Einschaltquoten contra Qualität
Im kapitalistischen „Erziehungsprogramm" kommt naturgemäss auch den Massenmedien eine zentrale Rolle zu. Sie liefern täglich jene Informationen und Bilder, auf Grund derer sich die Menschen ein bestimmtes Bild von der „Welt" machen, das nie eine wahrheitsgetreue Kopie dieser Welt sein kann, sondern immer eine bestimmte Art von Auswahl und Interpretation sämtlicher vorhandener Informationen und Fakten. Entscheidend ist daher, wie diese Auswahl getroffen wird und auf welche Weise sie interpretiert und schliesslich an die „Konsumenten" und „Konsumentinnen" gebracht wird.
Verpackung zunehmend wichtiger als der Inhalt
Zunächst ist festzustellen, dass auch ein Massenmedium, wie jedes Produkt im Kapitalismus, seine Daseinsberechtigung einzig und allein dadurch erhält, dass es verkauft werden kann. Eine Zeitung, ein politisches Magazin oder eine Fernsehsendung kann noch so informativ und sorgfältig recherchiert sein - wenn es niemand sehen oder lesen will, nützt das alles nichts. Dies bedeutet, dass die äussere Form des Produkts mindestens so wichtig wenn nicht sogar wichtiger ist als der Inhalt. Und wenn wir weiter bedenken, dass - gemäss der Natur des Konkurrenzprinzips im Kampf aller gegen alle - eine laufend wachsende Zahl von Produkten um die Gunst eines insgesamt nicht grösser werdenden Publikums buhlen, dann ist logisch, wie sich dies auf die Qualität dieser Produkte auswirken muss: Je mehr sich der gegenseitige Konkurrenzkampf um die Gunst des Publikums zuspitzt, umso mehr bewegen sich die gebotenen Informationen in Richtung Oberflächlichkeit, Sensationslüsternheit, Kurzlebigkeit, Effekthascherei. Diese Entwicklung können wir leicht feststellen, wenn wir eine Tageszeitung des Jahres 1980 mit einer aus dem Jahre 1990 vergleichen und diese wiederum mit einem heutigen Presseprodukt wie beispielsweise dem „Blick" oder der „SonntagsZeitung". Und dieser Trend ist ja noch längst nicht an seinem Ende angelangt: Mussten die Zeitungen und Zeitschriften früher wenigstens nur im gegenseitigen Konkurrenzkampf bestehen, so stehen sie heute immer mehr auch im Konkurrenz- und Überlebenskampf zu den übrigen Medien wie Fernsehen und Internet, während gleichzeitig auch der interne Konkurrenzkampf - nicht zuletzt durch eine immer grössere Verbreitung von Gratiszeitungen - noch härter geworden ist. Das Gleiche gilt für das Radio, wo ebenfalls eine immer grössere Zahl von Sendern um eine insgesamt konstant bleibende oder sogar abnehmende Zuhörerschaft wetteifern muss und sich die Inhalte dementsprechend ebenfalls immer mehr beschleunigen und verflachen.
Je mehr Programme, umso ähnlicher ihre Inhalte
Am Beispiel des Fernsehens erleben wir diese Entwicklung am ausgeprägtesten: Wer, als TV-Programmgestalter, will, dass möglichst viele der quer durch sämtliche Programme zappenden Fernsehkonsumierenden genau an seinem und nicht an irgend einem anderen Sender hängen bleiben, muss entweder die aktuellste Story haben, die zu diesem Zeitpunkt noch kein anderer Sender hat, oder aber den heissesten Erotikstreifen, die dickste oder dünnste Frau des Landes, das sich gegenseitig am lautesten und deftigsten anbrüllende Ehepaar, eine möglichst sensationelle Enthüllungsgeschichte aus dem Prostitutions- oder Pornografiemilieu, das freizügigste Musikvideo, die attraktivste Nachrichtensprecherin mit dem tiefsten Dekolleté, den härtesten Thriller mit der grösst möglichen Anzahl von Schuss- und Mordszenen oder aber die spektakulärsten Bilder aus irgend einem Katastrophen- oder Kriegsgebiet. Wer sich dagegen um möglichst umfassende und kritische Hintergrundinformationen bemüht, sollte gar nicht erst anfangen, eine Fernsehsendung zu kreieren: Minderheitenprogramme sind nicht gefragt, und wenn, dann höchstens zu einer Sendezeit, da ohnehin die meisten TV-Konsumenten schon im Bett liegen. So wird das übers Fernsehen ins Haus Gelieferte immer mehr zum schnellen, möglichst leicht konsumierbaren „Fastfoodprodukt" und trägt immer weniger zur Information über Gesamtzusammenhänge und Hintergründe bei. Dies zeigt sich auch darin, dass sich die Programme immer ähnlicher werden und Sendungen, welche besonders hohe Einschaltquoten erzielen, in gleicher oder ähnlicher Form meist über kurz oder lang von der Konkurrenz übernommen werden. Und so verschmilzt trotz einer stets wachsenden Anzahl empfangbarer Programme alles mehr und mehr zu einem immer einförmigeren „Einheitsbrei".
