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Kurztexte von Peter Sutter

Nur einmal im Leben Skiferien in Arosa oder St. Moritz

Heute Morgen hat sie ihre letzten paar Franken zusammengekratzt und es ist ihr erster freier Tag nach sieben mal neun Stunden Kunden bedienen bis zum Umfallen und andere gehen jetzt Ski fahren nach Arosa oder St. Moritz und sie kratzt ihre letzten paar Franken zusammen. Fünf Tage muss es noch reichen aber den Blick von dem auf dem Sozialamt braucht sie jetzt nicht, da verzichtet sie lieber auf die Bananen und die Schokolade, auch wenn Manfred noch so quengelt.  - Die verdammten Salzstengel und Schleckwaren immer auf der Augenhöhe und in Reichweite des Kleinen. Nein Manfred, leg das zurück. Aber das Mädchen dort drüben hat doch auch. Ja, aber du nicht. Vielleicht nächste Woche. Oder übernächste. Hinten, bei der Fleischabteilung, wartet Angela, die Gute hats nicht vergessen. Rasch die Wurst, abgelaufen und nicht mehr verkaufbar, für Carla beiseitegesteckt und jetzt ins Einkaufskörbchen gelegt, bloss dass es niemand sieht, die an der Kasse weiss Bescheid, 30 Rappen sind in Ordnung, die Wurst wäre ja sonst im Abfalleimer gelandet. - Zahnpasta brauchen wir, ohne das gehts einfach nicht. Zwei Eier, dann haben wir ein bisschen was zur Wurst dazu. Das Brot am Morgen können wir auch ohne Butter und Marmelade essen. Das Cola kannst du vergessen. Und die Geburtstagsparty bei McDonalds gibts dann vielleicht nächstes Jahr, wenn du sieben bist. Oder übernächstes, wenn ich vielleicht einen besseren Job habe. Oder wenn wir vielleicht eine billigere Wohnung finden. Oder wenn vielleicht die auf dem Sozialamt denken, dass man doch auch mal wem eine Freude machen könnte, so ganz extra und ausserhalb jeglicher Norm. - Ob es die Zahnpasta ist oder die Wohnungsmiete, die abgelaufene Wurst oder die Krankenkassenprämie, die zwei Eier, das Cola oder der McDonalds: Ganz oben, unsichtbar, sitzt immer ein Mann. Bei jedem Handgriff, wo immer etwas hergestellt, gekauft oder verkauft wird, bei jedem der letzten Frankenstücke bis Ende Monat, wo immer eine Ware ihren Besitzer wechselt, wo immer Geld von der einen Hand in die andere hinüberwechselt, wo immer du ein bisschen ärmer wirst, wird er, der unsichtbare Mann, ein bisschen reicher. Fünf- oder zehntausend oder mehr Carlas quälen sich an diesem Morgen mit schmerzenden Beinen und Rücken von viel zuviel Arbeit und viel zuviel Traurigkeit mit ihren viel zu lauten, zappeligen, nervigen kleinen Manfreds an endlosen Warenhausgestellen entlang und stellen die Zahnpasta noch einmal zurück, weil es doch noch Dringenderes gäbe, und nehmen sie dann doch wieder, weil sie den schlechten Atem im eigenen Mund einfach nicht mehr ertragen. Und jedes Mal, bei jeder Zahnpasta und bei jeder noch so abgelaufenen Wurst, bei den Eiern und bei dem halben Liter Milch, der wieder für zwei Tage reichen muss, klingelt eine unsichtbare Kasse mit. Wenn Carla ihr Häufchen auf dem Fliessband aufgeschichtet und ihre letzten paar Franken aus der Geldtasche zusammengeklaubt hat, dann hat sich die schwarzgezackte Linie an der Wand hinter dem unsichtbaren Mann wieder um einen Bruchteil eines Millimeters nach oben bewegt, und das millionenfach, wo immer eine Zahnpasta, zwei Eier, ein halber Liter Milch und eine abgelaufene Wurst über ein Fliessband rollen. Reiche werden nicht reich, weil sie viel arbeiten, viele Schmerzen in den Beinen und im Rücken und quengelnde Kinder am Rockzipfel haben. Reiche werden reich, weil sie viel besitzen. Und Arme werden auch dann noch ärmer, wenn sie bis zum Umfallen gearbeitet haben und trotz aller Schmerzen ihre Geduld mit dem kleinen Manfred immer noch nicht verloren und spät nachts den leeren Tisch abgeräumt haben und nur noch davon träumen, auch einmal im Leben, nur ein einziges Mal, in Arosa oder in St. Moritz mit dem kleinen Manfred Skiferien machen zu können.

