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"Ein Mausclick und du bist weg"

"Früher wurde man noch als Mensch behandelt, jetzt aber entscheiden nur noch Zahlen und Fakten. Dein Name wird einfach auf einem Bildschirm angeklickt und ausgelöscht, so schnell geht das heute."

E.K., nach 32jähriger Tätigkeit beim Widnauer Textilunternehmen Setila im Januar 2000 infolge einer Betriebsumstrukturierung entlassen.


Länger arbeiten, weniger verdienen

Individualisierung von Lohnerhöhungen

„Flexibilisierung" von Anstellungsverhältnissen

Schrankenlose „Optimierung" der Ausschöpfung von Arbeitskraft

Abschaffung bisheriger Schutzbestimmungen

Arbeiten zum Nulltarif

Lohnreduktion durch Ausgliederung ganzer Betriebssegmente

Schluss- und Höhepunkt der kapitalistischen Zaubershow

Buchstäblich tödliche Folgen der Verlagerung von Arbeit in Billiglohnländer

Endlos-Konkurrenzspirale im globalen Wettlauf zwischen den Unternehmen

Weltweite Vernetzung des Kapitals versus weltweit entsolidarisierte Arbeiterschaft

Was ist „gerecht" in einer „freien" Welt?


Das Konkurrenzprinzip zwingt jedes Unternehmen, das Verhältnis zwischen dem Input in Form der Lohnkosten und dem Output in Form der geleisteten Arbeit laufend zu „optimieren". Da der gegenseitige Konkurrenzkampf damit aber nicht aufhört, sondern sich erst recht weiter verschärft, bedeutet dies nichts anderes, als dass mit jeder neuen Massnahme, die am einen Ort ergriffen wird, sämtliche Mitkonkurrenten gezwungen werden, neue, noch effizientere Massnahmen zu erfinden, um im gemeinsamen Wettlauf nicht auf der Strecke zu bleiben - genau so wie in einem Radrennen, in dem jeder Fahrer, der künstliche Aufputschmittel zu sich nimmt, alle übrigen Fahrer zwingt, dies ebenfalls zu tun bzw. sich mit noch stärkeren Mitteln noch stärker aufzuputschen. Die dabei zur Anwendung gelangenden Optimierungs- und Effizienzsteigerungsmassnahmen könnte man geradezu als das Arsenal kapitalistischer Zaubertricks in den Händen der kapitalistischen Hexenmeister bezeichnen.

Nun, was sind diese „Zaubertricks" im Einzelnen?

Länger arbeiten, weniger verdienen

Zum Beispiel gehen Firmen, Trick Nummer eins, immer öfters dazu über, die regulären Wochenarbeitszeiten - meist bei gleich bleibendem Lohn - anzuheben. Den Anfang machten im Frühjahr 2006 der Rüstungsbetrieb Ruag - Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit von 40 auf 42 Stunden - , die Ammann AG in Langenthal - Erhöhung der Arbeitszeit für einen Teil der Belegschaft auf 41,5 Wochenstunden - und die Entsorgungsfirma Hunkeler in Witikon LU - Erhöhung der Wochenarbeitszeit um 1,5 Stunden -, zahlreiche weitere Betriebe sind ihrem Beispiel seither gefolgt.1 So zum Beispiel die SBB - Erhöhung der Arbeitszeit ab 2007 auf 41 statt wie bisher 40 Stunden - oder die Migros, die auf den 1. Juli 2008 die wöchentliche Arbeitszeit für einen Zehntel der Belegschaft von 41 auf 43 Stunden erhöhte.2

Zunehmend ist auch quer durch alle Branchen hindurch -  Trick Nummer zwei - die Tendenz festzustellen, Angestellte weit über die reguläre Arbeitszeit hinaus Überstunden leisten zu lassen, ohne diese vertragsgerecht zu entschädigen.