Spiegelbild der kapitalistischen Gesellschaft
Wenden wir uns den - noch verbliebenen - Inhalten des am Fernsehen Gezeigten zu, so lässt sich leicht feststellen, dass auch diese ihrerseits auf gerade ideale Weise das ausmachen, was man als kapitalistisches „Erziehungsprogramm" bezeichnen kann.
Erstens stellt die täglich am Fernsehen vorgeführte Non-Stop-Show von Glück und Unglück, von Siegen und Niederlagen, von Liebe und Tod, von Verbrechen, Tragödien und Skandalen ein durch und durch adäquates Spiegelbild jener kapitalistischen Gesellschaft dar, in der sich ebenfalls die einzelnen Individuen ihre gegenseitigen Macht- und Überlebenskämpfe liefern, aus denen laufend die einen als Sieger und die anderen als Verlierer hervorgehen. Am augenfälligsten zeigt sich dies etwa in Sendungen wie „Musicstars", „Big Brother", „Wer wird Millionär?" oder „Traumjob", in denen es um nichts anderes geht, als sich in einem gegenseitigen Wettlauf um Erfolg und Glück auf Kosten anderer an die Spitze emporzukämpfen - das sich täglich wiederholende Drama um Aufstieg und Abstieg auf der kapitalistischen Machtpyramide, in tausend Variationen wiederholt und sich damit als eigentliche gesellschaftliche „Normalität" - ohne entsprechende Gegenideen oder Gegenbilder - in den Köpfen festsetzend.
Als hätte nichts mit irgendetwas anderem zu tun
Zweitens zeichnet sich die TV-Berichterstattung, insbesondere in Form der täglichen Nachrichtensendungen, dadurch aus, dass Einzelereignisse in wahlloser Folge aneinandergereiht werden, als hätte nichts mit irgendetwas anderem etwas zu tun. So werden wir beispielsweise innerhalb der gleichen zehn Minuten mit einem Militärputsch in irgend einem afrikanischen Land, einer Serie von Bombenanschlägen im Irak, dem Zusammenstoss eines Öltankers mit einem Lebensmitteltransportschiff auf dem Mittelmeer, einer Flutkatastrophe in Bangladesh, einer Fusion zweier Automobilkonzerne und der aktuellen Entwicklung der Börsenkurse konfrontiert, aber niemand erklärt uns, dass jedes dieser Ereignisse im Gesamtgefüge von Welthandel, wirtschafts- und machtpolitischen Verflechtungen auf die eine oder andere Weise mit allen anderen in einem Zusammenhang steht, so etwa was die gegenseitige Wechselwirkung von Ölpreisen, Tankerunfällen und Börsenkursen betrifft, oder die gegenseitige Beeinflussung von landwirtschaftlicher Nutzung, Bodenerosion, Ernährung, Armut und so genannten „Naturkatastrophen". Und selbst wenn die vor dem Fernseher Sitzenden, während alle diese Bilder an ihren Augen vorüberjagen, versuchen würden, den einen oder anderen Gedankenfaden aufzunehmen und mit einem anderen zu verbinden, so wäre dies schlicht ein Ding der Unmöglichkeit, folgen sich die Bilder doch buchstäblich pausenlos und hat jeder neue Eindruck den vorherigen schon wieder zugedeckt, bevor auch nur der Hauch einer Chance bestanden hat, einen der begonnenen Gedanken weiterzuführen. Das ist Erziehung zum Kapitalismus pur - wird auf diese Weise doch eine Welt vermittelt, in der scheinbar alles von Zufällen oder irgend welchen „höheren Mächten" bestimmt wird, eine Welt, zu der es offensichtlich keine Alternative gibt, eine Welt, der wir ohnmächtig ausgeliefert sind, ohne daran etwas ändern zu können. Geradezu verheerend ist diese Wirkung auf Kinder, welche schon von kleinst auf dem selben Fernseh-Trommelfeuer wie die Erwachsenen ausgesetzt sind. Jedes einzelne der gezeigten Bilder würde in ihnen eine Frage auslösen, die zu beantworten wäre, doch die Fragen können, da die Programme ja pausenlos weiterlaufen, nicht einmal gestellt werden - und die Kinder verstummen. Da aber Fragen die eigentliche Nahrung für das Denken sind, kann man das Fernsehen nicht anders bezeichnen als eine immense, gnadenlose Denkvernichtungsmaschine.
