Wer profitiert von wem?
Jene am meisten diskriminieren, von denen man gleichzeitig am meisten profitiert
„Ausländerinnen" und „Ausländer" bilden im kapitalistischen
Staat die denkbar willkommenste Manövriermasse, um all jene
„niedrigeren" und schlechter bezahlten Arbeiten und beruflichen
Tätigkeiten, um die sich sonst niemand reisst, sozusagen von unten nach oben
aufzufüllen. Denn keine andere Bevölkerungsgruppe lässt sich so
einfach in unterschiedlich privilegierte Klassen aufspalten: Je nach Länge
der bisherigen Aufenthaltsdauer im „Inland", je nach Arbeitsbewilligung, je
nach Status - vom Asylbewerber über den Praktikanten in der Landwirtschaft
bis zu der kurz vor der Einbürgerung stehenden Familie - sind dann diese
oder jene beruflichen Tätigkeiten, Ausbildungsmöglichkeiten und
Arbeitsplätze dieser oder jener Gruppe vorbehalten bzw. verwehrt.
Wie widersprüchlich dieses Verhältnis der „Einheimischen"
gegenüber den „Fremden" ist - indem man ausgerechnet jene
Bevölkerungsgruppe am meisten sozial diskriminiert, von der man gleichzeitig
wirtschaftlich am meisten profitiert -, zeigt sich besonders deutlich auch bei
dem, was man allgemein als „Integration" zu bezeichnen pflegt. Auf der
einen Seite wird mit aller Vehemenz gefordert, dass sich alle, die hier, unter
uns Schweizerinnen und Schweizern, leben und arbeiten wollen, gefälligst
unseren Normen und Wertvorstellungen anzupassen bzw. in dieses
bestehende Wertgefüge zu „integrieren" hätten. Auf der anderen
Seite wird eben dies, nämlich ein möglichst nahtloses Hineinwachsen der
neu Angekommenen ins einheimische Gesellschaftsgefüge, mit allen nur
erdenklichen Mitteln erschwert, indem nicht in erster Linie Brücken
gegenseitigen Verständnisses und Einandernäherkommens aufgebaut werden,
sondern, im Gegenteil, möglichst viele Hindernisse und möglichst hohe
Hürden, welche eben dies - ein möglichst nahtloses Hineinwachsen in die
neue Lebensumgebung - erschweren oder gar verunmöglichen: Erstens
dadurch, dass - als unmittelbare Folge der gesellschaftlichen Machtpyramide in
der Arbeitswelt - Ausländer und Ausländerinnen am Arbeitsplatz fast
ausschliesslich „unter sich" bleiben und Schweizer meist nur als
Vorgesetzte und Höhergestellte erleben, was unter anderem dazu
führt, dass die Landessprache oft erst spät und nur mangelhaft erlernt
werden kann. Zweitens dadurch, dass die gleiche gesellschaftliche
Machtpyramide, von der die Arbeitswelt geprägt ist, ebenso die Wohn- und
Lebensverhältnisse betrifft, mit anderen Worten: Ausländer und
Ausländerinnen leben vornehmlich in billigeren Wohnblocks oder
Mehrfamilienhäusern, in tendenziell schlechteren Wohnlagen, während
sich die Schweizerinnen und Schweizer - soweit es ihre finanziellen
Verhältnisse erlauben - eher in die „besseren" Quartiere
zurückziehen, so dass eine soziale Durchmischung - als unerlässliche
Voraussetzung für das Einleben in die neue Gesellschaft - auch dadurch
zusätzlich erschwert wird. Drittens dadurch, dass das Fehlen der
sozialen Durchmischung nicht nur Arbeitsplatz und Wohnort betrifft, sondern, als
Folge davon, auch die Schule und damit ausgerechnet jenen Ort, wo die Chancen
für ein möglichst lückenloses Einleben in die neue Lebensumgebung
ganz besonders gross wären. Viertens dadurch, dass der
ausländischen Wohnbevölkerung in der überwiegenden Mehrzahl der
Gemeinden und Kantone nach wie vor das politische Stimm- und Wahlrecht und damit
die aktive Teilnahme an ihrer eigentlichen Lebensumgebung verweigert wird, und
dies auch dann, wenn sie bereits über Jahre oder gar Jahrzehnte anstandslos
und gewissenhaft sämtlichen staatlichen Pflichten und Vorschriften ihres
„Gastlandes" nachgekommen sind. Fünftens dadurch, dass sie -
allein durch die Tatsache, dass sie „Ausländer" sind - permanent unter
