Lernzentren statt Schulen
Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein.
Leo Tolstoi, Pädagogische Schriften, 1911
Lernzentren statt Schulen - ein pädagogisches Modell für die Zukunft
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Weshalb die traditionelle Lehrplan- und Jahrgangsklassenschule keine Zukunft hat
Die heutige staatliche Volksschule in Form der traditionellen Lehrplan- und Jahrgangsklassenschule ist in ihren Grundstrukturen ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Sie entspricht nicht mehr den Erfordernissen der heutigen Zeit und einer zutiefst gewandelten Gesellschaft.
Nun, welches sind die Unzulänglichkeiten der traditionellen Lehrplan- und Jahrgangsklassenschule? Und wie könnte eine neue, zeitgemässe Bildungsinstitution aussehen, in welcher die Mängel der heutigen Schule überwunden wären?
Zunächst ein Blick auf die heutige Schule und ihre hauptsächlichen Mängel.
1. Abbau von Lernfreude und Motivation im Verlaufe der Schulzeit
Das können wohl alle Eltern bestätigen: Es gibt kaum ein Kind, das sich nicht unbändig auf den Tag freut, da es zum ersten Mal in die Schule gehen darf! Doch ebenso übereinstimmend werden die meisten Eltern bereits wenige Wochen danach, spätestens aber nach drei, vier Jahren feststellen, dass diese ursprüngliche Lernfreude nicht nur abgenommen, sondern sich sehr oft sogar ins Gegenteil verkehrt hat und dass sich neun oder zehn Jahre später viele - um nicht zu sagen die allermeisten - Jugendlichen den allerletzten Schultag ebenso sehnlich herbeiwünschen, wie sie sich auf den allerersten Schultag gefreut hatten.
Was ist in diesen neun oder zehn Jahren geschehen? Ist es einfach die Folge zunehmenden Alters, dass Lernfreude und Motivation nach und nach erlöschen? Wohl kaum. Denn wir können immer wieder feststellen, wie motiviert und begeistert Menschen auch im Verlaufe ihres späteren Lebens lernen, wenn dieses Lernen echten Bedürfnissen und Interessen entspricht und aus eigenem Antrieb erfolgt. So scheint es doch viel näher zu liegen, dass die Ursachen für die Abnahme der ursprünglichen Lernfreude nicht bei den Kindern oder Jugendlichen, sondern bei der Schule selber zu suchen sind...
2. Was die Sache des Kindes war, wird zur Sache der Erwachsenen
In der Tat. Vergleichen wir das vorschulische Lernen mit jenem Lernen, das von der Schule organisiert wird, so stellen wir einen gravierenden Unterschied, ja geradezu Gegensatz fest.
Jedes Kind lernt in den ersten Wochen, Monaten und Jahren seines Lebens aufgrund eines offensichtlich überaus starken und zuverlässigen inneren „Kompasses", welcher dem Kind laufend angibt, wann, wie und was es zu lernen hat, damit sich die körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte folgerichtig aufbauen und sich das Kind nach und nach jene Fertigkeiten und jenes Wissen anzueignen vermag, die es schliesslich zu einem lebensfähigen Mitglied der Gesellschaft machen, in die es hineingeboren wurde. Dieses Lernen verläuft bei jedem Kind auf unterschiedlichen Wegen, in unterschiedlichem Tempo, es kann Ruhephasen oder fast explosionsartige Entwicklungsschübe beinhalten, es schliesst „Fehler", „Irrtümer", „Umwege" oder „Rückschläge" ein, es kann leichter oder schwerer vorankommen, aber es gelangt früher oder später immer an sein Ziel.
Und wie sieht das dann in der Schule aus? Nun plötzlich treten erwachsene „Fachpersonen" auf, die vorgeben, vom Lernen mehr zu verstehen als das Kind selber, und die ihm nun vorschreiben, wann, was, wie und in welcher Reihenfolge zu lernen ist. An die Stelle der individuellen Lernpläne, denen die Kinder in ihren ersten Lebensjahren folgten, setzt die Schule einen Lehrplan, der für alle Kinder verbindlich vorschreibt, zu welchem Zeitpunkt was zu lernen ist. Dies hat in zweierlei Hinsicht verheerende Folgen für das Lernen der Kinder. Erstens wird dadurch das Kind daran gehindert, weiterhin seinem eigenen Rhythmus, seinen eigenen Interessen und Lernbedürfnissen zu folgen, es wird stattdessen dazu gezwungen, seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten, die von anderen Menschen - in diesem Falle den Lehrpersonen - als wichtig und notwendig angesehen werden. Zweitens kommt es, da sich die Lernmethoden und das Lerntempo innerhalb einer Schulklasse nicht mehr an jedem einzelnen, sondern am so genannten „Durchschnittskind" der Schulklasse orientieren, zwangsläufig bei einem grossen Teil der Kinder zu Überforderungen, während es gleichzeitig bei einem ebenso grossen Teil der Kinder zu Unterforderungen kommt. Werden die einen Kinder gehetzt, schneller zu lernen als es ihrem eigenen Lernrhythmus entspräche, werden wiederum andere zurückgehalten und daran gehindert, in dem Tempo fortzuschreiten, das ihr Lerndrang und Wissensdurst verlangen würden. Dies aber - die Überforderung ebenso wie die Unterforderung, das Vorwärtshetzen ebenso wie das Bremsen und Zurückhalten - sind die eigentlichen Ursachen dessen, was man landläufig als „Lernstörungen" zu bezeichnen gewohnt ist, korrekterweise aber als Folgeerscheinungen einer „lernstörenden" Schule bezeichnen müsste. So ergab eine im Jahre 2002 im Kanton Zürich bei Drittklässlern durchgeführte Untersuchung1, dass im Zeitpunkt der Untersuchung nur 43% der Kinder einen so genannt normalen Schulbesuch hatten, die anderen 57% entweder bereits ein Schuljahr wiederholt hatten, in einer besonderen Therapiemassnahme waren oder aber seit ihrem Schuleintritt bereits ein Schuljahr übersprungen hatten. Mit anderen Worten: Die so genannt „normale" Schule ist nicht einmal für die Hälfte der Kinder ein für ihre Lernbedürfnisse auch nur einigermassen geeignetes Gefäss.
3. Jahrgangsklasse als Konkurrenzgemeinschaft, Selektionsschule statt Lernschule
Der zweite gravierende Gegensatz zwischen vorschulischem Lernen und Schulunterricht besteht in dem, was man Selektion nennt.
Hatte das Kind bei seinem vorschulischen Lernen stets genug Zeit, sein Lernen - auf was für verschlungenen Wegen auch immer - erfolgreich zu Ende zu führen, wird nun, in der Schule, das Lernen des einen Kindes mit dem Lernen des anderen verglichen. Dies ist wohl das Schlimmste, was man natürlichem, selbst bestimmtem Lernen antun kann. Denn es ist ganz einfach unmöglich, das Lernen zweier verschiedener Menschen auf irgendeine auch nur annähernd objektive Weise miteinander zu vergleichen, geschweige denn zu bewerten und zu beurteilen. „Vergleiche nie ein Kind mit dem andern", sagte schon Johann Heinrich Pestalozzi, „sondern jedes nur mit sich selber."
Prüfungen, mit denen man die Kinder einer Schulklasse in „gute", „mittelmässige" und „schlechte" Schülerinnen und Schüler aufspaltet, haben nichts mit Lernförderung zu tun, sondern dienen einzig und allein dem gesellschaftspolitischen Zweck, auf angeblich „objektive" Weise die Zuweisung der Schülerinnen und Schülern auf ihre späteren Ausbildungswege und Arbeitsplätze vorzunehmen.
In mehrfacher Hinsicht hat diese Art von Selektion verheerende Auswirkungen auf das Lernen der Kinder:
Erstens wird dadurch verhindert, dass alle Kinder einer Klasse die Ziele ihres Lernens tatsächlich auch erreichen können. Veranstaltet wird vielmehr eine Art Wettrennen, das in dem Moment angehalten wird, da die Schnellsten im Ziel sind. Dann wird der nächste Wettlauf gestartet, noch bevor die „langsameren" Kinder eine Chance gehabt hätten, das zuvor veranstaltete Wettrennen erfolgreich abzuschliessen bzw. das Ziel ihres Lernens tatsächlich zu erreichen.
Zweitens werden die Kinder einer Schulklasse durch das gegenseitige Vergleichen, Rangieren und Ausspielen regelrecht dazu erzogen, nicht gemeinsam und füreinander zu arbeiten, sondern sich gegenseitig zu konkurrenzieren. So erfahren sie täglich die Doppelbotschaft, sich auf der einen Seite „sozial" und „teamfähig" zu verhalten, während sie gleichzeitig dazu gezwungen werden, gegeneinander um die guten Noten, Zeugnisse und damit die zukünftigen gesellschaftlichen Sonnenplätze zu kämpfen.
Drittens, und dies ist wohl die verheerendste Auswirkung der Selektion, erfahren die meisten Kinder und Jugendlichen in der Schule durch das ständige Verglichenwerden mit den „Besten" immer wieder das Gefühl von Enttäuschung, Scheitern und Versagen. Nichts ist in jedem Menschen wohl so stark wie sein Bedürfnis, erfolgreich zu sein. An genau dieses natürliche Erfolgsstreben des einzelnen Kindes appelliert ja die Schule, wenn sie die Kinder dazu anspornt, sich anzustrengen und ihr Bestes zu geben. Was für eine Grausamkeit aber, dies einerseits zu fordern, auf der anderen Seite aber den Erfolg in Form der guten und besten Noten und Zeugnisse immer nur einem kleinen Teil der Kinder vorzubehalten. Nach und nach, wen wundert es, erlöschen Eifer und Anstrengung bei einem grossen Teil jener Kinder, die immer wieder enttäuscht worden sind. Dann wird auch ihr Selbstvertrauen immer schwächer und mit der Zeit vermögen sie tatsächlich nicht mehr annähernd so gut und so erfolgreich zu lernen, wie sie das ursprünglich einmal konnten. Nicht weil sie nicht dazu fähig wären, sondern einzig und allein deshalb, weil ihnen durch das permanente Vergleichen mit den „Besseren" der Glaube daran verloren gegangen ist.
4. Kranke Kinder und ausgebrannte Lehrkräfte - die beiden Kehrseiten der selben Münze
Eigentlich ist es absurd. Lernen wäre von Natur aus die schönste, spannendste, aufregendste, faszinierendste Sache der Welt. Das wird uns immer dann bewusst, wenn wir beobachten, wie Kinder in den ersten Wochen, Monaten und Jahren ihres Lebens lernen: angetrieben von unermüdlichem Eifer, pausenlos alles in sich aufsaugend, in kürzester Zeit unglaubliche Lernfortschritte erzielend. „Es übersteigt allen Glauben, was das Kind weiss, was es fühlt, wozu es Kraft hat und was es will", sagte Johann Heinrich Pestalozzi. Und die italienische Pädagogin und Kinderärztin Maria Montessori sprach im Zusammenhang mit dem frühkindlichen Lernen gar von einem „Wunder, dem wir nur deshalb ohne Ergriffenheit gegenüber stehen, weil wir gewohnt sind, es unter unseren Augen vollziehen zu sehen". Aber auch Jugendliche, die in einer Rockband nächtelang proben, Kinder, die ein Modellflugzeug bauen oder sich so sehr in ein Buch vertiefen, dass sie alles um sich herum vergessen, Erwachsene, die sich mit Lebensweisen anderer Kulturen auseinandersetzen oder unermüdlich an der Entwicklung neuer wissenschaftlicher Theorien herumtüfteln - sie alle zeigen uns, wie lustvoll, spannend und zugleich erfolgreich Lernen sein kann.
Nur in der Schule - dem eigentlichen „Hauptort" des Lernens - scheint es nicht zu funktionieren. Die Mehrheit der Jugendlichen in der Schweiz im Alter von elf bis 16 Jahren - so eine Untersuchung aus dem Jahre 1987!2 - empfinden die Schule meistens als grosse Belastung. Der daraus resultierende Leistungsdruck führt, so ein weiteres Ergebnis dieser Studie, oft zu gesundheitlichen Störungen, die von vielen Jugendlichen mit Medikamenten bekämpft werden. Eine sieben Jahre später im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms über „Die Wirksamkeit der Bildungssysteme" von der Universität Bern durchgeführte Umfrage3 kam zu einem ähnlichen Schluss: Eine Mehrheit der befragten Kinder und Jugendlichen fühlten sich durch die Schule überfordert und beklagten sich über Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Bauchweh oder Rückenschmerzen. Eine im Jahre 2006 durchgeführte Nationalfondsstudie4 schliesslich ergab, dass jeder zweite Schüler dem Unterricht gelegentlich fern bleibt; als Grund für das Fernbleiben gaben 64 Prozent der Befragten „null Bock auf Schule" an, 40 Prozent bezeichneten den Unterricht als „langweilig".
Eigentlich ist es logisch, dass in einer Schule, welche Kinder und Jugendliche krank macht, auch die Lehrerinnen und Lehrer nicht wirklich gesund sein können. So ergab beispielsweise eine im Jahre 1997 in der Schweizer Lehrerschaft durchgeführte Befragung5, dass jeder fünfte Lehrer unter schwierigen Schülern leidet oder seine Klasse nicht immer im Griff hat. „Immer mehr Lehrer nehmen Zuflucht zu innerer Kündigung", schrieb der Tages-Anzeiger anfangs November 2002 in einem Bericht über die Berufssituation von Lehrerinnen und Lehrern.6 Und in einem Ende 2006 am Fernsehen ausgestrahlten Bericht über die Schulen Deutschlands war zu erfahren, dass gerade mal 10 Prozent aller Lehrpersonen das Pensionierungsalter in voller Gesundheit erreichen, alle anderen also entweder durch die berufliche Belastung vorher schon krank geworden sind oder aber sich frühzeitig pensionieren lassen mussten. Es gibt wohl keinen anderen Beruf, der so häufig von totalem Ausgebranntsein, so genanntem „Burnout", betroffen ist.
Dennoch scheint seltsamerweise kaum jemand auf die Idee zu kommen, es könnte möglicherweise an der Schule selber liegen, dass so viele Kinder und Jugendliche, aber auch so viele Lehrerinnen und Lehrer ihr Schuldasein als so belastend und krank machend erleben. Im Gegenteil. Man übt sich viel lieber, statt der Sache endlich auf den Grund zu gehen, in gegenseitiger Schuldzuweisung: Schuld an allem, so sagen viele Lehrer, seien die Eltern, weil sie ihre Kinder nicht mehr richtig erziehen würden. Andere Lehrer sehen die Schuld beim übermässigen Fernsehkonsum, beim unkontrollierten Gebrauch von Unterhaltungselektronik und Computergames oder ganz allgemein beim so genannten „gesellschaftlichen Wertezerfall". Auf der anderen Seite sparen auch die Eltern nicht mit Vorwürfen. Einige von ihnen werfen der Schule vor, ihre Kinder zu wenig zu fördern, andere wiederum werfen ihr genau das Gegenteil vor, nämlich, ihre Kinder mit Stoff- und Prüfungsdruck viel zu stark zu belasten. Und wieder andere sehen das Problem bei der so genannten „multikulturellen Gesellschaft", die dazu geführt habe, dass manch ein Kind heute gezwungen sei, in einer Schulklasse zu sitzen, in der mehr als die Hälfte der Kinder ausländischer Herkunft sind. Weiter geht es mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen den politischen Parteien, von denen die einen behaupten, man könne auch mit weniger Geld guten Unterricht machen und die anderen wiederum jenen vorwerfen, mit eben solchen Sparmassnahmen die Qualität der Schule noch weiter abzubauen. Und schliesslich die Arbeitgeber und Wirtschaftsvertreter, die ihrerseits den Schulen vorwerfen, die Kinder und Jugendlichen zu wenig effizient und gezielt auf die Anforderungen der Berufswelt vorzubereiten.
Höchste Zeit, diesen nutzlosen gegenseitigen Schuldzuweisungen ein Ende zu setzen. Höchste Zeit, dass sich Eltern, Kinder, Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Politikerinnen und Politiker, Wirtschaftsvertreter, Arbeitgeber und Bildungsfachleute endlich an einen gemeinsamen Tisch setzen, um miteinander herauszufinden, wie die Schule der Zukunft aussehen müsste, damit sich nicht nur die Kinder und Jugendlichen sowie die Lehrerinnen und Lehrer darin wohl fühlen können, sondern damit auch Lernen für alle daran Beteiligten möglichst erfolgreich geschehen kann.
5. Eigentlich ist es einfach: Im Grunde sagen die Kinder, die Pädagogik und die Wissenschaft schon längst genau das Gleiche, man müsste bloss auf sie hören
Wo immer wir uns auf den Weg machen, die heutige Schule kritisch zu hinterfragen und daraus zu lernen, wie die Schule der Zukunft aussehen müsste, stellen wir erstaunlicherweise stets das Gleiche fest, nämlich eine totale Übereinstimmung zwischen den Bedürfnissen der Kinder, den Weisheiten der Pädagogik und den Erkenntnissen moderner Wissenschaft.
So sagte zum Beispiel Johann Heinrich Pestalozzi bereits vor über 200 Jahren: „Lernen ohne Freude ist keinen Heller wert." Genau das Gleiche sagen uns die Kinder, indem sie immer dann am meisten lernen, wenn sie etwas mit besonders viel Begeisterung, Motivation und innerem Antrieb tun. Und noch einmal genau das Gleiche sagt uns die moderne Gehirnforschung, die herausgefunden hat, dass Lernprozesse umso erfolgreicher sind, je mehr sie von positiven Gefühlen begleitet sind und später wieder angenehme Erinnerungen wecken, während Gefühle von Angst und Versagen zu Blockierungen des Lernens führen können, die meist zeitlebens nicht mehr wegzubringen sind.
„Das Leben bildet", sagte Pestalozzi. Auge, Ohr, Geist, Körper und Hände lernen gleichzeitig, konstatiert die moderne Lernforschung und fordert daher eindringlich, dem „Learning By Doing" vor jeglichem rein theoretisch-abstrakten Lernen den Vorrang zu geben. Und wieder finden wir auch diese Erkenntnisse durch alltäglichste Beobachtungen bestätigt, so etwa durch die Tatsache, dass wohl noch nie ein Mensch eine Fremdsprache durch reinen Schulunterricht auch nur im Entferntesten so gut erlernt hätte, als wenn er eine gewisse Zeitlang im betreffenden Sprachgebiet gelebt hat.