Permanentes Ablenken von den eigenen Übeltaten
Erziehung zum Kapitalismus bedeutet aber auch: permanentes Ablenken von den eigenen Übeltaten, indem man mit dem Finger auf andere, scheinbar noch schlimmere Übeltäter hinweist. Wenn man bedenkt, dass jeden Tag weltweit rund 100‘000 Menschen an den Folgen von Unterernährung sterben, ein Drittel davon Kinder unter sechs Jahren, und wenn man weiter bedenkt, dass die Armut in den Ländern, wo diese Menschen leben, eine ganz logische und direkte Folge der kapitalistischen Umverteilung von unten nach oben, von den Arbeitenden zu den Besitzenden ist, dann wäre es ein Leichtes, die von diesem kapitalistischen Weltsystem der Ausbeutung und Verelendung verursachten Gräuel und Verbrechen tagtäglich via Massenmedien in einer Art und Weise zu dokumentieren, dass den Menschen auch hierzulande alle Haare zu Berge stehen würden. Stattdessen hat noch heute, über 50 Jahre später, das Thema Nationalsozialismus mit den zu jener Zeit begangenen Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen in der öffentlichen Meinung nach wie vor ein ungleich viel höheres Gewicht als alles, was in der Zwischenzeit an Verbrechen durch den Kapitalismus begangen wurde. Keine einzige Fernsehwoche vergeht, in der nicht auf mindestens einem europäischen Sender ein Spielfilm, eine Dokumentations- oder eine Diskussionssendung gezeigt wird, in der es um dieses Thema geht. So wurden beispielsweise, um eine ganz beliebige und zufällige Zeitspanne herauszugreifen, in der Woche vom 23. bis 29. Januar 2005 auf zehn deutschsprachigen Fernsehsendern insgesamt nicht weniger als 32 Beiträge zum Thema Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg ausgestrahlt, von einem Dokumentarfilm über „Italienische Zwangsarbeiter im Dritten Reich" über eine Erörterung der Zusammenhänge zwischen „Hollywood und Holocaust" und Lebensberichten von Überlebenden des Todeslagers von Auschwitz bis zum vierteiligen US-Spielfilm über die „Geschichte der Familie Weiss". Dies hat den Effekt, dass in einem breiten öffentlichen Bewusstsein auch heute noch das nationalsozialistische Regime um die Mitte des 20. Jahrhunderts als der absolute, durch nichts anderes jemals zu übertreffende Inbegriff des Bösen empfunden wird, neben dem alle übrigen Ereignisse der jüngeren Zeitgeschichte - wie etwa, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, der Vietnamkrieg, in dessen Verlauf immerhin mehr Bomben abgeworfen wurden als während des gesamten Zweiten Weltkriegs - im totalen Nichts verblassen. Wie stark - und einseitig - das am Fernsehen Gezeigte öffentliches Denken und öffentliches Bewusstsein prägt, wurde insbesondere auch am 11. September 2001 deutlich. Kein Kind, kein Erwachsener, der sich nicht - auch heute noch, fünf Jahre später - an diese Bilder zu erinnern vermag. Als wäre es das Ereignis der Weltgeschichte gewesen, das teuflischste aller je begangenen Verbrechen - was ja in der Folge auch die Rechtfertigung war für mindestens zwei grosse Kriege, die bis heute nicht beendet sind und unsägliches Leid über Hunderttausende Unschuldiger gebracht haben. Die Bilder der beiden in sich zusammenbrechenden WTC-Türme, rund 3000 Menschen unter sich begrabend, hundert- und tausendfach wiederholt, haben sich für Jahrzehnte in unserer Erinnerung eingegraben. Gleichzeitig kommen weltweit jeden Tag dreissig mal so viele Menschen ums Leben, weil das kapitalistische Weltwirtschaftssystem zu einer dermassen ungleichen Verteilung der materiellen Güter, der Nahrungsmittel, der Infrastrukturen geführt hat, dass auf der einen Seite der Welt der grösste je in der Geschichte der Menschheit angehäufte Luxus vorhanden ist, während auf der anderen Seite der Welt nicht einmal mehr das Allernotwendigste zum Überleben vorhanden ist. Dreissig Türme, die jeden Tag in sich zusammenfallen - auf welchen Fernsehsendern werden sie ausgestrahlt und wer spräche schon - analog zum terroristischen Netzwerk von Al-qaida - im Zusammenhang mit dem Kapitalismus vom grössten terroristischen Netzwerk, das die Geschichte der Menschheit jemals gekannt hat?
Peter Sutter, 20.3.2009