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Die Lebensreise

Folgender Text wurde ausgezeichnet mit dem 2. Preis des sanktgallischen Literaturwettbewerbs „Lebens-Kunst" im Februar 2001.

Mit gebrochenem Herzen suchte der Alte noch einmal den Weg, den er als Kind so oft gegangen war. Doch nichts war mehr wie früher. Die Sandbank, wo er im dichten Gestrüpp an jedem schulfreien Nachmittag an seiner Waldhütte weitergebaut hatte, ohne sie je zu vollenden, war jetzt überspült von schwarzem, stinkendem Wasser. Die kleine Holzbrücke, von der er eine Unmenge von Zweiglein und Gräsern hinab geworfen hatte, um sich daran zu freuen, wie sie auf der anderen Seite der Brücke kurz darauf wieder zum Vorschein kamen, auch sie suchte er vergeblich. Nur die drei Birken, zwischen denen er so manche Sonnenstunde genossen hatte, um in seinem kleinen grünen Notizbuch weiterzuschreiben, standen noch immer am selben heiligen Ort, dem Schnittpunkt so vieler seiner noch immer nicht erfüllter Träume. Und doch schienen auch sie nicht die gleichen zu sein. Hier war einmal die Mitte der Welt gewesen, jetzt bloss noch ein kümmerlicher Haufen Dreck, zerschlagene Flaschen, bis zur Unkenntlichkeit aufgeweichte Getränketüten, ein durch und durch verrosteter Kinderwagen, ein unendliches Gewirr von Schnüren, Schläuchen und Draht.
   Ja, die Waldhütte. Mit einer kleinen Kinderschaufel, rot war sie gewesen und mit einem wackligen, abgenützten Holzgriff versehen, mit dieser kleinen Kinderschaufel, die ihm damals mehr bedeutet hatte als alles auf der Welt, hatte er an diesen zahllosen Nachmittagen an seiner Waldhütte weitergebaut. Der Tiefbau, sozusagen der Keller, war schon mächtig weit in den Sand vorangetrieben gewesen. Auf die aus dem Sand herausgearbeiteten Stufen hatte er flache Steine gelegt, Sitzflächen, auf denen dereinst die zur Eröffnung der Hütte geladenen Gäste die dargebotenen Speisen und Getränke geniessen würden. Bloss dass nicht selten, durch Stürme oder Hochwasser oder über den Winter, die eine oder andere Stufe in sich zusammengebrochen, die mühsam aufgeschichteten Steine weggerutscht waren und dann die Arbeit wieder von vorne begonnen hatte. Das, wie gesagt, war der Tiefbau gewesen, ein Werk von Jahren. Und so war es gekommen, dass er, während andere schon Briefmarken sammelten oder gar schon mit der ersten Freundin Hand in Hand spazieren gingen, noch immer jeden freien Nachmittag in seine kleine Wildnis hinausgezogen war, gleichsam einem verlorenen Traum nachhängend, der sich niemals erfüllen konnte. Für den Hochbau hatten erst Pläne bestanden, Schnüre, von Baum zu Baum gespannt, hineingeflochten Zweige, darüber ein Laubdach. Eines Tages war dann alles endgültig zu Ende gewesen, er hatte seine kleine rote Schaufel am Fuss seiner Hütte vergraben, so tief, dass sie nie jemand finden und dass sie alle Stürme, alle Kriege und sogar den Weltuntergang überleben sollte. Dann war er fortgegangen, ohne jemals wiederzukehren. Aus dem Kind war ein junger Mann geworden.
   Seltsam, dachte der alte Mann, als er noch immer den Weg seiner Kindheit suchte und dabei jede kleine Erinnerung vor ihm heranwuchs, als wäre es gestern gewesen. Ich spüre ja wieder das weiche Moos unter meinen Füssen, ich rieche ja wieder die goldgelben, schwarzbraunen und feuerroten Blätter, mit denen ich einst das Dach meiner Hütte bauen wollte, ich höre wieder den Wind in den Bäumen. Was war das bloss, dass diese fünfundsiebzig Jahre jetzt in wenigen Sekunden zusammenschmolzen, als wäre dazwischen nichts gewesen? Wie habe ich denn gelebt? Wo waren alle diese Gefühle während einer so langen, langen Zeit? Mein Gott, dachte er, was habe ich gekämpft, wie haben Ärger und Enttäuschungen meine Kräfte verzehrt, wie oft habe ich mich in Gebirge unerledigter Pflichten verrannt, wie wenig, wenig Zeit habe ich gehabt.