kritischer bis feindseliger Beobachtung jener grösseren Mehrheit der
einheimischen Bevölkerung stehen, die nur darauf zu warten scheinen, bis
wieder irgendwo im Lande ein Ausländer eine üble Tat begeht, um -
tausendfach verstärkt durch ein Heer darauf spezialisierter Politiker und
Medienschaffender - jene schon fast zum allgemeinen Volksgut gewordene
Denkvorstellung von den „guten" Schweizern und den „bösen"
Ausländern stets aufs neue zu zementieren und damit die bereits vorhandenen
Gräben zwischen „Einheimischen" und „Fremden" nur immer noch
mehr und mehr zu vertiefen. Ist es da ein Wunder, wenn die „Integration"
nicht ganz so reibungslos funktioniert, wie man sich das rein theoretisch
vorstellen könnte? Ist es nicht ein klein wenig verständlich, wenn sich
Ausländerinnen und Ausländer in ihre eigenen vier Wände bzw. in
die Gemeinschaft ihrer eigenen Volksgruppen zurückziehen, statt offen und
vorurteilslos ausgerechnet auf jene Menschen zuzugehen, die ihnen im Allgemeinen
so misstrauisch und feindselig gegenübertreten?
„Integration" fordern, ohne sie wirklich zu wollen
Es wird zwar, als wäre dies eine unumstössliche Wahrheit, stets gefordert, die „Fremden" hätten den ersten Schritt zu ihrer Integration aus eigener Initiative zu tun, schliesslich liege es an ihnen, sich ihrer neuen Umgebung anzupassen. Könnte man aber nicht mit ebenso guter Begründung fordern, es läge an den Einheimischen, diese ersten Schritte zu tun? Würde es ihnen, die ja schon seit eh und je hier zuhause sind und alles durch und durch kennen, möglicherweise nicht viel leichter fallen, auf die neu Angekommenen zuzugehen, sie willkommen zu heissen, mögliches Eis gegenseitiger Missverständnisse gleich von Anfang an zu brechen und damit zugleich all jene Werte - wie Offenheit, Respekt, Toleranz, Freundlichkeit -, die man ja von den „Fremden" erwartet, selber vorzuleben? Nun, vielleicht - oder sogar fast ganz sicher - ist diese von einer grossen Mehrheit der einheimischen Bevölkerung geforderte „Integration" der Ausländerinnen und Ausländer in Tat und Wahrheit ganz und gar nicht so gemeint, wie es auf den ersten Blick erscheint. Vielleicht - oder sogar fast ganz sicher - will die Mehrheit dieser einheimischen Bevölkerung und mit ihr die tonangebenden Kräfte der politischen Rechten im Bunde mit den Interessensvertretern der kapitalistischen Privatwirtschaft gar nicht, dass sich diese ausländischen Menschen tatsächlich so integrieren, dass mit der Zeit gar kein Unterschied mehr zu erkennen wäre zwischen ihnen und den Einheimischen. Denn dies würde ja bedeuten, dass es diese Menschen zweiter, dritter und vierter Klasse gar nicht mehr gäbe und damit auch nicht mehr das „Anrecht" darauf, bestimmten, klar definierten Gruppen der Bevölkerung bloss aufgrund ihrer Staatszugehörigkeit ausschliesslich Arbeits- und Lebensplätze auf den untersten und aller untersten Rängen der gesellschaftlichen Machtpyramide zuzuweisen und zudem erst noch die Möglichkeit zu haben, grössere Gruppen von Menschen je nach wirtschaftlichem Bedarf über die Grenzen hereinzuholen und sich ihrer, sobald man sie nicht mehr benötigt, ebenso kurzfristig wieder zu entledigen. Wie scheinheilig die Forderung nach der „Integration" von Ausländerinnen und Ausländern ist, zeigt sich übrigens nur schon aus der Tatsache, dass eine grosse Mehrheit jener Schweizer, die im Ausland leben, ganz und gar nicht durch besondere „Integrationsfreudigkeit" auffallen: Eine Mehrheit von ihnen behält, auch wenn sie sich in einem anderen Land einbürgern lassen, das Schweizer Bürgerrecht bei; viele leben in nahezu „reinen", wenn nicht Schweizer, dann zumindest Ausländerquartieren, treffen sich zu geselligem Beisammensein im Schweizer Club und schicken ihre Kinder auf eine Schweizer Schule.
