Früchte des Südens - Gold des Nordens
Früchte des Südens - Gold des Nordens
Rund 12 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner wurden zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert nach Amerika deportiert1, um dort in unmenschlichster Zwangsarbeit die möglichst billige Produktion all jener Rohstoffe sicherzustellen, die sodann in den Industriestaaten Europas in all jene Fertigprodukte verwandelt wurden, deren gewinnbringender Erlös schliesslich die Grundlage der über Jahrhunderte ungebrochenen wirtschaftlichen, militärischen und politischen Vormachtstellung Europas über den Rest der Welt schaffen sollte. Lange Zeit glaubte man, die Schweiz sei an diesem wohl grausamsten und zugleich am meisten Gewinn bringenden Geschäft aller Zeiten nicht oder höchstens ganz am Rande beteiligt gewesen. Doch hartnäckig recherchierende Historiker, unter anderem der Ostschweizer Hans Fässler, haben die unangenehme Wahrheit schliesslich ans Tageslicht gebracht: Schweizer Firmen, Handelshäuser, Banken und Unternehmer waren an vorderster Front mit dabei, wenn es mit dem Transport von Sklaven, der Gründung von Kolonien, der Unterdrückung von Aufständen, dem Transport und dem Weiterverkauf von Kolonialprodukten, der Verwandlung billiger Rohstoffe in teure Industrieprodukte, der Zurverfügungstellung von Krediten und den daraus sprudelnden Erträgen etwas zu verdienen gab. Vorsichtig gerechnet lassen sich die von Schweizer Firmen insgesamt aus dem Handel mit Sklaven gewonnenen Profite auf die Deportation von rund 170‘000 Afrikanerinnen und Afrikaner zurückführen.2
Und so haben sich im Laufe der Jahrhunderte die Früchte des Südens nach und nach in das Gold des Nordens verwandelt. Auf der gleichen Erde, welche dereinst die Menschen in den von Natur und Klima am meisten gesegneten Ländern Afrikas, Südasiens und Lateinamerikas mehr als ausreichend ernährte, sind deren Nachkommen heute gezwungen, unter dem immer härteren Joch des gnadenlosen weltweiten kapitalistischen Konkurrenzkampfs ums nackte Überleben unter immer grösseren Anstrengungen auch noch das Allerletzte an Luxus- und Genussmitteln für die Tische des reichen Nordens herauszupressen, während ihnen selber in ihren immer kargeren Schüsseln wenn es gut kommt höchstens noch ein einziges Mal pro Tag eine einigermassen Hunger stillende Menge an Nahrung verbleibt.
Zum Beispiel Kaffee
Als Anfang der 90er Jahre, unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, das bis zu diesem Zeitpunkt geltende internationale Kaffeekartell - in dem Fördermengen und Mindestpreise international festgelegt worden waren - auseinanderbrach, kam es innert kürzester Zeit zu einem gewaltigen Produktionsüberschuss, die Preise für Rohkaffee sackten auf den real tiefsten Wert seit 100 Jahren ab und Millionen Bauernfamilien in Kaffee produzierenden Ländern verloren ihre Existenz. Aber auch für all jene, die heute noch von der Kaffeeproduktion leben können, haben sich die Lebensverhältnisse dramatisch verschlechtert, immer weniger Geld bleibt übrig für Essen, Kleider und Medikamente; in Mexiko und Honduras hat der Kaffeepreiszerfall riesige Flüchtlingsströme in Richtung der USA ausgelöst; in Peru, Kolumbien und Bolivien sind immer mehr ehemalige Kaffeeanbauer dazu übergegangen, auf ihren Feldern Koka, den Rohstoff für die Herstellung von Kokain, anzupflanzen; in zahlreichen Gegenden Kenias, wo die Menschen ausschliesslich vom Kaffeeanbau leben, ist die Einschulungsquote in den Primarschulen