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Geiz ist geil

 

Anfangs August 2004 fährt eine vierköpfige Familie aus Schwyz nach Konstanz, 105 Kilometer weit, um dort bei Aldi einzukaufen: das Kilo Kirschen aus Griechenland für 2.30 Franken, das Kilo Zwetschgen aus Ungarn für 85 Rappen, den Liter Rotwein aus Mazedonien für 1.99 Franken. Auch der Sohn eines Zürcher Metzgers, der wegen der Konkurrenz der Grossverteiler sein Geschäft schliessen musste, findet sich unter den Kunden. „Hauptsache, der Preis stimmt", sagt er. Auf die Frage eines Journalisten, wie viele Euro am Ende des Monats in der Lohntüte der Verkäuferinnen stecken oder wie viele Cent der Bauer in Griechenland für ein Kilo Oliven von Aldi bekommt, antwortet der Filialleiter: „Dazu geben wir keine Auskunft."1

Fünf Jahre später sind es immer weniger Schweizer Familien, die zu Aldi ins grenznahe Ausland reisen müssen. Inzwischen ist Aldi in die Schweiz gekommen und eröffnet hier eine Filiale um die andere...

Aldi - ein Paradebeispiel für die Perfektionierung der Umwandlung menschlicher Arbeitskraft in kapitalistischen Mehrwert und zugleich die Schreckensvision, in welche Richtung sich die Verhältnisse auch in anderen Betrieben und Branchen weiter und weiter zu entwickeln drohen, und dies alles mitten im guten, alten Europa...

Einfaches kapitalistisches Erfolgsrezept

Aldis Erfolgsrezept ist einfach2: Es ist die Kostenoptimierung auf allen Ebenen: Dumping der Lieferantenpreise, flexible Personalverwaltung, möglichst tiefe Lohn- und Verwaltungskosten. Störfaktoren wie Gewerkschaftsarbeit oder Kritik in den eigenen Reihen sind unerwünscht. Wenn Presseleute im Betrieb auftauchen, werden die Angestellten vorgängig instruiert, was sie sagen dürfen und was nicht.

Ein ehemaliger Aldi-Kassier berichtet, er habe - trotz Ladenschluss um 20 Uhr - nicht selten bis Mitternacht Gestelle auffüllen, Paletten ausrichten und Reinigungsarbeiten ausführen müssen. Mehrmals sei er dennoch am nächsten Tag in der Morgenschicht eingeteilt gewesen und habe bereits um 6 Uhr wie-der im Laden stehen müssen. Andere Angestellte erzählen von Schikanen aller Art seitens ihrer Vorgesetzten: Sie hätten in ihrem Arbeitsvertrag zustimmen müssen, ihren Vertrauensarzt vom Amtsgeheimnis zu entbinden; es sei ihnen die fristlose Kündigung angedroht worden für den Fall, dass sie sich weigerten, Arbeitskolleginnen bei beobachteten Regelverstössen zu denunzieren, zum Beispiel beim Essen einer überreifen Banane; in ihren privaten Effekten und Fahrzeugen seien stichprobenmässig Diebstahlkontrollen durchgeführt worden; in zahlreichen Filialen seien Überwachungskameras installiert, welche das Personal ununterbrochen bei der Arbeit filmten und diese Aufnahmen speicherten; einer Verkäuferin sei gekündigt worden, weil sie sich geweigert hätte, auf ihre Zöpfchenfrisur zu verzichten; so genannte „Testkäuferinnen" würden eingesetzt mit dem Auftrag, kleinteilige Artikel unter anderen Waren zu verstecken - wenn die Kassierin diese nicht entdeckt, müsse sie mit Abmahnung oder gar Kündigung rechnen; wer krank sei, müsse mit einem unangekündigten Besuch des Filialleiters rechnen.

Grundsätzlich beschäftigt Aldi Verkäuferinnen nur zu einem Pensum von 50 Prozent und kann sich somit die Beiträge für die Altersvorsorge und das BVG sparen, gleichzeitig werden Angestellte zu Überstunden ohne Lohnzuschlag verpflichtet und jegliche „Nebenbeschäftigung" gilt als bewilligungspflichtig, damit die Angestellten trotz des reduzierten Pensums möglichst jederzeit flexibel einsetzbar sind.