Zwei Welten am einen und am anderen Ende der Stadt

Es hatte zuerst ganz leicht und dann immer mehr zu regnen begonnen der Mann im Rollstuhl wirft einen Blick auf seine Uhr und eine ältere Frau die neben ihm auf den Bus wartet will ihm ihren Schirm anbieten nett und vielen Dank doch das sei er sich gewohnt und Regen mache schön und sein Taxi müsse ja ohnehin jeden Moment kommen wenigstens hoffe er es eines oder zwei weniger seien es zwar seit die öffentlichen Gelder reduziert worden seien Behindertentransporte würden vielleicht künftig ohnehin zur Gänze privat organisiert man wisse das noch nicht so genau dem Staat fehle das Geld ja an allen Ecken und Enden und der Fahrer habe auch gerade wieder gewechselt und kenne seine Route vielleicht noch nicht so gut wie der alte wohin sie die ältere Frau denn unterwegs sei so früh am Morgen ach der Weg zum Einkaufen sei viel länger geworden seit die kleine Bäckerei im Quartier eingegangen sei und der Metzger um die Ecke seinen Laden geschlossen hätte es sei eben nichts mehr wie früher und niemand kenne niemanden jetzt wieder dieses ohrenbetäubende Dröhnen des Presslufthammers ein Riesenkran wuchtet wohnzimmergrosse Fassadenelemente in die Höhe Bretterverschläge rotweisse Plastikbänder zerfetzt in Regenpfützen eine junge Frau zwängt sich mit ihrem Kinderwagen zwischen kreuz und quer gestellten Lieferwagen Baumaschinen Abfallmulden hindurch und während am einen Ende der Stadt immer neue und grössere Einkaufszentren noch schneller ins Grüne hinauswachsen ist am anderen Ende der Stadt schon wieder ein ganzes Krankenhausstockwerk geschlossen worden die Patientenaufenthaltsdauer auf das absolute Minimum reduziert ein halbes Dutzend Pflegerinnen entlassen und die verbliebenen an der äussersten Grenze ihrer Belastbarkeit überall reden sie vom Sparen doch Geld muss vorhanden sein sonst könnte nicht schon wieder die Erde aufgerissen werden für ein neues Bürohochhaus während die eben erst gebauten noch zur Hälfte leer stehen im jetzt stärkeren Regen ist es schon viel zu früh ein wenig dunkler geworden den einen schaut man bei jedem Franken den sie umdrehen auf die Finger und die anderen lassen Millionen in einem Hut verschwinden und zaubern sie fast im gleichen Augenblick aus einem anderen Hut wieder hervor wie wenn es gleichzeitig zwei verschiedene Welten gäbe am einen und am anderen Ende der Stadt und es wachsen die marmornen Bankenpaläste wie einst die mittelalterlichen Kathedralen und es wächst der Lärm und es wachsen die Warteschlangen vor den kaputtgesparten Postschaltern und es wächst der Reichtum und es wächst die Armut und es wachsen die Tiefgaragen und es wachsen die Berge fortgeworfener Fernsehapparate und Computeranlagen sie nennen es Wirtschaftswachstum und es wächst selbst dann wenn eben erst gebaute Häuser gleich wieder abgerissen wenn Obstplantagen in Parkplätze verwandelt und wenn dem beinahe zu Tode gestressten Manager ein neues Herz eingepflanzt wird ein Kind will die Strasse überqueren und hebt seine Hand und ein Riesenlastwagen kommt gerade noch knapp quietschend zum Stehen die ältere Frau ist längst in den Bus gestiegen und fortgefahren und allein im Regen wartet der Mann im Rollstuhl immer noch so sieht eine Stadt aus wenn man sie dem Kapitalismus überlässt.