infolge Geldmangels innerhalb weniger Jahre um ein Fünftel gesunken. Dies alles hinderte die reichen Länder, Handels- und Verkaufsketten sowie multinationale Konzerne nicht im Geringsten daran, weiterhin ihre äusserst lukrativen Geschäfte mit dem Kaffee zu machen. Im Gegenteil: Seitdem die Preise für Rohkaffee so viel tiefer sind, floriert das Geschäft erst recht! Exportierten die Herkunftsländer Anfang der 90er Jahre noch für rund 11 Milliarden US-Dollar Kaffee, der schliesslich für insgesamt 30 Milliarden Dollar bei den Konsumenten abgesetzt wurde, lag dieses Verhältnis zehn Jahre später noch bei 5,5 Milliarden Dollar Exporterlös gegenüber 70 Milliarden Verkaufserlös, mit anderen Worten: Hatten sich die Einnahmen der Kaffeeproduzenten innerhalb dieser zehn Jahre halbiert, waren auf der anderen Seite die Profite der Kaffeekonzerne - darunter in einer der vordersten Positionen das Schweizer Unternehmen Nestlé! - auf mehr als das Doppelte angewachsen.3 Dabei ist Kaffee nur einer von unzähligen Rohstoffen, die zu tiefsten Löhnen und unter härtesten Arbeitsbedingungen aus der so genannten „Dritten Welt" herausgepresst werden, um multinationalen Konzernen zu ihren immer höheren Schwindel erregenden Profiten und Wachstumsraten zu verhelfen und den Graben zwischen armen und reichen Ländern immer noch tiefer aufzureissen, dies insbesondere deshalb, weil sich die „Terms of Trade", das Austauschverhältnis zwischen den Preisen für Rohstoffe und den Preisen für Fertigprodukte, Jahr für Jahr noch mehr zu Ungunsten der Rohstoffe verschiebt, was wiederum zur Folge hat, dass sich die Länder des Südens zwangsläufig immer mehr verschulden und ihre Abhängigkeit und Ausbeutbarkeit durch den Norden dadurch nur immer noch grösser wird.
„Klar, dass nicht alle sich das leisten können"
Ein anderes, höchst profitables Geschäft ist das Geschäft mit der Vermarktung von Wasser, dem, wie es Hans-Jörg Renk, Firmensprecher des französischen Mineralwasserkonzerns Perrier schon vor Jahren prophezeite, „wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts".4 Auch hier gehört der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé zu den weltweit führenden Unternehmen. Seit rund 15 Jahren kauft Nestlé quer über alle Kontinente Quelle um Quelle auf und hat sich einen um den anderen bereits bestehender Konzerne einverleibt. Heute verfügt Nestlé in der Flaschenwasserindustrie über einen Weltmarktanteil von 17 Prozent, hält 77 Wassermarken von Perrier über Vittell bis San Pellegrino, füllt seine Plastikflaschen an 107 Orten weltweit ab und setzt damit jährlich rund 8 Milliarden Franken um.5 Wurde das Flaschenwasser ursprünglich nur in den reichen Ländern des Westens verkauft, hat Nestlé inzwischen auch in den ärmeren Ländern des Südens einen sich stetig erweiternden Markt aufgebaut. Dort wird hauptsächlich „Pure Life" verkauft, ein relativ billiges, mit Mineralzusatz aufbereitetes Leitungswasser. „Pure Life" und verwandte Nestlé-Produkte sind in Ländern wie Pakistan, China, Vietnam, Thailand, Mexiko und Brasilien mittlerweile regelrechte Verkaufsschlager.6 So ist es wenig erstaunlich, dass die Umsätze und Gewinne im Wassergeschäft ungleich viel stärker wachsen als die Weltwirtschaft insgesamt: Wuchs die Weltwirtschaft zwischen 1983 und 1997 um 144 Prozent, nahmen der Gesamtumsatz der 200 grössten im Wassergeschäft tätigen Weltkonzerne im gleichen Zeitraum um 160 Prozent und die Gewinne gar um 224 Prozent zu!7 Aber um was für einen Preis! Während sich weltweit