Allgegenwärtige Kontrollsysteme

Vorläufig erst in Deutschland, vielleicht aber bald auch schon in der Schweiz, setzt Aldi zur Optimierung des Kostenfaktors Arbeitszeit eine Software mit der Bezeichnung „Time Control"3 ein. Atoss, der Hersteller der Software, schreibt, dass es im „Produktivitäts-Duell den Erfolgsfaktor Personal in allen Aspekten zu meistern" gelte. Mit „Time Control" kann blitzschnell erfasst werden, wer gerade was uns wie lange macht und wie produktiv das Personal arbeitet, alle Daten werden automatisch ins Lohn- und Gehaltsystem eingespiesen und liefern die Grundlagen für die laufende Betriebsoptimierung.

Nicht nur in den deutschen, sondern auch in den Schweizer Aldifilialen ist zudem jede Kasse mit einem Computersystem verlinkt, mit dem jederzeit die gemessene Scanleistung der einzelnen Kassierin und des einzelnen Kassiers ausgewertet werden kann. „Wir müssen mindestens 1400 Artikel pro Stunde und Kasse scannen", berichtet eine Verkäuferin, „wer langsamer ist, wird zum Chef gerufen. Und der droht dann mit der Kündigung, wenn sich die Leistung nicht verbessere." Zudem leide auch das Betriebsklima unter dem permanenten Vergleichssystem, der psychische Druck sei enorm: Am Abend verglichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oft ihre Scanleistungen, was immer wieder dazu führe, dass die Langsameren von den Schnelleren gehänselt würden. In einzelnen Filialen würden sogar in den Pausenräumen Ranglisten aufgehängt, wer an der Kasse am schnellsten war.

Unabsehbare Folgen

Aldi - ein insgesamt durch und durch kapitalistisches Erfolgsprojekt. Zwar nicht für die betroffenen Menschen, dafür umso mehr für den kapitalistischen Wert aller Werte, die endlose Profitmaximierung um jeden Preis: Betragen die Personalkosten bei der Migros 22 Prozent des Umsatzes und bei Coop 17 Prozent, sind es bei Aldi bloss etwa 3 Prozent.

Übrigens: Die Besitzer von Aldi, die Brüder Karl und Theo Albrecht, sind die zwei reichsten Deutschen und figurieren auf der Rangliste der fünfundzwanzig reichsten Männer der Welt mit einem Vermögen von 27 bzw. 23 Milliarden Dollar auf den Plätzen 10 und 16.4

Damit aber ist die Geschichte der Billigdiscounter, die den bisherigen Schweizer Branchenleadern das Leben schwer machen wollen, noch längst nicht am Ende, sondern vielmehr erst am Anfang. Denn hinter Aldi lauert als Nächster bereits Lidl, und der will es erst recht wissen. „Wenn Lidl in den Schweizer Markt eintritt", so der St. Galler Handelsprofessor Thomas Rudolph im Mai 2006, „begnügt er sich nicht damit, 7 Prozent billiger zu sein als Aldi, sondern will mindestens 20 Prozent billiger sein." Dies, so Rudolph, müsse man aus der aggressiven Preisstrategie ableiten, die Lidl in Ländern wie Irland, Norwegen, Österreich und Belgien an den Tag gelegt habe, um diese Märkte zu erobern. Wenn Lidl in die Schweiz komme, prophezeit Rudolph „neue, noch heftigere Preisgewitter" und warnt dabei gleichzeitig vor einem ausser Rand und Band geratenden Preiskampf, der schliesslich zu einem massiven Personalabbau führen werde.5 Diese Meinung vertritt auch Migros-Chef Anton Scherrer, der - als Folge des Markteintritts von Aldi und Lidl - einen Verlust von 10‘000 Detailhandelsarbeitsplätzen zwischen 2005 und 2010 prognostiziert.6

Peter Sutter, 28.2.2009


1 Südostschweiz, 11.8.2004
2 Wochenzeitung, 9.9.2004 & 16.8.2007; St. Galler Tagblatt, 1.6.2006; K-Tipp, 31.5.2006; St. Galler Tagblatt, 28.10.2005
3 Wochenzeitung, 9.9.2004 & 16.8.2007; St. Galler Tagblatt, 1.6.2006; K-Tipp, 31.5.2006; St. Galler Tagblatt, 28.10.2005
4 Rangliste der reichsten Männer der Welt: http://www.focus.de/
5  Tages-Anzeiger, 10.5.2006
6  Tages-Anzeiger, 26.5.2005