Das Ende der Geschichte?
„Das ist das Ende der Geschichte", jubelte Francis Fukuyama, damaliger stellvertretender Planungschef im US-Aussenministerium, Ende 1989, nach dem Fall der Berliner Mauer und angesichts des nahe bevorstehenden Zusammenbruchs der kommunistischen Sowjetunion. „Damit", so Fukuyama, „erleben wir nicht nur das Ende des kalten Krieges, sondern den endgültigen Triumph der westlichen Idee über alle mit ihr konkurrierenden Ideologien. Dieses westliche Erfolgsmodell ist die liberale Demokratie, kombiniert mit leichtem Zugang zu Videogeräten und Stereoanlagen, ein allgemeiner homogener Staat, in dem alle primären Gegenstände aufgelöst und alle menschlichen Bedürfnisse gestillt sind."1
Seither hätte der weltweit triumphierende Kapitalismus fast zwanzig Jahre Zeit gehabt, die Welt Schritt um Schritt jenem paradiesischen Zustand entgegenzuführen, von dem Fukuyama und alle anderen Apologeten des Kapitalismus in jenen historischen Tagen, Wochen und Monaten so schwärmten. Doch was, wenn nicht das pure Gegenteil, ist von den damals verkündeten Hoffnungen und Versprechungen geblieben?
Kapitalistische „Transformation": Tödliche Folgen für Millionen von Menschen
In den ehemals kommunistischen Ländern des so genannten „Ostblocks" ge-langte zwar infolge der kapitalistischen „Transformation" von Wirtschaft und Gesellschaft eine kleine Minderheit der Bevölkerung tatsächlich in den Genuss von Reichtum, Freiheiten und Privilegien weit jenseits sämtlicher früherer Wunschvorstellungen - dies aber einzig und allein auf Kosten einer grossen Mehrheit der Bevölkerung, die heute nicht einmal mehr über die minimalsten sozialen und existenziellen Grundsicherheiten verfügen, welche zu kommunistischen Zeiten selbstverständlich waren. „Mehr als 100 Millionen Menschen", so ein Bericht des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) vom August 19992, „sind durch die ‚Transformation‘ in den ehemals kommunistischen Ländern Osteuropas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in die Armut geworfen worden und 26 Millionen Arbeitsplätze gingen verloren." Der Zusammenbruch des staatlichen Gesundheitswesens hat in diesen Ländern, so der UNDP-Bericht, zum Wiederausbruch längst besiegter tödlicher Krankheiten geführt, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit haben epidemische Ausmasse angenommen, die Selbstmordraten sind dramatisch gestiegen. „Der Übergang zur Marktwirtschaft", so das abschliessende Fazit des UNDP-Berichts vom August 1999, „war für Millionen von Menschen buchstäblich tödlich."
Nicht minder verheerende Folgen zeitigte der Übergang zum Kapitalismus auch in China, schrittweise seit dem Tode Mao Zedongs 1976, in vollem Ausmass aber erst ab 1987, zum Zeitpunkt des „endgültigen Triumphs der westlichen Idee über alle mit ihr konkurrierenden Ideologien": Es begann mit der immer ungezügelter vorangetriebenen Ausbeutung von Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeitern in den so genannten „Sonderwirtschaftszonen" des Südens und Ostens und hat zu einer zunehmenden Spaltung des Landes in reiche Stadt- und mehr und mehr verarmende Landregionen geführt, zu unaufhaltsam steigenden Nahrungsmittelpreisen, einer wachsenden Landflucht und einem explosionsartig millionenfach anwachsenden Heer Verarmter und „überflüssig" Gewordener - während sich, wie überall im Kapitalismus, eine kleine Elite Superreicher inzwischen alle nur erdenklichen Luxusvergnügungen zu leisten vermag, bis hin zum Golfspielen auf sattgrünen Rasenflächen inmitten von unter akutestem Wassermangel leidenden Wüstengebieten, Auge in Auge mit Menschen, die trotz härtester Arbeit und entbehrungsreichstem Leben während eines ganzen Jahres weniger Geld verdienen, als einer der Golfspieler für eine einzige Spielrunde hinzublättern hat.