immer mehr Menschen - die über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen - ihr sauberes Wasser in der Plastikflasche im Supermarkt kaufen, haben auf der anderen Seite rund eine Milliarde Menschen nach wie vor keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser an Ort und Stelle, wo sie leben. Damit nicht genug: Indem multinationale Konzerne immer grössere Teile der Trinkwasserversorgung an sich reissen - nicht nur im Bereich der Flaschenwasserproduktion, sondern auch durch die zunehmende Privatisierung bisher öffentlicher Wasserversorgungssysteme - und gleichzeitig die öffentliche Infrastruktur gerade auch in den aller ärmsten Ländern unter einem immer grösseren Spardruck steht, führt dies zur völlig unhaltbaren Situation, dass die Ungleichheit zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Bevölkerungsschichten selbst in diesem grundlegenden Bereich der elementarsten Lebensversorgung noch weiter zunimmt. Denn, so der bereits zitierte Perrier-Firmensprecher Hans-Jörg Renk: „Unser Wasser ist ein günstiger Gebrauchsartikel, aber es ist uns klar, dass nicht alle sich das leisten können."8
Profite hier, Elend und Zerstörung dort
Besonders drastisch zeigt sich der Zusammenhang zwischen wachsenden Profitraten auf der einen Seite, Elend und Zerstörung auf der anderen auch beim Geschäft mit Agrochemikalien und Pestiziden. Und auch in diesem Geschäft gehört ein Schweizer Unternehmen, nämlich der Agrochemiekonzern Syngenta, mit einem jährlichen Umsatz von über 8 Milliarden US-Dollar zu den weltweit Grössten seiner Branche. Einen grossen Teil des Umsatzes erzielt Syngenta mit dem Insektenvertilgungsmittel Paraquat, einem Mittel, das in über 100 Ländern auf Bananen-, Kakao-, Kaffee-, Baumwoll-, Palm-öl-, Ananas-, Gummi- und Zuckerrohrplantagen zum Einsatz gelangt und laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO bei rund der Hälfte der damit in Kontakt kommenden Arbeiterinnen und Arbeitern äusserst unangenehme, oft sogar lebensgefährliche Gesundheitsschädigungen verursacht, so etwa Bauch- und Kopfschmerzen, Nasenbluten, Sehschwächen, Atemnot, Hautverletzungen, Durchfall, Hautkrebs oder Parkinson. Der Einsatz von Pestiziden führt ausserdem dazu, dass die dadurch anfänglich erzielte Ertragssteigerung nach einer gewissen Zeit - sobald die Pflanzen gegen die Mittel resistent geworden sind - wieder abnimmt und sich dadurch die Einkommen der Bauern - während die Ausgaben für die Pestizide gleich bleiben oder sogar noch zunehmen - drastisch verringern. Allein in der indischen Region Andrha Pradesh nahmen sich in den Jahren 1997/98 rund 300 Kleinbauern das Leben, weil sie so tief verschuldet waren, dass sie sich die dringendst benötigten Pestizide nicht mehr kaufen konnten.9
Wie wenig die Güter der kapitalistischen Wirtschaftsproduktion mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen zu tun haben, sondern beinahe ausschliesslich auf die eigene betriebswirtschaftliche Profitmaximierung ausgerichtet sind, wird auch deutlich, wenn wir einen Blick auf die Pharmaindustrie werfen, wo wiederum mit Novartis und Roche zwei Schweizer Konzerne zu den weltweiten Spitzenreitern ihrer Branche gehören. Hauptsächliches Ziel dieser Konzerne und ihrer Konkurrenten ist es nicht, die von ihnen hergestellten Medikamente in der grösst möglichen Menge und zum best möglichen Preis vor allem dort zum Einsatz zu bringen, wo die gesundheitliche Situation der Menschen dies am allermeisten erfordert. Nein, ganz im