So gesehen wäre es eigentlich sehr einfach, die Schule neu zu erfinden. Man müsste sich nur von einigen fixen Vorstellungen lösen, die unser Denken über viel zu lange Zeit in einer falschen Richtung geprägt haben und die uns - da wir ja selber als Kinder auch nie etwas anderes erlebt haben als die heutige Form von Schule - vorläufig noch den Blick verstellen auf diese ganz einfache und einleuchtende neue Form von Schule und Lernen. Zum Beispiel müssten wir die fixe Vorstellung überwinden, ein Mensch lerne nur dann etwas, wenn man ihn dazu zwinge. Oder die fixe Vorstellung, man könne Menschen bei ihrem Lernen miteinander vergleichen und daraus irgendwelche aussagekräftige Schlüsse über dieses Lernen und seine Fortschritte ziehen. Oder die fixe Vorstellung, Intelligenz sei etwas, was man objektiv messen und definieren könne. Oder die fixe Vorstellung, es gäbe gescheite und dumme Menschen. Oder die fixe Vorstellung, es sei, um Lernen zu fördern, notwendig, Kinder und Jugendliche zu stundenlangem Stillsitzen zu zwingen. Oder die fixe Vorstellung, Jahrgangsklassen und 45-Minuten-Lektionen seien die bestmögliche Voraussetzung für erfolgreiches Lernen.
All das, was wir als so genanntes „Fehlverhalten" von Kindern und Jugendlichen in der Schule zu bezeichnen gewohnt sind - von mangelndem Interesse am Unterricht bis zu fehlendem Respekt gegenüber der Lehrperson, vom Mobbing innerhalb von Schulklassen bis zur Gewalt auf dem Pausenplatz, von zahllosen psychosomatischen Erkrankungen infolge von Stress und Überforderung bis zu der als „Hyperaktivität" bezeichneten extremen Unruhe, Nervosität und Unaufmerksamkeit einzelner Kinder, die damit ganze Schulklassen ausser Rand und Band zu bringen vermögen - all dies sind im Grunde nichts anderes als die Schreie der Kinder, die damit, wenn wir sie richtig verstehen würden, nichts anderes sagen wollen, als dass diese Schule so, wie sie heute ist, den tatsächlichen Lern- und Lebensbedürfnissen der heutigen Kinder und Jugendlichen ganz einfach nicht mehr entspricht. Eine neue Schule, die wirklich Zukunft hat, kann nur entstehen, wenn wir dieses Unbehagen, diese Widerstände, diese Alarmsignale, die uns die Kinder täglich an die Ohren hämmern, nicht mehr mit allen möglichen Mitteln zu unterdrücken und zu bekämpfen versuchen, sondern endlich ernst nehmen, um Schule - bzw. das, was an ihre Stelle treten würde - zukünftig nicht mehr gegen Kinder und Jugendliche durchzusetzen, sondern Seite an Seite mit ihnen gemeinsam neu aufzubauen Zu lange, mit viel zu geringem Erfolg und viel zu vielen negativen Folgeerscheinungen haben wir versucht, Kinder und Jugendliche der Schule anzupassen. Es ist nun endgültig an der Zeit, den Weg in eine grundsätzlich neue Richtung zu lenken und die Schule den Kindern und Jugendlichen und ihren tatsächlichen Lern- und Lebensbedürfnissen anzupassen. Dies bedingt freilich auch ein radikales Hinterfragen dessen, was man landläufig „Erziehung" nennt und in der Regel immer noch weit gehend darauf beruht, dass Erwachsene bestimmen, was für Kinder und Jugendlichen gut sein soll. Damit wird dann fast alles, was in der Schule den Kindern und den Jugendlichen gegen ihren Willen aufgezwungen wird, gerechtfertigt. Die Kinder, heisst es dann, sollen lernen, sich anzupassen. Tatsächlich aber ist echtes, selbst bestimmtes Lernen, so wie es uns die Kinder in ihren ersten Lebensjahren zeigen, im Grunde das Gegenteil von Erziehung. Lernen ist die Entwicklung autonomer Persönlichkeiten, die selber wissen, was für sie gut ist und was nicht. Daher muss echtes Lernen auf Freiheit beruhen, nicht auf Bevormundung, Zwang und Anpasserei. „Die grosse Illusion, auf der das Schulsystem beruht", sagte der US-amerikanische Reformpädagoge Ivan Illich7, „besteht in der Annahme, dass Lernen meist das Ergebnis von Unterricht sei. Tatsächlich aber ist Lernen diejenige menschliche Tätigkeit, die am wenigsten der Manipulation durch andere bedarf." Und Johann Heinrich Pestalozzi formulierte es so: „Wir müssen uns bewusst bleiben, dass das Endziel der Erziehung nicht in der Aneignung der Gewohnheiten blinden Gehorsams und vorschriftsgemässen Fleisses besteht, sondern in der Vorbereitung für selbstständiges Handeln."
Lernzentren statt Schulen - ein pädagogisches Modell für die Zukunft
Wie müsste Schule - oder das, was an ihre Stelle treten würde - aussehen, um das so intensive und so erfolgreiche Lernen der ersten Lebensjahre möglichst optimal weiterhin zu ermöglichen? Um eine solche Vision denken zu können, kommen wir nicht darum herum, die traditionelle, an Jahrgangsklassen, Lehrplänen und Selektion orientierte Schule radikal zu hinterfragen. Was daraus - als Alternative zum herkömmlichen Schulsystem - entstehen könnte, nenne ich im Folgenden das „Lernzentrum" - ein Ort, an dem Lernen so weiter gehen könnte, wie es in den ersten Lebensjahren begonnen hat...
Der erste Schritt zum Aufbau des Lernzentrums ist die Erkenntnis, dass man Menschen nicht zum Lernen zwingen muss, ebenso wenig wie man sie dazu zwingen muss, zu essen, zu atmen oder zu sprechen. Deshalb geht es also nicht primär darum, Lernen zu fördern, sondern vielmehr da-rum, möglichst gute äussere Bedingungen zu schaffen, unter denen sich das, was jedes Kind in seinen ersten Lebensjahren an Lernstrategien und Lernerfolgen bereits aufgebaut hat, möglichst ungehindert weiter entfalten kann. Voraussetzung dafür ist das Vertrauen in die angeborene Lernkraft eines jeden Kindes. Jedes Kind will und kann lernen - vorausgesetzt, man hindert es nicht daran, seinen eigenen Lernwegen folgen zu können.
1. Das Lernzentrum: eine Kombination vieler bereits bestehender Einrichtungen
Eigentlich müssen wir dieses Lernzentrum gar nicht erfinden, denn es besteht bereits. Vergegenwärtigen wir uns doch, in welchem Ausmass zahllose heute schon bestehende Institutionen zentrale Orte von Lernen im weitesten Sinne sind: Kultur- und Bildungszentren, Museen, Bibliotheken, Freizeit- und Weiterbildungseinrichtungen aller Art, Diskussionsklubs, Werkstätten, Ateliers, Jugendclubs, Filmclubs, Internetcafés, Musikschulen, Sportvereine, Jugendvereine und vieles, vieles mehr. Begreifen wir Lernen wieder in dem umfassenden Sinne, wie es schon kleinste Kinder tagtäglich tun - ganz einfach indem sie wach und neugierig leben -, so führt eigentlich alles, was Menschen miteinander in Kontakt bringt, immer auch zu Lernen. Es ginge also bloss darum, alle diese so unterschiedlichen, vielfältigen und reichhaltigen Orte des Lernens zu einem Ganzen zusammenzufügen und dieses Ganze dann für alle Menschen zugänglich zu machen, und schon wäre das Lernzentrum geboren. Leo Tolstoi scheint in seinen pädagogischen Visionen eine solche „Schule" vorausgesehen zu haben, als er im Jahre 1911 schrieb: „Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein."8
Betreten wir das Lernzentrum. Ein weit aufgefächerter Gebäudekomplex, Räume, die sich gegenseitig öffnen und ineinander übergehen, ein Foyer, wo man sich zu freiem Gedankenaustausch trifft, eine grosse Informationswand, wo alle Aktivitäten, Kurse, Veranstaltungen, Treffpunkte angeschlagen sind, ein bisschen Universität, ein bisschen Kulturzentrum, Brennpunkte, wo gemeinsame Aktionen laufen, Nischen, Clubräume, eine Riesenbibliothek, Tag und Nacht alles in Betrieb, Menschen gehen ein und aus, begegnen einander, informieren sich, planen Aktivitäten und Projekte, lernen...
2. Ein „Marktplatz" gegenseitigen Lehrens und Lernens...
Das Lernzentrum ist, einfach gesagt, eine Art „Marktplatz" gegenseitigen Lehrens und Lernens. Wer immer etwas kann oder weiss, was andere nicht können oder wissen, bietet das auf diesem Markt an. Und umgekehrt: Wer immer etwas erfahren oder wissen möchte, was er noch nicht kann oder noch nicht weiss, sucht sich hierfür jene Orte und jene Menschen, von denen er sich dieses Wissen, diese Kenntnisse oder diese Fertigkeiten erwerben kann.
Im Gegensatz zur traditionellen Volksschule, in der sich die einen, nämlich die Schülerinnen und Schüler, ausschliesslich in der Rolle Lernender befinden, während den anderen, den Lehrerinnen und Lehrern, ausschliesslich die Rolle Lehrender zugedacht ist, löst sich im Lernzentrum diese Grenze je nach Fachgebiet und Lernfeld immer wieder neu auf. So ist es denkbar, dass ein 16jähriger Computerfreak einen Informatikkurs für Senioren und Seniorinnen anbietet oder eine 14jährige Tanzbesessene beigezogen wird, wenn es darum geht, ein von Sieben- bis Zehnjährigen gespieltes Musical auf die Beine zu stellen. Unabhängig vom Alter wird man immer dann zum „Lehrer" oder zur „Lehrerin" anderer, wenn man über besondere Fähigkeiten oder ein besonderes Wissen verfügt, von dem andere profitieren können. So wird es im Lernzentrum auch kaum so etwas wie 100-Prozent-Lehrpersonen geben, die ein ganzes Leben lang - bis sie buchstäblich „ausgebrannt" sind - nichts anderes tun als zu unterrichten. Vorzugsweise wirken Menschen aus verschiedensten Berufszweigen und mit unterschiedlichsten Lebenserfahrungen teilzeitmässig als Lehrende am Lernzentrum - und zwar genau so lange, als sie echte Motivation und Begeisterung aufzubringen vermögen, anderen Menschen etwas vermitteln zu können, was ihnen selber wichtig geworden ist und womit sie sich besonders intensiv befasst haben.
Damit wäre Wissen nicht mehr das Privileg Einzelner, die damit über andere Menschen Macht ausüben können, wie das im heutigen hierarchischen Schulsystem der Fall ist. Somit wäre keiner, der etwas lernen möchte, von der „Gnade" und Machtposition eines anderen, Älteren, abhängig. Jeder suchte sich sein Wissen, seine Kenntnisse und seine Fertigkeiten dort, wo sie ihm am besten zugänglich sind. Die Folge davon wäre eine stets wachsende Autonomie der Lernenden. Die Art und Weise, wie sie die Angebote des Lernzentrums in Anspruch nehmen, würde diese Angebote laufend im Sinne eines permanenten Feedbacks verändern: Kurse, die nicht mehr gewählt würden, müssten gestrichen werden, andere, die überdurchschnittlich gefragt wären, müssten doppelt oder dreifach geführt werden: Die Lernangebote orientierten sich an den Lerninteressen und Lernbedürfnissen, nicht umgekehrt, wie dies in der traditionellen Lehrplanschule der Fall ist. Das Lernzentrum würde damit zu einem grossen, lebendigen, stets in Veränderung begriffenen Organismus, gefüllt mit Menschen, die einander lernend und lehrend begegnen, ohne dass irgendwer irgendwen bevormundete oder Macht über ihn auszuüben versuchte.
3. Keine „richtigen" oder „falschen" Methoden; echt motivierte Lerngruppen anstelle von zwangsweise zusammengesetzten Jahrgangsklassen...
Und so gibt es im Lernzentrum auch nicht „richtige" oder „falsche" Methoden. Wem es gelingt, andere zu begeistern, andere an den selber erworbenen Kenntnissen und Weisheiten teilhaben zu lassen und in anderen deren Stärken und Begabungen zu fördern und zur Entfaltung zu bringen, hat damit - durch den damit verbundenen Erfolg - automatisch schon die „richtige" Methode gefunden für genau jene Lernenden, die sich von dieser Methode und dieser Art des Lernens angesprochen fühlen. Andere wiederum, die damit nichts anfangen können, suchen sich andere Lehrende, andere Wege, andere Methoden des Lernens. So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch die Wege ihres Lernens quer durch die Angebote des Lernzentrums: Hier ein Junge, der herausgefunden hat, dass er am effizientesten im Selbststudium, durch Lesen und eigenes Ausprobieren, alleine oder mit höchstens einem oder zwei Kollegen, neues Wissen erwerben kann. Dort ein Mädchen, das liebend gerne Menschen zuhört, die spannend erzählen können, auch über Stunden hinweg. Und so weiter und so fort: Alles ein ständiges Suchen, Forschen, Ausprobieren, Entdecken auf den unendlichen Wegen des Lernens...
Im Lernzentrum gruppieren sich die Menschen nicht - wie in der traditionellen Schule - zwangsweise in Jahrgangsklassen, sondern freiwillig in Lerngruppen, die gemeinsame Interessen und Ziele haben. Niemand nimmt an einem Kurs oder an einem Projekt teil, ohne sich selber dafür entschieden zu haben. Dies hat zur Folge, dass - je nach dem Lernziel - die Lerngruppen nach Alter, Geschlecht und sozialer Herkunft ganz unterschiedlich zusammengesetzt sein können. So entsteht in den Lerngruppen des Lernzentrums, in denen das Alter zwischen den jüngsten und den ältesten Teilnehmerinnen und Teilnehmern um bis zu zehn oder zwanzig Jahren auseinanderklaffen kann, ein viel natürlicheres Lernklima als in den herkömmlichen Jahrgangsklassen, in denen sich die jeweils alterstypischen Verhaltensweisen - man denke nur etwa an die „Pubertät" mit all ihren mannigfachen Begleiterscheinungen - meist eher im negativen Sinne gegenseitig kumulieren und nicht selten viel mehr Raum einnehmen als das eigentliche, themen- und zielorientierte Lernen. Zudem werden durch altersgemischte Lerngruppen sämtliche in der heutigen Volksschule noch praktizierten „Strafmassnahmen" wie z.B. Straflektionen für Zuspätkommen oder Vergessen von Hausaufgaben usw. - die bloss darauf beruhen, dass Erwachsene sich das Recht herausnehmen, für Kinder und Jugendliche Gesetze und Regeln aufzustellen, von denen sie selber nicht betroffen sind -, ganz von selber augenblicklich verschwinden, denn es ist kaum vorstellbar, dass ein 30jähriger Kursleiter einer 45jährigen Kursteilnehmerin, die zusammen mit Kindern und Jugendlichen seinen Englischkurs besucht und zwei Minuten zu spät zum Lektionsbeginn erscheint, eine Straflektion aufbrummen wird.
Da die Teilnahme an einem bestimmten Lernangebot, Kurs oder Projekt nicht aus Zwang, sondern aufgrund von echtem Interesse erfolgt, ist das Lernen im Lernzentrum grundsätzlich von positiven Gefühlen begleitet. Nicht die Angst vor möglichem Versagen oder möglicher Überforderung steht im Vordergrund, sondern die Freude und der Spass daran, etwas zu tun, was man gerne tut, zusammen mit Menschen, die das ebenfalls gerne tun. Dies kommt in besonderem Masse dem Lernerfolg zugute, ist doch längst auch wissenschaftlich erwiesen, dass Lernfelder, die in zu frühem Alter mit Ängsten, inneren Widerständen und dem Gefühl von Versagen und Misserfolg verbunden werden, nicht selten lebenslang blockiert bleiben.
4. Freude, Begeisterung und Lebensbezug als Grundprinzip sowohl für die Lernenden wie auch für die Lehrenden
Das Grundprinzip, wonach Lernen umso erfolgreicher ist, je mehr Spass es macht, gilt im Lernzentrum - wie im Leben überhaupt - nicht nur für die Lernenden, sondern auch für die Lehrenden. Niemand unterrichtet im Lernzentrum ein Fach, ein Thema oder ein Wissensgebiet, von dem er nicht selber voll und ganz begeistert ist, mit dem er sich selber nicht voll und ganz identifizieren kann. Dies wird gerade dadurch wesentlich gefördert, dass es „Lehrer" im herkömmlichen Sinne im Lernzentrum gar nicht mehr gibt. Die Lehrenden des Lernzentrums kommen nicht aus einer Schule, in der sie selber vieles als zwanghaft und lustlos empfunden haben und dann diese Zwänge und diese Lustlosigkeit wieder an die nächste Generation Lernender weiter geben. Die Lehrenden des Lernzentrums kommen aus dem Leben, aus der Alltagsrealität, sie wissen, was im Leben wichtig ist und was unwichtig ist.
So wird auch der Beruf der Lehrenden unvergleichlich viel attraktiver, als er es in der heutigen Schule ist. Kein Abstellgeleise mehr für gescheiterte Medizin- oder Physikstudenten, kein Job bloss für jene, die eine möglichst sichere Stelle mit guter Bezahlung und möglichst langen Ferien suchen und dafür den nervenaufreibenden täglichen Kampf gegen Kinder und Jugendliche auf sich nehmen, die alles andere im Kopf haben als das, was ihre Lehrerinnen und Lehrer von ihnen wollen. Nein, im Lernzentrum braucht es als Lehrende die Allerbesten ihres Faches. Lehrende im Lernzentrum haben Schlüsselpositionen in der Vorbereitung der neuen Generation auf die beruflichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft. Da ist höchste Professionalität, Motivation und Begeisterungsfähigkeit gefragt, nichts Halbpatziges und bloss Durchschnittliches. So wie der zur höchsten Perfektion aufgestiegene Trapezkünstler im Zirkus sein Wissen und seine Fertigkeiten an seine Kinder weitergibt oder ein Bildhauer an einen oder zwei andere, die in seine Fussstapfen treten werden, so ist jeder am Lernzentrum Lehrende vom unbändigen Willen beseelt, das Beste und Vollkommenste, was im Besitz seines Wissens und seiner Kenntnisse liegt, an die Nächsten weiter zu geben.