Vermögen der drei Reichsten höher als das Jahreseinkommen der 48 ärmsten Länder
Und so schreiten die Ausbeutung und Versklavung von Menschen durch Menschen wie auch die - durch die Grundprinzipien des kapitalistischen Finanzsystems bedingte - permanente Umverteilung allen Reichtums von unten nach oben, von der Arbeit zum Kapital, von den Ohnmächtigen zu den Mächtigen weltweit in sich immer weiter beschleunigendem Tempo voran, nicht nur innerhalb der früheren kommunistischen Länder, nicht nur zwischen den reicheren und ärmeren Regionen, Ländern und Erdteilen insgesamt, sondern auch zwischen den privilegierten und ausgebeuteten Bevölkerungsgruppen innerhalb jeder einzelnen Region, jedes einzelnen Landes, jedes einzelnen Erdteils: Während die Zahl der weltweiten Milliardäre von Jahr zu Jahr weiter anwächst und deren Luxusvergnügungen bis hin zu privaten Weltraumausflügen immer groteskere Formen annehmen, müssen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen3, leiden 923 Millionen Menschen an Hunger4, haben eine Milliarde Menschen - davon über die Hälfte Kinder - kein Dach über dem Kopf und fehlt für weltweit 270 Millionen Kinder jegliche medizinische Grundversorgung.5 Und die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden immer noch grösser: Bereits besitzen die drei reichsten Menschen der Welt zusammen ein Vermögen, welches höher ist als das gesamte Jahreseinkommen der 48 ärmsten Länder der Welt.6 Äusserster und letzter Wahnsinn dieses immer groteskere Formen annehmenden Ungleichgewichts: Bereits wird auf immer grösseren Flächen von landwirtschaftlich nutzbarem Boden - ausgerechnet in Ländern, wo grossen Teilen der Bevölkerung nicht einmal das lebensnotwendige Minimum an Nahrungsmitteln zur Verfügung steht - Getreide angebaut, das der Herstellung von Treibstoff für Automotoren dient, auf dass gewiss auch dann noch endlos Milliarden von überflüssigen Stahlkarrossen über die Highways der nördlichen Hemisphäre donnern, wenn schon längst alles Leben auf der südlichen Hälfte unserer Erde erloschen ist...
Unaufhaltsam wachsende Migrationsströme als Folge sozialer Ungleichheit
Je tiefer sich die Kluft zwischen armen und reichen Regionen, Ländern und Erdteilen auftut, umso grösser logischerweise die dadurch ausgelösten Migrationsströme. Noch nie in der Geschichte der Menschheit befanden sich so vie-le Menschen auf der Flucht vor Armut, Elend, Hunger oder Krieg, hinausgeschleudert aus den sich immer weiter ausdehnenden Zonen des Elends und, wie Mücken vom Licht, unwiderstehlich angezogen von den sich gleichzeitig in immer unverschämterem Luxus gebärdenden Zonen des Reichtums am anderen Ende der Welt. Doch was ist die Antwort des Kapitalismus auf dieses Problem? Statt - wie es einzig und allein zu einer dauerhaften Lösung führen würde - für eine weltweit gerechtere Verteilung von Gütern und Ressourcen zu sorgen, wird, ganz im Gegenteil, mit immer drastischeren Mitteln alles einzig und allein darauf ausgerichtet, den aus den Zonen des Elends Fortgetriebenen den Zutritt zu den Zonen des Reichtums zu verwehren. So etwa