Ausländerinnen und Ausländer auf den untersten Rängen der kapitalistischen Machtpyramide
In welchem Ausmass Ausländerinnen und Ausländer eine eigentliche gesellschaftliche „Unterklasse" bilden, den über ihnen stehenden - einheimischen - Klassen als beliebig ausbeutbare „Arbeitskräfte" zur Verfügung stehend und zugleich von ihnen missachtet und auf mannigfache Weise diskriminiert, mögen folgende Zahlen verdeutlichen: Arbeitnehmende schweizerischer Nationalität bezogen im Jahre 2002 einen durchschnittlichen Bruttomonatslohn von 5700 Franken, diejenigen ausländischer Nationalität einen solchen von 4800 Franken, also ganze 16 Prozent weniger!1 Und sieht man sich die allerniedrigsten Lohnsegmente genauer an - Working-Poor-Einkommen, die bei voller Erwerbstätigkeit nicht einmal die existenziellen Lebensbedürfnisse abdecken -, so ist festzustellen, dass dort der Anteil von Ausländerinnen und Ausländern weit mehr als die Hälfte, nämlich 59 Prozent aller davon Betroffenen beträgt.2 In zahlreichen Tiefstlohnbranchen arbeiten fast ausschliesslich Ausländerinnen und Ausländer, unter Bedingungen, die man einem Schweizer oder einer Schweizerin schon längst nicht mehr zumuten würde. So etwa in der Landwirtschaft, wo so genannte „Praktikanten" und „Praktikantinnen", vorwiegend aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Rumänien, Georgien und Russland, bei Arbeitspensen von oft über 65 Stunden pro Woche nach Abzug der Sozialversicherung und der Aufrechnung für Kost und Logis auf Nettolöhne von gerade mal noch 1300 bis 1500 Franken kommen.3 Oder in der Reinigungsbranche, wo weit überdurchschnittlich viele ausländische Frauen beschäftigt sind. Einen kleinen Einblick in die dort herrschenden Wildwest-Arbeitsverhältnisse vermittelte die Gewerkschaftszeitung „work" in ihrer Ausgabe vom 7. Februar 2003: „L.M. war in einem betriebsinternen Reinigungsdienst tätig. Dann wurde der Dienst ausgelagert. Die Privatfirma zahlt 30 Prozent weniger Lohn - 15 Franken Stundenlohn, ohne Ferien, alles inklusive - für dieselbe Arbeit. Statt in gefestigter Stellung ist L.M. nun eine ‚flexibilisierte‘ Arbeitskraft mit ungesichertem, niedrigerem Einkommen, oft Arbeit auf Abruf ohne Entschädigung der Bereitschaftszeit, wachsendem Stress. Hatte sie früher pro Spitalzimmer 10 Minuten Zeit, so sind es jetzt noch 6 Minuten und 30 Sekunden. ‚Wir sind auf der untersten Ebene, alle hacken auf uns herum‘, klagt die 34jährige Spanierin C.G. Sie lebt seit zehn Jahren in der Schweiz und säubert neben Spitalzimmern dreimal wöchentlich eine Arztpraxis und an weiteren zwei Abenden Büroräume. Ihr Mann war als Saisonnier auf dem Bau tätig, bis er arbeitsunfähig wurde. So sorgt sie für das Haupteinkommen der Familie und erledigt nebenher noch Haushalt und Kindererziehung. Noch weiter unten stehen die ‚Papierlosen‘, wie zum Beispiel die Peruanerin R.M. Sie arbeitet von Montag bis Samstag gegen 60 Stunden pro Woche, unter ständiger Angst, erkannt und ausgewiesen zu werden. Sie ist vollständig der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Als sie wegen des kranken Sohnes um eine Erhöhung des Stundenlohns von 17 Franken bittet, wird ihr gesagt, sie solle das Maul halten, andernfalls suche man eine andere."4
Papierlose: die Ausbeutung jener, die es offiziell gar nicht gibt