Wie können wir uns solchermassen Lehrende vorstellen? Gewiss nicht als „Allrounder", die möglichst viele verschiedene Fächer unterrichten, sondern vielmehr als Spezialisten jeder auf seinem Gebiet - genau so, wie ja auch die am Lernzentrum Lernenden am meisten Zeit und Energie nicht auf den „Kampf" gegen ihre Schwächen verwenden, sondern auf die Entwicklung ihrer Stärken. Ein idealer „Physiklehrer" wäre zum Beispiel der Ingenieur eines Technologieunternehmens, der zweimal wöchentlich je einen halben Tag am Lernzentrum unterrichtet und dabei sozusagen nahtlos aus seinem Berufsalltag her aus dem Vollen zu schöpfen vermag. Eine ideale „Französischlehrerin" wäre ganz gewiss eine Frau mit französischer Muttersprache, die somit nicht nur die Grammatik der Sprache, sondern zugleich Mentalität, Lebensweise und kulturellen Hintergrund der Sprache mit übermitteln könnte und den Lernenden sozusagen als „perfektes Vorbild" dient, woran auch der bestausgebildete Deutschschweizer Franzö-sischlehrer nicht im Entferntesten heranzureichen vermag. Und so weiter, und so fort...
5. Grössere Vielfalt an Lernangeboten und Aktivitäten
Durch die Freiwilligkeit des Kursbesuchs wird eine viel grössere Vielfalt an Lernangeboten und Aktivitäten möglich. Nehmen wir an, in einem Lernzentrum gehen zwei- bis dreihundert Menschen unterschiedlichen Alters ein und aus. Dann gibt es unter ihnen vermutlich mindestens zehn bis fünfzehn, wahrscheinlich aber noch einige mehr, denen gemeinsames Singen und Musizieren Spass macht. Diese nehmen an einem Musikkurs teil und haben ihre helle Freude daran; ihre spezifische Begabung kann optimal gefördert werden. Sässen diese zehn, fünfzehn oder auch dreissig jungen Leute in „Normalklassen" einer traditionellen Jahrgangsklassenschule, würden sie in jeder dieser Klassen jeweils nur eine kleine Minderheit bilden, auf die kaum Rücksicht genommen würde, weil das Singen und Musizieren mit Kindern und Jugendlichen, die daran keinen Gefallen finden - und dies in aller Regel durch eine mehr oder weniger starke Störung des Unterrichts bekunden -, eine äusserst mühsame Angelegenheit ist, vor der die meisten Lehrpersonen früher oder später kapitulieren. Das Gleiche gilt für viele weitere Themen und Interessengebiete, die jeweils bloss „Minderheiten" ansprechen: Kunst- und Literaturbetrachtung, Lebensweisen früherer Zeiten und anderer Kulturen, Höhere Mathematik, Archäologie, Astronomie, usw. Jeder Lehrer und jede Lehrerin weiss, wie mühsam es ist, mit einer Schulklasse ein Thema zu behandeln, für welches sich - was so oft der Fall ist - nur ein Teil der Schülerinnen und Schüler tatsächlich interessieren. Selbst ein einziger Schüler, der am Thema kein Interesse zeigt, kann das gemeinsame Unterrichtsvorhaben erheblich beeinträchtigen und die Lehrperson dazu zwingen, einen grossen Teil ihrer Zeit und Energie für das Bekämpfen der auftretenden Unruhe oder „Störung" aufzuwenden, statt sich voll und ganz auf die Sache selber konzentrieren zu können. Wird, was der Weg des geringeren Widerstands ist, das Thema aufgegeben oder - in Erwartung mangelnden Interesses bzw. negativer Reaktionen - gar nicht erst angepackt, so geschieht dies wiederum auf Kosten all jener, die sich eigentlich genau für dieses Thema interessieren würden.
6. Das Lernzentrum: ein Ort der Freiheit und der Toleranz
Durch das gleichberechtigte Zusammenkommen von Lernenden und Lehrenden jeglichen Alters verschwindet im Lernzentrum - im Gegensatz zu traditionellen Schulmodellen - all das, was mit Machtmissbrauch, Bevormundung und Indoktrination zu tun hat.
Drei Beispiele aus der heutigen Schullandschaft mögen verdeutlichen, was gemeint ist.
Öffentliche Schulen gleichen nicht selten Gefängnissen, wo Erwachsene über Kinder und Jugendliche alle möglichen Formen von Repression ausüben. An solchen Schulen hat man das Gefühl, oberste Priorität habe nicht das Lernen, sondern das Befolgen von Regeln, die, wenn sie missachtet werden, alle möglichen Folgen haben können bis hin zum Schulausschluss: Schule als Disziplinierungsstätte, als Ort, wo man lernt, Regeln und Gesetze blindlings zu befolgen, auch dann, wenn man deren Sinn nicht einsieht. Traditionelle öffentliche Schulen sind aber auch in dem Sinne doktrinär, als sie ja in der Regel das mit Notendruck und Konkurrenzkampf verbundene Selektionswesen nicht in Frage stellen und all jenen Kindern und Jugendlichen, die als so genannt „schwache" und „erfolglose" Schülerinnen und Schüler aus diesem System hervorgehen, kaum je die Chance geben, ihr eigenes Lernen sinnvoll und erfolgreich zu entwickeln. Mit anderen Worten: Solche Schulen übernehmen ungefragt eine gesellschaftliche Bewertung des Menschen, treiben diese sogar auf die Spitze und schliessen jegliche pädagogische Alternative zum Vornherein aus.
Zweites Beispiel: Eine Alternativschule A, die sich an einer bestimmten pädagogischen „Lehre" oder „Leitfigur" (z.B. Rudolf Steiner, Maria Montessori, usw.) orientiert. Auch bei solchen Schulen ist die Gefahr von Unfreiheit und Dogmatisierung gross, insbesondere dann, wenn sich Lehrpersonen hinter einer so genannt „reinen Lehre" verstecken und dadurch eine echte, gleichberechtigte Auseinandersetzung zwischen Lernenden und Lehrenden über methodische und pädagogische Fragen verunmöglichen.
Drittes Beispiel: Eine Alternativschule B, die sich voll und ganz dem „freien Lernen" verschrieben hat. Auch hier können Zwänge und Bevormundungen entstehen, indem beispielsweise alles, was auch nur ansatzweise in Richtung von „Frontalunterricht" gehen könnte, diskussionslos ausgeklammert wird.
So gesehen haben viele Schulen - ob öffentliche oder private - etwas „Sektenhaftes": Möglichst Gleichgesinnte scharen sich um ihre Vorstellung von Schule, allem, was diese Vorstellung in Frage stellen könnte, wird aus dem Weg gegangen. „An dieser Schule ziehen alle Lehrkräfte am gleichen Strick", wird dann oft so schön gesagt - bloss ist dieser Strick leider nicht selten ein Strick, der insbesondere dazu dient, die Lernfreude der Kinder und Jugendlichen systematisch abzuwürgen.
Demgegenüber ist das Lernzentrum ein Ort der Freiheit und Toleranz, wo unterschiedliche pädagogische und methodische Ansätze nicht nur geduldet, sondern geradezu erwünscht sind, weil sie alle Beteiligten dazu zwingen, ihr Tun laufend neu zu hinterfragen und daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen. So könnte zum Beispiel innerhalb eines Lernzentrums durchaus ein Montessori-Kindergarten angeboten werden; im Unterschied zur heutigen Situation, in welcher ein Montessori-Kindergarten völlig losgelöst ist von der öffentlichen Volksschule und auch kaum Kontakte bestehen zwischen den am einen und am anderen Ort tätigen Lehrkräften, würden sich die im Lernzentrum tätigen Lehrkräfte unterschiedlicher pädagogischer Ausrichtungen laufend über ihre Erfahrungen austauschen und gegenseitig voneinander profitieren, in gegenseitiger Offenheit und Lernbereitschaft, wesentlichen Grundprinzipien des Lernzentrums.
7. Freie Wahl der Lehrperson - das Konkurrenzprinzip für einmal auf einer anderen Ebene
Wenn Kurse und damit auch Lehrkräfte frei gewählt werden können, hat dies freilich noch weitere Konsequenzen für die Qualität von Lernen und Wissensvermittlung. Der Lehrer und die Lehrerin haben nicht mehr, unabhängig von der Attraktivität ihres Angebots, ein Zimmer voller Kinder, die ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Ist der Lehrer schlecht, bleibt sein Zimmer leer, und die Kinder suchen sich einen anderen Lehrer oder eine andere Lehrerin. Dies zwingt die Lehrperson dazu, ihren Unterricht stets kritisch zu hinterfragen und zu erneuern. Die Befürchtung, die Kinder würden sich bloss jene Lehrerinnen und Lehrer aussuchen, bei denen es möglichst locker zu- und hergeht, ohne dass dabei viel gelernt wird, ist wenig stichhaltig. Kinder wollen etwas lernen. Die Kunst der erfolgreichen Lehrkraft liegt wohl darin, ein Optimum echter Lernleistung mit einem Optimum an Wohlbefinden, Heiterkeit und Spass zu verbinden, und zweifellos würden sich die Kinder in diesem Sinne auch die „richtigen" Lehrer und Lehrerinnen auswählen bzw. bei schlechten Erfahrungen bei einem bestimmten Lehrer für einen späteren Kurs nicht noch einmal denselben Lehrer wählen. Überdies läge es im ureigenen Interesse der Lehrerinnen und Lehrer selber, gemeinsam ein möglichst gutes Angebot auf die Beine zu stellen und in gegenseitiger Beratung und Unterstützung jede Lehrkraft auf Grund ihrer individuellen Stärken so optimal einzusetzen, dass die Angebote insgesamt möglichst „gleichwertig" wären. Ein „gutes" Lernzentrum wäre nicht eines, in dem dreihundert Lernende einem einzigen „Lehrersuperstar" hinterher rennen und die übrigen neunzehn Lehrpersonen ihren Job verlieren. Ein „gutes" Lernzentrum wäre eines, in dem sich dreihundert Lernende möglichst gleichmässig auf die zwanzig an diesem Lernzentrum arbeitenden Lehrpersonen verteilen würden, die ihrerseits dafür sorgen würden, dass die „Attraktivitätsunterschiede" zwischen ihnen nicht allzu gross sind. Eine gewisse Konkurrenzierung zwischen den Lehrkräften würde allerdings bestehen und wäre - im Vergleich zum heutigen Schulsystem, wo dies völlig fehlt - wohl auch fruchtbar, ergäbe sich daraus doch die Notwendigkeit, sich als Lehrperson zeitlebens jenem Ideal anzunähern zu versuchen, das sich Kinder und Jugendliche unter einem guten Lehrer, einer guten Lehrerin vorstellen.
8. Lernen im Leben, Lernen in Beziehungen zur Aussenwelt; dann lernen, wenn man es am wenigsten erwartet
Das Lernen im Lernzentrum ist nicht abgeschottet von der Aussenwelt. Im Gegenteil: Dadurch, dass die meisten am Lernzentrum Unterrichtenden nur Teilzeitlehrende sind und während der übrigen Zeit in anderen Berufen und Arbeitsfeldern tätig sind, ergeben sich zahlreiche Wechselbezüge zur Aussenwelt des Lernzentrums, ein permanenter Austausch zwischen Innen und Aussen. Exkursionen, Bildungsreisen, Betriebspraktika, Sozialprojekte in Zusammenarbeit mit der Gemeinde- oder Stadtverwaltung, Umweltprojekte in Zusammenarbeit mit Ökologen, Raumplanern, Landschaftsgestaltern, öffentliche Diskussionspodien zu allen möglichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen, Theaterprojekte, an denen Profis und Laien unterschiedlichen Alters gemeinsam beteiligt sind - dies und vieles mehr gehört zu den ständig wechselnden und sich erweiternden Angeboten des Lernzentrums - je nach den lokalen Ressourcen und Möglichkeiten.
Auf diese Weise lernen auch schon jüngere Kinder auf ganz natürliche Weise verschiedenste berufliche Tätigkeiten kennen und können so schon früh erfahren, wozu sie sich am meisten hingezogen fühlen - ganz im Gegensatz zur heutigen Schule, wo sich das Thema „Berufswahl" meist nur auf eine oder zwei Schnupperwochen auf der Oberstufe beschränkt und die meisten Jugendlichen kaum eine Chance haben, die grosse Vielfalt der Berufs- und Arbeitswelt auch nur annähernd kennen zu lernen.
Wären Kinder und Jugendliche in so spontanen, vielgestaltigen, offenen, unverplanten Lernräumen nicht masslos überfordert, verliefe solches Lernen nicht viel zu chaotisch, wäre die Gefahr nicht zu gross, dass Komplizierteres gelernt werden müsste, bevor das Einfachere überhaupt begriffen war? Solche Fragen entspringen dem ängstlichen Sichfestklammern an der Idee, die Welt müsste „didaktisch" und „methodisch" aufbereitet werden, um sie dem kindlichen Lernen zugänglich zu machen. Das Gegenteil ist der Fall. Schon in den ersten Tagen und Wochen seines Lebens wächst das Kind in eine völlig „normale" Welt hinein. Das Lernen entsteht gerade durch die Spannung und den Gegensatz zwischen dieser realen Welt und den Möglichkeiten, über die das Kind verfügt, um diese Welt überhaupt nach und nach begreifen und ihr einen Sinn abgewinnen zu können. Die Ordnung, welche verhindert, dass das Kind die Dinge in der „falschen Reihenfolge" erlernen könnte, schafft sich das Kind selber. Und daher ist die Angst, in zu grossen, unverplanten Lernräumen würden Kinder „falsch" oder „ineffizient" lernen, ganz und gar unbegründet. Wo und wann immer ein lernender Mensch sich befindet - er pflückt sich aus seiner Umgebung zielsicher immer genau das heraus, was seinem Lernen in diesem Moment gerade die beste Nahrung bietet. Nichts ist so lernfeindlich als ein steriles Schulzimmer, in dem ein paar wenige mathematische oder naturwissenschaftlichen Tabellen an den Wänden hängen und sonst gar nichts, und in dem die Kinder jeden Tag die gleiche Lehrerin anschauen müssen und der Blick durchs Fenster nach aussen ebenfalls über Jahre hinweg bloss immer den genau gleichen kleinen Ausschnitt der Aussenwelt bietet. Je vielfältiger, bunter, „komplexer", vielgestaltiger die Umgebung, durch die sich das Kind bewegt, und je mehr verschiedenen Menschen es dabei begegnet, umso intensiver ist sein Lernen. Dass es dabei seine Spur nicht verliert und stets das „Richtige" in der „richtigen" Reihenfolge erlernt - dafür sorgt untrüglich sein ihm eingeborener „Lernplan". Lernen ist nicht das Ergebnis von Unterricht und Unterweisung, Lernen ist das Ergebnis von Erlebnissen, Eindrücken, Erfahrungen. Je mehr es von guten Gefühlen begleitet ist, umso erfolgreicher verläuft es, und wohl am effizientesten immer dort, wo man es am wenigsten erwartet. Es geht, einfach gesagt, bloss darum, dass das Lernzentrum allen Menschen, die sich darin bewegen, eine möglichst gute und spannende Zeit ihres Lebens ermöglicht, mit möglichst vielen überraschenden Augenblicken und Begegnungen, mit möglichst viel Freude und Begeisterung, mit möglichst viel echter Nahrung für Neugierde und Abenteuerlust - und dann braucht niemand Angst zu haben, es würde von irgendwem „zu wenig" oder das „Falsche" gelernt.
9. Erst dann etwas lernen, wenn die Zeit dafür reif ist
In der traditionellen Jahrgangsklassenschule sind die im Unterricht bearbeiteten Themen sehr oft für die einen Kinder zu früh, für andere schon zu spät. Naturgemäss - wenn wir wieder an das frühkindliche Lernen zurückdenken - ist der Zeitpunkt des Lernens immer dann ideal, wenn das Lernthema mit den altersgemäss entwickelten Lerninteressen möglichst optimal übereinstimmt. Dies zeigt sich beispielsweise in Geschichte und Politik besonders deutlich. Werden mit einer 8. Klasse geschichtliche oder aktuelle politische Themen behandelt, so interessiert sich ein Teil der Schüler und Schülerinnen brennend dafür, während sich andere bloss langweilen und überhaupt nichts damit anfangen können. Das Verhängnisvolle daran ist, dass es dadurch bei jenen Schülerinnen und Schülern, denen im Moment ein echtes Interesse noch abgeht, zu einer negativen „Koppelung" mit den betreffenden Themen kommt, bis hin zur möglichen Schlussfolgerung, Geschichte oder Politik sei nun mal naturgemäss „uninteressant" oder „langweilig" oder „zu kompliziert" - wodurch dann oft auch ein späterer Zugang zu diesen Themen zum vornherein verbaut ist. Entscheidet aber das Kind bzw. der Jugendliche selber, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem er sich mit diesem oder jenem Thema beschäftigen möchte, können solche negativen, blockierten Grundbeziehungen gar nicht erst entstehen.
So könnte zum Beispiel das Thema „Zusammenbruch der Sowjetunion" im Lernzentrum aussehen: Während einer thematischen Schwerpunktwoche werden zu diesem Thema im Lernzentrum verschiedenste Anlässe angeboten: Filme, Referate, Podiumsdiskussionen mit Fachleuten und Menschen aus betroffenen Ländern. Nebst Erwachsenen können auch Kinder und Jugendliche je nach Interesse in den einen oder anderen dieser Anlässe hineinschnuppern, für die einen ist das Thema noch zu weit weg von ihren momentanen Interessen, es wird beim einmaligen Hineinschnuppern bleiben, andere hingegen werden in Bann gezogen und sodann keinen der angebotenen Anlässe auslassen, vielleicht sogar selbstständig auch nach dem Ende dieser Schwerpunktwoche zum Thema recherchieren, Kontaktpersonen aufsuchen, weiterführende Kurse zur angesprochenen Thematik besuchen.