investiert die gleiche Europäische Union - die mit ihrer weiterhin unbeirrbar auf knallharte Ausbeutung und Profitmaximierung ausgerichteten Aussenwirtschaftspolitik zur immer verheerenderen Ausblutung der landwirtschaftlichen Grundversorgung in den Ländern des Südens beiträgt - Unsummen von Geldern in den Bau von Grenzzäunen, Mauern, Festungsanlagen, mobilen Eingreiftruppen, Schnellbooten und Helikoptern, um jene Grenze, wo Armut und Reichtum extremer als weltweit irgendwo sonst aufeinanderprallen, nämlich zwischen Europa und Afrika, zu einer eigentlichen „Todesmauer" auszubauen, an der eine immer grössere Anzahl notgetriebener Menschen nicht nur ihre letzte Hoffnung, sondern buchstäblich auch ihr Leben verlieren - zerfetzt in einem Stacheldrahtverhau, zu Tode gebissen von einem Kampfhund oder, zu Abertausenden, in zerbrechlichen Fischerbooten, zerschellt an einem Felsen, ins Wasser geworfen durch einen Sturm, namenlos und unsichtbar untergegangen irgendwo auf dem endlosen Grund des Mittelmeers -, eine „Todesgrenze", gegen die jene vielbeschworene, zum Sinnbild des „verbrecherischen" Kommunismus emporstilisierte und 1989 niedergerissene Mauer zwischen Ostberlin und Westberlin nicht mehr als ein lächerlicher Abklatsch gewesen war, stelle man sich doch einmal vor, für jeden Afrikaner und für jede Afrikanerin, die inzwischen ihr Leben auf der Flucht nach Europa verloren haben, hinge irgendwo an der spanischen, französischen oder italienischen Mittelmeerküste, wie damals an der Berliner Mauer, ein Grabeskranz, ein Bild und eine Gedenktafel mit Namen und Lebensdaten der Verstorbenen. Dass im herrschenden kapitalistischen Denksystem niemand auf die Idee kommt, solche Vergleiche anzustellen, ist indessen nur logisch: Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen werden müsste, nämlich, dass der Kapitalismus letztlich noch verbrecherischer sein könnte als es der Kommunismus jemals gewesen war, ist zu ungeheuerlich, als dass man sich getraute, auch nur den ersten kleinen Gedankenschritt in diese Richtung zu wagen.
Kriege als Begleiterscheinung und Folge kapitalistischer Expansion
Hätte man wenigstens noch gehofft, dass mit dem Ende des „Kalten Krieges" ein Zeitalter von militärischer Abrüstung und nahendem weltweiten Frieden anbrechen könnte, so haben sich auch diese Hoffnungen ins Nichts zerschlagen. Kaum war der Kalte Krieg zu Ende, die Sowjetunion auseinandergefallen, der Kommunismus zerborsten, holte der „siegreiche" Westen - ohne einem neuen, nicht mehr auf Sieg oder Niederlage ausgerichteten Denken weltweiten gemeinsamen Überlebens auch nur den Hauch einer Chance zu geben - schon zu seinen nächsten verheerenden Schlägen aus: 1991 die militärische „Strafaktion" gegen den Irak, dessen Führer Saddam Hussein, zuvor über zehn Jahre lang vom Westen aufgepäppelt und mit einem Riesenarsenal grausamster Waffen versorgt, durch seinen militärischen Einmarsch in Kuweit über Nacht zum Feind des Westens geworden war. Sodann die nahtlos an diese Militäraktion - mit nicht weniger als 120‘000 getöteten irakischen Soldaten und rund 