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Entsolidarisierung und Entpolitisierung

Zu den hauptsächlichen Erziehungswerkzeugen des kapitalistischen Denksystems gehört eine primär auf den gegenseitigen Wettkampf um die zukünftigen Sonnenplätze der gesellschaftlichen Machtpyramide ausgerichtete „Volksschule". Weiter eine im Dienste der kapitalistischen Machterhaltung stehende Justiz, welche Individualgewalt verurteilt und Systemgewalt ausblendet. Dann auch die Zementierung der kapitalistischen Gesellschaftspyramide im Namen von Gehorsam, Anpassung und „Nulltoleranz". Schliesslich die Rolle der Massenmedien zur Verwirrung und Entpolitisierung der Öffentlichkeit. Doch das ist längst noch nicht alles...

Gemeinsamkeit von Christentum und Kapitalismus

Einen wesentlichen Anteil am kapitalistischen Erziehungsprogramm hat auch das, was man im weitesten Sinne als religiöse Unterweisung bezeichnet. Gewiss verfügt die Kirche als Institution nur noch über einen winzigen Teil jener umfassenden gesellschaftsprägenden und gesellschaftsbeherrschenden Macht, die ihr in früheren Zeiten zugekommen war. Dennoch kann man die rund tausend Jahre, während denen das Christentum hierzulande ähnlich unumschränkt das Denken und Empfinden der Menschen prägte wie dies heute der Kapitalismus tut, nicht einfach von einem Tag auf den anderen ungeschehen machen. Dazu kommt, dass „christliches" Denken und Handeln - im Sinne einer Rückbesinnung auf „alte", traditionelle Werte und Normen - gerade in unseren Tagen in weiten Teilen der Bevölkerung eine eigentliche Renaissance erlebt. Dies ist kein Zufall, gibt es doch zwischen traditioneller christlicher „Frömmigkeit" und der „Philosophie" des Kapitalismus nur zu viele wesentliche Gemeinsamkeiten: In beiden Denkgebäuden ist der einzelne Mensch in Bezug auf die Gesellschaft, in der er lebt, bloss ein kleines, unbedeutendes, schwaches Rädchen. In beiden Denkgebäuden wird die eigentliche Macht an eine höhere Instanz - im einen Fall ist es „Gott", im anderen das Kapital - delegiert. In beiden Denkgebäuden ist es dem Menschen versagt, aus eigener Kraft an den bestehenden Machtverhältnissen etwas zu verändern. Es liegt daher im ureigenen Interesse des Kapitalismus, wenn auch religiöses Denken und Handeln - im Sinne einer Unterwerfung unter eine höhere, frag- und kritiklos akzeptierte Macht - wieder mehr und mehr an Boden gewinnt.

Erziehung zu Egoismus und Einzelkämpfertum als politisches Programm

Die Erziehung zum Egoismus und zum Einzelkämpfertum ist mittlerweile aber auch ein eigentliches politisches Programm geworden, das nicht nur von den traditionell „bürgerlichen" Parteien verfochten wird, sondern auch unter so genannt „Linken" immer mehr Verbreitung findet. Das Schlüsselwort dieses Programms heisst Selbstverantwortung. Damit wird wiederum eine möglichst fraglose Hinnahme und Unveränderbarkeit der äusseren Umstände postuliert. Wer an diesen äusseren Umständen scheitere - so die sich daraus ergebende Schlussfolgerung -, sei selber Schuld: Eine niedrige soziale Position, schlechter Lohn, Armut, Arbeitslosigkeit - dies alles seien bloss Folgen davon, dass man sich zu wenig angestrengt, zu wenig gekämpft habe oder aber - besonders zynisch - zu wenig intelligent sei. Die Verfechter des Prinzips der „Selbstverantwortung" gehen so gar so weit, den bisher im Sinne von gegenseitiger Übernahme von Verantwortung verstandenen Begriff des „Sozialen" geradezu ins Gegenteil zu verdrehen: „Soziales Verhalten des Einzelnen", so Christoph Blocher, „bedeutet, für sich selbst zu sorgen und anderen nicht zur Last zu fallen." Nicht wenige der Verfechter von „Selbstverantwortung" bei gleichzeitigem Sozialabbau verunglimpfen überdies auch all jene, welche - aus gesellschaftspolitischer Überzeugung - an bisherigen sozialen Netzen gegenseitiger Solidarität festhalten. Solidarisches Denken, welches über die Nasenspitze des eigenen Nutzens hinausschaut, wird dann etwa als „Sozialromantik" abgetan und Menschen, welche sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, als „Gutmenschen" lächerlich gemacht. An die Stelle des „Sozialstaats", der unnötig und schon gar nicht länger finanzierbar sei, solle, so eine Forderung des Milliardärs und Börsenspekulanten Martin Ebner, der „Fürsorgestaat" treten, womit wir dann endgültig wieder in der Mitte des 19. Jahrhunderts gelandet wären. Wohl kein Zufall, dass Leute, die solche Ideen verbreiten, fast selbstverständlich davon ausgehen, gewiss nie in die Situation zu gelangen, selber zu einem „Fürsorgefall" zu werden...