10. Niveaukurse in sämtlichen für die spätere Berufsbildung relevanten Fächern
Nebst all diesen offenen, mehr oder weniger „unverbindlichen" Bildungs- und Begegnungsangeboten auf dem „Marktplatz" freien Lernens und Lehrens bilden Niveaukurse in sämtlichen für spätere Berufsbildung relevanten Fächern einen weiteren zentralen Bestandteil des Lernzentrums. Ob Deutsch oder Englisch, Mathematik oder Physik, Informatik oder Körperpflege, Naturkunde oder Holzbearbeitung, Psychologie oder Geometrisches Zeichnen, Elektronik oder Kochen, Malen oder Tanzen, Wirtschaftskunde oder naturwissenschaftliches Experimentieren, Töpfern oder Krankenpflege - alle Kenntnisse und Fertigkeiten, auf denen berufliche Ausbildungen aufbauen, bietet das Lernzentrum in Form von Niveaukursen an. Im Unterschied zur heutigen Schule, die ihr Hauptaugenmerk völlig einseitig auf die Förderung theoretisch-intellektueller Kenntnisse ausrichtet, als ginge es bloss darum, möglichst viele zukünftige Akademiker heranzuzüchten, stehen im Lernzentrum die unterschiedlichen Ausbildungsangebote gleich-wertig nebeneinander. Im Lernzentrum gibt es keine „Haupt" - und „Nebenfächer", alles, was Menschen lernen wollen und lernen können, ist gleich wichtig. Seite an Seite bilden sich die einen zu zukünftigen Architekten, die anderen zu zukünftigen Krankenpflegerinnen, wieder andere zu zukünftigen Möbelschreinern und noch einmal andere zu zukünftigen Bankangestellten aus, ohne dass die einen zu den anderen hinauf- oder hinunterschauen und sich als etwas Besseres oder Schlechteres fühlen müssten.
Dies bedeutet auch, dass sich alle Lernenden vom Lernzentrum zur Berufsbildung hin auf den Wegen ihrer Stärken bewegen, nicht auf den Wegen ihrer Schwächen und Misserfolge. Niemand wird mehr Coiffeuse, weil sie eine schlechte Sekundarschülerin war und ihr daher andere Wege verbaut blieben. Im Lernzentrum, wo die Stärken aller Lernenden im Vordergrund stehen, wird jene Jugendliche Coiffeuse, die in den hierfür spezifischen Kursen - Schönheitspflege, Kreativität, Fingerfertigkeit, Kommunikationsfähigkeit - überdurchschnittlich erfolgreich war. So gesehen ist das Lernzentrum ein Ort echter Talentförderung, wo es an allererster Stelle darum geht, das in jedem Einzelnen steckende Potenzial zur bestmöglichen Entfaltung zu bringen, ohne jegliche gegenseitige Wertung und gänzlich unabhängig davon, ob es sich dabei um intellektuelle, soziale, künstlerische, handwerkliche oder körperliche Fähigkeiten handelt.
11. Kurse werden semesterweise mit Diplomen abgeschlossen
Jeder im Lernzentrum angebotene Niveaukurs wird am Ende eines Semesters mit einem Diplom abgeschlossen. Wer also zum Beispiel im einen Semester in Deutsch das Niveau vier abgeschlossen hat, kann im folgenden Semester einen Deutschkurs auf Niveau fünf belegen. Dies bedeutet, dass jeder und jede im Lernzentrum Lernende - vom Kind über die Jugendlichen bis zu den Erwachsenen - in allen von ihnen gewählten Kursen von Semester zu Semester Schritt um Schritt voran gehen können und es dabei keine Rolle spielt, ob man beispielsweise in Englisch schon das Niveau zwölf erreicht hat und in Mathematik erst das Niveau zwei oder umgekehrt. Wer ein Diplom nicht besteht, kann im folgenden Semester den gleichen Kurs noch einmal besuchen, gleichzeitig aber in allen übrigen Kursen, die erfolgreich abgeschlossen wurden, das jeweils nächst höhere Niveau wählen - dies im Gegensatz zur traditionellen Jahrgangsklassenschule, in der alle Kinder und Jugendlichen, welche ein Schuljahr wiederholen müssen, gezwungen sind, auch jene Fächer noch einmal abzusitzen, die sie bereits erfolgreich absolviert hatten.
Die gleiche Flexibilität besteht auch beim erstmaligen Einstieg in einen neuen Ausbildungszweig. Im Gegensatz zur heutigen Lehrplan- und Jahrgangsklassenschule, wo auch jene Kinder, die bereits fliessend lesen können, gezwungen werden, im Tempo einer Schnecke noch einmal Buchstaben um Buchstaben zu üben, steigen die im Lernzentrum Lernenden stets genau auf jenem Niveau in einen neuen Kurs ein, der ihrem jeweiligen Lernstand am besten entspricht. Unter- und Überforderungen, die Quelle fast sämtlicher so genannter „Lernstörungen" innerhalb der traditionellen Jahrgangsklassenschule, gehören damit endgültig der Vergangenheit an.
Zudem lassen sich in einem solchen aufsteigenden Kurssystem beliebige Verzweigungen einbauen, die wiederum individuellen Lernbedürfnissen Rechnung tragen. So könnte sich zum Beispiel der Ast „Französisch" nach den ersten zwei bis drei Grundkursen in einen Zweig „Français élevé" und einen Zweig „Français pratique" aufspalten: Lernende, die besonders viel Begabung und Freude am Erlernen einer Fremdsprache zeigen - was schon erste Hinweise auf eine spätere berufliche Ausbildung in eine solche Richtung sein könnten - wenden sich dem Zweig „Français élevé" zu, auf dem zum Beispiel später auch eine Lehre als Kaufmännische Angestellte aufbauen wird; Lernende, die sich französische Grundkenntnisse für den Alltag - Freizeit, Reisen, Kontakte über die Grenze hinweg - erwerben möchten, haben die Möglichkeit, ins „Français pratique" einzusteigen. Ähnliche Verzweigungen sind grundsätzlich in allen Fachbereichen denkbar.
12. Exakt definierte Kursprofile als Zulassungskriterien für die jeweilige Berufsausbildung
Jede weiter führende berufliche Ausbildung (Berufslehre) setzt das erfolgreiche Absolvieren eines bestimmten „Kursprofils" voraus. So wird, um ein fiktives Beispiel zu nennen, als Zulassungsbedingung für eine Lehre als Elektronikerin bzw. Elektroniker in Deutsch zumindest das Niveau 7, in Englisch das Niveau 9, in Mathematik das Niveau 11 und in Physik das Niveau 14 (von z.B. max. 20 erreichbaren Niveaus) vorausgesetzt. Hineinwachsen in einen zukünftigen Beruf bedeutet somit auf der einen Seite, sich aufgrund der eigenen Interessen von Kurs zu Kurs „emporzuschrauben", auf der anderen Seite damit immer mehr den Blick in die Zukunft zu richten. Zieht der vierzehnjährige Jugendliche eine Zwischenbilanz seiner bis zu diesem Zeitpunkt erreichten Diplome und vergleicht diese nun mit seinen Berufszielen, so kann er auf einfachste Weise feststellen, in welchen Bereichen er die für seine zukünftige Ausbildung nötigen Niveaus bereits erreicht hat und in welchen noch nicht. So kann er sein Lernprogramm immer spezifischer auf sein zukünftiges Berufsziel ausrichten und - zu einem Zeitpunkt, da echte Motivation für ein konkretes Berufsziel erwacht ist - zweifellos in viel kürzerer Zeit die zu diesem Zeitpunkt noch vorhandenen Rückstände aufholen, als wenn er in jüngerem Alter eine Unmenge an Dingen hätte lernen müssen, deren Sinn er noch gar nicht eingesehen hätte.
Zudem sind die Niveaus der einzelnen Kurse klar und einheitlich definiert. Ob es sich um ein Lernzentrum in Zürich, in Sargans oder in Olten handelt - ein Niveau 7 in Deutsch oder ein Niveau 11 in Chemie bedeutet überall genau das Gleiche. Der heutige Wildwuchs zwischen unterschiedlichen kantonalen Stoff- und Lehrplänen - und die sich zwangsläufig daraus ergebende Missachtung seitens der Wirtschaft gegenüber traditionellen Schulnoten und -zeugnissen - hat somit ein Ende. Und wer immer seinen Wohnort wechselt, kann im Lernzentrum B in sämtlichen Ausbildungszweigen exakt auf jenen Niveaus wieder einsteigen, die er im Lernzentrum A zuvor erreicht hat.
Das erreichte Kursprofil hat - infolge seiner eindeutigen Definition - nicht nur gegenüber herkömmlichen Notenzeugnissen eine viel höhere Aussagekraft, sondern auch gegenüber all jenen Testformen wie Multicheck, Basiccheck oder Stellwerk, welche - in Form einer fast zufälligen Momentaufnahme - nur das an einem bestimmten Tag erbrachte Leistungspotenzial widerspiegeln, und dies erst noch im äusserst eng begrenzten Rahmen eines rein computerisierten Frage-Antwort-Verfahrens, bei dem die Zuverlässigkeit des Testergebnisses nur schon deshalb stark relativiert werden muss, weil beispielsweise bei einer Frage mit drei möglichen Antworten die Wahrscheinlichkeit, die richtige zu erwischen, schon mal 33 Prozent beträgt. Fast ebenso gut könnte man würfeln oder Lose ziehen. Ganz anders beim Diplom, das durch einen Semesterkurs erworben wird: Es vermittelt das umfassende Bild einer über ein halbes Jahr erarbeiteten Lernleistung und wird sich in aller Regel aus einer grösseren Anzahl im Verlaufe des gesamten Semesters absolvierten Zwischenprüfungen zusammensetzen.
Zudem ist ein solches Prüfungssystem ungleich viel transparenter als herkömmliche, auf Selektion ausgerichtete Prüfungsformen. Die Anforderungen, um ein bestimmtes Diplom zu erreichen, sind von Anfang an klar definiert. Zum Beispiel: Um das Französischdiplom 1 zu schaffen, wird ein Grundwortschatz von 300 Wörtern vorausgesetzt; sämtliche Texte, ob in geschriebener oder gesprochener Form, welche ausschliesslich diese 300 Wörter beinhalten, müssen sinngemäss verstanden werden und von jeweils 10 zu einem Text gestellten Fragen müssen mindestens 8 korrekt beantwortet werden können; man muss in der Lage sein, sich im Umfang von je zwei Minuten fliessend ausdrücken zu können zu den Themen „Je me présente", „Mon village", „La Suisse", „Faire du sport", „Mes hobbys", usw. Mit anderen Worten: Wer einen Kurs beginnt, weiss bereits am allerersten Tag, über welche Fähigkeiten er am letzten Tag des Kurses verfügen muss, um den Kurs erfolgreich abzuschliessen. Im Gegensatz dazu ist das heute praktizierte, von Lehrperson zu Lehrperson höchst unterschiedliche, auf Selektion ausgerichtete Prüfungssystem extrem willkürlich, von Zufällen abhängig und für die Lernenden weitgehend undurchsichtig: Der Lehrer kündigt auf die folgende Schulwoche eine Französischprüfung an und gibt erst jetzt, wenige Tage zuvor, bekannt, welches die Inhalte dieser Prüfung sind. Da der Lehrer ja stets seinen Selektionsauftrag im Hinterkopf hat, wird er in aller Regel den Prüfungsstoff so definieren, dass die schwächsten Schülerinnen und Schüler seiner Klasse zum vornherein gar nicht die Chance haben, eine genügende, geschweige denn eine gute Note zu erreichen. Oder er drückt - wenn das Prüfungsergebnis „zu gut" ausfüllt - im Nachhinein den Notenmassstab hinunter, mit anderen Worten: Er bestraft seine Schülerinnen und Schüler dafür, dass sie zu viel oder zu gut gelernt haben. Oder er veranstaltet nicht angesagte, so genannte „Überraschungsprüfungen", mit denen er angeblich feststellen will, wie gut die Schülerinnen und Schüler in der vorangegangenen Schulstunde aufgepasst haben. Alles in allem riesige Freiräume für Manipulationen aller Art - wie wenn es um einen Schatz ginge, der dem Lehrer zu alleiniger Obhut anvertraut wäre und dessen innerstes Geheimnis auf gar keinen Fall jemals gelüftet werden dürfte. Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang auch, mit was für Argumenten sich nicht wenige Lehrkräfte gegen jegliche Vereinheitlichung von Prüfungsstandards wehren: Sie sagen, das schränke ihre persönliche „Freiheit" der Unterrichtsgestaltung ein. Was aber tatsächlich eingeschränkt wird, ist bloss ihre Macht, als Lehrende in alleinigem Ermessen zu bestimmen, was, wie und wieviel die ihnen „ausgelieferten" Schülerinnen und Schüler zu lernen haben, wobei nicht selten Prüfungen auch als Disziplinierungsmittel missbraucht werden - gerade in dem Fall der erwähnten „Überraschungstests", mit denen Schülerinnen und Schüler im Nachhinein bestraft werden, weil sie zu wenig gut aufgepasst oder sich zu wenig gehorsam den Forderungen des Lehrers unterzogen haben.
Ein so - aufgrund exakt definierter Lernziele - über 9 oder 10 Jahre erarbeitetes Leistungsprofil widerspiegelt schliesslich die Summe der individuellen Begabungen und Fähigkeiten des Einzelnen und kann auch deshalb viel zielgerichteter und zuverlässiger als Grundlage für den Zutritt zu einer bestimmten Ausbildung bzw. zu einem bestimmten Arbeitsplatz dienen. So verfügte - um es an einem konkreten Beispiel zu zeigen - eine angehende kaufmännische Angestellte, welche nebst den Mindestanforderungen in den Grundlagenfächern Sprachen und Mathematik zusätzlich Kurse in Kommunikation und im Sozialbereich erfolgreich abgeschlossen hätte, über besonders gute Voraussetzungen für eine Lehre auf einer Gemeindeverwaltung, usw.
13. Fliessender Übergang zur Berufswelt, alle Wege bleiben offen
Endet die obligatorische Schulzeit in der heutigen Jahrgangsklassenschule für sämtliche Jugendliche exakt nach neun Jahren - unabhängig davon, ob einige von ihnen schon viel früher reif wären für einen Übertritt ins Berufsleben oder andere noch gar keine Lehrstelle haben -, kann dieser Übergang zwischen „Lernzeit" und „Arbeitszeit" im Lernzentrum individuell und fliessend gestaltet werden. Nach wie vor würde zwar eine Berufslehre im „Normalfall" im Alter von 16 Jahren beginnen. Je nach den Gegebenheiten des zukünftigen Arbeitsplatzes und des vorhandenen Kursprofils wären nun aber Übergänge unterschiedlichster Art denkbar. Sei es, dass im Verlaufe eines oder zweier Semester tageweise bereits am zukünftigen Ausbildungsplatz gearbeitet wird, während an anderen Wochentagen die für diese Berufslehre noch fehlenden Niveaus nachgeholt werden. Sei es, dass nach einem halben Jahr Berufslehre nochmals ein längerer Block von am Lernzentrum angebotenen Kursen und Projekten eingeschoben wird. Sei es, dass ein zusätzliches Jahr am Lernzentrum angehängt wird, wenn keine zufrieden stellende Anschlusslösung in Aussicht steht. Dies bedingt freilich, dass die heutigen Berufsschulen ebenfalls ins Lernzentrum integriert wären und die im Bereich Berufsausbildung angebotenen Kurse und Projekte nichts anderes wären als die nahtlose Fortsetzung der bereits für 7- bis 16Jährige angebotenen Niveaukurse.
Denken wir uns diese Idee weiter, dann lässt sich lebenslang in diesem Kurssystem weiter lernen. Auf Niveaus, die im einen oder anderen Fach einmal erreicht wurden, lassen sich zu jedem beliebigen späteren Zeitpunkt die nächst folgenden Niveaus ergänzen, sei es parallel zur Erwerbstätigkeit oder in später eingeschobenen Vollzeitausbildungsblöcken. Hat sich beispielsweise eine 16Jährige bis zum Beginn ihrer Ausbildung als medizinische Praxisassistentin ein Kursprofil von 9 in Deutsch, 12 in Mathematik, 7 in Englisch, 14 in Naturwissenschaften erarbeitet, so sieht ihr Kursprofil in diesen Fächern drei Jahre später vielleicht so aus: 11 in Deutsch, 12 in Mathematik, 9 in Englisch, 18 in Naturwissenschaften, und je nachdem, in welche Richtung sie sich fünf, zehn oder fünfzehn Jahre später weiterbilden möchte, wird sich dieses Kursprofil laufend weiter differenzieren und damit stets wieder neue Weiterbildungswege öffnen. Die Sackgassen, in denen sich heute insbesondere Jugendliche mit einem sehr tiefen Schulabschluss sowie all jene Erwachsenen befinden, die keine Berufslehre absolviert haben, gibt es somit nicht mehr, da grundsätzlich jedes im einen oder anderen Fach- oder Wissensbereich einmal begonnene Lernen lebenslang erfolgreich weitergeführt werden kann.
14. Keine rein schulisch-akademischen Ausbildungswege mehr; praktische Berufserfahrung als Basis für alle
Dass es in einem so stark auf die praktische Berufsausbildung ausgerichteten Bildungssystem keine rein schulisch-akademischen Ausbildungswege mehr gibt, versteht sich fast von selber. Die heutige Zweiteilung des Bildungssystems in einen Weg über Berufslehre und Fachhochschulen auf der einen Seite und einen Weg über Gymnasien und Universitäten auf der anderen - mit all dem damit verursachten, häufig von Elternerwartungen zusätzlich angeheizten Gerangel um die limitierte Zahl von Plätzen im „Erstklassabteil" des Bildungszuges - wäre damit überwunden. Sämtliche Jugendliche würden zunächst eine Berufslehre absolvieren und könnten sich - je nach Interessen und weiteren Berufszielen - lebenslang weiterbilden. So ginge beispielsweise der Weg zur späteren Ärztin zunächst über eine Lehre als Fachangestellte für Gesundheit, der Weg zum späteren Juristen über eine Lehre im kaufmännischen Bereich, usw. Dies hätte gegenüber dem rein schulischen Weg über eine gymnasiale Matura nicht nur den Vorteil, dass alle in späterem Alter an „höheren" Positionen tätigen Berufsleute auch die Arbeit der ihnen Untergebenen aus eigener Erfahrung kennen gelernt hätten, es würde auch bedeuten, dass die Wahl einer bestimmten „höheren" Berufsausbildung auf echter Bewährung im betreffenden Berufsfeld abgestützt wäre und nicht bloss auf dem rein quantitativen Ergebnis irgendwelcher Auswendiglern- und Wissensprüfungen, wie es ein heutiges Maturazeugnis nun mal grösstenteils darstellt. Zudem würde es die Chancengleichheit massiv erhöhen, ist doch bei Jugendlichen, die sich, wie dies im heutigen Selektionssystem der Fall ist, im Alter von 14 Jahren oder sogar noch früher für den gymnasialen Weg entscheiden müssen, ein solcher Entscheid in aller Regel sehr stark vom Elternhaus mitgeprägt.