   Sein ganzer Körper war jetzt unendlich müde. Ein breiter Baumstrunk inmitten eines Meers von Gräsern und Kräutern, die er seit jenen Tagen seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, lud ihn zum Sitzen ein. Wie wohl das tat. Und jetzt sah er die Reise des Lebens.
   Du suchst Ostereier in der Wiese hinter dem Haus. Ein ganzes Leben lang hast du dich auf diesen Augenblick gefreut. Am Abend, beim Einschlafen, hast du noch den Geruch der Schlüsselblumen in deiner Nase, er wird dich in deiner Träume begleiten. Alles, alles ist das erste Mal. Eine Fahrt hoch in ein sonniges Tal, während weiter unten schon alles im Schatten liegt, ein gespenstisches Haus auf der anderen Talseite, Mauerreste voller Himbeeren und Brennnesseln, ein Hügel, von dem du nicht weisst, was dahinter liegt und der dich in tausend Träumen dein ganzes Leben lang begleiten wird, ohne dass du jemals erfahren wirst, weshalb, nicht einmal jetzt, so kurz vor deinem Tod. Der erste Streit deiner Eltern, durchwachte und durchweinte Nächte, das erste Bilderbuch, das erste Stück Schokolade, alles unendlich schmerzvoll, unendlich süss. Die Grenzen deiner Gedanken sind die Grenzen der Welt, das grüne Tal, in dem du Tag für Tag nicht zu spielen aufhörtest, bis Kälte und Hunger dich nach Hause treiben, das grüne Tal und oben die Ränder der Schneeberge, hinter denen in deiner Phantasie nichts ist als ein grosses, weites, unendliches Meer, niemand wird dir erzählen, dass es dahinter noch viel grössere, andere Welten gibt - du würdest es ohnehin nicht glauben.
   Und dann, eines Tages, verlässt du das Tal. Jetzt, sagen sie, beginne der Ernst des Lebens. Wie Recht sie haben. Eines Tages ist alles vorbei und du wirst nie, nie mehr in das grüne Tal zurückkehren. Ein schmerzliches Abschiednehmen, doch wenig Zeit, zurückzublicken, der steiler und schwieriger werdende Weg erfordert deine volle Aufmerksamkeit. Geröllhalden, durch welche du dich auf Händen und Füssen vorwärtsarbeitest, oft einen Steinblock weiter bloss, um gleich zwei oder drei Steinblöcke wieder zurückzurollen, wo du nicht selten betäubt eine Zeitlang liegen bleibst, um neue Kraft zu schöpfen. Gute und böse Mächte, die dich leiten oder am Fortkommen hindern. Anhöhen, die zum Ausruhen einladen und sich beim Näherkommen als tückisch morastige Untiefen erweisen, um die du am besten einen weiten Bogen machst. Eine Höhle, in die du dich, vor einem plötzlichen Unwetter Schutz suchend, verkrochen hast und aus der du am nächsten Morgen fast nicht mehr herausgefunden hättest. Eisbedeckte Felsplatten, in denen deine Hände vergeblich Halt suchen, und auf einmal spürst du ein Gewicht auf deinem Rücken, das du anfänglich nicht bemerkt hast, doch jetzt zwingt es dich zu immer längeren Atempausen. Sind es Steine, alte Schmerzen, beiseitegeschobene Erinnerungen, die du mitschleppst? Vieles wird für immer ein Rätsel bleiben.
   Am höchsten Punkt des Gebirges angekommen, überfällt dich ein verwirrender Taumel. Für einen Sekundenbruchteil siehst du auf einmal wieder, wie hinter einer von Zauberhand weggerissenen Nebelwand, das grüne Tal deiner Kindheit, riesengross gleich dem Bild durch ein tausendfach vergrösserndes Fernrohr. Du siehst dich selber. Ostereier suchen, die erste Liebe, jene Nacht, in der du ohne anzuhalten in den unendlich dunklen Wald hineinliefst, ohne Angst, obwohl du hinter jedem Baum eine böse Hexe wähntest. Du willst noch einmal zurück, nur ganz kurz, noch einmal alles erleben, weil es doch viel, viel zu schnell gegangen war. Doch schon haben sich die Nebelwände wieder zusammengezogen, und du weisst, über diese Grenze wirst du nie mehr hinüberkommen.