Im Umgang mit den so genannt „Papierlosen" - jenen schätzungsweise 100‘000 bis 140‘000 „illegal", ohne Ausweispapiere und ohne offizielle Genehmigung in der Schweiz lebenden Ausländerinnen und Ausländern5 - zeigt sich die Widersprüchlichkeit in der Haltung „Einheimischer" gegenüber „Fremden" ganz besonders drastisch: In den gleichen politischen Kreisen, aus denen der Schlachtruf gegen die „Illegalen" am lautesten tönt, sind ausgerechnet jene Kleinunternehmen, Gastronomie- und Landwirtschaftsbetriebe beheimatet, in denen „Papierlose" als billige und willige Arbeitskräfte noch so gerne gesehen sind, ja geradezu durch ihren übermenschlichen Arbeitseinsatz bei geringster Entlöhnung und ohne jegliche soziale Sicherheit das Überleben dieser Betriebe überhaupt erst ermöglichen. Laut Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit werden in der Schweiz pro Jahr rund 37 Milliarden Franken - etwa ein Zehntel des gesamten Bruttoinlandprodukts - mit Schwarzarbeit erwirtschaftet; Schwarzarbeit gewinnt dabei als Wirtschaftsfaktor zunehmende Bedeutung und hat seit 1990 um 75 Prozent zugenommen.6 Papierlose arbeiten vor allem in der Landwirtschaft, im Bau- und Gastgewerbe. Ihre Durchschnittslöhne - monatliche Einkommen von 2260 Franken für Männer, 1740 Franken für Frauen - spotten jedem Gesamtarbeitsvertrag; im Gastgewerbe betragen ihre Durchschnittslöhne gerade mal acht Franken pro Stunde. Bis auf wenige Ausnahmen entrichten die Arbeitgeber keine Sozialversicherungsbeiträge für Papierlose, nur etwa ein Viertel von ihnen ist krankenversichert. Gemäss einer anfangs 2004 von der Gewerkschaft GBI und der Basler Anlaufstelle für Papierlose durchgeführten Umfrage waren 37 Prozent der Befragten schon mindestens einmal um ihren Lohn betrogen worden.7 Besonders schlimm ist die Situation von in privaten Haushalten angestellten papierlosen Schwarzarbeiterinnen: Nicht wenige dieser Frauen sind an ihrem Arbeitsplatz physischer Gewalt ausgesetzt; viele leben völlig isoliert. Da ohne gültige Papiere kein Wohnraum gemietet werden kann, sind die Frauen von Verwandten, Bekannten oder von Männern, die mit sexueller Gegenleistung bezahlt werden wollen, abhängig. Bei Unfall oder Krankheit sind die Frauen nicht versichert. Im Falle einer Schwangerschaft müssen sie damit rechnen, ohne Aussicht auf Unterhaltsbeiträge vom Vater des Kindes ausgeschafft zu werden.8 In einer von „Terre des Hommes Schweiz" im Oktober 2004 veröffentlichten Studie lässt sich nachlesen, was für Lebens- und Arbeitsbedingungen papierlose Hausangestellte im reichsten Land der Welt zu ertragen haben. Zum Beispiel die 17jährige G. aus Peru: Morgens um 5 Uhr beginnt ihr Arbeitstag: kochen, waschen, putzen, und das bis 20 oder 21 Uhr. Dafür bekommt sie monatlich 50 Franken, nach einiger Zeit wird der Lohn auf 20 Franken reduziert und schliesslich bekommt sie überhaupt keinen Lohn mehr. Das Haus darf sie nur verlassen, wenn sie mit dem Kind in den Park oder zum Kindergarten geht. Ein eigenes Zimmer hat sie nicht, ihre Matratze stellt sie tagsüber ins Badezimmer und legt sie abends auf den Boden. Mit anderen Leuten sprechen darf sie nicht, auch mit ihren Eltern kann sie keinen Kontakt aufnehmen, da ihr niemand erklärt, wie und wo man telefonieren kann. Ihre Arbeitgeberin demütigt sie, wo sie kann: Jeden Abend, wenn sie nachhause kommt, muss ihr G. die Füsse waschen. Und mehr als einmal muss sie mitten in der Nacht aufstehen, um Bettwäsche, die von der Katze verpinkelt wurde, zu reinigen. Im Winterurlaub muss sie, während die Arbeitgeberin mit ihrer Familie zum Nachtessen in ein Restaurant geht, stundenlang und ohne Essen draussen in der Kälte warten und auf den Hund aufpassen. Zwei Monate nach Arbeitsbeginn beginnt der Sohn der Familie, G. sexuell zu belästigen, ein Jahr später versucht er sie zu vergewaltigen. G. erzählt es ihrer Arbeitsgeberin, doch diese schenkt ihr keinen Glauben. Zurück nach Peru will und kann G. nicht mehr gehen. Dort ist alles noch viel schlimmer9...
