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Wenn Erfundenes zu Realität wird

Betrachtet man die gesellschaftsprägende Wirkung der Massenmedien etwas genauer, so ist unschwer zu erkennen, dass nicht nur die vermittelten Bilder eine zentrale Rolle spielen, sondern ebenso die Sprache, in der Informationen dargeboten und kommentiert werden. Der Sprache kommt insbesondere deshalb eine so wichtige Bedeutung zu, weil Sprache und Denken aufs engste miteinander verknüpft, ja geradezu miteinander identisch sind. Jede politische Stellungnahme, jedes Argument oder Gegenargument in einer Diskussion besteht aus Sprache, und jede dieser sprachlichen Äusserungen geht letztlich auf ein bestimmtes Denkmuster zurück, das vor dieser sprachlichen Äusserung in meinem Kopf bereits vorbereitet wurde. Daher kommen wir, wenn wir uns mit der Erziehung zum Kapitalismus befassen, nicht an der Wirkungsweise der Sprache innerhalb dieses Erziehungsprogramms vorbei.

Auf zwei Arten wirkt Sprache bewusstseinsbildend und hat somit eine direkte politische Wirkung: Erstens durch die Auswahl der sprachlich vermittelten Inhalte. Zweitens durch die Wörter und Begriffe, die dabei verwendet werden.

Fixierung auf das Negative, Aufbau von Vorurteilen und Feindbildern

Betrachten wir zunächst die Auswahl der sprachlich vermittelten Inhalte. Hier ist festzustellen, dass in aller Regel - egal ob es sich um Printmedien oder das Fernsehen handelt - Negativmeldungen insgesamt einen viel grösseren Raum einnehmen als positive oder wertneutrale. Besonders offensichtliche Beispiele der vergangenen fünf bis zehn Jahre sind Vorkommnisse im Zusammenhang mit Jugendlichen, Ausländern, Sozialhilfebezügern oder Invaliden. Hat auf irgendeinem Schulhausplatz ein Jugendlicher einen anderen spitalreif geschlagen oder wurde ein 14jähriges Mädchen von mehreren älteren Jugendlichen sexuell belästigt oder gar vergewaltigt, wird darüber an vorderster Front und unter dicksten Schlagzeilen ausführlichst berichtet, nicht selten über Tage oder gar Wochen hinweg. Wenn dagegen tagtäglich Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen friedlich zur Schule gehen, alle ihre untereinander entstehenden Konflikte fair miteinander austragen, sich bei Liebeskummer, Prüfungsstress, schlechten Noten oder Zoff mit den Eltern gegenseitig trösten und helfen oder einen auf dem Schulweg gefundenen verletzten Vogel zu ihrer Lehrerin bringen, um sein Leben zu retten - so wird nichts davon jemals in irgendeiner Zeitung zu lesen sein und in keiner abendlichen Tagesschau des Fernsehens wäre auch nur eine einzige Sekunde für Nachrichten oder Meldungen solcher Art reserviert. Wurde ein Ausländer mit 200 Stundenkilometern auf der Autobahn erwischt oder gab es in einem hauptsächlich von Ausländern besuchten Lokal eine Schlägerei, werden solche Meldungen garantiert am folgenden Tag auch noch in der äussersten Ecke des Landes und in jeder noch so kleinen Lokalzeitung zu lesen sein. Gleichzeitig schuften sich Hunderttausende von Ausländerinnen und Ausländern Tag für Tag, zu geringem Lohn und ohne zu murren, an ihrem Arbeitsplatz ab, dennoch würde man niemals in irgendeiner Zeitung einen Artikel finden mit der Überschrift „Und wieder hat die Kellnerin Iljana vierzehn Stunden hintereinander auf die Zähne gebissen und am nächsten Morgen nach nur drei Stunden Schlaf ihre Tochter zur Schule gebracht." Wenn ans Tageslicht kommt, dass ein Sozialhilfebezüger in einer für seine Verhältnisse viel zu teuren Wohnung lebt oder eine IV-Bezügerin sich mit Schwarzarbeit einen ihr nicht „zustehenden" Zusatzverdienst ergattert hat, so ist wiederum solchen Meldungen garantiert ein Platz auf den vordersten Seiten der Zeitung reserviert, während es kaum eine Meldung wert ist, dass sich die weit überwiegende Mehrzahl von Bezügerinnen und Bezügern von Sozialleistungen - trotz permanentem, schmerzlichstem Konsumverzicht inmitten einer Welt voller materieller Verlockungen - kaum je über ihre Situation beklagen und zudem unzählige Sozialhilfeberechtigte aus lauter Scham, ihre missliche Lage einzugestehen, nicht einmal die ihnen zustehenden Leistungen in Anspruch nehmen.