Bedeuten die Tricks Nummer eins und zwei faktisch eine Lohnreduktion - zum gleichen Lohn muss länger gearbeitet werden -, so besteht Trick Nummer drei darin, den Lohn - bei gleich bleibender Arbeitszeit - tatsächlich in Franken und Rappen zu kürzen. Auch dies wird in vielen Firmen immer öfters praktiziert, vor allem dann, wenn ein Betrieb einer „Restrukturierung" unterzogen wird und mit dieser Begründung dann der Abschluss neuer Arbeitsverträge - oft mit schlechteren Bedingungen - gerechtfertigt wird. Mit Lohnkürzungen muss aber durchaus auch unter ganz „normalen" Bedingungen - d.h. ohne Besitzerwechsel oder vergleichbaren anderen äusseren Anlass - gerechnet werden, so zum Beispiel beim Media-Markt Dietikon, wo das Personal im Mai 2005 mit Lohnkürzungen von durchschnittlich 15 Prozent konfrontiert wurde3, oder bei Siemens Buildings Technologies in Volketswil, wo im September 2008 13 Produktionsmitarbeitern eine Lohnkürzung von bis zu zwanzig Prozent - Lohneinbussen von bis zu 1000 Franken im Monat - angekündigt wurde.4 Lohnkürzungen wollte auch die Swisscom auf den 1. Januar 2007 vornehmen, stiess damit aber bei den Gewerkschaften auf so erbitterten Widerstand, dass das Ansinnen zurückgenommen werden musste.5

Individualisierung von Lohnerhöhungen

Trick Nummer vier ist das Aufspalten des Gesamtlohns in einen Grundlohn und einen Leistungslohn - dies gleich mit doppeltem Vorteil: Erstens kann der effektiv auszuzahlende Lohn dadurch tiefer gehalten und eine eventuelle Mehrentschädigung vom jeweiligen Geschäftsverkauf der Firma abhängig gemacht werden. Zweitens haben Vorgesetzte mit dem Leistungslohn ein sehr probates Mittel in der Hand, ihre Angestellten vermehrt zu kontrollieren und zu disziplinieren, indem die Höhe des Leistungslohns von der Bereit-schaft abhängig gemacht wird, sich über das „Normale" hinaus für seine Firma einzusetzen, sprich, zum Beispiel - siehe Trick Nummer eins -, klag-los unbezahlte Mehrarbeit zu leisten. Kein Wunder, nimmt der Anteil der Arbeitsverträge mit variabler Leistungskomponente von Jahr zu Jahr zu und gilt heute bereits für mehr als einen Viertel sämtlicher Anstellungsverhältnisse.

Das gleiche Prinzip wird - Trick Nummer fünf - immer häufiger auch bei der Bemessung von Lohnerhöhungen angewandt: Zu Beginn der neunziger Jahre waren individuelle Lohnerhöhungen noch so unbedeutend, dass sie nicht einmal statistisch erfasst wurden, heute werden beinahe die Hälfte der kollektiv vereinbarten Lohnerhöhungen individuell erteilt. Besonders stark individualisiert wurde die Lohnpolitik bei den Banken, wo der individuelle Entlöhnungsanteil bereits 15 Prozent der gesamten Lohnsumme ausmacht, vor zehn Jahren betrug dieser Anteil noch weniger als 5 Prozent.6 Individuelle Lohnerhöhungen haben nicht nur Neid und Missgunst zwischen den Angestellten zur Folge, sie bevorzugen auch einseitig die Besserverdienenden, da sie oft eingesetzt werden, um Manager und Spezialisten nicht an die Konkurrenz zu verlieren, während weniger qualifizierte - und schlechter verdienende - Beschäftigte viel leichter zu ersetzen sind.