Sexuelle Ausbeutung und Frauenhandel: Je grösser auf der einen Seite die Profite, umso grösser auf der anderen Seite die dadurch hervorgerufenen Leiden
Noch weit extremer als in anderen Lebens- und Erwerbsbereichen zeigt sich am Beispiel der sexuellen Ausbeutung und des Frauenhandels, wie gnadenlos sich dieses Machtsystem, das denen am obersten Ende ein nahezu paradiesisches Leben ermöglicht, für jene, die am untersten Ende sind, auswirkt. Wieder, wie immer im Kapitalismus: Je grösser auf der einen Seite die Profite, umso grösser auf der anderen Seite die dadurch hervorgerufenen Leiden und Zerstörungen. Bei schätzungsweise rund 3,5 Milliarden Franken liegt landesweit der jährliche Gesamtumsatz im Sexgewerbe; Grossbordelle übertreffen mit ihren Renditen von über 50 Prozent selbst die rentabelsten Konzerne der Software- und Pharmabranche. Die Opfer dieses „Geschäfts" - gesamtschweizerisch schätzungsweise 1500 bis 3000 als Prostituierte oder eigentliche Haussklavinnen arbeitende, vorwiegend ausländische Frauen - erfüllen sämtliche Kriterien dafür, auf den alleruntersten Rängen der kapitalistischen Machtpyramide den erdenklich brutalsten und erniedrigendsten Formen von Machtausübung und Ausbeutung ausgeliefert zu sein: Sie entstammen den untersten sozialen Schichten, verfügen über keine oder wenig Schulbildung, sind bitterarm, nicht selten von klein auf in Familie oder Clan an streng autoritäre und patriarchale Machtverhältnisse angepasst und zu alledem im Zeitpunkt und an dem Ort, wo sie „auf den Markt" kommen, als „Ausländerinnen" in einer ihnen gänzlich fremden Umgebung, fern der Heimat, unter Menschen, deren Sprache sie nicht verstehen, allzu oft auch ohne Aufenthaltsbewilligung, rechtlos grenzenlos ihren Peinigern und „Schutzherren" ausgeliefert. „Wenn wir zur Polizei gehen, dann glaubt man meistens den Freiern, uns nicht", beklagte sich eine im Kreis 5 der Stadt Zürich Prostituierte in der Sendung „Rundschau" des Schweizer Fernsehens vom 22. September 2004. Verbale und psychische Gewalt, Schläge und Vergewaltigungen, so berichten betroffene Frauen, seien an der Tagesordnung. Jeden Tag müsse man dankbar sein, wenn man wieder lebendig nach Hause käme. Dennoch werden von betroffenen Frauen jährlich bloss zwischen 20 und 30 Anzeigen eingereicht, noch viel geringer - nämlich zwischen 2 und 7 - ist die Anzahl von Verurteilungen. Oft müssen Strafverfahren eingestellt werden, weil sich die betroffenen Frauen aus Angst vor Repressalien ihrer Häscher nicht getrauen, als Informantinnen oder Zeuginnen aufzutreten. Häufig werden Opfer von Frauenhandel auch wegen fehlender Aufenthaltspapiere von lokalen Behörden als illegale Migrantinnen behandelt und sofort ausgeschafft - so dass sie gar keine reelle Möglichkeit haben, Anzeige zu erstatten oder in einem Strafverfahren auszusagen.
Wer profitiert von wem?
