabe ein Loch)
Wir sind auf dem Friedhof, 1 Jahr und 1 Tag nach Grossmutters Tod. Sven: "Miar müan Omi wieder usraba." - Ich: "Und denn?" - Sven: "Zum Dogter träga un wieder gsund macha."
"Wo het denn dr Klapperstual sis Muul?" (Offensichtlich bekundet Sven noch Mühe mit dem Unterschied zwischen Klapperstorch und Klappstuhl)
"I muass go bisla, s Zipfeli chnurret scho." (Sven hatte es wirklich sehr eilig)
"I ha i jedem Ohr e Häx. Dia tüan mini Ohra uf un zua." (Was Lia damit wohl meint? Ob sie wahrgenommen hat, dass sie nicht alles, was sie hört, mit der gleichen Aufmerksamkeit aufnimmt und dafür irgendeine Erklärung sucht?)
"Du, i cha au mit dem Füdli görbsa." (sagt Lia zu ihrer Grossmutter, die sie getadelt hat, weil sie gerülpst hatte)
ZWEITE HÄLFTE VIERTES LEBENSJAHR
Ob Sven bei seinem ersten Zahnarztbesuch denn keine Angst gehabt habe, will ich wissen. Nein, meint er, nicht ER hätte Angst gehabt vor der Zahnärztin, SIE habe Angst gehabt vor IHM. Verwundert frage ich ihn, weshalb. Seine Antwort: "Wil i s Muul aso ufgrissa ha!"
"Ohni Birchermüasli het d Lia d Banane vil liaber." (Warum einfach, wenns kompliziert auch geht, wird sich Sven gedacht haben)
Am Himmel kurvt ein Flugzeug. Sven beobachtet es interessiert, aber irgendetwas scheint ihm nicht ganz zu behagen. Plötzlich meint er: "I wett liaber en Helikopter."
"Gell, Hexa hets früener ge, döt wo d Auto no us Holz gsi sin." (Sven als Junghistoriker)
Sven schaut beim Fenster hinaus und sieht den Raureif auf der Wiese: "Luag, wia s Gras verchältet isch."
"Gell, d Fingge wachsed au?" (Für Sven logisch: Wenn die Füsse wachsen, müssen auch die Hausschuhe wachsen)
"I weiss scho, woher d Muschla chömmen. Dia sin de Füchs ab em Schwanz kait." (Sven auf den Spuren von Darwin)
"I tua de Chäugummi immer in Buch." (Sven meint: Ich schlucke den Kaugummi immer)
"De liab Gott vo de Fisch isch s Nilpferd, gell?" (Sven führt uns zurück ins Zeitalter der Naturreligionen)
"Jetz bin i viari, gell jetz han i kai Angscht me vor em is Wasser springa." (Svens eigene Logik über Ursache und Wirkung)
"Gell, wenn d Chäferli flügen, denn sin s Vögel." (Lias Tierwelt)
ERSTE HÄLFTE FÜNFTES LEBENSJAHR
Andri zur Geburt seiner Schwester Lia: "Jetz han i denn schpöter au emol es Fraueli!"
"Gits us wisse Sömli wissi Menscha un us schwarze Sömli schwarzi Menscha?" (Andri entwickelt eine neue Rassentheorie)
Lia ist eine Woche alt. Andri: "Het d Lia mi echt au gern?"
"I find so schö, dass me vom Morga bis em Obed wach isch." (Andri zeigt uns, dass das Selbstverständliche gar nicht immer so selbstverständlich ist)
Lia ist 3 Wochen alt. Andri: "I wett no ganz vil Schwösterli, öppa sechs - so lang wia n i läba."
"Alles wo miar d Menscha bis jetz gsait hen, isch jetz i mim Buch durenand." (Andri scheint zu ahnen, dass der Bauch der Sitz der Seele und des Gedächtnisses sein könnte)
Andri über die Schweiz: "Miar hens schö do i dem Land - miar hen sovil z ässa un dörrti Frücht un alles - Peter, hetsch du denggt, dass es üs so guat got do?"
Die Herkunft der Menschen beschäftigt Andri immer wieder: "Wia chönn d Fraue wachse - i main, wia hen d Frau chönna wachse i üsrem Land, wo s no gät kai Mamis ge het?"
"Vo dem han i nüt i mim Buch." (Andri meint: Daran kann ich mich nicht erinnern)
Andri wühlt in der Vergangenheit seiner Eltern: "Un denn het dr Papi öppa bi diar gschlofa? Da isch jo grauehaft!"
"I ha dia Buachstaba nid chönna i mim Kopf versammla." (Andri meint: Ich habe mich nicht an dieses Wort erinnern können)
Andri beschäftigt sich immer wieder mit der Art und Weise, wie und woran sich Menschen erinnern: "Wenns Herz chlopft, schribts jedes Mol öppis uf emene Zettel uf, damit me s nid vergisst. Hedy, hesch du au es Herz i dim Buch? Und d Schöfli, hen dia au eis? Un d Bäum?"
"Vo wo chunnt s Geld?" (Andri auf den Spuren von Karl Marx)
"Fresse d Hase Beton?" (Wie Andri wohl auf diese Frage gekommen ist?)
Andri rennt bergab und kann fast nicht mehr bremsen: "I lo mi springa!"