15. Gewährleistung von Grundwissen und Grundfertigkeiten, Baum des Lernens
Birgt eine so weit gehende Individualisierung von Lernwegen und der Verzicht auf einen für alle verbindlichen Lehrplan nicht möglicherweise die Gefahr einer zu frühen Spezialisierung in sich, was dazu führen könnte, dass bestimmte grundlegende Fertigkeiten und Kenntnisse nicht mehr von sämtlichen Kindern und Jugendlichen erlernt würden?
Die Frage ist berechtigt. Auf jeden Fall muss gewährleistet sein, dass die allgemeinen, für jegliche erfolgreiche Lebensbewältigung unabdingbaren Grundkenntnisse und Grundfertigkeiten von sämtlichen Kindern bzw. Jugendlichen erworben werden, unabhängig von der späteren Berufsausbildung. Das sind dann, um es wieder mit einem fiktiven Beispiel zu illustrieren, etwa die Niveaus 1 bis 6 in Deutsch, 1 bis 5 in Englisch, 1 bis 4 in Mathematik, und so weiter. Man könnte dies mit einem Baum vergleichen: Unten, im Hauptstamm des Baumes, werden die grundlegenden, existenziell unerlässlichen Kulturtechniken, insbesondere Lesen und Schreiben sowie ein mathematisch-naturwissenschaftliches Grundwissen, von sämtlichen Kindern und Jugendlichen erworben. Je weiter man nach oben kommt, umso mehr beginnen sich die Lernwege zu spezialisieren und zu differenzieren, gleich den Ästen eines Baumes, die sich zunehmend verzweigen und der individuellen Entfaltung jedes Einzelnen immer grössere Räume öffnen.
Man müsste an dieser Stelle ohnehin kritisch hinterfragen, inwieweit denn die heutige Schule - trotz ihrer so genannt „verbindlicher Lehrpläne" - die angesprochenen Grundfertigkeiten und Grundkenntnisse flächendeckend zu vermitteln vermag. Das „Wettkampfprinzip" der Selektionsschule, welches es ja nicht zulässt, dass sämtliche Kinder einer Klasse die gesteckten Lernziele in der zur Verfügung stehenden Zeit auch tatsächlich zu erreichen vermögen, ist jedenfalls einer soliden Grundausbildung aller Kinder wenig förderlich, und so verwundert es auch nicht besonders, dass etwa ein Zehntel der Bevölkerung nicht einmal einigermassen korrekt schreiben können und ebenso viele nicht in der Lage sind, auch einfach geschriebene Zeitungsartikel verstehen zu können. In diesen Bereichen müsste das Lernzentrum, in dem kein Lernen auf höheren Stufen weitergeführt wird, bevor nicht die unteren Stufen voll und ganz gefestigt sind, aller Voraussicht nach weit bessere Ergebnisse erzielen als die traditionelle Jahrgangsklassenschule.
Vergleichen wir den „Baum des Lernens", an welchem sich das Lernzentrum orientiert, mit der traditionellen Lehrplan- und Jahrgangsklassenschule, so stellen wir einen weiteren tief greifenden Unterschied fest: Lässt man - im traditionellen Schulsystem - den Kindern im Kindergarten und in den ersten beiden Schuljahren noch recht viele Freiheiten - freies Spiel, fliessender Übergang von Spielen zu Lernen, zahlreiche Aktivitäten ausserhalb des Schulzimmers, fächerübergreifende Themen und Projekte -, so orientiert sich der Unterricht in den höheren Klassen immer mehr am 45- oder 50-Minuten-Lektionen-Rhythmus und wird zunehmend durch einen fest vorgegebenen Lehrplan diktiert, dem die Kinder und Jugendlichen mehr oder weniger ohnmächtig ausgeliefert sind, das heisst, dass absurderweise die Freiheit, Lernstoffe und Lerntempo im eigenen Ermessen zu bestimmen, von Schuljahr zu Schuljahr immer mehr eingeschränkt wird, obwohl ja die Kinder und Jugendlichen gleichzeitig von Jahr zu Jahr über ein wachsendes Mass an Selbstständigkeit verfügen würden, ihr Lernen je länger je autonomer zu bestimmen. Das Lernzentrum trägt genau dieser natürlichen Entwicklung des Kindes und Jugendlichen zu wachsender Selbstständigkeit Rechnung, indem die Möglichkeiten, Lernwege und Lernziele selber zu bestimmen - die Zweige des sich nach oben immer feiner verästelnden Baumes - parallel zur wachsenden Selbstständigkeit ebenfalls immer grösser werden.
Gleichwohl ist der Einwand, ein solches Lernsystem könnte zu einer vermehrten Einseitigkeit oder gar zu frühen Spezialisierung führen, nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Aber, Hand aufs Herz, was bringen denn Schulstunden, die ohne echtes Interesse einfach abgesessen werden müssen, bloss weil es vorgeschrieben ist, um damit angeblich die Pflicht der „Allgemeinbildung" zu erfüllen? Einer allfälligen Gefahr zu früher Spezialisierung müsste eher dadurch entgegen gewirkt werden, dass das Lernzentrum sich zum Ziel setzte, möglichst viele interessante und spannende Kurse, Aktivitäten und Projekte anzubieten, um allzu einseitig Ausgerichtete auf natürliche und motivierende Weise dazu zu animieren, sich auch immer wieder auf andere, neue Gebiete einzulassen. Da ein jeder Mensch von Natur aus ein zutiefst neugieriges Wesen ist, müsste dies eigentlich nicht allzu schwierig sein.
16. Miteinander lernen statt gegeneinander
Im Gegensatz zur heutigen Selektionsschule, die schulischen Erfolg nur einem Teil der Kinder vergönnt und die übrigen zu „Schulversagern" stem-pelt, ist im Lernzentrum das Lernen aller Kinder und Jugendlichen auf Erfolg ausgerichtet. So besteht grundsätzlich das Ziel der Lerngruppen in den Niveaukursen darin, dass am Ende des Semesters alle Mitglieder der jeweiligen Lerngruppe das entsprechende Diplom erfolgreich bestehen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Schulprüfungen, wo ein gewisser Prozentsatz „ungenügender" Ergebnisse schon zum Vornherein vorprogrammiert ist, kann es im Lernzentrum bei sehr fleissig arbeitenden Lerngruppen also durchaus möglich sein, dass sämtliche Kursteilnehmende am Ende des Semesters das Diplom tatsächlich auch erreichen - ebenso wie es freilich theoretisch auch möglich ist, dass kein einziger der Kursteilnehmer das Diplom erreicht. So entsteht in den einzelnen Kursen eine grundsätzlich andere Lerndynamik als in der traditionellen, auf gegenseitige Konkurrenzierung ausgerichteten Jahrgangsklasse: Niemand kommt dadurch zum Erfolg, dass anderen dieser Erfolg versagt bleibt. Da es das Ziel jeder Lerngruppe ist, dass am Ende des Semesters alle ihrer Mitglieder das betreffende Diplom erwerben, wird die Lerngruppe zusammen mit ihrer Lehrperson zu einem echten Team, in dem die gegenseitige Unterstützung und Lernberatung, nicht das gegenseitige Ausgrenzen - bis hin zu Mobbing, usw. - im Vordergrund stehen. „Schwächere" werden nicht ausgegrenzt, im Gegenteil: Ihnen wird geholfen. Gute Lerngruppen sind solche, die es dank optimaler Kooperation schaffen, dass alle ihrer Mitglieder das jeweilige Diplom erreichen. Gute Lehrpersonen sind solche, denen es gelingt, sämtliche Mitglieder der Gruppe so gut auf die Anforderungen des Diploms vorzubereiten, dass am Ende niemand scheitert. Ranglisten und dergleichen sind unnötig: Es geht einzig und allein darum, ob das Diplom erreicht wurde oder nicht. Wer es geschafft hat, bekommt damit den Zugang zum nächst höheren Kurs dieses Ausbildungsfaches, wer nicht, hat die Gelegenheit, innerhalb des folgenden Semesters oder auch zu einem späteren Zeitpunkt einen nächsten Anlauf zu starten.
Auch werden sich Prüfungen am Lernzentrum grundlegend von Prüfungen im herkömmlichen Schulsystem unterscheiden. Prüfungen im herkömmlichen Schulsystem haben in erster Linie die Funktion, die Schüler und Schülerinnen zu selektionieren - der Inhalt der Prüfung ist nebensächlich. Dies gipfelt darin, dass zahlreiche Prüfungsinhalte kaum einen Bezug zur Alltags- oder Berufsrealität haben, so etwa das schon in der Unterstufe, dann wieder in der Mittelstufe und schliesslich auch in der Oberstufe bis zum Geht-nicht-mehr geübte Zergliedern von Sätzen in grammatikalische Einheiten wie Wortarten und Satzglieder, etwas, was im wirklichen Leben überhaupt nirgends vorkommt - was für eine Zeitverschwendung! Demgegenüber sind die Prüfungen im Lernzentrum so aufgebaut, dass sie möglichst exakt jene Fertigkeiten und jenes Wissen abrufen, das dann auch tatsächlich im Berufsalltag gebraucht wird, so zum Beispiel das Hörverständnis eines in Französisch oder Englisch geführten Telefongesprächs, das Ausfüllen von Formularen, das Abfassen von Briefen, usw.
17. Erfolgreiche Wege für alle
Weil ja grundsätzlich alle im Lernzentrum Lernenden ihren Ausbildungsweg aufgrund ihrer Stärken planen und daher in erster Linie Kurse wählen, die ihren spezifischen Interessen entgegenkommen, wird der Weg des Einzelnen durch das Lernzentrum in aller Regel ein Weg von Erfolg zu Erfolg. Nicht erreichte Diplome bilden die Ausnahme und vor allem führt das Nichtbestehen eines Diploms in einem bestimmten Fach nie dazu, dass nicht dennoch gleichzeitig in beliebig vielen anderen Fächern erfolgreich weitergelernt werden könnte. Zudem kann ja jeder nicht erfolgreich abgeschlossene Kurs so oft wiederholt werden, bis das entsprechende Diplom auch tatsächlich geschafft ist. Das heisst: Der anfängliche Misserfolg hat sich, durch wiederholte Anstrengung, schliesslich am Ende doch in einen Erfolg verwandelt - wie beim Kleinkind, das alle seine Anstrengungen, um Laute zu bilden, Wörter auszusprechen, aufrecht sitzen und später aufrecht gehen zu können - sowie alles Weitere, was nach und nach dazu kommt - so oft wiederholt, bis es das, was es am Anfang nicht konnte, nun tatsächlich am Ende kann, wodurch sich alle zuvor erbrachten Anstrengungen gelohnt und ihren Sinn bekommen haben. Dies wiederum im Gegensatz zur traditionellen Selektionsschule, in der ein Kind die in seinem Zeugnis eingeschriebenen schlechten Noten zeitlebens - wie einen Rucksack, der dabei immer schwerer wird und das Kind immer mehr in den Boden drückt - mit sich weiter schleppen muss, ohne dass es jemals die Chance hat, anfängliche Misserfolge in spätere Erfolge umzuwandeln.
Da nichts so sehr beflügelt wie der Erfolg, wird ein Lernsystem, das auf dem Vermitteln möglichst vieler Erfolge auf dem Weg des Lernens beruht, zweifellos dazu führen, dass im Laufe weniger Jahre die meisten Kinder und Jugendlichen im Lernzentrum in der Entwicklung von Wissen und Fertigkeiten weit höhere Fortschritte erzielen werden als im herkömmlichen Schulsystem, das mit seinem jahrgangsklassenweise verabreichten „Einheitsmenu" nicht nur den so genannt „schwächeren" Schülerinnen und Schülern nicht gerecht wird, sondern vor allem auch all jenen, die viel mehr und viel schneller lernen könnten, als es der schulische Gleichschritt zulässt, oder deren hauptsächliche Begabungen auf jenen Gebieten liegen, die - wie Kunst, Tanz, handwerkliches Schaffen, usw. - in der traditionellen Lehrplanschule nur eine untergeordnete Rolle spielen. Insgesamt kann man ohnehin wohl ohne Übertreibung behaupten, dass - in Anbetracht des immensen Lernpotenzials jedes Kindes - in der heutigen Selektions- und Jahrgangsklassenschule die allermeisten Kinder nicht überfordert sind, sondern vielmehr unterfordert bzw. falsch gefordert.
Insgesamt kann man das Lernzentrum als „Talentschule" bezeichnen. Sein oberstes Ziel ist es, aus jedem Menschen ein „Talent" zu machen. Dies im Gegensatz zu der heute weit verbreiteten Tendenz, von „Talenten" nur dann zu sprechen, wenn es um Sport, allenfalls noch Kunst geht, was mittlerweile sogar schon dazu geführt hat, dass da und dort spezielle „Sportschulen" und „Kunstschulen" als „Talentschulen" eingerichtet wurden. Wie wenn alle anderen Menschen keine Talente besässen. Im Gegensatz zu einer „elitären" Definition, die Talente nur insoweit als Talente bezeichnet, als sie der Förderung bestimmter gesellschaftlich „wichtiger" oder besonders finanzkräftiger Interessen dient, ist das Lernzentrum eine echte Talentschule, die ihr höchstes Ziel darin sieht, das in jedem Menschen vorhandene Potenzial an „Genialität" und Einzigartigkeit als sein Talent ans Tageslicht zu bringen.
Es muss an dieser Stelle freilich eingeräumt werden, dass ein Ausbildungssystem, welches die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Berufsbildungswege postuliert und sich ausschliesslich an den Stärken lernender Kinder und Jugendlicher orientiert, noch lange nicht automatisch zur Überwindung der heute noch geltenden, gesellschaftlich akzeptierten Wertung zwischen „höheren" und „niedrigeren" beruflichen Tätigkeiten und Positionen führen wird. Dennoch wird es auf die Persönlichkeitsentwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen zweifellos einen nicht zu unterschätzenden Einfluss haben, ob sie - wie dies in der heutigen Selektionsschule der Fall ist - bereits im Alter von sieben oder acht Jahren zu spüren bekommen, dass sie angeblich „weniger wertvoll", „weniger wichtig" oder gar „weniger gescheit" seien als andere, oder ob sich - wie dies im Lernzentrum der Fall wäre - das Selbstvertrauen aller Kinder und Jugendlichen in ihre individuellen Stärken über acht oder neun Jahre erfolgreichen Lernens hinweg systematisch aufbauen konnte.
18. Lernpläne statt Lehrplan, Gärten statt Treppen...
Ist das Kind in der traditionellen Jahrgangsklassenschule gezwungen, Schritt für Schritt mit einer Gruppe Gleichaltriger einem vorgegebenen Lehrplan zu folgen, auf den es keinerlei Einfluss hat und dem es ohnmächtig ausgeliefert ist, so kann das Kind im Lernzentrum im Gegensatz dazu stets seinem eigenen, individuellen Lernplan folgen - ganz genau so, wie es das bereits während der ersten Jahre seines Lebens getan hat. Mit anderen Worten: Nicht das einzelne Kind hat sich einem vorgegebenen Weg anzupassen, sondern für jedes Kind wird von Jahr zu Jahr ein ausschliesslich seiner persönlichen Entwicklung angepasster Weg durch die Angebote, Projekte und Kurse des Lernzentrums hindurch festgelegt. Dass es hierfür, vor allem bei den jüngeren Kindern, einer entsprechenden Begleitung und Beratung durch Fachpersonen bedarf (mehr darüber im folgenden Abschnitt), versteht sich von selber.
Zwei Beispiele mögen verdeutlichen, wie unterschiedlich solche individuelle Wege des Lernens aussehen können: Alexandra, 15, hat sich definitiv für das Berufsziel der Kaufmännischen Angestellten entschieden. Ausser in Französisch hat sie bereits in allen übrigen Fächern die erforderlichen Diplome absolviert. Somit kann sie nun das letzte Semester vor dem Lehrbeginn für einen Welschlandaufenthalt nutzen, um damit nicht nur ihre Französischdefizite aufzuholen, sondern zugleich eine wertvolle Lebenserfahrung in Richtung Selbstständigkeit zu sammeln. Roger, 10, ist ein ausgesprochen bewegungsfreudiges Kind, alles, was zu langes Stillsitzen und Ruhigsein erfordert, ist ihm ein Gräuel. Er wird zu diesem Zeitpunkt seiner Entwicklung während eines halben Jahres vorwiegend oder fast ausschliesslich Kurse und Projekte besuchen, in denen das Ausleben seiner überschüssigen Energien möglich ist, bis sich innere Ruhe und Konzentrationsfähigkeit so weit entwickelt haben, dass er auch für Lern- und Arbeitsformen bereit ist, die längeres Stillsitzen und Ruhigsein erfordern. In der herkömmlichen Schule wäre Alexandra eine gelangweilte, „abgelöschte" Sekundarschülerin im letzten Schuljahr, die sich täglich über ihre teilweise noch „abgelöschteren" Mitschülerinnen und Mitschüler ärgern würde und auch längst keinen Spass mehr daran fände, sich noch mit Chemie, Physik, Algebra und dergleichen herumschlagen zu müssen, während sie gleichzeitig ihren Traum eines Sprachaufenthalts immer noch nicht hätte ausleben können. Roger wäre in der herkömmlichen Schule ein so genannt „hyperaktives" Kind, das ständig überall anecken und auch andere Kinder bei ihrem Lernen stören würde, vielleicht würde Rogers „Fehlverhalten" mit der Zeit so gravierende Formen annehmen, dass er in der Schule gar nicht mehr „tragbar" wäre, in eine Gruppe „Schwererziehbarer" versetzt oder im Extremfall sogar aus der Schule ausgeschlossen würde.
„Funktioniert" ein Kind in der herkömmlichen Schule, die als einziges „normales" Gefäss die Jahrgangsklasse anbietet, nicht, wird es auf die eine oder andere Weise zum „Sonderfall". Ganz anders im Lernzentrum, wo es für jedes Kind einen ihm passenden Weg gibt. Dies wäre geradezu die höchste Herausforderung für die am Lernzentrum Tätigen: Für jedes noch so „besondere" oder „schwierige" Kind einen Weg zu finden, auf dem es seine spezifische Persönlichkeit erfolgreich entfalten kann und „Anderssein" nicht automatisch zu einer Stigmatisierung führen muss. Nehmen wir als die extremsten Fälle jene Jugendlichen, die im heutigen Schulsystem aufgrund ihres permanenten und „nicht tolerierbaren Fehlverhaltens" schlussendlich, wenn alle anderen, „weicheren" Massnahmen fehlgeschlagen haben, aus der Schule ausgeschlossen und ausgerechnet in einer äusserst schwierigen, heiklen, gefährdeten Phase ihres Lebens sich selber überlassen werden, was unter Umständen schon den Anfang einer von Versagen und Misserfolgen geprägten, nie mehr auf einen guten Weg kommenden Lebenskarriere bedeuten kann. So etwas gibt es im Lernzentrum nicht. Hier hat auch der „schwierigste", „unangepassteste" Jugendliche seinen Platz, zum Beispiel als Kochgehilfe oder im Garten- oder Reinigungsdienst des Lernzentrums, und dies, ohne deswegen auf die eine oder andere Weise missachtet oder diskriminiert zu werden.