Diskriminierende Wortschöpfungen

Wenden wir uns, zweitens, den bei solchen und ähnlichen Meldungen verwendeten Wörtern und Begriffen zu, so fällt auf, dass gewisse Wortverbindungen, die erst in jüngerer oder jüngster Vergangenheit entstanden sind, mittlerweile bereits zum festen, alltäglich verwendeten und kaum mehr hinterfragten Wortschatz gehören. So etwa die Wörter „Sozialschmarotzer", „Scheininvalide", „Jugendgewalt" oder „Ausländerkriminalität". Das Schema ist dabei stets das Gleiche: Verbunden wird ein an sich neutraler Begriff wie „invalid", „sozial", „Jugend" oder „Ausländer" mit einem klar negativen Wort wie „Schein", „Schmarotzer", „Gewalt" oder „Kriminalität" zu einem festen Wortpaar, als gehöre das eine und das andere untrennbar zusammen, wodurch das „neutrale" Wort nach und nach sozusagen einen Teil der negativen Wertung des anderen in sich aufsaugt und mit der Zeit selber zu einem negativ besetzten Begriff wird - als sei jeder Invalide ein potenzieller Simulant, jeder Sozialhilfebezüger ein potenzieller Schmarotzer, jeder Ausländer ein potenzieller Krimineller und jeder Jugendliche ein potenzieller Gewalttäter.

