Gedichte IV
Und oben ist ein Mann
Flinke Frauenhände
wohin du schaust
vorne stehen sie
ordnen Geld
stempeln Briefe
zerren schwere Pakete von Tisch zu Tisch
und lächeln dir zu
auch um sechs Uhr abends noch
aber hinten
sitzt ein Mann
blättert in dicken Büchern
und scheint
unheimlich beschäftigt zu sein
und ich denke
jetzt steht sie schon vier Stunden
und er sitzt immer noch
einmal
sah ich ihn gähnen
und ich denke
das habe ich doch
schon einmal gesehen
in der Fabrik
wo sie Hemden machen
flinke Frauenhände
Reihe an Reihe
eine riesige Glaswand
und dahinter ein Mann
wohin du schaust
wohl kein Zufall
in Bars Cafés Restaurants
laufen sich Frauen
ihre Füsse wund
in den Warenhäusern
stapeln sie Büchsen und Flaschen
tonnenweise pro Tag
oder quälen ihre Rücken
an den Kassen
wo die endlose Menge gekaufter Dinge
nie abreisst
auch gegen Abend nicht
und oben
hinter der gläsernen Wand
sitzt ein Mann
und ich denke
an Krankenschwestern und Telefonistinnen
an Hausmädchen und Blumenverkäuferinnen
an Putzfrauen und Schuhverkäuferinnen
an Zimmermädchen
und ich denke
an Corina
an die Flecken auf ihrer Haut
an die Schmerzen in ihrer Hand
als sie letzten Herbst
zum allerletzten Mal
einer Kundin die Haare machte
ihr Chef
fährt jetzt einen Porsche
und an Corinas Platz
steht eine andere
acht oder neun oder zehn Stunden am Tag
für zweitausend Franken
und ich denke
wo ist die Arbeit und wo
ist die Macht
und ich denke
an die Nachtclubtänzerinnen von Hongkong
an die Textilarbeiterinnen von Intschon
an die Blumenarbeiterinnen von Cucutà
an die Orangenpackerinnen von Maputo
an die Erdbeerpflückerinnen von Orihuela
an die Hausmädchen von Paris
und ich denke
wer dies alles
an jenem geheimnisumwobenen Tag beschloss
dass es besser sei für die einen
oben zu sein
und für die anderen unten
dass es besser sei für die einen
sich hinter Glaswänden und Eichentüren
den Anstrich von Macht
und Verantwortung und Autorität zu verleihen
und für die anderen
sich ihre Hände und Füsse und Rücken
kaputtzumachen
und erst noch nicht mal
die halbe Lohntüte heimzubringen
wer dies alles so beschloss
war wohl kaum eine Frau
und ich denke
eigentlich
habe ich das alles schon längst gewusst
und doch
-
unten stehen
Anita und Marina
jede Nacht
auch im Winter
ihre Miniröcke einer kürzer als der andere
und oben
in einem warmen Zimmer
sitzen die Männer
und zählen
das Geld.