Doch damit sind wir immer noch nicht am Ende des kapitalistischen Erziehungsprogramms angelangt. Denn schliesslich muss der Mensch, wenn er sich schon von morgens früh bis abends spät abrackert, in alledem einen irgendwie plausiblen Sinn, einen möglichst direkten persönlichen Nutzen erkennen...  

Jeder sein eigener kleiner Kapitalist

Nun, das hierfür notwendige Rezept ist einfach: Man mache aus jedem Menschen einen kleinen Kapitalisten, lasse ihn - so weit als möglich -  durch den Besitz von Aktien, Wertpapieren oder durch andere Geldanlagemöglichkeiten das Spiel der Grossen nachahmen und gebe ihm damit das wunderbare Gefühl, reicher zu werden, ohne dafür arbeiten zu müssen, vielleicht, wer weiss, wird er ja eines Tages so viel Geld zusammengebracht haben, dass er überhaupt nicht mehr zu arbeiten braucht, weil sein Geld ihm dies mittlerweile abgenommen hat.

Dies aber ist der Beginn einer Selbsttäuschung höchsten Grades, wähnt sich damit der Einzelne doch beständig im Glauben, auf Kosten anderer seinen eigenen Reichtum zu vermehren, während er in Tat und Wahrheit, während sein Geld angeblich für ihn arbeitet und ihn, ohne sein Zutun, reicher macht, gleichzeitig durch alles, was er mit seiner eigenen Arbeit erschafft und hernach für das Bestreiten seines eigenen Lebensunterhaltes wieder verbraucht, ebenfalls überschüssiges Geld erarbeitet, das auf anderen, unsichtbaren Wegen wieder in die Taschen anderer fliesst, welche sich ebenfalls im Glauben wähnen, dank geschicktem Geldanlegen oder Aktienbesitzen reicher zu sein als sie es ohne diese Machenschaften wären. Eine Art Räuberspiel, bei dem es um nichts anderes geht, als sich gegenseitig möglichst geschickt und raffiniert und ohne dass der andere es merkt das Geld aus der Tasche zu ziehen - in Tat und Wahrheit aber, bei Lichte betrachtet, handelt es sich um ein einziges riesiges Nullsummenspiel, bei dem eine kleine Minderheit, die so viel besitzt, dass sie vorübergehend auch grössere Verluste ohne Schaden in Kauf zu nehmen vermag, zwangsläufig immer nur bei den Gewinnern ist, während der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung am Ende weniger bleibt, als sie am Anfang gehabt hatte, hat sich das Geld doch in der Zwischenzeit nicht auf wundersame Art und Weise vermehrt, ist es weder auf irgendwelchen Bäumen neu gewachsen noch von irgendwelchen fernen Sternen heruntergefallen, sondern hat sich einzig und allein bloss anders verteilt. Es ist die gleiche grosse Illusion, der auch all jene Glücksspieler verfallen, welche in ein Spielcasino gehen und sich dabei im Glauben wähnen, dabei etwas gewinnen zu können, am Ende aber, wenn das Spiel vorüber ist und sie wieder nach Hause zurückkehren, insgesamt weniger in ihren Taschen haben, als sie zuvor gehabt hatten, ist doch ein erklecklicher Teil des von ihnen gebrachten Geldes im Casino - als Gewinn für Besitzer, Aktionäre, Banken und andere Mitprofitierende - liegen geblieben. Statt ins Casino zu gehen hätten sie sich ebenso gut zu einer gemütlichen Grillparty treffen, all ihr Geld in einen Topf werfen und es darnach unter alle gleichmässig verteilen können, sie wären am Ende insgesamt besser weggekommen und es hätte ihnen niemand etwas unsichtbar klauen können.