„Flexibilisierung" von Anstellungsverhältnissen

Trick Nummer sechs besteht darin, gesicherte Festanstellungen durch möglichst „lockere", „flexible" Anstellungsverhältnisse zu ersetzen, welche dem „Arbeitgeber" einen möglichst grossen Freiraum in Bezug auf die optimale Ausnützung von Arbeitskraft geben, während sie auf der anderen Seite die Freiheiten, Sicherheiten und Rechte der „Arbeitnehmenden" massiv einschränken. „Arbeit auf Abruf" nennt sich das und sieht dann etwa so aus wie in der Verteilzentrale des Kiosk-Unternehmens Valora in Muttenz BL, wo ein Grossteil der Beschäftigten selbst nach mehrjähriger Tätigkeit immer noch im Stundenlohn - für 16 bis 20 Franken brutto ohne Ferienzuschlag - angestellt sind. Wie viel Arbeit es gibt, ob massiv Überstunden zu leisten sind oder ob sie mangels Arbeit gleich wieder nach Hause gehen müssen, erfahren die Angestellten meist erst am Morgen des betreffenden Arbeitstags.7 Ähnlich geht es in der Zentrale des internationalen Warenlieferanten Lekkerland in Brunegg AG zu und her: Teilzeitbeschäftigte, im Stundenlohn angestellt, müssen dauernd erreichbar sein, wissen aber nicht, wie viel sie jeweils am Monatsende auf dem Konto haben; angesammelte Ferien verfallen, wenn sie nicht bis spätestens April des folgenden Jahres eingezogen werden; Zeitgutschriften für regelmässige Nachtarbeit werden, obwohl gesetzlich vorgeschrieben, nicht ausbezahlt. Eine besondere Belastung bedeuten die oft sehr langen Arbeitsschichten: „Manchmal habe ich von morgens 6 Uhr bis abends um 21.15 Uhr im Kühlhaus gearbeitet", berichtet eine 48jährige Angestellte, „danach war ich jeweils so erschlagen und erschöpft, dass ich nicht mehr einschlafen konnte." Ein anderer Angestellter stört sich vor allem am Umgangston der Vorgesetzten: „Uns wird gesagt, wir sollten nicht frech werden. Aber mein Chef meinte, als wir mal nach einer 16-Stunden-Schicht früher Feierabend machen wollten, wir müssten gefälligst den Finger aus dem Hintern nehmen." Eine weitere Angestellte ergänzt: „Von den Vorgesetzten wird man herumgeschubst und angelogen, wir werden hier behandelt wie Sklavinnen."8

Arbeit auf Abruf - ohne Anspruch auf berufliche Vorsorge, ohne Lohnfortzahlung bei Krankheit, ohne Arbeitslosengeld, ohne Kündigungsschutz, ohne 13. Monatslohn, ohne Gratifikationen - wird vor allem auch in der Verkaufsbranche, wo bereits über die Hälfte der Beschäftigten nur noch im Stundenlohn angestellt sind, immer mehr zum Normalfall.9 Doch auch in anderen Branchen nimmt die Tendenz, gesicherte in ungesicherte Arbeitsplätze umzuwandeln, laufend zu: Wuchs die Zahl der Vollbeschäftigten etwa im Verlaufe des Jahres 2004 gesamtschweizerisch um 9000, erhöhte sich die Zahl der Teilzeitbeschäftigten im gleichen Zeitraum um nicht weniger als 69‘000; mittlerweile ist jeder zwanzigste Beschäftigte nur noch auf Abruf angestellt; 60 Prozent aller auf Abruf Angestellten verfügen nicht einmal mehr über ein garantiertes Minimum an Arbeitsstunden, der Lohn bemisst sich einzig und allein an der vorhandenen Arbeit; dennoch haben auf Abruf Angestellte jederzeit zur Verfügung zu stehen und können daher, auch bei noch so geringer Entschädigung, keinen Zweitjob annehmen.10 Für die „Volksvertreter" in Bern scheint dies alles allerdings überhaupt keine Problem zu sein: Der Nationalrat lehnte im März 2005 eine Parlamentarische Initiative, welche zum Schutz der Betroffenen eine gesetzliche Regelung der Arbeit auf Abruf forderte, mit 101 zu 79 Stimmen ab.11

Schrankenlose „Optimierung" der Ausschöpfung von Arbeitskraft

Beim Trick Nummer sieben geht es darum, ein möglichst grosses „Heer" an möglichst flexibel und zeitlich limitiert einsetzbaren Arbeitskräften zur Verfügung zu haben, die man jederzeit kurzfristig anfordern und ebenso kurzfristig wieder „zurückgeben" kann, je nach Auftragslage des Betriebs. Diesem Zweck dienen die so genannten „Temporärarbeiterinnen" und „Temporärarbeiter", von denen es landesweit rund 200‘000 gibt und deren Zahl allein zwischen 2004 und 2006 um 60 Prozent zugenommen hat.12 42 Jobs in vier Jahren, vom Maler, Gipser und Lüftungsmonteur über den Lageristen, Kranführer und Pizzakurier bis zum Gärtner, Landarbeiter und Bäcker, das ist - gemäss einem Bericht der „Wochenzeitung" vom 21. September 2006 -die Bilanz des 22jährigen E.K. Kaum habe er irgendwo angefangen, müsse er auch schon wieder gehen, eine Integration in einen Betrieb sei auf diese Weise unmöglich, bei internen Weiterbildungen komme man nie zum Zug und für die eigene Weiterbildung fehlten die Zeit und das Geld: „Mein Lebenslauf gibt nichts her." Besonders belastend sei die beständige Unsicherheit im Hinblick auf die Zukunft: „Wenn der Chef sagt, er wisse nicht, ob er dir nächsten Morgen noch Arbeit habe, sinkt die Motivation." E.K. würde sich eine Festanstellung wünschen, weiss aber von seinen Kollegen, wie schwer dies für temporär Arbeitende ist: „Wenn du temporär arbeitest, sitzt du wie die Katze vor dem Mausloch, aber die Maus kommt nicht." Überdurchschnittlich hoch ist für temporär Arbeitende auch das Unfallrisiko - 2005 verunfallten 282 von 1000 Temporärbeschäftigten in Industrie und Bau -, weil sie oft mit den Arbeitsabläufen in den Einsatzbetrieben zu wenig vertraut sind, ungenügend eingewiesen werden und auch im Sicherheitsbereich nicht auf Weiterbildung zählen können.13