25‘000 getöteten Zivilpersonen - anknüpfenden und bis 2003 aufrechterhaltenen, wiederum an vorderster Front von den USA durchgepeitschten Wirtschaftssanktionen gegen den Irak, die - gemäss Angaben des Kinderhilfswerks Unicef - den Tod von insgesamt fast 1,6 Millionen Irakerinnen und Irakern, darunter über 550‘000 Kindern, zur Folge hatten.7 Gleichzeitig die 1992 mit der sofortigen Anerkennung der staatlichen Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens durch die Europäische Gemeinschaft ergriffene einseitige Parteinahme des Westens im so genannten „Jugoslawienkonflikt", welche schliesslich - unter völliger Missachtung des internationalen Völkerrechts und ohne Zustimmung des Uno-Sicherheitsrates - in einem dreimonatigen, Ende März 1999 begonnenen Luftkrieg der NATO gegen Jugoslawien gipfelte, in dessen Verlauf nicht nur zahllose Infrastrukturanlagen, Strassen und Brücken, sondern auch eine Vielzahl von Schulen und Krankenhäusern zerstört, rund tausend Zivilpersonen getötet, mehrere Tausende verletzt und weite Teile der industriellen Produktion des Landes um Jahrzehnte zurückgebombt wurden. Zwei Jahre später der - offiziell als Vergeltung für die Anschläge des 11. September 2001 auf die beiden WTC-Türme in New York deklarierte - am 7. Oktober 2001 begonnene und immer noch andauernde, bereits Abertausende unschuldiger Opfer zählende Krieg gegen Afghanistan, der, wie heute alle Welt weiss, schon längst vor den Terroranschlägen auf die WTC-Türme geplant war und bei dem es auch gar nicht in erster Linie um eine Vergeltung dieses - bis heute nach wie vor auch nicht annähernd aufgeklärten - Terroranschlags ging, sondern um nichts anderes als geostrategische, machtpolitische und wirtschaftliche Interessen der USA im asiatischen Raum. Sodann der am 20. März 2003 von den USA und Grossbritannien angezettelte, ebenfalls immer noch andauernde Krieg gegen den Irak, der, je nach unterschiedlichen Schätzungen, bereits zwischen 300‘000 und 650‘000 Menschen das Leben gekostet und ein einst blühendes, für seinen hohen Lebensstandard bekanntes Land in eine Hölle verwandelt hat, in der schon fast niemand mehr auch nur einen Tag lang ohne die Angst leben kann, von einem Heckenschützen, einem Selbstmordattentäter, einer US-Patrouille oder sogar von seinem früheren besten Freund umgebracht zu werden - ein Krieg, der nicht bloss deshalb so verbrecherisch ist, weil dies in der Natur eines jeden Krieges liegt, sondern vor allem deshalb, weil auch er - wie ebenfalls heute die ganze Welt weiss - mit Behauptungen begründet wurde, die sich im Nachhinein als nichts anderes denn grandiose Lügen herausgestellt haben, sei es, dass behauptet wurde, der Irak arbeite verbotenerweise an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, sei es, dass man der Weltöffentlichkeit weiszumachen versuchte, es bestünden nachweisbare Verbindungen zwischen Saddam Hussein und den Attentätern des 11. September 2001, dies alles, um wiederum vom wahren Grund des Krieges, nämlich der nackten Besitzergreifung eines der wichtigsten Erdölgebiete der Erde, abzulenken.