   Der Abstieg auf der anderen Seite des Gebirges umhüllt dich in Gefühle, die du noch nicht gekannt hast. Der erste Herbst deines Lebens. Das Wissen um die Vergänglichkeit von allem. Doch seltsam, indem du dich von den Träumen deiner Kindheit immer weiter entfernst, näherst du dich ihnen gleichzeitig, aber von einer anderen Richtung, wie wenn du den jenseitigen Punkt der Erdkugel überschritten hättest und nun wieder auf dem Rückweg zu deiner Heimat wärst. Kleine Ebenen, die zum Verweilen einladen, erinnern dich an einzelne Plätze deiner Kindheit. Nur die Lasten auf deinem Rücken sind es, an denen du an manchem Tag fast verzweifelst. Du spürst, wie vieles dir da aufgeladen wurde im Laufe der Zeit, ohne zu wissen, wann, vom wem und weshalb. Du haderst mit deinem Schicksal, beneidest die Jüngeren, spielst mit dem Gedanken, diese beschwerliche Reise nicht endlos weiterzuführen, nicht um jeden Preis.
   Es war dunkel geworden. Der alte Mann stemmte sich mit aller seiner Kraft in die Höhe. Er zögerte. Wohin sollte er gehen? Nach Hause? Nach welchem Hause? Gedanken zogen ihn hin und her. Er war so müde.
   Und auf einmal spürst du, dass du nicht allein bist. Dass du nie allein warst. Dass viel mehr und viel Anderes, Unglaubliches, Unerklärliches, Unbeschreibliches immer schon in dir und allem anderen Leben war, gleichzeitig. Dass auch die Zeit bloss etwas ist, was wieder vergeht und von vorne beginnt. Die unerfüllten Träume deiner Kindheit leben weiter, in zahllosen anderen Kindern. Deine Gedanken, deine Gefühle, die Ostereier, die Himbeeren, die angefangene Waldhütte, alles, alles. Das Ende wird zum Anfang. Und jetzt spürst du auf einmal, wie leicht du geworden bist, wie unendlich leicht. War ja auch höchste Zeit. Am Ufer des schwarzen Flusses, an dem du jetzt stehst, ist deine Reise zu Ende. Du zitterst. Eine unendliche Sehnsucht durchströmt deinen Körper. Auf der anderen Seite des Flusses ist alles, wovon du seit Urzeiten geträumt hast, lebendig. Die Welt, die es nur in deiner Phantasie gab, ist nun greifbar nahe. Aber warte noch einen ganz kleinen Augenblick. Du musst alles abwerfen. Nicht nur die Steine auf deinem Rücken. Auch deine Kleider, alles. Auch deinen Körper, alles.
   Am nächsten Morgen fanden sie den alten Mann. Tot. In seiner Hand eine kleine rote Schaufel mit wackligem, abgenütztem Holzgriff. Er war wohl, so erzählte man sich, an jenem Abend noch ein Wegstück weitergegangen und zu einer Baustelle gelangt, wo sich vor vielen, vielen Jahren nach einer grossen Überschwemmung eine Riesenmenge Unrat angesammelt hatte und jetzt, in Folge der Bauarbeiten für eine neue Strasse, wieder ans Tageslicht gekommen war. Weshalb der alte Mann aus dem Riesenhaufen ausgerechnet diese wertlose Kinderschaufel herausgesucht hatte, vermochte sich niemand zu erklären. Aber so wie er dalag und seine Hand den Griff der Schaufel umklammerte, musste sie ihm unendlich viel bedeutet haben.
   Kindergeschrei durchbrach die morgendliche Stille. Die Sonne ging auf, jünger denn je. Leise fielen die Blätter der alten Bäume zu Boden, und aus jedem von ihnen wurde neues Leben. Keine zwei Stunden zuvor war ein Stern erloschen, aber gleichzeitig waren am anderen Ende der Welt zwei neue geboren. Das Wasser, das sich im Meer versammelt hatte, verdunstete langsam und wenig später begann es zu regnen. An neuen Quellen begannen neue Reisen durchs Leben, das grüne Tal war längst nicht mehr leer. Und irgendwo begann ein Kind mit einer kleinen roten Schaufel ein Loch in den Sand zu graben. Irgendwann würde an dieser Stelle ein Palast stehen, aus schneeweissem Marmor, und von allen Seiten würden die Menschen der Einladung des Kindes folgen, zu einem grossen Festessen, Himbeeren und Ostereier in unendlicher Zahl aus goldenen Tellern...