Bis ins Unkenntliche verzerrte Wirklichkeit

Wie sehr ein solcher Gebrauch von Sprache und die daraus entstehenden „Wortschöpfungen" die Wirklichkeit verzerren oder gar ins Gegenteil verdrehen, können wir uns anhand folgender Überlegungen noch etwas näher vor Augen führen. Spricht man von „Ausländerkriminalität" im Zusammenhang mit spezifisch „ausländertypischen" Delikten wie etwa Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz, dann müsste man ja fairerweise bei spezifisch „schweizertypischen" Delikten - wie etwa Steuerhinterziehung, Nicht-einhalten von arbeitsrechtlichen Vorschriften, Anstellen von Schwarzarbeitern und anderen Formen von Wirtschaftskriminalität - dementsprechend auch von „Schweizerkriminalität" oder „Inländerkriminalität" sprechen. Wie selten dies der Fall ist, zeigt sich bei einem Blick in die Google-Suchmaschine1: Zum Stichwort „Ausländerkriminalität" erscheinen unter „Seiten aus der Schweiz" nicht weniger als 6720 Einträge, zum Stichwort „Inländerkriminalität" ganze 6 und zum Stichwort „Schweizerkriminalität" gerade mal 4! Der Unterschied wird mehr als deutlich: Begeht ein Ausländer ein Delikt, so wird dies offensichtlich nur allzu häufig als etwas für Ausländer „Typisches" angesehen, es ist dann eben ein „Ausländerdelikt", begeht dagegen ein Schweizer ein Delikt - und das ist, in absoluten Zahlen, insgesamt zweifellos eine viel grössere Zahl als jene der von Ausländern begangenen Delikte -, so kommt niemand auf die Idee, dies als etwas typisch „Schweizerisches" anzusehen, sondern es gilt einfach als individuelles Vergehen eines Einzelnen. Genau das Gleiche bei der „Jugendgewalt". Auch hier müsste man fairerweise immer dann, wenn ein Erwachsener Gewalt ausübt - man denke nur an die von zahlreichen Eltern gegenüber ihren eigenen Kindern ausgeübte Gewalt - von „Erwachsenengewalt" sprechen. Und wieder zeigt uns ein Blick in die Google-Suchmaschine, wie sehr das eine, nämlich die „Jugendgewalt", mittlerweile zum grossen gesellschaftspolitischen Thema geworden ist, während das andere, die „Erwachsenengewalt", offensichtlich fast ausschliesslich als „individuelles" und daher nicht wirklich gesellschaftspolitisch relevantes Thema angesehen wird: Zum Stichwort „Jugendgewalt" liefert die Google-Suchmaschine unter „Seiten aus der Schweiz" 35‘100 Einträge, zum Stichwort „Erwachsenengewalt" sind es ganze 31 und zum Stichwort „Elterngewalt" gerade mal 10! Wie wenig die Welt des täglichen Sprachgebrauchs in Öffentlichkeit und Medien mit der vorhandenen Realität übereinstimmt, können wir uns schliesslich auch vergegenwärtigen, wenn wir bedenken, dass die grösste statistische Auffälligkeit von Delikten und kriminellem Verhalten darin besteht, dass rund 90 Prozent der straffälligen Personen Männer sind - weder beim Vergleich nach Alter noch beim Vergleich nach Nationalität ist die Verteilung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen auch nur annähernd so krass. Logischerweise müsste demzufolge in der öffentlichen Diskussion der Begriff „Männergewalt" viel grösseren Raum einnehmen als etwa die Begriffe „Jugendgewalt" oder „Ausländerkriminalität". Weit gefehlt! Die Google-Suchmaschine liefert uns unter „Seiten aus der Schweiz" zum Stichwort „Männergewalt" ganze 2600 Einträge, also weit weniger als die Hälfte der Anzahl Einträge zum Stichwort „Ausländerkriminalität" und sogar rund 12 mal weniger als jene zum Stichwort „Jugendgewalt"!

Ausgrenzung und Diskriminierung grosser Teile der Bevölkerung

Unter mindestens vier Aspekten ist eine so einseitige, teilweise sogar Erfundenes zu Realität machende öffentliche „Meinungsbildung" überaus verhängnisvoll, ja geradezu gefährlich.

Erstens führt sie zur Ausgrenzung und Diskriminierung grosser Teile der Bevölkerung, ohne dass diese die Möglichkeiten hätten, sich dagegen zu wehren. Die Macht der Sprache wird zur Macht des öffentlichen Denkens und der politischen Mehrheitsmeinungen - egal, ob die dabei vermittelten Bilder der Realität entsprechen oder nicht. Das ist ein höchst gefährliches Spiel, das theoretisch endlos weiter getrieben werden kann: Man wirft ein Wort in die Runde und schaut, ob es angenommen wird oder nicht. Ob es sich dann tatsächlich im öffentlichen Sprachgebrauch durchsetzt und mehrheitsfähig wird, ist dabei eine Frage des Zufalls. So etwa haben sich mittlerweile die Begriffe „Ausländerkriminalität" und „Jugendgewalt" so breit quer durch alle Bevölkerungsgruppen durchgesetzt, dass kaum mehr jemand auf die Idee käme, den Wahrheitsgehalt dieser Begriffe zu hinterfragen - während etwa die Begriffe „Sozialschmarotzer" und „Scheininvalide" ausschliesslich in „rechtspopulistischen" Kreisen anzutreffen sind und darüber hinaus - zumindest vorläufig - noch nicht mehrheitsfähig geworden sind. Aber vielleicht ist das nur eine Frage der Zeit. Steter Tropfen höhlt den Stein. So wandelt sich, Schritt um Schritt, das Denken durch die Sprache und die Sprache durch das Denken...