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, wie unentbehrlich für das Funktionieren der gesamten Gesellschaft und Wirtschaft die so genannt „niedrigen" Arbeiten vom Maurer und Strassenbauer über die Krankenpflegerin, die Hausangestellte und die Fabrikarbeiterin bis zum Tellerwäscher, zum Kanalreiniger und zur Prostituierten sind, und stellen wir dann fest, dass in diesen beruflichen Segmenten der „Ausländeranteil" bis zu drei-, vier- oder fünfmal höher ist als auf den „höheren" Rängen der Arbeitswelt, dann müssen wir zum Schluss kommen, dass „Ausländerinnen" und „Ausländer" am aller wenigsten das sind, wofür sie in breiten Kreisen der Bevölkerung so oft gesehen werden, nämlich Profiteure, Nutzniesser oder Schmarotzer einer prosperierenden Wirtschaft. Wenn jemand von jemand anderem profitiert, dann gewiss nicht die „Ausländer" von den „Schweizern", sondern, in unvergleichlich viel höherem Masse, wir „Schweizer" von den „Ausländern". „Ich wünschte mir", schrieb Willi Wottreng in seinem im Jahre 2000 erschienenen Buch „Ein einzig Volk von Immigranten", „der Himmel möge mir bei der nächsten Sternschnuppe den Wunsch erfüllen, dass für eine Nacht in den Schweizer Städten und Dörfern alle jene Backsteine, Betonmauern, Kabel und Röhren, Balken und Pfähle fehlten, die von Italienern, Spaniern, Jugoslawen, Griechen und anderen ausländischen Arbeitskräften nach dem Krieg gebaut wurden. Man würde durch ein verwüstetes Gebiet fahren und wüsste, was die Schweiz denen verdankt, die sie Gastarbeiter nannte."10 Von unzähligen Fliessbändern in den Fabriken, die man abstellen müsste, von Gästen in Hotels und Restaurants, die niemand mehr bedienen würde, und von Kranken, Betagten und Pflegebedürftigen, die man einfach ihrem Schicksal überlassen würde, noch gar nicht zu reden...
Ausländische Jugendliche: doppelt und dreifach stigmatisiert
Von den zahlreichen Benachteiligungen, unter denen Ausländerinnen und Ausländer zu leiden haben, sind Jugendliche in besonderem Masse betroffen, und zwar vor allem jene, welche nicht hier geboren wurden, sondern erst im Alter von zehn, zwölf oder vierzehn Jahren aus ihrem ausländischen Herkunftsland zu jenem Elternteil, welcher bereits seit Längerem in der Schweiz lebt und arbeitet, nachfolgen. Ihre Mehrfachbenachteiligung zwingt sie vom allerersten Tag an zu einem Kampf auf Leben und Tod. Erstens müssen sie lernen, zahlreichen Vorurteilen der Einheimischen gegenüber ihnen als „fremden Eindringlingen" Stand zu halten. Zweitens sollen sie sich dabei trotzdem möglichst anständig und unauffällig verhalten. Drittens müssen sie nicht nur eine neue Sprache - bzw., da sich Dialekt und Hochdeutsch erheblich unterscheiden, eigentlich zwei neue Sprachen - erlernen, sondern sich zusätzlich eine Riesenmenge an schulischem Wissensstoff aneignen. Aber auch wenn sie dies alles erfolgreich bewältigen, werden sie meist schon sehr bald feststellen, dass sie, wenn es um einen zukünftigen Ausbildungs- und Arbeitsplatz geht, in jeder Warteschlange stets auf die hintersten Plätze verwiesen werden. Und dies alles meist noch auf dem Hintergrund einer Kindheit voller Armut, Verfolgung oder Krieg, voller schwerster körperlicher und seelischer Belastungen, von denen die meisten Menschen hierzulande sich nicht einmal in ihrer stärksten Phantasie eine auch nur annähernd authentische Vorstellung machen können...