„Je näher sich die US-Truppen Bagdad näherten, umso mehr stiegen die Börsenkurse"
Verweilen wir einen Moment beim Irakkrieg. Auch er ist nämlich - entgegen der gerade in europäischen Ländern weitverbreiteten Meinung, es handle sich dabei um einen rein US-spezifischen Fall von imperialistischer Machtpolitik - in Tat und Wahrheit bloss eine weitere Etappe jener kapitalistischen Welteroberung, die mit der Einverleibung des kommunistischen Ostblocks in die „Freie Marktwirtschaft" begann und an deren Ende jene total globalisierte „beste aller möglichen Welten" steht, von der Ronald Reagan und Francis Fukuyama 1989 so schwärmten. Der Unterschied liegt bloss darin, dass diese kapitalistische Welteroberung im Irak von einem beispiellosen Akt militärischer Aggression und kriegerischer Zerstörung begleitet ist, während sie in den meisten anderen Teilen der Welt sozusagen „gewaltlos", „von selber", „freiwillig" geschehen ist. Dass die - angestrebte - Unterwerfung des Irak unter die kapitalistischen Machtziele des Westens nicht nur eine Angelegenheit der USA ist, sondern durchaus letztlich im Interesse der gesamten kapitalistischen Welt liegt, zeigt sich nur schon darin, dass die anfänglichen „Proteste" mehrerer westeuropäischer Regierungen gegen das eigenmächtige militärische Vorgehen der USA gegen den Irak innerhalb kürzester Zeit verstummten und auch heute, fünf Jahre später, nach Hundertausenden unschuldig Gestorbener und weiterhin Sterbender, dieses Verbrechen, das sich durchaus mit den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands vergleichen lässt, nicht nur für die Regierungen der kapitalistischen Länder, sondern selbst für jene Millionen Menschen, die damals im Protest gegen die Kriegspolitik der USA auf die Strassen gingen, offensichtlich kein Thema mehr ist. In der Tat: Auf geradezu zynische Weise zeigt das Beispiel des Irakkriegs, wie eng im Kapitalismus endlose Gewinnmaximierung und endlose Machtkonzentration auf der einen Seite, endloses Leiden, endlose Opfer, endlose Zerstörung auf der anderen Seite auf logische Weise miteinander verknüpft sind. Es geht nicht nur um das Erdöl, wenngleich dieses - als „Blut" der kapitalistischen Wachstumswirtschaft - eine wichtige Rolle spielt. Es geht auch - und insbesondere - um die Interessen der Rüstungsindustrie. Waffen, so das kapitalistische Prinzip der endlosen Gewinnmaximierung, sollen nicht nur produziert, sondern vor allem auch von Zeit zu Zeit in möglichst grosser Menge gebraucht werden. Es geht im Weiteren um die Interessen der Bauindustrie, nichts kann ihr so willkommen sein als ein möglichst weit gehend zerstörtes Land, wo alles wieder neu aufgebaut werden muss. Es geht auch um die Interessen von Wirtschafts- und Unternehmensberatern, Finanzspezialisten, Versicherungsagenten, Juristen, Bankiers, die beim „Wiederaufbau" eines zerstörten Staates und seiner früheren Verwaltungsstrukturen viel „wertvolle Aufbauarbeit" leisten können. Es geht auch um die Interessen privater Transport-, Energie- und Sicherheitskonzerne. Es geht auch um die Interessen der in immer grösserer Anzahl weltweit agierenden Privatarmeen und Militärdienstleistungsunternehmen. Und wenn die alle, die daran ein Interesse haben, genug starken Einfluss ausüben auf eine Regierung - so wie das zweifellos bei der 2000 an die Macht gekommenen Bush-Administration der Fall war -, dann braucht es nicht besonders viel Phantasie, um sich vorstellen zu können, dass eine solche Regierung - um allen diesen Interessen gerecht zu werden - früher oder später irgendwo, aus irgendwelchen Gründen, einen, zwei oder drei Kriege vom Zaune reissen wird. Dies alles nicht, weil irgendein „Verrückter" den Verstand verloren hat, sondern weil die Grundprinzipien kapitalistischer Macht- und Wirtschaftspolitik - endloses Wachstum und endlose Profitmaximierung - dies so wollen. „Je näher sich die US-Truppen Bagdad genähert haben", lesen wir im Wirtschafts-teil des Tages-Anzeigers vom 5. April 2003, „desto mehr sind die Umsätze und Kurse auch an der Schweizer Börse gestiegen. Innerhalb von vier Tagen stieg der die Aktien der 26 kapitalstärksten Unternehmen umfassende Swiss-Market-Index SMI von 4088 auf 4386 Zähler, das ist ein Plus von 4,2 Prozent."8 Das war schon in den Achtziger Jahren nicht anders gewesen, als - nebst anderen - auch französische und deutsche Firmen dem damals noch als „Freund" betrachteten irakischen Diktator Saddam Hussein bei der Entwicklung seines Giftgasprogramms behilflich waren. Angesprochen auf die möglichen Auswirkungen dieser „Hilfe" meinte damals der Geschäftsführer einer der in dieses Geschäft verwickelten deutschen Firmen: „Ein paar tote Iraker interessieren unsere Aktionäre nicht." Und nicht viel anders tönte es von Madeleine Albright, früherer US-Aussenministerin, die auf die Frage, ob die von den USA gegen den Irak verhängten Wirtschaftssanktionen zwischen 1991 und 2003 - die den Tod von fast 1,6 Millionen Irakerinnen und Irakern zur Folge hatten - richtig gewesen seien, Folgendes zur Antwort gab: Das, meinte Albright, sei eine schwierige Frage, aber in Anbetracht der Vorteile, die sich daraus für die USA ergeben hätten, sei es wohl „den Preis wert gewesen".