Vergleichen wir die heutige Jahrgangsklassen- und Selektionsschule mit dem Lernzentrum, so ist das ein Unterschied wie zwischen einer Treppe und einem Garten. Die Selektionsschule gleicht einer Treppe, bei der alle Kinder zunächst auf dem gleichen Level anfangen, dann von Stufe zu Stufe höher steigen, wobei die Stufen immer schmaler werden und von Jahr zu Jahr eine zunehmende Anzahl Kinder und Jugendlicher über den Rand purzeln, noch einmal anfangen müssen oder liegen bleiben, bis am Schluss eine kleine Anzahl Erfolgreicher die höchste Stufe der Treppe erklommen hat. Bestimmend ist, auf den immer schmaler werdenden Stufen, der gegenseitige Machtkampf um die zukünftigen Sonnenplätze, die nur einer Minderheit vorbehalten sind. Bestimmend ist das Gegeneinander, nicht das Miteinander. Ganz anders das Lernzentrum, das einem Garten gleicht, in dem es für alle einen erfolgreichen Weg ihres Lernens und Weiterkommens gibt, so unterschiedlich, verschlungen, gegensätzlich oder weitläufig diese Wege auch sein mögen.
Und so entfällt durch das Lernzentrum auch jegliche Unterscheidung zwischen „guten" und „schlechten", „gescheiten" und „weniger gescheiten" oder gar „dummen" Kindern. Kein Kind wird am anderen gemessen, sondern jedes nur an sich selber. Cornelia, zehn Jahre alt, hat vier Deutschkurse erfolgreich abgeschlossen, sich während eines halben Jahrs in freies Malen vertieft, an einem grossen Musikprojekt teilgenommen, einen ersten Elementarkurs in Naturkunde erst im zweiten Anlauf erfolgreich bestanden, zwei Monate lang im Schulgarten gearbeitet und möchte sich im kommenden Semester auf Mathematik konzentrieren. Andreas, ebenfalls zehn Jahre alt, hat bereits drei Mathematikkurse erfolgreich abgeschlossen, an mehreren Basketballturnieren teilgenommen, eine Fortsetzungsreihe von zehn Kriminalgeschichten geschrieben, an einem grossen Kunst-werk, welches auf einem öffentlichen Platz in der Stadt aufgestellt wurde, mitgebaut und möchte im kommenden Semester mit Englisch anfangen. Nun, wer ist „gescheiter", „besser", „erfolgreicher" bei seinem Lernen, Cornelia oder Andreas? Die Antwort ist klar: So wenig sich Andreas und Cornelia miteinander vergleichen lassen, so wenig lassen sich ihre Lernwege miteinander vergleichen. Beide sind auf je ihre Weise gescheit, gut und erfolgreich - einfach dadurch, dass sie, was alle Menschen von Natur aus tun, sich Schritt um Schritt jenes Umfeld, jene Anregungen, jene Menschen, Dinge und Betätigungen suchen, welche die in ihnen schlummernden Begabungen und Kräfte am besten zur Entfaltung bringen.
19. Vorhandene Energien werden nicht unterdrückt, sondern sind die eigentlichen Wegbereiter und Türöffner für das Lernen
Ganz anders als in der traditionellen „Sitz- und Zuhörschule", in der man Kinder und Jugendliche dazu zwingt, einen grossen Teil der in ihnen vorhandenen Energien und Kräfte permanent zu unterdrücken - mit all den daraus resultierenden so genannten „Disziplinstörungen" wie auch Haltungsschäden und anderen körperlichen Fehlentwicklungen infolge zu geringer Bewegung -, sind im Lernzentrum die in den Menschen vorhandenen Kräfte und Energien geradezu der Ausgangspunkt für Lernprozesse aller Art. Da sich das Lernen auf dem „Marktplatz" gegenseitigen Lernens und Lehrens aus den natürlichen Bedürfnissen der Menschen immer wieder neu ergibt, werden insbesondere jene Lernfelder, Kurse und Projekte eine vorrangige Rolle spielen, die eben diesen natürlichen Bedürfnissen der Menschen am meisten entsprechen. Dies kann man schon in der heutigen Schule leicht feststellen, wenn zum Beispiel während einer gewissen Zeit - meist einer oder zwei Wochen pro Schuljahr - der traditionelle Schulunterricht durch Projektunterricht ersetzt wird: Alle Lehrkräfte der Schule bieten einen ihren spezifischen Fähigkeiten entsprechenden Kurs ein, die Schülerinnen und Schüler wählen die Kurse aufgrund ihrer spezifischen Interessen. Stets sind in solchen Projektwochen jene Kurse die grössten Renner, in denen die Kinder bzw. Jugendlichen mit ihren Händen und Körpern etwas tun, in denen sie ihre natürliche Bewegungsfreude ausleben, etwas bauen, herstellen, kneten, sich auf der Bühne spielend, singend oder musizierend produzieren, bei Abenteuerspielen im Wald austoben können. Hier - sobald die Kinder die Möglichkeit haben, ihren natürlichen Lernwegen zu folgen - zeigt sich, wie sehr Lernen und Bewegung zusammengehören und wie viel Lernen in den herkömmlichen Schulen nur schon deshalb unentwickelt bleibt, weil der natürliche Bewegungsdrang der Kinder und Jugendlichen nicht aufgenommen, sondern unterdrückt wird im Irrglauben, der Mensch lerne dann am meisten, wenn er möglichst lange und bewegungslos auf einem Stuhl sitze.
20. Mit der Auflösung der Jahrgangsklassen lösen sich viele so genannte „Schulprobleme" von selber
Fast alle heutigen so genannten „Schulprobleme" sind in Tat und Wahrheit Probleme der Jahrgangsklasse. Daher lösen sich diese Probleme von selber, wenn es keine Jahrgangsklassen mehr gibt. Führen wir uns dies an fünf Beispielen vor Augen.
Erstes Beispiel: der Fremdsprachenunterricht. Seit Jahren wird zwischen den Kantonen der Deutschschweiz ein regelrechter Kampf geführt, in welcher Reihenfolge, ab welchem Schuljahr und in welchem zeitlichen Umfang welche Fremdsprache als erste, zweite oder dritte - und welche davon als Pflichtfach oder als Freifach - vermittelt werden soll. Bis heute konnte keine Einigung erzielt werden. Im Lernzentrum ist dies kein Thema. Hier bestimmen nicht die Politiker, sondern die Lernenden selber, zu welchem Zeitpunkt sie mit welcher Fremdsprache beginnen möchten.
Im Lernzentrum können die einen schon im Alter von zehn Jahren drei Fremdsprachen erlernen, während andere mit der ersten Fremdsprache erst im Alter von 11 Jahren beginnen - je nach Interesse und je nach dem sich nach und nach abzeichnenden Berufsziel.
Zweites Beispiel: Spezifische Defizite Fremdsprachiger. Das der deutschen Sprache unkundige 14jährige Kind einer neu aus dem Ausland angekommenen Familie kann im jetzigen Jahrgangsklassensystem in irgendein Schuljahr einsteigen, stets ist es am „falschen Ort": Würde es dort einsteigen, wo es bezüglich seiner Deutschkenntnisse am richtigen Ort wäre, dann wäre es im Vergleich mit seinen Mitschülern und Mitschülerinnen viel zu alt; steigt es dagegen in eine Klasse Gleichaltriger ein, wird es inbezug auf die dort vermittelten Lerninhalte mangels entsprechender Sprachkenntnisse hoffnungslos überfordert sein und eine negative Schulkarriere ist sozusagen schon vorprogrammiert. Ganz anders im Lernzentrum: Hier wird das 14jährige Ausländerkind in jedem Fach das seinen Kenntnissen entsprechende Niveau wählen, ohne im einen oder anderen Fach unter- oder überfordert zu sein.
Drittes Beispiel: Die endlose, nie an ein Ziel gelangende Diskussion, ob möglichst „homogene" oder möglichst „heterogene" Schulklassen anzu-streben seien. Gegen möglichst „homogene" Schulklassen wehren sich all jene, die soziales Lernen ebenso oder noch höher gewichten als rein stoffliches Lernen; gegen möglichst „heterogene" Schulklassen wehren sich logischerweise all jene, für welche die optimale Förderung des Einzelnen inbezug auf inhaltliches, stoffbezogenes Lernen im Vordergrund steht. Auch diese Problematik ist dem Lernzentrum fremd: Stets kommt es auf den jeweiligen Kurs oder das jeweilige Projekt an, ob eine eher homogene oder eher heterogene Zusammensetzung vorteilhafter ist. So werden beispielsweise Lerngruppen in Englisch möglichst homogen zusammengesetzt sein, während umgekehrt ein Theaterprojekt gerade davon lebt, dass sich Menschen mit unterschiedlichstem sprachlichen und sozialen Hintergrund sowie möglichst vielfältigen Begabungen - vom Sprachlichen über Musikalisches bis zum Technischen und Handwerklichen - zu gegenseitig befruchtender, sich ergänzender Arbeit zusammenfinden. Zwar wird oft behauptet, heterogene Lerngruppen seien auch im Bereich stoffbezogenen, kursorischen Lernens von Vorteil, da die leichter und schneller Lernenden auf diese Weise den weniger leicht und schnell Lernenden als „Zugrösschen" dienen können. Dies ist reiner Unsinn. Das Gegenteil ist der Fall: Die weniger schnell und leicht Lernenden fühlen sich durch viel schneller und leichter Lernende erst recht zurückversetzt. Dies kann man leicht feststellen, wenn zum Beispiel am Ende des 8. Schuljahrs aus einer Klasse mehrere Schülerinnen und Schüler an ein Gymnasium übertreten; in aller Regel fühlen sich die verbleibenden, „schwächeren" Schülerinnen und Schüler meist geradezu „befreit", nun nicht mehr unter dem ständigen Konkurrenzdruck durch die „Besten" und „Schnellsten" zu stehen, auf einmal zeigen sich bei ihnen - durch gestiegenes Selbstvertrauen - Lernfortschritte, die kurz zuvor noch undenkbar gewesen wären.
Viertes Beispiel: die ebenfalls nicht gelöste - und auch nicht lösbare - Frage, ob geschlechtsgemischte oder geschlechtsgetrennte Schulklassen in Bezug auf das Lernen vorteilhafter seien. Wiederum ist dies im Lernzentrum kein Thema, wird dies doch von den Lernenden selber bestimmt: Mädchen, die in einem bestimmten Alter für das eine oder andere Thema, den einen oder anderen Kurs, das eine oder andere Projekt gezielt unter „Ihresgleichen" sein möchten, werden dies bei der Auswahl ihres Lernprogramms berücksichtigen - ebenso wie jene, für die der Kontakt und die Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht vorrangig sind, gleichermassen die Möglichkeit haben, dies bei der Auswahl ihres Lernprogramms zu berücksichtigen. Gerade in diesem Punkt erweist sich die traditionelle Jahrgangsklassenschule als überaus schwerfällig und unflexibel. Obwohl die Interessen und der Entwicklungsstand 14jähriger Jungs und 14jähriger Mädchen meilenweit auseinander liegen, werden sie im jetzigen starren Klassensystem gezwungen, jeden Tag im gleichen Schulzimmer dem gleichen Stoffprogramm zu folgen und sich dabei buchstäblich gegenseitig so sehr zu behindern, zu stören und auf die Nerven zu gehen, dass in Bezug auf die jeweiligen persönlichen Lernbedürfnisse kaum viel Gescheites dabei heraus schauen kann.
Fünftes Beispiel: Das Problem der so genannten „Hochbegabten". Für sie hat das traditionelle Jahrgangsklassensystem eine einzige „Lösung" bereit: das Überspringen einer Klasse. Wie wenn haargenau der Schulstoff sämtlicher Fächer eines einzigen, bestimmten Schuljahrs für diese Kinder „überflüssig" wäre! Um wie viel adäquater ist hier das Angebot eines Lernzentrums: Jedes Kind folgt in jedem Lernfeld dem stufenmässigen Aufbau von Kurs zu Kurs, von Diplom zu Diplom, ohne etwas auszulassen, bloss in seinem Tempo. Zudem ist solchermassen individuelles Lernen im Lernzentrum für alle Kinder das Normale und Selbstverständliche, während all jene so genannt „hochbegabten" Kinder, welche im jetzigen starren Jahrgangsklassensystem eine Klasse überspringen, zu eigentlichen Sonderfällen werden und dies nicht selten nur allzu schmerzlich von ihren Mitschülern und Mitschülerinnen zu spüren bekommen. Ganz abgesehen davon, dass „Hochbegabung" hier ohnehin nur in intellektueller Hinsicht verstanden wird und kein Mensch auf die Idee käme, ein Kind ein Klasse überspringen zu lassen, bloss weil es künstlerisch, handwerklich, sozial oder sportlich „hochbegabt" ist.
21. Vom Kinderhaus ins Lernzentrum; die Bedeutung von Begleitung, Beratung und verlässlichen Bezugspersonen
An dieser Stelle soll kurz auf eine Frage eingegangen werden, die sich unwillkürlich stellt, wenn wir uns eine Bildungsinstitution vorstellen, in der grundsätzlich alles Lernen freiwillig erfolgt. Könnte es nicht sein, dass es Kinder gäbe, die überhaupt keine Interessen zeigten und sich weigerten, auch nur einen einzigen Kurs zu besuchen? Würden solche Kinder dann nicht einfach zuhause sitzen bleiben und weiterhin mit ihren Teddybären und Bauklötzen spielen, bis sie erwachsen wären? Die Antwort liegt auf der Hand: Ein jedes Kind will lernen, und zwar soviel, als es nur kann. Kein Kind ist von Natur aus lernverweigernd. Ein jedes ist neugierig und wissensdurstig. Ein jedes Kind will erwachsen werden und eines Tages zur Welt der Grossen gehören. Es ist deshalb wohl kaum zu befürchten, dass sich ein Kind dem Angebot eines Lernzentrums, wo sich unzählige spannende Dinge erfahren und erleben lassen, verweigern wird. Sollte dies dennoch der Fall sein, so müsste im Einzelfall abgeklärt werden, wo die Gründe dafür liegen. Einfach gesagt: Kinder, die nicht lernen wollen, müssen seelisch kranke, blockierte, verletzte Kinder sein. Denn nicht lernen wollen ist im Grunde nichts anderes als nicht leben wollen. Solche Kinder müssen seelisch geheilt werden, damit sie überhaupt richtig leben können - in diesem Punkt ist das Lernzentrum weder ein besseres noch ein schlechteres Lernsystem als die traditionelle Lehrplanschule. Der Unterschied liegt nur darin, dass man in der traditionellen Lehrplanschule auch seelisch kranke Kinder „mitschleppen" kann, ohne sie tatsächlich zu heilen - weil sie ja gar keine Möglichkeit haben, ihre Lernverweigerung offen zum Ausdruck zu bringen. Während das Kind, das sich jeglichen Angeboten des Lernzentrums verweigert, gerade dadurch zeigt, dass es dringend auf Hilfe von aussen angewiesen ist.
Sehen wir uns nun noch den Übergang zwischen dem frühkindlichen Lernen der ersten Lebensjahre und dem selbstbestimmten weiterführenden Lernen im Lernzentrum etwas genauer an. Es versteht sich von selber, dass ein Kind im Alter von sechs oder sieben Jahren masslos überfordert wäre, sollte es sich zu diesem Zeitpunkt bereits in den vielfältigen, ja geradezu unübersehbaren Lernangeboten des Lernzentrums zurechtfinden. Es braucht einen Übergang zwischen dem häuslichen Lernen der ersten Lebensjahre und dem ersten Schritt ins Lernzentrum.
Stellen wir uns zu diesem Zweck so etwas vor wie Kinderhäuser: Spielen, Lernen, gemeinsames Tun in stabilen Gemeinschaften mit fest zugeordneten Bezugspersonen, idealerweise in einem „richtigen" Haus, mit Küche, Garten, Werkstatt - eine Art „Grossfamilie", vergleichbar mit heutigen Kindergärten. Im Gegensatz zum traditionellen Kindergarten enthält das Kinderhaus aber bereits erste Ansätze und Bezugspunkte zum Lernzentrum: Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene wirken auf die eine oder andere Weise im Kinderhaus mit, erste Projekte ausserhalb des Kinderhauses führen die Kinder schon schrittweise in die zukünftige Arbeitswelt und ins soziale Gefüge von Quartier und Gemeinde. Und dann, eines Tages, ist es soweit, nicht bei jedem Kind zum gleichen Zeitpunkt, sondern je nach dem Grad seiner Reife und Selbstständigkeit: Die Räume des weiteren Lernens werden nun, etwa im Alter zwischen acht und zehn Jahren, nach und nach ausgeweitet und geöffnet. Es kommt der Tag, an dem das Kind zum ersten Mal das Kinderhaus verlässt und das Lernzentrum betritt. Ganz klar, dass dies nicht ein völliger Bruch zwischen Bisherigem und Neuem sein kann, sondern behutsam und schrittweise erfolgen muss, dass es zunächst einer starken Begleitung durch die bisherigen erwachsenen Bezugspersonen bedarf und dass die Kinder auch jederzeit die Möglichkeit haben müssen, vorübergehend oder auch für längere Zeit ins Kinderhaus zurückzukehren. Es ist die Phase einer ersten grossen Verselbstständigung, einer neuen Phase in der natürlichen Entwicklung des Kindes, es beginnt die Zeit, da sich die erwachsenen Bezugspersonen Schritt um Schritt zurücknehmen, bis sie, im besten Falle, als Begleiterinnen und Förderer dieser Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, überflüssig geworden sind.