„Niemand hat mich gefragt, was ich erlebt habe"
Zwei Beispiele. Das eine ein Mädchen aus Bosnien, mitten aus dem Krieg geflüchtet, in einem Autobus, auf beiden Seiten der Strasse Berge von Leichen, hinter sich, vor wenigen Stunden zurückgelassen, jenes kleine Dorf, in dem sich das ganze bisherige Leben des Mädchens abgespielt hat und wo jetzt alle anderen Familien mit ihren Kindern entweder auch irgendwohin flüchten konnten oder aber schon nicht mehr am Leben sind. Zwei Monate später wird das Mädchen mit seiner Mutter in der Schweiz sein, ihr Vater und ihr Bruder werden für immer verschollen bleiben. „Niemand hat mich, weder in den ersten Tagen und Wochen in meiner neuen Heimat noch jemals später, danach gefragt, was ich in jenen Tagen alles erlebt habe", wird die junge Frau einige Jahre später, in Bitterkeit zurückblickend, berichten, „für die anderen Kinder war ich nur die Jugoschlampe und für die Lehrerin ein störrisches Kind, das zu wenig brav war und nicht richtig lernen wollte."
Zweites Beispiel: Ein sechzehnjähriger Junge, aufgewachsen in Kroatien, mit neun Jahren in die Schweiz gekommen, nun hat er die Sekundarschule mit einem der besten Zeugnisse seiner Klasse abgeschlossen. Bewerbung um eine Lehrstelle als Polymechaniker. Die Antwort am Telefon ist geradezu unhöflich kurz: die Lehrstelle sei vergeben, Punkt. Später wird der Junge erfahren, dass die Lehrstelle zu jenem Zeitpunkt noch unbesetzt war und vier Wochen später an einen seiner schweizerischen Mitschüler vergeben wurde - obwohl dieser ein durchwegs schlechteres Abschlusszeugnis hatte - und dass der einzige Grund, weshalb nicht er, der Junge aus Kroatien, die Stelle bekommen hatte, sein Familienname war, der auf ein „-ic" endet. Wie grenzenlos ungerecht muss der Junge dies empfinden! Zehn Jahre lang sah er seinen Vater nur an ein paar verlängerten Wochenenden und während jeweils einem Wintermonat pro Jahr. Seinen Vater, der in der fernen Schweiz mit abertausenden anderen Frauen und Männern aus dem Süden und Osten jenen unentbehrlichen Beitrag zum damaligen schweizerischen Wirtschaftsboom leistete, ohne den diese Schweiz weit von dem Wohlstand entfernt wäre, über den sie auch heute noch verfügt. Nun ist der Sohn seinem Vater nach so vielen Jahren familiären Auseinandergerissenseins gefolgt - und muss erleben, dass in diesem Land, das seinem Vater so viel verdankt, von ihm, seinem Sohn, niemand etwas wissen will...
Wenn allein schon der Name zu Diskriminierung führt
Gemäss einer im Oktober 2003 veröffentlichten Studie des Nationalfonds werden in der Westschweiz 24 Prozent der albanisch sprechenden, aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien stammenden Jugendlichen auf ihrer Stellensuche allein aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert, in der Deutschschweiz sind es sogar 59 Prozent!11 Die Diskriminierung beginnt aber schon viel früher, nämlich bei der Selektion innerhalb der Volksschule. So ergab eine ebenfalls vom Nationalfonds im Jahre 2003 durchgeführte Studie, dass bei durchschnittlichen Schulleistungen in der 6. Klasse Schweizer Mädchen zu 83 Prozent die Zuweisung zur Sekundarschule erhalten, Schweizer Jungen zu 70 Prozent, ausländische Mädchen zu 65 Prozent und ausländische Jungen nur zu 37 Prozent! Auch diese Studie untersuchte die Chancen bei der Lehrstellenvergabe. Das Resultat: Ausländische Jugendliche der ersten Generation haben bei der Lehrstellensuche 4,4mal schlechtere Chancen und Ausländer der zweiten Generation immer noch 1,9mal schlechtere Chancen als Jugendliche, von denen beide Elternteile Schweizer sind.12 Im Jahre 2003 fanden 80 Prozent der Schweizer Jugendlichen eine Lehrstelle, aber nur 65 Prozent der Jugendlichen ausländischer Herkunft.13 