Scheindiskussionen verhindern Systemdiskussion

Zweitens führt sie zu einer öffentlichen Debatte über Scheinprobleme, in der den tatsächlichen Bedrohungen und Problemen unserer Zeit immer weniger Raum bleibt. Nur so ist es zum Beispiel möglich geworden, dass sämtliche politische Parteien mittlerweile den „Kampf gegen die zunehmende Jugendgewalt" zuoberst auf ihre Agenden und Aktionsprogramme gesetzt haben - und dies, obwohl gleichzeitig Fachleute, die sich intensiv mit der Materie auseinandersetzen, darlegen, dass die „Jugendgewalt" in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren tatsächlich gar nicht zu-, sondern abgenommen hat. Zugenommen hat, so das zentrale Ergebnis entsprechender Untersuchungen, einzig und allein die Zahl der Verzeigungen, mit anderen Worten: Immer mehr „Delikte", über die vor nicht langer Zeit noch grosszügig hinweggesehen wurde, erscheinen heute - infolge einer viel kritischer und intoleranter gewordenen Öffentlichkeit - in den Kriminalstatistiken und liefern damit den „Beweis" dafür, dass die „Jugendgewalt" in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren erheblich oder gar massiv zugenommen habe. Indem mittlerweile auch die „Linke" diesem Phantom aufgesessen ist, wagt heute kaum mehr jemand, Widerspruch anzubringen. Bezeichnenderweise scheint dabei eine ganz andere Form von „Jugendgewalt", nämlich jene, die sich - in Form von Selbstverletzungen, Depressionen oder Suizid - nicht gegen andere Menschen, sondern gegen sich selber richtet, auch nicht annähernd auf so grosses öffentliches Interesse zu stossen, obwohl das dadurch verursachte Leiden für die davon Betroffenen gewiss mindestens ein so grosses Ausmass erreicht als jene offensichtlichen, gegen andere Personen ausgeübten Gewalttaten, die landläufig als „Jugendgewalt" bezeichnet werden.

Die herbeigeredeten Probleme werden zu tatsächlichen Problemen

Drittens führt sie nicht nur zum Verschweigen und zum Ausblenden tatsächlich viel gravierenderer Bedrohungen, sondern geradezu zum Ablenken von denselben. Wer stets auf der Jagd nach delinquierenden Jugendlichen ist, vergisst, dass Erwachsene insgesamt viel schwerere Verbrechen begehen, ohne dass ständig mit den Fingern auf sie gezeigt wird. Wer Ausländer jagt, verschliesst die Augen davor, dass „Inländer" insgesamt viel grössere und schwerere Verbrechen begehen. Wer sich auf die Taten einzelner „Böser" fixiert, verbaut sich die Sicht auf all jene Gewalt und alles jenes „Böse", was vom herrschenden Unrechtsregime des Kapitalismus tagtäglich ausgeübt wird.

Viertens kann ein solches Aufreissen von Gräben zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen - insbesondere nach Alter und nach Nationalität - dazu führen, dass die „Probleme", die man angeblich bekämpfen wollte, dadurch erst richtig entstehen, genau so, wie der Terrorismus im Irak erst dadurch entstanden ist, dass die US-Regierung mit ihren Truppen ihn dort - wo er zuvor gar nicht existiert hatte - zu bekämpfen und zu vernichten beabsichtigte. Gewalt erzeugt Gegengewalt, das ist eine uralte Binsenweisheit. Wer „härter" gegen jugendliche „Straftäter" vorgehen will, trägt dazu bei, dass diese Jugendlichen sich noch härter und aggressiver gebärden, so dass das, was eigentlich ein Phantom war, schliesslich doch noch zur Realität geworden ist und denen, die sich den Kampf dagegen auf ihre Fahne geschriebene, nur umso mehr Auftrieb gibt, diesen Kampf noch härter und noch aggressiver fortzuführen...

Peter Sutter, 20.3.2009

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1  9.1.2008