Und immer noch schreiben die Sieger die Geschichte
Die gegenseitige „Akzeptanz", das sich gegenseitige Gewährenlassen zwischen den „friedlicheren" und den „weniger friedlichen" kapitalistischen Mächten zeigt sich auch darin, dass selbst in den höchst entwickelten „demokratischen" Staaten des Westens erstaunlich wenig Widerstand festzustellen ist gegen die Art und Weise, wie unsere kapitalistischen Führer, allen voran die US-Regierung unter George W. Bush, die Welt in „Gut" und „Böse" eingeteilt haben: Kaum je in Frage gestellt wird die „Rechtmässigkeit", mit der etwa Saddam Hussein und Slobodan Milošević zu zwei der grössten Verbrecher unserer Zeit erklärt worden sind - während gleichzeitig kaum je die Forderung zu vernehmen ist, es wäre nun doch endlich an der Zeit, auch die Verantwortlichen oder Mitschuldigen anderer, noch viel verheerenderer Kriege und Menschenrechtsverletzungen - vom Vietnamkrieg über die verdeckten US-Militäroperationen in Zentralamerika zwischen 1960 und 1980 bis zu den auf reinen Lügen und Fehlbehauptungen begründeten Kriege gegen Afghanistan und den Irak - vor ein internationales Gericht zu stellen und „rechtmässig" zu verurteilen.
Fatale Parallelen zur Vorzeit des Ersten Weltkriegs
Die weltweite Machtdemonstration einer einzigen „Supermacht" und ihrer Helfershelfer kann indessen zwangsläufig nichts anderes provozieren als laufend stärker werdende Gegenmächte. Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Jeder, der gross und mächtig sein will, weckt tausend andere, die noch grösser und noch mächtiger sein wollen. Noch frisst sich das westliche Militärbündnis, die NATO, Land um Land in jenes Vakuum vor, dass die zerfallene Sowjetunion und die mit ihr im Warschauer Pakt verbündeten Länder Osteuropas hinterlassen haben. Noch verfügen die USA über mehr Waffen und geben mehr Geld für zusätzliche Waffen aus als alle anderen Länder der Welt zusammen. Noch fliesst genug Erdöl in die Zentren der kapitalistischen Weltmächte. Doch wie lange noch? Was, wenn sich mehrere bisher kleinere Mächte zu einer neuen, grösseren Macht zusammenschliessen? Was, wenn die im Innersten Afrikas geführten Bürgerkriege um Öl und Edelmetalle auf einmal in einen offenen Krieg zwischen den USA und China ausbrechen? Was, wenn das Wasser nicht mehr bloss für die Armen und Wehrlosen dieser Welt, denen es heute schon fehlt, sondern auch für die Reichen und Mächtigen knapper und knapper wird, für all jene, in deren Händen sich heute schon mehr als genug Waffen befinden, um die ganze Erde nicht nur einmal, sondern zweimal oder dreimal in Schutt und Asche zu legen? Immer schneller, scheinbar unaufhaltsam, bewegen wir uns auf eine Zeit zu, die uns auf fatale Weise an die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs erinnert, als sich ebenfalls der gegenseitige Wettlauf mehrere kapitalistischer Grossmächte nach und nach auf jenen verhängnisvollen Punkt hinbewegte, da es nur noch eines kleinen Funkens bedurfte, um einen weltweiten Krieg auszulösen. Wieder haben wir die gleiche Ausgangslage: auf der einen Seite eine Erde mit begrenzten Gütern, auf der anderen Seite kleinere und grössere, teilweise miteinander verbündete, teilweise gegeneinander feindlich gestimmte Staats- und Wirtschaftsgebilde, die sich allesamt - gefangen im gegenseitigen kapitalistischen Konkurrenz- und Überlebenskampf - gebärden, als liessen sich Erde, Wasser, Nahrung, Bodenschätze, Produktionsmittel und Geld endlos und ohne Grenzen vermehren.