Gegenteil: Im Kampf um möglichst grosse Absatzmärkte sind sie vor allem darauf bedacht, sich Produzenten möglicher Parallelprodukte, die zu einem billigeren Preis die gleiche oder eine ähnliche Wirkung entfalten könnten, von allem Anfang an vom Halse zu halten. Patentrechte und Besitzansprüche auf „geistigem Eigentum" spielen daher in der Politik der Pharmaunternehmen eine höchst prioritäre Rolle. Daher setzen sich auch die Vertreter der Schweiz in internationalen Gremien wie etwa der Welthandelsorganisation WTO an vorderster Stelle dafür ein, Länder wie Brasilien, Indien oder Thailand durch internationales Patentrecht daran zu hindern, billigere Nachahmermedikamente zu exportieren. Dies hat zur Folge, dass viele gerade der aller ärmsten Länder weiterhin darauf angewiesen sind, Medikamente zu importieren, die für die finanziellen Möglichkeiten einer grossen Mehrheit der Bevölkerung schlicht und einfach unerschwinglich sind. So bezahlt man, um nur ein Beispiel zu nennen, für die Behandlungskosten mit dem Aids-Medikament Nelfinavir von Roche in Indien oder Vietnam immer noch 3000 Dollar pro Patient und Jahr!10
Billig einkaufen, teuer weiterverkaufen
Industrielle Produktion ist allerdings nur eine von zahllosen Möglichkeiten, Reichtum in noch grösseren Reichtum zu verwandeln. Manchmal genügt es bloss, Güter, die andere produzierten, möglichst billig einzukaufen und dann möglichst teuer weiterzuverkaufen, ohne hierfür eine besondere eigene Leistung erbringen zu müssen. So war die Schweiz bis vor wenigen Jahren hinter Belgien und Grossbritannien der weltweit drittgrösste Umschlagplatz für Diamanten.11 Und auch im Erdölgeschäft gehören in der Schweiz ansässige Firmen zu den grössten ihrer Branche: Zug und Genf sind neben London und Singapur zwei der vier weltweit wichtigsten Umschlagplätze für Rohöl. Es möglichst billig einkaufen und es möglichst teuer weiterverkaufen - so simpel das Rezept, so Gewinn bringend ist es. Allein in Genf werden täglich mehrere Millionen Barrell Rohöl gekauft und verkauft. Und dabei ist Rohöl nur einer von zahlreichen Rohstoffen, mit denen gehandelt wird. Experten schätzen das jährliche Rohstoffhandelsvolumen von Genf und Zug auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar. Dass diese Handelsplätze weit weniger im Rampenlicht der Medien und der Öffentlichkeit stehen als etwa die Chicagoer Rohstoffbörse, erklärt Bernhard Lippuner, Leiter des Sektors Commodity Finance der Credit Suisse, so: „Wir sind eben mit dem realen Handel beschäftigt, dem echten Kaufen und Verkaufen von Rohstoffen. Das lässt sich halt nicht in spektakuläre Bilder fassen. Dafür sind die Geldbeträge, die im Rohstoffhandel fliessen, umso spektakulärer."12
Erdöl: die andere Seite des Milliardengeschäfts
Bleiben wir noch einen Moment beim Erdöl. Wem ist schon bewusst, dass die Schweiz nicht weniger als vierzig Prozent dieses für das Funktionieren der Wirtschaft wohl wichtigsten und unentbehrlichsten Rohstoffs aus Nigeria bezieht. Ziehen wir in Betracht, was für Riesengewinne auf der Grundlage von Erdöl in unserem so reichen Land erzeugt werden, dann müsste Nigeria, als einer der wichtigsten Energieversorger des reichsten Landes der Welt, fairerweise ebenfalls eines der reichsten Länder der Welt sein. Tatsächlich aber zählt Nigeria zu den allerärmsten Ländern der Welt. Von den 124 Millionen Einwohnern müssen zwei Drittel mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt; die HIV- und Aidsrate ist alarmierend hoch. Weniger als 60 Prozent der Kinder besuchen eine Schule. 