Trick Nummer acht ist die Umwandlung von Wochenarbeitszeit in Jahresarbeitszeit. Ähnlich wie bei der Umwandlung von gesicherten in ungesicherte Anstellungsverhältnisse geht es auch hier darum, vorhandene Arbeitskraft möglichst „optimal" auszuschöpfen, ohne dafür lästige Mehrleistungen - in Form von Überstundenentschädigung - erbringen zu müssen. Seit 2001 hat die Anzahl Beschäftigter mit Jahresarbeitszeit gesamtschweizerisch um rund 60 Prozent zugenommen und gilt heute bereits für rund zehn Prozent sämtlicher Anstellungsverhältnisse.14

Trick Nummer neun dient der „Optimierung" sämtlicher Arbeitsabläufe. Dabei geht es darum, die vorhandene Arbeitskraft in der vorhandenen Zeit so vollumfänglich als möglich auszunützen. Dies führt dazu, dass Arbeitszeiten von 12 bis 16 Stunden hintereinander ohne Pause - auch als Folge von Personalreduktion bei gleich gebliebenen oder gar noch angestiegenen Arbeitspensen - in immer mehr Betrieben immer häufiger zum „Normalfall" werden. Dem Kampf, alle „unproduktive" Zeit zu vernichten, dienen auch die in vielen Betrieben eingeführten Regeln betreffend WC-Pausen, insbesondere aber die Installation von Videokameras zur Überwachung des Personals. Von einem besonders krassen Beispiel, dem Media-Markt Dietikon, berichtete die Gewerkschaftszeitung „work" in ihrer Ausgabe vom 23. Dezember 2005: „Nicht nur in den Verkaufsräumen sind Videokameras angebracht, sondern auch im Lager, bei den Zugängen zu den Stempeluhren, im Pausenraum und in den Toiletten." Eine Angestellte berichtet, sie hätte sogar eine schriftliche Verwarnung der Filialleitung erhalten, bloss weil sie während der Arbeit im Geschäft mit ihrem Ehemann geredet habe.15

Abschaffung bisheriger Schutzbestimmungen

Trick Nummer zehn bezweckt die Aufweichung oder gar Abschaffung besonderer Schutzbestimmungen, etwa für Frauen oder Jugendliche. So können Frauen seit der am 1. August 2000 in Kraft getretenen Revision des Arbeitsgesetzes - nunmehr „gleichberechtigt" mit Männern - vermehrt auch in der Nacht beschäftigt werden. Zudem brachte das neue Gesetz auch eine generelle Änderung in Bezug auf die Definition von Nachtarbeit. War vor der Einführung des Gesetzes Nachtarbeit als jene Arbeitszeit definiert, welche um 20 Uhr begann, kann neu ein Betrieb bis um 23 Uhr arbeiten, ohne dass die Angestellten einen Zuschlag bekommen.16 Nachtarbeit hat innerhalb der letzten Jahre massiv zugenommen: Betrug die Zahl in der Nacht arbeitender Erwerbstätiger 2004 erst 177‘000, so kletterte diese Zahl in den folgenden beiden Jahren auf 190‘000 bzw. 209‘000. Und dies, obwohl längstens bekannt ist, was für Gesundheitsrisiken sich aus dauerhafter Nachtarbeit ergeben können: chronische Schlafstörungen mit dem Risiko gefährlicher Schlafdefizite, chronische Verdauungsstörungen, Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre, chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt, Hirnschlag, andauernder Bluthochdruck, Diabetes, Epilepsie, Bronchialasthma, schwere psychische Störungen und erhöhte Suchtgefahr.17