Weltwirtschaftskrise als tickende Zeitbombe
Auf zutiefst erschreckende Weise gibt die Ende 2007 mit der „Hypokrise" in den USA begonnene und dann immer weitere Kreise ziehende globale „Finanzkrise" den Blick in ein kapitalistisches Zukunftsszenario, das alles Bisherige noch einmal um einen Quantensprung an Wahnsinn übersteigen könnte: Die schleichende, unaufhaltsame kapitalistische Umverteilung von den Arbeitenden zu den Besitzenden erfährt eine explosionsartige Beschleunigung, Tausende von Milliarden Dollar öffentliches, staatliches Geld wird innerhalb einiger weniger Wochen dem nimmersatten, immer gefrässiger werdenden kapitalistischen Ungeheuer in den Rachen geworfen. Woher kommt dieses Geld, wer hat es erarbeitet? Die für diesen unbeschreiblichen Raubzug wahrhaft historischen Ausmasses Verantwortlichen versuchen zwar, uns weiszumachen, dies alles sei nur in unserem Interesse, im Interesse der Menschen, und wir würden bei alledem nur noch viel reicher werden, als wir schon sind. Doch die Wirklichkeit straft sie Lügen: Schon zeichnen sich erste Einbrüche in der Realwirtschaft ab, eine weltweite „Rezession" bahnt sich an, die Löhne werden sinken, die Arbeitslosigkeit wird steigen - nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gehen weltweit bis Ende 2009 rund 20 Millionen Arbeitsplätze verloren!9 - und überall werden durch den dadurch verursachten Rückgang bei den Unternehmenssteuern die Belastungen für die unteren und untersten Einkommensklassen noch grösser, während im öffentlichen Bereich mit noch härteren Sparmassnahmen zu rechnen ist. Bereits haben mehrere europäische Regierungen bekannt gegeben, in Zukunft weniger Geld für die Lösung der Umwelt- und Klimaprobleme wie auch für die Hilfe an die ärmsten Länder zur Verfügung zu stellen - und dies alles, während uns fast zeitgleich die Meldung erreicht, die Zahl der weltweit Hungernden sei - infolge des rasanten Anstiegs der Lebensmittelpreise - innerhalb eines einzigen Jahres von 800 auf 923 Millionen Menschen angewachsen. Und so dreht sich das kapitalistische Karussell noch schneller und mit noch verheerenderen Folgen weiter und weiter...
Peter Sutter, 1.4.2009
1 Tages-Anzeiger, 2.12.1989
2 World Socialist Website, Nick Beams, 21.8.1999; Unicef-Jahresbericht 2000
3 US-Studie in Tages-Anzeiger, 24.8.2005
4 Wochenzeitung, 16.10.2008
5 Unicef-Bericht „Zur Situation der Kinder in der Welt", in Tages-Anzeiger, 10.12.2004
6 Tages-Anzeiger, 28.12.1998
7 „Irak - Chronik eines gewollten Krieges", Hans von Sponeck & Andreas Zumach, Köln 2003
8 Tages-Anzeiger, 5.4.2003
9 Südostschweiz, 21.10.2008