Abgesehen davon sei alles in Ordnung in ihrer Stadt

Das grösste Problem sagen sie seien die fortgeworfenen Bierflaschen Glasscherben in der Wiese wo am nächsten Morgen kleine Kinder spielen mit wüsten Zeichnungen vollgesprayte Betonwände Kaugummiresten auf den Holzbänken an den Bushaltestellen ketchupverschmierte McDonaldstüten halbzertrampelte Petflaschen vom Wind und Regen an den Strassenrand gespült sonst sagen sie sei alles in Ordnung in ihrer Stadt nur die Unordnung auf den Plätzen und in den Strassen nur die Jugend die nicht mehr wisse was Anstand und Ordnung seien in der Stadt wo sie gerade sieben Busfahrer vierundzwanzig Fabrikarbeiterinnen drei Bankangestellte und elf Verkäuferinnen auf die Strasse gestellt haben fortgeworfen nicht mehr zu gebrauchen mit so heimtückischer Zauberkunst an den Rand der Strassengräben gespült dass dort wo man zerschlagene Seelen sehen müsste bloss noch blutige Glasscherben und zertrampelte Zigarettenstummel zu sehen sind mit so heimtückischer Sicherheit der Macht gegen die Ohnmacht dass alle die noch etwas sagen können stets nur auf jene Seite blicken wo Jugendliche in der Nacht ihren Unfug treiben und keiner kein einziger auf die gegenüberliegende Seite wo der Kapitalismus jeden helllichten Tag seinen millionenfach grössere Zerstörung anrichtenden Unfug treibt.

Und aus dem Nichts stand sie da wie hingezaubert

Es war Vollmond und es war die erste Stunde des neuen Jahrs aus dem Nichts stand sie da wie hingezaubert wenn Träume in ganz seltenen Augenblicken des Lebens wahr werden dann muss das ein solcher Augenblick gewesen sein achtzehn Jahr blondes Haar und das kürzeste Kleid das irgendein Mädchen irgendeine Frau in dieser eisigen Nacht wohl trug und dann - in dem Sekundenbruchteil bevor schon alles wieder vorüber war ihr hallo und ein schönes neues Jahr und ich wusste nicht sagte sie das wohl jedem in dieser Nacht oder gab es doch etwas ganz Besonderes in diesem Augenblick Begegnung keine Zeit darüber nachzudenken und doch hat es mich seither nicht mehr losgelassen hätten wir die Zeit anhalten sollen oder hätte sich dann bloss der ganze Zauber in nichts aufgelöst woher war sie gekommen wohin war sie unterwegs gab es Streit mit ihren Eltern suchte sie ein neues Zuhause hatte sie soeben ihr Freund sitzen gelassen hätte ich sie fragen hätte ich sie trösten sollen waren ihre Worte bloss Ausdruck unbeschreiblicher Heiterkeit mitten unter dem Vollmond in der allerersten Stunde des neuen Jahres oder waren sie ein Hilfeschrei aus tiefster Verzweiflung und Einsamkeit während sich all die anderen ausser ihr und mir hinter ihren warm erleuchteten Fensterscheiben quietschend und quasselnd vollprosteten später im Traum ging es weiter vollmondbeschienene Stoffbänder von der Erde bis in den Himmel an denen sich blonde Mädchen hochräkelten in fast unsichtbaren Kleidern bis sie in den eiskalten Wolken meinen Blicken entschwanden irgendwo irgendwann werden wir uns alle wieder treffen und dann werden wir alles wissen was uns jetzt noch verborgen ist.