Gleichwohl wird im Lernzentrum jedem Kind in der Person eines „Mentors" bzw. einer „Mentorin" eine feste erwachsene Bezugsperson zugeteilt, die während der gesamten Dauer, da ein Kind bzw. Jugendlicher das Lernzentrum durchläuft, für dieses Kind bzw. Jugendlichen verantwortlich ist. Niemand wird allein gelassen, jedes Kind weiss: Wenn ich irgendwo ein Problem habe, wenn irgendetwas nicht gut läuft, wenn ich selber nicht mehr weiterkomme, dann ist immer jemand da, dem ich mich anvertrauen kann, der Zeit für mich hat, der mich schon seit Jahren kennt und mir auch dann bedingungslos zur Seite steht, wenn alles rundherum schief gelaufen ist. Dies im Gegensatz zur heutigen Schule, wo ein Kind, das die Schulklasse wechselt oder durch Klassenrepetition eine neue Lehrkraft bekommt, es immer wieder mit neuen und anderen Bezugspersonen zu tun hat, und Kinder wie auch Jugendliche, welche - aus was für Gründen auch immer - ein belastetes oder „gestörtes" Verhältnis zu ihrer Klassenlehrkraft haben, keine erwachsene Bezugsperson an der Seite haben, deren Grundvertrauen ihnen gegenüber selbst bei grössten Schwierigkeiten nicht abbricht.
22. Unechte und echte soziale Gemeinschaften
Ein schwer wiegendes Argument gegen die Individualisierung des Lernens und die damit verbundene Auflösung von Jahrgangsklassen könnte lauten, dass mit der Auflösung der Jahrgangsklasse zugleich jene soziale Gemeinschaft verschwände, auf welche gerade schwächere oder labilere Kinder in besonders hohem Masse angewiesen seien. Solche Bedenken sind allerdings leicht zu entkräften. Erstens sind Jahrgangsklassen naturgemäss eben gerade nicht echte soziale Gemeinschaften, sondern künstlich zusammengesetzte Gebilde, die dazu dienen, ihre Mitglieder gegeneinander um die zukünftigen Sonnenplätze kämpfen zu lassen, was nicht selten zu äusserst verletzenden gegenseitigen Verhaltensweisen - Hänseleien, Gespött, Mobbing, Gewalt, usw. - führen kann, so dass die viel gelobte „soziale Gemeinschaft" der Jahrgangsklasse für manch ein Kind viel eher die Hölle als das Paradies bedeutet. Zweitens werden ja - durch „Sitzenbleiben" infolge „ungenügender" Schulleistungen - häufig ausgerechnet jene Kinder, die oft bereits sozial oder familiär benachteiligt sind, zusätzlich noch aus der „sozialen Gemeinschaft" der Jahrgangsklasse herausgerissen und in ein total neues soziales Umfeld verpflanzt. Was für eine „soziale Gemeinschaft" ist das denn das, die ausgerechnet gegenüber ihren schwächsten Gliedern am wenigsten Rücksicht nimmt?
Ganz anders im Lernzentrum. Hier werden soziale Gemeinschaften, zu denen sich Kinder und Jugendliche aufgrund gemeinsamer Interessen und Sympathien zusammenfinden, nie gewaltsam auseinander gerissen. Wie eng und in wie vielen Kursen und Projekten Einzelne mit anderen zusammen sein und arbeiten möchten, entscheiden sie immer selber, ebenso, wie sie sich auch ihre Lehrer und Lehrerinnen selber aussuchen. Niemals werden die zwei besten Freundinnen auseinander gerissen, so wie dies in der heutigen Schule der Fall ist, wenn beide in der 6. Klasse sind und eine von ihnen der Sekundarschule, die andere der Realschule zugewiesen wird, oder wenn die eine von ihnen in die nächst höhere Klasse aufsteigen darf und die andere „sitzen bleiben" muss.
23. Gemeinsames Bemühen zum Wohle aller; grundlegende pädagogische und lernpsychologische Erkenntnisse als Basis des Lernzentrums
Beratung und Begleitung der Lernenden ist allgemein ein unverzichtbarer Bestandteil des Lernzentrums, nie aber in Form von Zwang, sondern immer in Form von Hilfe, Unterstützung und Angebot. Konkret können wir uns das so vorstellen, dass mindestens halbjährlich, wenn es um die Festlegung der im folgenden Semesters zu belegenden Kurse und Projekte geht, ein umfassendes Beratungsgespräch stattfindet, an dem das Kind, sein „Mentor" bzw. seine „Mentorin", die Eltern sowie, falls erforderlich, weitere pädagogische Fach- und Beratungspersonen wie Berufsberaterin etc. teilnehmen. Hier wird über das abgelaufene Semester Bilanz gezogen, hier werden die Lernfortschritte in diesem oder jenem Bereich festgehalten, hier geht es darum, das Programm für das kommende Semester gemeinsam festzulegen. Diese Beratungsgespräche sind vor allem auch deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil des Lernzentrums, weil es ja - gerade angesichts der verlockenden Fülle aller im Lernzentrum angebotenen Kurse und Projekte - niemals so weit kommen darf, dass Eltern ihre Kinder sinnlos dazu antreiben, sich im Laufe eines Semesters so viele Diplome in so vielen verschiedenen Lernzweigen wie nur möglich zu erwerben. Hier liegt vielleicht sogar der zentrale Knackpunkt, an dem die Idee des Lernzentrums scheitern oder gelingen könnte: Kein Gras wächst schneller, wenn man daran zieht; zu schnelles Lernen führt bloss zu noch schnellerem Wiedervergessen; jedes Lernen braucht seine Zeit; zu grosser Stress und Hektik verhindern Lernen; Überforderung ist ebenso schädlich wie Unterforderung - diese grundlegenden pädagogischen und lernpsychologischen Erkenntnisse müssen sozusagen die Basis bilden, auf dem das Lernzentrum beruht. Deshalb ist das Lernen im Lernzentrum nicht nur das Lernen der Kinder, sondern immer auch das Lernen ihrer Eltern, das gemeinsame Bemühen darum, mithilfe der bestmöglichen Erkenntnisse aller daran Beteiligten Lernen, Lebensfreude und Erfolg miteinander zu verbinden - und nicht, wie dies im heutigen, fast ausschliesslich auf Selektion ausgerichteten Schulsystem der Fall ist, aufgrund von erwachsenem Macht- und Prestigedenken die eigenen Kinder in einen gnadenlosen gegenseitigen Wettkampf um „Glück" und „Erfolg" zu schicken, aus dem einige wenige als Erfolgreiche hervorgehen und der auf der anderen Seite eine immer grössere Zahl von ihnen scheitern und zerbrechen lässt. Bezeichnenderweise finden in den heutigen Schulen daher auch kaum je tief greifende pädagogische Diskussionen zwischen Lehrkräften statt und zwischen Lehrkräften und Eltern schon gar nicht - ganz einfach deshalb, weil die heutige Schule fast ausschliesslich auf einigen wenigen nicht hinterfragten Prinzipien bzw. „heiligen Kühen" beruht, Kritik seitens von Eltern daher meist als nicht akzeptierbare „Einmischung" empfunden wird und die Schule insgesamt alles andere als eine wirklich pädagogische Institution ist.
Führen wir uns die Unmenge an gegenwärtig bereits bestehenden ausserschulischen Beratungsstellen und Aktivitätsangeboten aller Art vor Augen: Autogenes Training, Berufsberatung, Sozialberatung, Jugendarbeit, Familienberatung, Suchtberatung, Yoga, Maltherapien, kinder- und schulpsychologische Beratungsstellen, Timeout-Schulen, Erziehungskurse und vieles vieles mehr. Heute dienen alle diese Angebote zum grössten Teil als nachgeschobene Symptombekämpfung: Ist etwas schief gelaufen, sucht man die entsprechende Beratungsstelle auf oder unterzieht sich dieser oder jener Therapie. Zudem ist es immer öfters eine Frage der finanziellen Verhältnisse, ob man sich dieses oder jenes Angebot überhaupt noch leisten kann. Im Lernzentrum sind diese Angebote alle integriert, sie sind feste Bestandteile eines gemeinsamen, übergreifenden Bildungs- und Beratungsangebotes, wodurch die hierfür ausgebildeten Fachkräfte nicht erst im Nachhinein, zur Symptombekämpfung, sondern bereits an der Quelle möglicher „Fehlentwicklungen" ihr Wissen und ihr Potenzial einbringen und damit von Anfang an ihren Teil zum Gelingen des Ganzen beitragen können.
24. Lebenslanges Lernen; Lernzentren als Kristallisationspunkte gesellschaftlicher Zukunftsarbeit
Eigentlich ist es - im traditionellen Bildungssystem - absurd: Während der ersten fünf oder sechs Jahre des Lebens überlässt man das Lernen des Menschen sozusagen sich selber. Dann fährt mit voller Wucht eine neunjährige Volksschule ein, und zwar so umfassend und mit einem von Schuljahr und Schuljahr so massiv wachsenden Stoff- und Zeitprogramm, dass buchstäblich bis am Schluss auch noch das letzte Kind die Freude an seinem Lernen verloren hat. Und dann, für den Rest des Lebens, überlässt man die Menschen und ihr Lernen wiederum sich selber - ja man wirft ihnen sogar alle möglichen Knüppel zwischen die Beine, indem man ihnen - die ja nun, um eine Familie ernähren zu können, auf ein möglichst lückenloses und volles Einkommen angewiesen sind - kaum je jene Zeit und jene finanzielle Unterstützung zu gewähren bereit ist, die sie bräuchten, um neu erwachten Lern- und Bildungsbedürfnissen nachgehen zu können.
Im Lernzentrum verteilt sich das Lernen gleichmässig über das ganze Leben. Dass dies auch eine andere Verteilung der lebenslangen Erwerbsarbeit und gewiss auch eine Überwindung der heutigen gesellschaftlichen Spaltung in „Arbeitbesitzende" und „Arbeitslose" bedingen würde, versteht sich von selber. Aber selbst wenn diese gesellschaftlichen Veränderungen noch in weiter Ferne liegen, so wäre das Lernzentrum dennoch hier und heute schon ein Ort lebenslangen Lernens, zumindest an Abenden, in arbeitsfreien Zeiten, an Wochenenden, in den Ferien. Denken wir nur an die sozialen Beziehungen innerhalb einer Gemeinde, an alle möglichen Arten von Belastungen und Konflikten, die uns heute allenthalben das Leben schwer machen: gegenseitige Vorurteile, Neid, Hass, Gewalt, Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit, Zukunftsängste, Verschuldung, Konsumismus, Stress, Hektik, gesundheitliche und seelische Belastungen durch menschenfeindliche Arbeitsbedingungen, Erziehungsschwierigkeiten, Alkoholismus, Depressionen, Einsamkeit. Besteht da nicht ein immenser gesellschaftlicher Handlungsbedarf für das gegenseitige Austauschen von Lebenserfahrungen, für das gegenseitige Öffnen der Betrachtungsweisen und das Hineinschauen in andere Lebenswelten, kurz: für Lernen im aller weitesten Sinne des Wortes, um eine bessere Zukunft gemeinsam und mit den nur erdenklich kreativsten und innovativsten Ideen neu zu denken und aufzubauen?
Werden die sozialen Schichten durch die heutige Selektionsschule systematisch voneinander getrennt - mit allen sich daraus ergebenden negativen Folgen auf das gegenseitige Verständnis und die gegenseitige Akzeptanz zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen -, so treffen sich im Lernzentrum Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft zum gemeinsamen und gegenseitigen Kennenlernen, Austauschen von Lebenserfahrungen und dem Vermitteln von Kenntnissen und Fertigkeiten aus der eigenen Arbeits- und Berufswelt an andere. So können zahlreiche Brücken geschlagen werden zwischen Segmenten der Bevölkerung, die heute nahezu hermetisch voneinander abgeschirmt sind.
25. Lernzentren statt Schulen - ein Gewinn für alle
Lernzentren wären - im Vergleich zu den heutigen Schulen - ein Gewinn für alle. Ein Gewinn für die Kinder, die wieder so lustvoll und erfolgreich weiter lernen könnten, wie sie dies alle schon in den ersten Jahren ihres Lebens getan haben. Ein Gewinn für ihre Eltern, die sich nichts Besseres wünschen können als einen Ort, wo es ihren Kindern wohl ist und wo sie jene Voraussetzungen vorfinden, unter denen die in ihnen schlummernden Talente, Begabungen und Potenziale am bestmöglichen zur Entfaltung gelangen können. Ein Gewinn auch für die Lehrenden, die sich auf die Vermittlung all jener Fächer und Wissensgebiete konzentrieren könnten, die ihnen selber am meisten Spass machen, und die es in allen Kursen und Projekten ausschliesslich mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun hätten, welche sich freiwillig und aus echtem Interesse für die Teilnahme an diesen Kursen oder Projekten entschieden haben. Ein Gewinn gewiss aber auch für die Wirtschaft, der nichts so willkommen sein kann wie angehende Berufsleute, welche während acht entscheidenden Jahren ihrer Persönlichkeitsentwicklung in erster Linie herausgefunden haben, was sie alles können und wozu sie fähig sind - und nicht vor allem erfahren haben, was sie alles nicht können und wozu sie nicht fähig sind. Schliesslich ein Gewinn für die ganze Gesellschaft, der mit den Lernzentren jene Plattformen zur Verfügung stünden, die sie braucht, um ihre immer drängender werdenden sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zukunftsprobleme gemeinsam und konstruktiv anpacken zu können.
Bleiben wir an dieser Stelle für einen Moment bei der Jugend. Man sagt ja - und es gibt wohl kaum einen ernst zu nehmenden Politiker, der dies nicht bei jeder Gelegenheit wiederholen würde -, die Jugend sei unsere Zukunft. Nehmen wir das aber wirklich ernst und lassen wir diesen Worten echte Taten folgen, dann können wir nicht mehr länger zuschauen, wie eine immer grösser werdende Anzahl Jugendlicher gesellschaftlich an den Rand gedrängt oder sogar gänzlich daran gehindert wird, zu vollwertigen, anerkannten Mitgliedern der Erwachsenengesellschaft zu werden. Wie viele Jugendliche sind schon „abgelöscht", bevor sie überhaupt die ersten Schritte in diese Erwachsenenwelt tun konnten. Steigender Alkoholkonsum, Depressionen, die hohe Anzahl von Suiziden im Jugendalter, Zerstörung und gegenseitige Gewalt - dies alles sind in aller Regel Hinweise darauf, dass die betroffenen Jugendlichen in einer der wichtigsten und zu-gleich schwierigsten Phasen ihres Lebens offensichtlich nicht genügend Anerkennung, Wertschätzung und Vertrauen in die eigenen Kräfte erfahren durften und dann eben gezwungen sind, sich die fehlende Anerkennung auf anderen, nur zu oft destruktiven und letztlich selbstzerstörerischen Wegen zu suchen - ein wahrer Teufelskreis, werden dadurch die schon vorhandenen Probleme und Schwierigkeiten doch nur umso grösser. Hier setzt das Lernzentrum mit seiner Philosophie, jedem Menschen in erster Linie nicht seine Schwächen, sondern seine Stärken bewusst zu machen, an der Wurzel allen Übels an. Schliesslich dürfte - dies wäre die konsequente Weiterführung dieses Grundprinzips - kein Jugendlicher das Lernzentrum verlassen, bevor ihm nicht ein gesicherter weiterführender Ausbildungsplatz garantiert wäre. Es gibt genügend Möglichkeiten, junge Menschen sinnvoll zu beschäftigen, und jede noch so weit hergeholte Alternative zur Jugendarbeitslosigkeit ist immer noch besser als diese. Weshalb könnte man nicht mit Siebzehn- und Achtzehnjährigen, die noch keinen Ausbildungsplatz haben, ein Theater- oder Zirkusprojekt auf die Beine stellen und damit auf Tournee gehen? Oder vom Lernzentrum aus Sozialeinsätze für alleinstehende Betagte, Hilfsaktionen in einer von Unwetter betroffenen Region oder Austauschprojekte mit Jugendlichen aus anderen Ländern organisieren? Weshalb sollte es im Lernzentrum nicht eine Werkstatt geben, wo handwerklich geschickte Jugendliche mit der entsprechenden Unterstützung erwachsener Fachpersonen einfachere Reparaturarbeiten - wie etwa von Fahrrädern - ausführen könnten? Oder weshalb nicht kreativ begabte Jugendliche in einem Malatelier mit der Betreuung von jüngeren Kindern beauftragen?
26. Das Lernzentrum: eine echte „Leistungsschule"
In aktuellen Schuldiskussionen ist häufig der Ruf nach „mehr Leistung" zu hören. Tatsächlich haben all jene, die der Schule vorwerfen, sie sei „zu wenig effizient" und die tatsächlichen Lernerfolge liessen zu wünschen übrig, nicht ganz Unrecht. Tragisch und geradezu kontraproduktiv ist aber, wenn solche Kritik dazu führt, dass der allgemeine Stoff- und Prüfungsdruck massiv gesteigert, härtere Notenmassstäbe angesetzt, „unwichtige" Nebenfächer abgebaut oder gar gestrichen und damit mehr Kinder zu Repetenten, „Sonderschulkindern" und Schulversagern gemacht werden. Das alles ist so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was eigentlich zu tun wäre. Mit „Leistungsförderung" jedenfalls hat es kaum etwas zu tun. Mehr Druck durch Prüfungen und Noten verschärft bloss den Konkurrenzkampf unter den Kindern, macht sie noch abhängiger von äusserer, fremdbestimmter Lernbeurteilung und - vor allem - lässt all das verkümmern, was ebenfalls „Leistung" wäre, in einem so eng gefassten, einseitigen Leis-tungsbegriff aber keinen Platz mehr findet.
Demgegenüber könnte man die Zielsetzungen des Lernzentrums als echten Beitrag zur Leistungsförderung bezeichnen. Das Lernzentrum geht ja davon aus, dass sämtliche in Kindern und Jugendlichen vorhandenen Kräfte und Begabungen möglichst optimal zu fördern sind. Erstens, indem - durch individuelle Kursteilnahme - das vorhandene Lernvermögen und der Schwierigkeitsgrad des vermittelten Lernstoffes möglichst genau aufeinander abgestimmt sind, um sowohl Unter- wie auch Überforderung bestmöglich zu vermeiden. Zweitens, indem der natürlichen Lernbegierde des Kindes keinerlei künstliche Schranken auferlegt werden - es kann so viele Kurse wählen, wie es will, kann den schwierigsten und anspruchsvollsten Themen nachgehen, niemand hält es dabei auf. Drittens, indem das Lernen nicht auf stures Schulbuchpauken und Auswendiglernen beschränkt bleibt, sondern durch die Einbettung in „Lebensprojekte", durch Praxisbezug, sinnvolle Anwendung und den Bezug zu Fach- und Berufsleuten stets vertieft und erweitert wird. Viertens, indem dies alles freiwillig geschieht und dadurch Lerneifer und Lernerfolg viel eher begünstigt werden als durch Bevormundung und Zwang.