Wie schwerwiegend die Diskriminierung allein aufgrund eines „fremdländisch" klingenden Namens ist, ergab ein Versuch, der - ebenfalls im Rahmen eines nationalen Forschungsprogramms - vom Forum für Migration durchgeführt wurde: Auf ein Stelleninserat wurden fiktive Bewerbungen von Lehrabgängern mit den genau gleichen Qualifikationen, aber mit unterschiedlichen Namen eingereicht. Das Resultat: Bei hundert Bewerbungen, in deren Folge der „Schweizer" zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, blieb dem „türkischen Kandidaten" mit demselben Profil diese Chance 30 mal verwehrt und dem „Bewerber aus Kosovo" sogar 59 mal!14 Wie sehr sich die verschiedenen Diskriminierungsfaktoren - Sprache, Nationalität, Geschlecht - gegenseitig kumulieren, wird vor allem deutlich, wenn man die Statistiken der Jugendarbeitslosigkeit betrachtet: Betrug die Arbeitslosenquote insgesamt bei den 20- bis 24Jährigen Ende 2004 6,1 Prozent, waren es bei den Männern dieser Altersgruppe 5,9 Prozent, bei den Frauen 6,8 Prozent, bei Ausländerinnen und Ausländern sogar 11 Prozent, und innerhalb dieser Gruppe waren noch einmal Jugendliche aus Serbien-Montenegro und der Türkei in überdurchschnittlichem Masse von Arbeitslosigkeit betroffen.15
Gewalt in Form von Worten, Vorurteilen und der Verweigerung von Lebenschancen
Und dann wundert sich noch jemand, wenn Jugendliche aus diesen Bevölkerungsgruppen überdurchschnittlich oft durch Gewalttätigkeit auffallen. Weiss nicht bald jedes Kind, dass Gewalt immer wieder neue Gewalt erzeugt? Zuerst der Krieg und die bittere Armut in der eigenen Heimat. Dann, in der neuen Heimat, wieder Krieg. Nicht ein Krieg mit Gewehren und Kanonen. Ein Krieg mit Worten, mit Vorurteilen, mit Hass, mit dem Verweigern von Lebenschancen. Und dann kommt zu guter Letzt noch die SVP und fordert eine Sippenhaft für ausländische Familien mit straffälligen Jugendlichen: Wird ein ausländischer Jugendlicher straffällig, so eine der zentralen Forderungen der von der SVP im Juli 2007 lancierten und in Rekordtempo zustande gekommenen „Ausschaffungsinitiative", dann soll nicht nur er, sondern mit ihm zusammen gleich noch seine ganze Familie unser Land verlassen müssen. Zynischer geht es nicht mehr. Oder käme jemand auch nur im Entferntesten auf die Idee, Schweizer Eltern, deren Kinder straffällig geworden sind, dazu zu verurteilen, mit diesen zusammen ins Gefängnis zu gehen? Und was sagen all jene, welche die „Ausschaffungsinitiative" unterschrieben haben, dazu, dass es in diesem wunderbaren Land, wo angeblich vorbildlichste Demokratie und Gerechtigkeit herrschen, möglich ist, dass ein 21jähriger Schweizer, der wegen Sachbeschädigungen und mehrfacher Körperverletzung vor Gericht steht, sogar seinen eigenen Vater zum Anwalt bekommt, bloss weil dieser - es handelte sich bei diesem im Juni 2007 publik gewordenen Fall um den St. Galler Kantonsrat Karl Güntzel - ein überaus einflussreicher und „angesehener" SVP-Politiker ist?16
Peter Sutter, 23.3.2009
1 Caritas, Sozialalmanach 2005
2 Ergebnisse einer Nationalfondsstudie, St. Galler Tagblatt 18.1.2005
3 Neue Gewerkschaft, 16.11.1999
4 Pia Tschanner, „Putzen in der sauberen Schweiz", in work 7.2.2003
5 Tages-Anzeiger 12.2.2005 & NZZ 26.4.2005
6 work 14.5.2004 & SonntagsZeitung 16.5.2004
7 work 30.4.2004/14.5.2004 & Facts 25.11.2004
8 VPOD aktuell, 30.8.2001
9 Studie von „Terre des Hommes Schweiz", in Tages-Anzeiger, 20.10.2004
10 „Ein einzig Volk von Immigranten. Die Geschichte der Einwanderung in die Schweiz", Zürich 2000.
11 NZZ, 31.10.2003
12 Südostschweiz, 30.3.2004
13 SozialAktuell Dezember 2003
14 Nationales Forschungsprogramm 43, in: Wochenzeitung, 17.2.2005
15 Tages-Anzeiger, 22.9.2004
16 20minuten 27.6.2007, www.20min.ch