Teufelskreis von Arbeit und Konsum

Die zweite Art, den Einzelnen möglichst eng in den Kreislauf der kapitalistischen Produktionsmaschine einzubinden und möglichst nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, an den Gesetzmässigkeiten dieser Maschine irgendetwas verändern zu wollen, ist der Konsum. Dabei entsteht ein eigentliches Sucht- und Abhängigkeitsverhalten: Je härter ich arbeite, einen umso grösseren Anspruch auf Konsum, Waren und Vergnügen erhebe ich sodann. Lässt die Motivation nach, muss die Dosis gesteigert werden. Hat die Familie ein Auto, dann muss halt die Mutter so schnell wie möglich wieder ins Erwerbsleben einsteigen, damit das Einkommen reicht, um sich noch ein zweites Auto kaufen zu können, usw. Infolge eines unaufhörlich wachsenden Angebots an Konsumgütern, Dienstleistungen, Sport-, Freizeit- und Ferienaktivitäten, angeheizt durch eine Werbe- und Propagandamaschinerie, die einen Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen lässt, wird man dabei nie an einen „objektiven" Punkt gelangen, an dem man sagen könnte: So, nun habe ich alles, was ich brauche. Diese Grenzen sind fliessend und werden laufend nach oben verschoben, immer gibt es noch irgendetwas, was andere schon haben und was ich unbedingt auch haben möchte, und sei es bloss, dass ich an der nächsten Party, wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, auch mitreden kann. Und so ist es kein Wunder, dass das eigentliche zentrale Lebensthema des kapitalistischen Menschen das Geld ist: wie und wo und in welchem Ausmass es zu verdienen ist und wie und wo und in welchem Ausmass es für welche Güter, Dienstleistungen und Vergnügungen wieder auszugeben ist. Gleich dem Schmetterling, der unablässig von Blüte zu Blüte fliegt, ist der im Sinne des Kapitalismus funktionierende Mensch schliesslich Gefangener eines Kreislaufs, der ihn im pausenlosen Erschaffen und wieder Verbrauchen von Mehrwert nie und nimmer zur Ruhe kommen lässt...

Zerstörung des Politischen in einer Zeit, da es dringender nötig wäre denn je

Doch der Konsum ist nicht das einzige Mittel, um die Menschen möglichst nahtlos in den Kreislauf der kapitalistischen Umverteilungsmaschine einzubinden und sie gleichzeitig davon abzuhalten, auf politische Gedanken zu kommen, die der Machterhaltung des Kapitalismus gefährlich werden könnten. Dazu kommt ein riesiges und stets noch wachsendes Angebot an Freizeitaktivitäten aller Art, die jegliche Zeit, die verbleiben würde, um über den Sinn des Ganzen nachzudenken, garantiert bis in die letzten Sekundenbruchteile in Beschlag nehmen. Todmüde von der Arbeit nach Hause kommend, treffen wir uns nicht mehr zum politischen Debattierklub, um die Welt zu verändern, sondern schwingen uns aufs Mountainbike, quälen uns bis zum Äussersten über sieben Hügel und werfen uns anschliessend, ausgepumpt bis zum Letzten, vor den Fernseher. Oder wir töten unsere verbleibenden Energien im Fitnessclub, beim Herunterfahren hunderter Kilometer in unser Ferienhäuschen am anderen Ende des Landes oder betäuben unsere Sinne mit übermässigem Essen und Alkoholkonsum. Schon Kinder und Jugendliche lernen von klein auf, möglichst wenig wirkliche freie Zeit zu haben: Was nicht von Schule und Hausaufgaben besetzt ist, wird mit Musikunterricht, Englischunterricht, Nachhilfeunterricht, Ballett-, Fussball- oder Schwimmtraining aufgefüllt. Und auf jede Sekunde, die dann noch bleibt, lauert eine mit immer aggressiveren Werbemitteln aufwartende Freizeitindustrie, als wären TV-Macher, Handyanbieter, Telekommunikationskonzerne, Discoveranstalter, Kinobesitzer und sämtliche Produzenten von Jugendmagazinen, Videogames, Musikkonserven und Spielfilmen im Angriff auf die jugendlichen Konsumenten ein heimliches Bündnis eingegangen mit dem Ziel, schon ab frühestem Kindesalter auch noch die letzten wirklich freien Zeiten, in denen die Menschen auf andere Gedanken kommen könnten, gnadenlos aufzufressen und der kapitalistischen Produktionsmaschine einzuverleiben.

