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Gedichte V

Mädchen auf Kreta

DU
Mädchen auf Kreta
barfuss
staubig und klein
am Strassenrand
blind rasen sie
hinter vergangenen Wundern her
bestaunen
Ruinen und Tempel
Theater und Stadien
und schwärmen
von vergangener Blüte
vergangenem Reichtum
heute
sagen sie
sei alles vorüber
von Bedeutung und Grösse
nichts geblieben
ein Abfallhaufen der Geschichte
und so erklimmen sie
in rastloser Hast
die höchsten Täler
die einsamsten Gehöfte
für ein paar Fussabdrücke
Vergangenheit
DU
Mädchen auf Kreta
verlier nicht
den Glanz der Wahrheit
aus deinen Augen
all diesem blinden Suchen
all dieser Irrfahrt
zum Trotz
und wenn alle Bücher der Welt
es verneinten
kein Tempel
kein Stadion
kein Standbild eines Gottes
war grösser oder reicher als
DU
alles erbaut
auf dem Schweiss und den Tränen
deiner Ahnen
barfuss und staubig und klein wie
DU
schon die Sonne am Morgen
sah sie auf den Feldern
in den Steinbrüchen
in den Kellern und Küchen
der Reichen
und die Sonne am Abend
noch immer
DU
Mädchen auf Kreta
wenn ein einziger Name
zu Recht
in den Büchern
auf den Säulen der Tempel
an den Toren der
heiligen Städte
erglänzte
dann wäre es DEINER
noch immer
graben deine Hände
nach den Früchten des Feldes
wie vor tausend Jahren
noch immer
blickst du
Leben schenkend
zu denen hinauf
die es dir nehmen
die ganze Geschichte
ein einziger
grosser Betrug
namenloses Elend
hinter den
glänzendsten Seiten
von Macht und Grösse und Ruhm
DU
Mädchen auf Kreta
lass mich
dich wieder finden
lass
diesen unvergesslichen Punkt
meines Lebens
diesen liebenden Vorwurf
deiner Augen
dies einzig Wahre
jener Reise
auf deiner Insel
lass es nicht vorüber
ich war einer jener anderen
noch immer blind
noch immer
auf der falschen Spur
mit tausend Ketten
an falsches Denken gebunden
DU
barfuss und staubig und klein
DU
Mädchen auf Kreta
lass uns die
ganze Geschichte der Menschheit
noch einmal
schreiben.

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