Unser Zureden, er solle mehr essen, damit er richtige Muskeln bekomme, verfängt bei Andri nicht: "I wett doch gar kai Muskle - sus chumm i nu Muskelkater über!"
Auf dem Balkon beim Seifenblasen. Andri schaut den Seifenblasen nach, bis sie unseren Blicken entschwinden: "Gön d Seifablosa bis Amerika?"
Wir fahren mit den Velos übers Land. Andri schaut in die Weite: "Du, Papi, isch d Welt überall?"
"Isch das wieder guat, wenn i emol gross bi?" (Sven meint die Verbrennung auf seiner Handfläche, die er sich mit dem defekten Kabel eines Nachttischlämpchens zugezogen hat)
"Gell, d Sunna isch dr liab Gott." (Sven entwickelt seine Religionstheorie, die mit dem Nilpferd begonnen hat, weiter)
"Bevor i us em Buch cho bi, han i i dr Milch im Buch badet." (Svens Erinnerung an das "Paradies")
"Denggs mit irere volle Chraft." (Svens Antwort auf meine Frage, wie es die Schnecken wohl geschafft haben könnten, mitsamt ihrem Häuschen etwa einen halben Meter die Hauswand hochzusteigen)
"Du, mua me denn nu eimol hürota?" (meint Sven, als wir auf einem Sonntagsausflug mit dem Rad bei einer Kirche vorbeifahren)
"Da hen dia glaub der ganza Welt gstohla" (Svens Kommentar zum Feuerwerk anlässlich des Geburtstags des Fürsten von Liechtenstein)
"Luag, de Bus fahrt en Peter!" Svens Kommentar, als der Dorfbus bei unserem Haus vorbeifährt. Wir haben zunächst keine Ahnung, was er meint. Auf unsere Frage erklärt er es uns: "Jo de Bus fahrt döt ufa un denn döt hindere un chunnt unedura wieder zrugg - da isch doch wia dr erscht Buachstaba vom Peter, oder?"
Lia, nach einem heftigen Hustenanfall: "I huaschte jo wia di ganz Welt."
"I glaub, dr ober Teil vom liab Gott isch im Himmel un dr under Teil isch d Erda." (Hat Lia in diesem Augenblick eine neue Religion erschaffen und wir haben es gar nicht gemerkt?)
ERSTE HÄLFTE SECHSTES LEBENSJAHR
"Was i wött vergässa, da tua n i in Chopf. Was i nid vergässa will, tua n i i mim Buch uf chlini Zettel schriba." (Andri bestätigt die neuesten lernpsychologischen Erkenntnisse. - Suchen wir manchmal nicht viel zu weit? Würde es nicht genügen, die Kinder zu fragen, um möglichst nahe an die Wahrheit heranzukommen?)
ZWEITE HÄLFTE SECHSTES LEBENSJAHR
Jetz hemmer mit em Velo en Hammer gmacht." (Wieder, wie beim Dorfbus, hat Sven sich den Verlauf der Fahrt auf der Vogelperspektive vorgestellt)
"Wo n i verwachet bi, hets grad de Traum nomol im Chopf zeiget." (Sven meint: Als ich erwachte, konnte ich mich noch an meinen Traum erinnern)
ZWEITE HÄLFTE SIEBTES LEBENSJAHR
"Un denn simmer nomol is Bett ina gschloffa bis dr Wecker müad worda isch un sin Schnutz abalampa lo het." (Erst nach längerem Überlegen verstehe ich, was Andri sagen wollte: Der müde gewordene Schnauz des Weckers sind die Zeiger, welche die Zeit von zwanzig Minuten nach acht angeben)
"Cha dr Dokter au s Bei brecha? Un de Pfarrer au sterba?" (Wäre für Andri wohl ein Grund, Pfarrer zu werden)
"Warum tuat denn dä so pressiara?" (Andri meint einen Radfahrer, er uns auf dem Rheindamm in horrendem Tempo entgegenkommt)
"Peter, hets do no Ritter ge, wo du es Baby gsi bisch?" (Andri setzt seine historischen Studien fort)
Andri sieht seine Mama im Garten arbeiten und meint: "I weiss scho, Hedy, warum du din Garta so gern hesch - du hesch äba alli Bluama un alles selber erzoga."
ERSTE HÄLFTE ACHTES LEBENSJAHR
"I wett es Nullbrot." (Andri meint, dass er kein Brot möchte)
"Vilicht sin d Hexa nu im Buch." (Andri meint, dass es Hexen vielleicht nur in unserer Phantasie gibt)
Lia fragt: "Warum gits eigentli Menscha?" (Sind nicht die einfachsten Fragen oft am schwierigsten zu beantworten?)
"Für wa muen i denn i s Bett? Schlofa nützt doch sowieso nüt!" (Lia liegt im Bett und kann nicht einschlafen)
ZWEITE HÄLFTE ACHTES LEBENSJAHR
"Hedy, wia hesch du gmerggt, dass du de Peter gern hesch?" (Andri lässt auch bei seinen innerfamiliären Nachforschungen nicht locker)
"Gset de am Schlagzüg komisch isch - wia n en Schwizer." (die multikulturelle Vorbelastung unserer Tochter Lia, anlässlich eines Konzerts im Kleintheater)