Dass ausgerechnet alles Politische dabei gnadenlos auf der Strecke bleibt, zeigt den durchschlagenden Erfolg dieses auf reines Einzelkämpfertum, permanente Konsumsteigerung und damit immer nahtlosere Einverleibung in die kapitalistische Umverteilungsmaschine ausgerichteten „Erziehungsprogramms": Den politischen Parteien laufen die Leute scharenweise davon, an Abstimmungen und Wahlen beteiligt sich, wenn es hoch kommt, gerade mal noch knapp die Hälfte der stimmberechtigten Bevölkerung und insbesondere bei Jugendlichen rangiert Politik in der Hitparade ihrer Lieblingsbeschäftigungen weit abgeschlagen auf den aller untersten Rängen. Und dies ausgerechnet in einer Zeit, da das Politische - angesichts in diesem Ausmass nie da gewesener sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Bedrohungen - dringender nötig wäre denn je und erst noch sämtliche hierfür benötigten demokratischen Instrumente, über Jahrhunderte mühsam erkämpft, sozusagen gratis zur Verfügung stehen würden. Doch lieber flüchtet man sich in den kurzfristigen Genuss des Augenblicks, betäubt alle Sinne, geniesst was noch zu geniessen ist - statt all den grauen und schwarzen Wolken, die immer dichter am Horizont aufziehen, in die Augen zu blicken.

Bekämpfung der Symptome statt der Ursachen

Kein Wunder, dass bei so viel Vereinzelung und Fremdbestimmung, bei so viel Kampf aller gegen alle und bei so gnadenlosem Ausblenden und Verdrängen aller Zukunftsbedrohungen die Menschen nicht wirklich gesund sein können. Die massiv anwachsende Zahl von Rückenleiden, übermässiger Nervosität, Schlafstörungen, Herzproblemen, Depressionen und vielem, vielem mehr - es wären die allerletzten Alarmglocken, Stufe rot, die uns endlich aufwecken müssten, nachdem wir alle weniger lauten Glocken bereits überhört haben. Doch weit gefehlt. Statt all diese psychischen und physischen Leiden und Erkrankungen als Symptome dafür zu erkennen, dass endlich an deren gesellschaftliche Ursachen herangegangen werden müsste, beschränken wir uns lieber darauf, die Symptome selber zu bekämpfen und uns damit der Auseinandersetzung mit den eigentlichen Ursachen zu entziehen. Wie könnte es im Kapitalismus auch anders sein. Ein gewaltiges, laufend wachsendes Heer an speziell hierfür ausgebildeten „Fachleuten" - Ärzte, Physiotherapeutinnen, Sozialarbeiterinnen, Psychologen, Eheberater, Jugendbetreuer, Erziehungsberater, Budgetberaterinnen, Suchtberater - scheinen nur darauf gewartet zu haben, sich wie Heuschrecken auf die Opfer der kapitalistischen Vernichtungsfeldzüge zu stürzen. Riesige neue kapitalistische Wachstumsmaschinen sind entstanden und wachsen weiter an. Allein in psychiatrischen Kliniken verschwinden Jahr für Jahr Abertausende, viele von ihnen zwangsweise, nicht wenige von ihnen für immer. Bei anderen genügen Medikamente, um sie überlebensfähig bzw. kapitalismustauglich zu halten: Gemäss Ergebnissen der schweizerischen Gesundheitsbefragung 2002 schlucken nahezu eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer jeden Tag mindestens eine Pille, vor allem Schlaf-, Schmerz-, Beruhigungs-, Aufputschmittel sowie Appetitzügler. Halten die Kinder in der Schule den Leistungsdruck und den gegenseitigen Konkurrenzkampf, das gewaltsame Niederdrücken ihrer natürlichen Widerspenstigkeit, Bewegungs- und Lebensfreude nicht mehr aus, verschreibt ihnen der Hausarzt einfach eine höhere Dosis Ritalin und alles ist wieder ruhig. Klagt die Verkäuferin über Rückenschmerzen, schickt man sie zum Physiotherapeuten. Leidet der Buschauffeur infolge wachsenden Zeitdrucks, immer kürzerer Arbeitspausen und zunehmender Hektik auf der Strasse bei gleichzeitig zunehmender Ungeduld seiner Kundschaft unter einem Magengeschwür, so wird dieses herausgeschnitten oder aber der Buschauffeur wird durch einen anderen ersetzt. Steht das Herz des Managers still, wird ihm ein neues eingepflanzt. Und so kann das kapitalistische Macht- und Ausbeutungssystem, die immer schneller sich drehende und die sozialen Gegensätze immer weiter aufreissende Umverteilungsmaschine weiterhin ungestört ihren Lauf nehmen. Jetzt, wo alle Schmerzen betäubt sind, alles Krankgewordene mit immer effizienteren Methoden wieder fit gemacht oder ausgewechselt werden kann und wir auch die allerletzten Zweifel und Unsicherheiten buchstäblich bis in den Schlaf hinein ausgelöscht haben, entsprechen wir endlich jenem Inbegriff des perfekten kapitalistischen Menschen, der alles im Griff hat, um sich permanent von seiner eigenen Selbstvernichtung abzulenken.

Peter Sutter, 20.3.2009

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