Auch die Schutzbestimmungen für Jugendliche sind immer grösserem „Effizienzdruck" ausgesetzt.   So wurde das arbeitsrechtliche Jugendschutzalter im Juni 2006 durch den Nationalrat von bisher 20 auf neu 18 Jahre herabgesetzt.18 Dies bedeutet, dass Jugendliche, die beispielsweise im Gastgewerbe, in Spitälern, Bäckereien oder in Telekommunikationsbetrieben arbeiten, vermehrt nun auch völlig legal zu Nacht- und Sonntagsarbeit herangezogen werden können, was Wochenarbeitszeiten von bis zu 60 Stunden zur Folge haben kann und - nebst der arbeitsmässigen Zusatzbeanspruchung - auch dazu führt,  dass soziale Kontakte und geselliges Zusammensein mit Gleichaltrigen nur noch äusserst eingeschränkt möglich sind.

Arbeiten zum Nulltarif

Trick Nummer elf - besonders originell und besonders lukrativ! - ist das Arbeiten zum Nulltarif: Als sich Frau D. anfangs 2005 auf ein Stelleninserat für Callcenter-Mitarbeiterinnen bei der Thurgauer Firma Eliax meldet, bekommt sie nach einer eintägigen Einführung ihren ersten Auftrag: Sie soll anhand einer Adressliste via telefonische Anfrage Schlüsselfundmarken verkaufen. Erst im Verlaufe der ersten Arbeitswoche erfährt sie, dass sie für den ersten Arbeitsmonat noch keinen Lohn bekommen würde, da diese Zeit als Einarbeitungszeit gelte.19 Ähnlich ergeht es Herrn G., der sich bei der Firma Hercom als Callcenter-Agent beworben hat: Nachdem er innerhalb von zwei Stunden 80 echte Telefonate erledigen musste, wird ihm gesagt, eine Anstellung komme nicht in Frage, aber er könne ja, wenn er wolle, ein weiteres Mal „üben" kommen.20

Arbeit zum Nulltarif findet indessen nicht nur in irgendwelchen „dubiosen" Kleinfirmen statt, die irgendwo am Rande der Legalität operieren. Arbeit zum Nulltarif scheint auch in renommierten Firmen und vor allem auch im öffentlichen Bereich mittlerweile durchaus „salonfähig" geworden zu sein. Man denke nur an den Einsatz von 470 Zivildienstleistenden mit insgesamt 35‘600 Diensttagen an der Expo 0221 oder an die Idee der SBB, auf Bahnhöfen Sicherheitspatrouillen, gebildet aus Freiwilligen und Ehrenamtlichen, zum Beispiel Pfadfindern, einzusetzen. Auch im Berner Kunsthaus Paul Klee arbeiten über 140 Freiwillige, die zusammen ein Pensum von 15 Vollzeitstellen und damit mehr als einen Fünftel der insgesamt vom dort angestellten Personal geleisteten Arbeit bewältigen.22 Weit verbreitet sind mittlerweile auch so genannte „Praktika" für Studienabgängerinnen und Studienabgänger, die keine Stelle finden: Einzelne der Firmen, die solche Praktika anbieten, zahlen Monatslöhne um die 500 Franken, andere verlangen zunächst eine einjährige „Probezeit", während der überhaupt kein Lohn ausbezahlt wird.23