43 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser; die öffentliche Infrastruktur befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Von den Einnahmen aus dem Erdölverkauf profitiert eine kleine, korrupte Oberschicht gegenseitig ineinander verfilzter Familienclans, Freunde und politischer Gefolgsleute, so dass selbst der Internationale Währungsfonds IWF in einem Bericht über Nigeria von einer „unermesslichen Verschwendungssucht der Regierungsclique" spricht. Die Bevölkerung des Landes bleibt von alledem praktisch gänzlich ausgeschlossen.13 Vielen von ihnen geht es sogar noch schlechter als vor den Zeiten des Erdölbooms. So zum Beispiel all jenen eingeborenen Volksgruppen, die das Pech hatten, in einem Gebiet zu leben, in dem Erdöl gefunden wurde. Sie alle mussten im Laufe der Zeit den sich immer weiter ins Land hinein fressenden Bohrtürmen, Erdölcamps und Pipelines weichen. Wenn Widerstand erwuchs, erschienen bewaffnete Agenten der Erdölfirmen, rissen vor den Augen der entsetzten Landbewohner den Maniok aus dem Boden und fertigten die Menschen, die nun ihre Nahrungsgrundlage verloren hatten, mit einer schäbigen Entschädigung für den Ernteausfall ab. In vielen Teilen des Landes herrscht die nackte Gewalt. Hunderte Warlords und Milizenführer, die sich alle etwas vom goldenen Erdölkuchen abschneiden wollen, kämpfen gegeneinander, gegen die Bevölkerung, gegen die Regierung oder gegen die Ölfirmen. Allein im Delta des Niger sterben jährlich schätzungsweise tausend Menschen an den Folgen gewalttätiger Auseinandersetzungen. Zudem leidet die Bevölkerung in den Erdölfördergebieten unter der Luftverschmutzung und der extremen Hitze von Gasflammen, die durch das Anzapfen des Erdöls entstehen. Riesige Gebiete sind infolge von Überfällen, Anschlägen und undichten Leitungen ölverseucht. Besonders schlimme Auswirkungen hat dies für die in diesen Gebieten lebenden Frauen, welche zur Beschaffung von sauberem Wasser immer weitere Strecken zurücklegen müssen, und für die Kinder, die sich in wachsendem Ausmass durch das verschmutzte Wasser mit tödlichen Krankheiten infizieren.14 „Nach zwei Jahren in diesem Land", so der Schweizer Botschafter in Nigeria, Rudolf Knoblauch, im März 2003, „wird mir allmählich klar, warum so viele Nigerianer ihre Heimat verlassen und nach neuen Ufern streben. Die grosse Mehrheit der nigerianischen Bevölkerung hat keine Chance, an den Segnungen des Erdölexports teilzuhaben."15
Welt des Reichtums, Welt der Armut
Die Geschäfte mit Kaffee, Wasser, Pestiziden, Medikamenten, Diamanten, Erdöl - es mögen extreme Beispiele sein. Doch letztlich steckt hinter jedem Import-Export-Geschäft auf dem kapitalistischen Weltmarkt ein knallhartes Kosten-Nutzen-Kalkül, bei dem kaum je die Frage entscheidend ist, mit was für Zerstörungen und menschlichem Leiden die Produktion dieser Güter verbunden ist, als vielmehr die Frage, was für ein kurzfristig möglichst hoher materieller Profit damit zu erzielen ist. Auch mit Uhren, Brillen, Schmuck, Schokolade, Maschinen, Präzisionsinstrumenten und Apparaten für Medizinaltechnik - um nur einige typische Schweizer Exportprodukte zu nennen - lassen sich nur deshalb profitable Geschäfte machen, weil infolge der kapitalistischen Geldanhäufung auch in anderen Ländern genügend Mittel vorhanden sind, mit denen sich eine privilegierte Minderheit der Bevölkerung Dinge leisten können, von denen die Mehrheit der Bevölkerung ausgeschlossen ist.