Menschen aufbauen, nicht Menschen abbauen, das wäre die Hauptdevise, an der alle im Lernzentrum Tätigen täglich arbeiten würden. Und somit wäre das Lernzentrum in der Tat jene „Leistungsschule", von der so viele träumen, die wir aber mit unserem gegenwärtigen, viel zu einseitigen und viel zu sehr an altem Denken gebundenen Anstrengungen immer wieder vereiteln oder tragischerweise sogar in ihr Gegenteil verkehren.
27. Von der Schule zum Lernzentrum: Wege der Realisierung
Bleibt schliesslich die schwierige, nicht zu unterschätzende Frage, auf welchem Wege und mit was für einem organisatorischen und finanziellen Aufwand es überhaupt möglich wäre, heutige Schulen in zukünftige Lernzentren umzubauen. Der einzig - politisch und finanziell - gangbare Weg würde wohl darin bestehen, bestehende Strukturen Schritt um Schritt aufzulösen und in neue Strukturen zu integrieren, ein fliessender Übergang also, in dem alle bestehenden Ressourcen für den Aufbau des Neuen genutzt und nur insoweit ergänzt werden müssten, als es in Bezug auf die Grundidee des Lernzentrums unumgänglich wäre.
Sehen wir uns das am Beispiel eines typischen Quartierschulhauses mit je einem Klassenzug von der ersten bis zur sechsten Klasse an. In der traditionellen Jahrgangsklassenschule sitzt jede Klasse in ihrem Schulzimmer und wird fast in sämtlichen Fächern über zwei oder drei Jahre hinweg von der gleichen Lehrkraft unterrichtet, tägliche Unter- und Überforderungen sind an der Tagesordnung, die Freiheit der Kinder, ihren eigenen Lernwegen zu folgen, ist äusserst gering und wer den - bei einem Notendurchschnitt von 4,0 angesetzten - Mindestanforderungen nicht genügt, muss entweder ein Schuljahr wiederholen oder wird in eine Klein-, Förder- oder Spezialklasse versetzt. Das gleiche Schulhaus, die gleichen Kinder, die gleichen Lehrkräfte könnten sich aber auch - im Sinne eines Lernzentrums - ganz anders organisieren. Das sähe dann zum Beispiel so aus: In der ersten Schulstunde (8 bis 9 Uhr) findet an drei Wochentagen Deutschunterricht statt, an den anderen beiden Englischunterricht. Die Kinder sind nun nicht mehr klassenweise gruppiert, sondern in Niveaugruppen von eins bis sechs, jedes Kind entsprechend seinem bisherigen Lernstand, seinen Fähigkeiten und seinen Interessen. Jede der sechs im Schulhaus arbeitenden Lehrkräfte unterrichtet eines der sechs Niveaus. Das Gleiche zwischen 9 und 10 Uhr, nur dass nun die mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundfächer auf dem Programm stehen und sich alle Kinder gemäss ihrem fachspezifischen Entwicklungsstand wieder neu gruppieren. Zwischen 10 und 12 Uhr sodann werden „Projekte" angeboten, die sich über eine oder mehrere Wochen erstrecken. Hier haben die Kinder die freie Wahl zwischen Projekten aus Bereichen wie Theater, Natur, Kunst, Sozialem, Musik, und so weiter. In den Projekten findet all jenes „ungeplante", den individuellen Lernwegen und Lernbedürfnissen des einzelnen Kindes entsprechende Lernen statt, Learning by Doing, Lernen, dessen Effizienz gerade darin besteht, dass einem gar nicht bewusst ist, dass man lernt. Im Bereich der Projekte braucht es daher auch keinen Lehrplan, jede Schule - bzw. jedes Lernzentrum - würde unterschiedliche Projekte anbieten, je nach den Ressourcen des zur Verfügung stehenden Lehrpersonal, und sich dabei, wie es heute schon überall propagiert, bloss noch nirgends umgesetzt wird, ihr eigenes, unverwechselbares „Profil" geben. Schauen wir uns nun noch das Nachmittagsprogramm an: Während einer bis zwei Stunden (ab 13 oder 14 Uhr) finden „Kurse" statt, vom PC-Kurs über Werken, Schachspielen, Kochen und Volleyball bis zu Französisch und Spanisch. Einige dieser Kurse - wie zum Beispiel Schachspielen - sind semesterweise in sich abgeschlossen, andere - wie zum Beispiel Französisch - bauen aufeinander auf, wer also zum Beispiel den Französischkurs 5 besuchen will, muss vorher den Kurs 4 erfolgreich abgeschlossen haben, usw. Schliesslich die Zeit ab 15 Uhr, die grundsätzlich Freizeit ist, in der aber all jene mannigfachen, wertvollen, lernintensiven und motivierenden, von Vereinen, Freizeitclubs usw. organisierten Angebote stattfinden können, die heute mühsam in kurze Mittagspausen (Beispiel Instrumentalunterricht), in die Abendstunden (Beispiel Sportclubs), in den Samstagnachmittag (Beispiel Pfadfinder) oder gar in die frühen Morgenstunden (Beispiel Spitzensport wie Eislaufen, Schwimmen, usw.) gequetscht werden müssen und daher nur zu oft mit den Anforderungen der Schule kollidieren, zu Stress, Hektik und Überlastung führen und deshalb leider nicht selten mit zunehmendem Alter nach und nach aufgegeben werden müssen. Zudem stünde die als „Aktivitäten aller Art" definierte und somit unverplante Zeit ab 15 Uhr auch all dem zur Verfügung, was Kinder und Jugendliche aus eigener Initiative und ohne Zutun von Erwachsenen miteinander organisieren können - in den Wald gehen, Hütten bauen, Zirkus spielen, usw. usw. -, für die Entwicklung von Selbstständigkeit und bewusster Freizeitgestaltung wohl etwas vom Allerwertvollsten.
Das skizzierte Modell lässt sich beliebig weiterdenken. Je grösser eine Schule, umso vielfältiger ihre Angebote, umso individueller die Wege des Lernens. Kommen heutige Primar- und Oberstufenschulen zu einem Lernzentrum zusammen, sodann auch Berufsschulen, öffnet sich schliesslich das Ganze für Lernende über alle Altersgrenzen hinweg, verbinden sich diese Angebote wiederum mit Bibliotheken, kulturellen Aktivitäten aller Art, Lehrwerkstätten, Künstlerateliers, und so weiter und so fort - dann nähern wir uns damit Schritt um Schritt immer mehr dem eigentlichen „Lernzentrum". Dabei ist es ganz und gar nicht zwingend, dass alle diese Angebote unter dem gleichen Dach zusammengefasst sein müssten, es genügte schon, zwischen all den unterschiedlichen Lernangeboten gegenseitige Türen zu öffnen, Lehrende und Lernende miteinander in Kontakt zu bringen, Lernen ganz einfach wieder als das zu begreifen, was es von Natur aus ist, nämlich Leben. So etwa könnte man, um nur zwei Beispiele zu nennen, die Werkstatt einer Autogarage an einem oder zwei Tagen pro Woche auch für Jugendliche öffnen, die erste technische Grundkenntnisse von Motoren oder Fahrzeugbau erwerben möchten. Oder man könnte spezielle Ateliers einrichten, wo professionelle Künstlerinnen und Künstler zu bestimmten Zeiten gemeinsame Projekte mit an Malerei, Bildhauerei, Literatur oder Fotografie besonders interessierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durchführen würden. Nebst solchen „schrittweisen" Realisierungen von Lernzentren oder Teilen davon könnten - vorerst an einigen wenigen Orten, wo ohnehin Schulhausneubauten anstehen - modellhaft Lernzentren geplant werden, die sich dann auch in ihrer räumlichen Ausgestaltung wesentlich von traditionellen Schulhäusern unterscheiden würden - sozusagen als Vorbilder für Umbauten, Erweiterungen oder Neuorganisationen bestehender Einrichtungen an anderen Orten.
28. Der Kern des Neuen liegt in der Schale des Alten
Glücklicherweise muss das Lernzentrum nicht von Grund auf neu erfunden werden. In vielerlei Ansätzen besteht es bereits innerhalb des bestehenden Bildungswesens. Und diese Ansätze sind, wie könnte es anders sein, das innerhalb des bestehenden Systems bereits heute am besten Funktionierende und Effizienteste. Vier Beispiele.
Erstes Beispiel: der Kindergarten. Es handelt sich dabei zweifellos um die „pädagogischste" Stufe der traditionellen Volksschule. Hier werden die Prinzipien natürlichen, selbst bestimmten Lernens noch weitaus am meisten beachtet: Die Kinder haben viel Zeit und Raum, ihren eigenen Lernwegen zu folgen, die Welt aufgrund ihrer eigenen Neugierde und ihrer eigenen Fragen zu entdecken und dabei konkret zu erleben und zu erfahren, wie dieses Lernen sie jeden Tag ein klein wenig „grösser" macht. Unsere Schule sähe gewiss gänzlich anders aus, wenn die Kindergärtnerinnen die Kinder auch während der späteren Schuljahre weiter begleiten könnten, haben sie doch den engsten Bezug und das grösste Wissen darüber, was die Kinder vor der Schule, in ihren ersten Lebensjahren, aus eigener Kraft schon alles gelernt hatten. So aber, indem die Kinder von der Kindergärtnerin zur Unterstufenlehrerin, dann zur Mittelstufenlehrerin und schliesslich zum Oberstufenlehrer „weitergereicht" werden, geht von diesem Wissen jedes Mal wieder etwas verloren und den ausschliesslich auf „ihrer" jeweiligen Stufe Unterrichtenden wird gar nie bewusst, wie viel von der ursprünglichen Lernfreude der Kinder als Folge eines Schulunterrichts, der die Gesetze des natürlichen Lernens viel zu wenig beachtet, von Jahr zu Jahr verloren geht.
Zweites Beispiel: die Basisstufe. Ihre - pädagogische - Grundidee wäre, dass das individuelle Lernen des einzelnen Kindes genau so, wie es im Kindergarten praktiziert wurde, weiter gehen könnte. Nun aber prallen diese Grundidee, welche sich an den Gesetzen natürlichen Lernens orientiert, und die Idee der - im Grunde lernfeindlichen - Selektionsschule unerbittlich aufeinander. Da die eine Idee mit der anderen nicht vereinbar ist, gibt es nur zwei mögliche Lösungen: Entweder - wenn sich die Idee der Selektionsschule durchsetzt - führt die Basistufe zur Vernichtung der letzten pädagogischen Insel unserer Volksschule, nämlich des Kindergartens. Oder aber - wenn sich die Idee der am Kinde orientierten „Lernschule" durchsetzt - die gesamte Volksschule wird bis und mit dem letzten obligatorischen Schuljahr im Geiste des „Kindergartens" von Grund auf umgestaltet, in Richtung eines „Lernzentrums".
Drittes Beispiel: Projektwochen. Es gibt wohl landauf landab weit und breit keine Schule mehr, die nicht mindestens einmal pro Jahr eine Projektwoche durchführt: Der reguläre 45-Minuten-Stundenplan wird ausser Kraft gesetzt, jede Lehrkraft einer Schule schreibt aufgrund ihrer spezifischen Begabungen und Interessen einen Kurs aus, die Kinder bzw. Jugendlichen wählen den Kurs, der ihren Interessen am meisten entspricht. Für die Lehrkräfte wie auch für die Kinder sind die Projektwochen stets das eigentliche „Highlight" des Schuljahrs, hier lebt - von einem Tag auf den anderen - all das wieder auf, wodurch sich das Lernen der ersten Lebensjahre auszeichnete: Freude, Begeisterung, Erfolg, Learning by Doing, Lernen im Leben, Lernen ohne dass einem bewusst ist, wie viel man dabei lernt. Das Lernzentrum in Reinkultur! Und der überwältigende Erfolg von Projektwochen über alle Schulstufen hinweg ist der beste Beweis dafür, dass auch das Lernzentrum ohne besondere Vorbereitung und ohne besonderen Übergang voll und ganz funktionieren würde - eben deshalb, weil diese Art von Lernen vollkommen übereinstimmt mit den Grundgesetzen des natürlichen Lernens der ersten Lebensjahre.
Viertes Beispiel: die Universität. Auch sie entspricht in ihrer Grundstruktur dem Prinzip des natürlichen, selbst bestimmten Lernens auf den individuellen und spezifischen Lernwegen des Einzelnen. Ebenso wie die Studierenden aus dem Vorlesungsverzeichnis aufgrund ihrer Ausbildungsziele ihr Semesterprogramm zusammenstellen, würden auch die Lernenden im Lernzentrum von Semester zu Semester ihr individuelles Lernprogramm zusammenstellen.
Es funktioniert beim natürlichen, selbst bestimmten Lernen in den ersten Lebensjahren, es funktioniert im Kindergarten, es funktioniert in Projektwochen, es funktioniert an der Universität, es funktioniert in tausenderlei Freizeitaktivitäten, wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene sich ihre Lernziele aus eigenem Antrieb setzen. Weshalb sollte es nicht auch in einem „Lernzentrum" funktionieren, das ja im Grunde nichts anderes wäre als die Kombination all dieser bereits so erfolgreich funktionierenden pädagogischen Modelle.
Wie sehr dieses „Neue" gar nicht so neu ist, sondern als Möglichkeit in vielen Formen bereits existiert bzw. innerhalb der „Schale" des „Alten" - als tiefe, unausgesprochene Sehnsucht unserer Kinder und Jugendlichen - nur darauf wartet, endlich zum Durchbruch zu gelangen, mögen abschliessend einige Zitate von Schülerinnen und Schülern einer 2. Sekundarklasse illustrieren, die nach ihren Vorstellungen einer „Traumschule" befragt wurden...
29. „Könnte man Schule nicht so machen, dass man sich immer auf den nächsten Schultag freuen könnte?"
„Eine Traumschule gibt es nicht. Mein Traum wäre gar keine Schule!" - „Es gäbe pro Tag zwei Stunden obligatorische Fächer und während der übrigen Zeit dürfte man seine Lieblingsfächer wählen. Es darf vom Reiten bis zum Handball sein, vom Werken bis zur griechischen Literatur, vom Tanzen bis zum Gärtnern, Schminken, Nähen, Sprachen, Musik, Sport." - „In meiner Traumschule wären nur die Fächer Rechnen und Deutsch obligatorisch, alles andere wäre freiwillig." - „Stellt euch vor, dass ein Mädchen zur Schule geht und eine sagenhafte Stimme hat. In den Prüfungen aber macht sie lauter schlechte Noten. Ist doch klar, das verdirbt ihr das ganze Leben. Ein anderes Mädchen hat zum Beispiel ein sehr gutes soziales Denken und kann hervorragend mit Kindern umgehen. Also die perfekte Kindergärtnerin. Leider ist sie in Mathematik nicht gut. Und so kann sie ihren Traumberuf nicht erlernen. Dieses Mädchen sollte man so unterstützen, dass dieser Beruf trotzdem für sie möglich wäre." - „In meiner Traumschule müsste ich nur das lernen, was ich in meinem zukünftigen Beruf auch brauchen werde. Wenn sich der Schüler ausgebildet hat, könnte er sofort mit dem Beruf beginnen." - „Meine persönliche Traumschule wäre die Schauspielschule." - „Schule ist nur schön, wenn man machen kann, was man will. Den Stoff müsste man so durchnehmen, dass alle mitkommen und niemand sitzen bleibt." - „In meiner Traumschule gäbe es viele Wahlfächer: Zeichnen, Musik, Turnen, Schwimmen, Computer, Handarbeit, Geschichte, Biologie. Denn jeder und jede hat andere Begabungen und Interessen. Man sollte die einzelnen Stärken der Jugendlichen mehr fördern." - „Wenn ich ehrlich bin, wäre meine Traumschule keine Schule. Aber wenn, dann müsste es eine Schule sein, in der man die Lehrer selber aussuchen dürfte." - „In meiner Traumschule müsste man nur die Sachen lernen, welche man im Leben auch wirklich benötigt. Das heisst vor allem Sprachen und eine kleine Grundausbildung in Mathematik." - „In meiner Traumschule gäbe es auf der Oberstufe verschiedene Gruppen, zum Beispiel eine Musikgruppe, eine Mathematikgruppe oder eine Sprachengruppe." - „Meine Traumschule wäre eine Sportschule. Und für andere müsste es Kunst-, Musik-, Sprache- und Mathematikschulen geben." - „Wenn ich ehrlich bin, wäre meine Traumschule gar keine Schule. Oder wenn, dann eine Schule, wo die Lehrer von den Schülern ausgewählt und jederzeit auswechselbar wären. Einen Swimmingpool müsste es auch geben und viele, viele Blumen. Zum Beispiel Rosen. Zum Verschenken..." - „Interessant wäre, wenn man die Themen selber auswählen dürfte. Aber eine wirkliche Traumschule ist wahrscheinlich gar keine Schule mehr!" - „In meiner Schule gäbe es ein Café. Da hat es kleine runde Tische mit Korbstühlen und in der Mitte steht der Tresen, der von oben wie ein Stern aussieht. Die Hauptfächer sind Rechnen, Deutsch und Englisch. Alle anderen Fächer kann man wählen, z.B. Turnen, Französisch, Biologie, Geometrie, Latein, Naturwissenschaften, Spanisch, Italienisch und vieles mehr. Der Schulstoff würde auf die Stärke jedes einzelnen Schülers abgestimmt." - „Könnte man die Schule nicht so machen, dass man sich immer auf den nächsten Schultag freuen könnte?"
Peter Sutter, 30.3.2009
Wie könnte man ein konventionelles Oberstufenzentrum in ein "Lernzentrum" umwandeln?Mehr dazu hier...
Hinweis: Seit August 2009 besteht der Verein "Volksschule ohne Selektion" mit Sitz in Bern, der sich für die individuelle Lernförderung und das "Ende der Diskriminierung von Schülerinnen und Schülern" einsetzt. Weiter...
1 Tages-Anzeiger, Dezember 2002
2 Tages-Anzeiger, 25.3.1987
3 Tages-Anzeiger, 7.11.1994
4 Tages-Anzeiger, 30.11.2006
5 Tages-Anzeiger, 31.1.1998
6 Tages-Anzeiger, 5.11.2002
7 Ivan Illich, Entschulung der Gesellschaft, 1973
8 Leo Tolstoi, Pädagogische Schriften, 1911