Lohnreduktion durch Ausgliederung ganzer Betriebssegmente

Trick Nummer zwölf muss man - infolge seiner geradezu zynischen und zugleich höchst effizienten Wirkung - wohl schon zu den „höheren" Formen kapitalistischer Zauberkunst rechnen. Er besteht nämlich darin, einzelne Tätigkeitsbereiche aus der Firma herauszulösen und dann an ein anderes Unternehmen zu vergeben, welches zukünftig den „ausgegliederten" Tätigkeitsbereich weitaus kostengünstiger bewältigen wird. Dies bedeutet für die betroffenen Angestellten in aller Regel, dass sie entweder durch billiger arbeitende ersetzt werden oder aber gezwungen sind, unter einem neuen Arbeitgeber weiterhin ihr bisheriges - oder sogar noch ein grösseres - Arbeitspensum zu leisten, ohne hierfür die bisherige Entschädigung und die bisherigen sozialen Leistungen in Anspruch nehmen zu können. So wie zum Beispiel die in der Personalkantine des Basler Pharmaunternehmens Roche arbeitenden Köche, deren Gehalt - seit die Kantine „ausgegliedert" wurde - dermassen stark gekürzt wurde, dass jene unter ihnen, welche mit ihrem Lohn eine Familie ernähren müssen, bereits auf Fürsorgeleistungen angewiesen sind.24 Oder diejenigen Angestellten - Chauffeure und Lagerangestellte - der Ostschweizer Küchenbaufirma Piatti, welche Ende 2004 an die Wiler „Camion Transport" ausgegliedert wurden und seither nicht nur - bei 13 Prozent weniger Lohn! - pro Woche eine Stunde länger arbeiten müssen, sondern zudem noch bis zu 10 Prozent weniger Ferien haben und sich anstelle des 13. Monatslohns mit einer Gratifikation zufrieden geben müssen, deren Höhe von Fall zu Fall von ihrem neuen Arbeitsgeber willkürlich festgelegt wird.25 Zahlreiche Firmen, vor allem Banken und Versicherungen, haben bereits ihre gesamten telefonischen Beratungs- und Auskunftsdienste an so genannte Callcenters ausgegliedert. Dort werden - trotz der überaus stressigen Arbeitssituation - nicht selten nur noch Grundlöhne von 2500 bis 3000 Franken garantiert, um die Mitarbeitenden - mit einem bei guter Leistung in Aussicht gestellten Zusatzlohn - dazu zu „animieren", möglichst viele Anrufe in möglichst kurzer Zeit zu erledigen und dabei möglichst viele profitable Geschäfte abzuschliessen.26 ABB lagerte seine IT samt Mitarbeitenden an IBM aus und sparte damit 10 Prozent der Kosten; die Zuger Kantonalbank lässt ihr Wertschriftengeschäft von der Privatbank Maerki bearbeiten und hat damit 30 Prozent der Kosten und 20 Stellen eingespart.27 Geradezu astronomische Ausmasse hat das „Ausgliedern" von Arbeitsplätzen mittlerweile im Reinigungssektor angenommen, wo bereits insgesamt über 1300 Unternehmen mit schätzungsweise etwa 60‘000 Beschäftigten - sich im gegenseitigen Konkurrenzkampf mit Billigstlöhnen gegenseitig unterbietend - um die Gunst jener Firmen buhlen, welche ihrerseits durch das Ausgliedern dieses Unternehmensbereichs ihre Lohnkosten massiv zu senken vermögen, alles auf dem Buckel immer härter und dennoch immer schlechter entlöhnter Arbeitender.28 Was für Wildwestmethoden in dieser Branche mittlerweile herrschen, zeigt folgendes Beispiel eines Zürcher Reinigungsunternehmens aus dem Jahre 2001: Das Unternehmen bot - ohne Angaben über Lohn und Arbeitszeiten - Stellen an, welche interessierte Frauen aber nur bekommen konnten, wenn sie sich nach mehrtägigem „Probeputzen" als für den Job tauglich erwiesen. Einige Frauen - es handelte sich ausschliesslich um Ausländerinnen - mussten gar einen ganzen Monat lang arbeiten, bis ihnen die Höhe des Lohnes - 12 Franken pro Stunde - bekannt gegeben wurde. Wer damit nicht einverstanden war, konnte gehen - ohne auch nur einen Rappen Lohn bekommen zu haben.29 Ausgliedern von Arbeit zwecks Verbilligung ist mittlerweile auch bei der öffentlichen Hand in Mode gekommen, so haben - um nur ein Beispiel zu nennen - die Baselbieter Gemeinden Arlesheim, Münchenstein und Reinach ihre Kehrichtabfuhr einer Privatfirma übertragen. Bei der werden ausschliesslich „sportliche, junge Schweizer" angestellt, „Stellensuchende vom Arbeitsamt" - so Anton Saxer, Chef des privaten Abfallentsorgungsbetriebs - „sind alles Halbinvalide, die lassen wir links liegen." In seiner Firma wird pro Tag 9,5 Stunden gearbeitet, eineinhalb Stunden länger als bei der öffentlichen Kehrichtabfuhr, und dies in einer äusserst anstrengenden Arbeit, die bereits unter den bisherigen Bedingungen dazu führt, dass viele Kehrichtmänner schon im Alter von 50 Jahren unter bleibenden körperlichen Schäden leiden. Zudem verzichtet die private Kehrichtentsorgungsfirma auf die sonst üblichen Sicherheitsvorschriften wie Stahlkappenschuhe und Kleider mit Reflektoren.30 Die Regierung des Kantons Zürich plant, die gesamte Unterhaltsreinigung der Kantonsverwaltung - etwa 160 Teilzeitangestellte mit einem Gesamtpensum von 40 Stellen - bis zum Jahr 2010 an eine externe Firma auszugliedern - erhoffter jährlicher Spareffekt: 830‘000 Franken.31