Alles deutet darauf hin, dass die Summe aller dieser Geschäfte zwischen der Schweiz und ihrem „Ausland" in diesem kapitalistischen Sinne durchaus nach wie vor in höchstem Grade profitabel ist und laufend dazu beiträgt, den hierzulande bereits vorhandenen Reichtum in immer noch grösseren Reichtum zu verwandeln, während an unzähligen anderen Orten der Erde dort herrschende Armut und Ungerechtigkeit gleichzeitig in gleichem Masse immer noch weiter und noch weiter anwachsen. Wie weit die beiden Welten - die Welt des Reichtums und die Welt der Armut - mittlerweile voneinander entfernt sind und auf was für grausame, zynische Weise sich dieser Graben weiterhin vertieft, wird an einem Ereignis aus dem Jahre 2002 auf ganz besonders krasse Weise sichtbar: Als Entschädigung für die 1975 erfolgte Verstaatlichung einer früheren Tochterfirma verlangte der Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestlé im Dezember 2002 von der Regierung Äthiopiens eine Summe von 8,6 Millionen Franken, und dies zu einem Zeitpunkt, als Äthiopien, nachdem in weiten Teilen des Landes schon seit drei Jahren kaum noch ein Regentropfen gefallen war, unter der schlimmsten Hungersnot seit 20 Jahren litt und - gemäss Schätzungen des UNO-Welternährungsprogramms - rund 11 Millionen Menschen von starker Unterernährung betroffen waren. Goliath und David. Die „Erste" Welt und die „Dritte" Welt. Hier das reichste Land der Welt, dort das ärmste: Äthiopiens Bruttosozialprodukt ist mit 540 Dollar pro Kopf fünfzigmal kleiner als jenes der Schweiz, drei Viertel der Bevölkerung müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen und das gesamte Volkseinkommen des Landes ist achtmal kleiner als der Jahresumsatz von Nestlé. Mit den von Nestlé geforderten 8,6 Millionen Franken - einem Tausendstel des Reingewinns von Nestlé im Jahre 2001 - hätte man, gemäss Angaben der britischen Hilfsorganisation Oxfam, in Äthiopien eine Million Menschen einen Monat lang ernähren können. Dennoch schlug Nestlé das Angebot der äthiopischen Regierung, anstelle von 8,6 nur 2 Millionen Franken zu bezahlen, aus. Irgendwann hatte einer gesagt: „Eines Tages werden wir gefragt werden: Was habt ihr getan, um den Hunger in der Welt zu bekämpfen?" Zufällig heisst dieser Jemand Peter Brabeck und ist Chef des grössten Nahrungsmittelkonzerns der Welt, genannt Nestlé.16
1 http://www.wikipedia.org/
2 Hans Fässler, „Reise in Schwarz-weiss", 2005
3 Erklärung von Bern, Dokumentation III/03; Finanzplatz-Informationen, 3/05
4 woz, 10.7.2003
5 woz, 10.7.2003
6 „Blaues Gold", Das globale Geschäft mit dem Wasser, Maude Barlow/Tony Clarke, Kunstmann 2003; woz 10.7.2003
7 „Blaues Gold", Das globale Geschäft mit dem Wasser, Maude Barlow/Tony Clarke, Kunstmann 2003; woz 10.7.2003
8 woz, 10.7.2003
9 Erklärung von Bern, Dokumentation III/02
10 Erklärung von Bern, Dokumentation II/03
11 Schweizerische Aussenhandelsstatistik in Tages-Anzeiger, 9.8.2000; NZZ 4.11.2002
12 emagazine der Credit Suisse vom 12.7.2004, http://www.credit-suisse.com/
13 „Verschuldung und Menschenrechte", Aktion Finanzplatz Schweiz 2005; Christine Eberlein, Erklärung von
Bern, Vortrag am 21.6.2004 anlässlich der SUN21-Tagung in Basel
14 Christine Eberlein, Erklärung von Bern, Vortrag am 21.6.2004 anlässlich der SUN21-Tagung in Basel; Wochenzeitung,
20.1.2005
15 Schweiz global 3/2003, http://www.eda.admin.ch/
16 Tages-Anzeiger, 20.12.2002