Schluss- und Höhepunkt der kapitalistischen Zaubershow

Trick Nummer dreizehn ist sozusagen der Schluss- und Höhepunkt dieser kapitalistischen Zaubershow, der Moment, in dem der Magier alle zuvor hervorgezauberten Tauben noch einmal verschwinden und im nächsten Augenblick an einem anderen Ort neu erscheinen lässt, ohne dass irgendwer auch nur die leiseste Chance gehabt hätte zu erkennen, wie der Trick funktionierte. Es ist diese sich immer schneller drehende Mühle, in der das Entlassen und Wiedereinstellen von Personal - durch Reorganisationen, Firmenschliessungen, Firmengründungen, Fusionen, usw. - ein laufend höheres Tempo annimmt und dazu führt, dass die an der einen Stelle aus dem System Gekippten, um an einer anderen Stelle wieder ins System zurückzugelangen, stets neue Hürden vor sich aufgerichtet sehen und daher - in den meisten Fällen - gezwungen sind, eine gegenüber ihrer vorherigen Anstellung tiefere Entlöhnung sowie meist auch schlechtere Arbeitsbedingungen in Kauf zu nehmen, um überhaupt noch eine Anstellung zu kriegen. Ergebnisse einer vom Basler Sozialforscher Daniel Aeppli im Herbst 2005 durchgeführten Umfrage32 zeigen, dass nur knapp die Hälfte jener Ausgesteuerten, die wieder einen Job finden, fest angestellt werden, die übrigen müssen mit befristeten Arbeitsverhältnissen, Beschäftigungsprogrammen oder gar Arbeit auf Abruf Vorlieb nehmen. Rund die Hälfte der Personen, die wieder Arbeit finden, verdienen deutlich weniger als vor der Arbeitslosigkeit, ein Viertel der Ausgesteuerten muss sich sogar mit einem Einkommen begnügen, das unterhalb der zuvor entrichteten Arbeitslosenentschädigung liegt. Die Unternehmen befinden sich dadurch in der komfortablen Lage, die Spielregeln für diese „Manövriermasse" stets neu - und nur selten zum Vorteil der Betroffenen - festzulegen. Das kann im Extremfall so weit führen, dass Firma X heute 50 Leute entlässt, um ein halbes Jahr später 50 andere neu einzustellen - zu weit schlechteren Bedingungen, das versteht sich von selber. Gleichzeitig tut die Firma Y das Gleiche, und am Ende finden sich die durch die Firma X Entlassenen wieder in der Firma Y und umgekehrt. Nun plötzlich sind die Firmen X und Y nicht mehr bloss sich gegenseitig konkurrenzierende Profitmaximierungsmaschinen, sondern zugleich Komplizen im gemeinsamen Interesse des Kapitals gegen die Arbeitenden, welche dieser sich laufend schneller drehenden Abwärtsspirale immer schutz- und machtloser ausgeliefert sind. Dazu einige Zahlen: Allein im Jahre 2004 wurden 34‘443 Firmen neu ins schweizerische Handelsregister eingetragen, eine Zunahme von 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig wurden 25‘776 Firmen in Folge von Firmenaufgaben, Fusionen, Liquidationen oder Konkursbeendigungen gelöscht, 8,7 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Insgesamt gingen 4955 Firmen Pleite - damit schlug das Jahr 2004 alle bisherigen Rekorde.33 Aber auch das einzelne Unternehmen reagiert mit immer schnelleren und grösseren Ausschlägen nach oben und nach unten auf die aktuelle Auftragslage in der jeweiligen Branche - die hier und heute Beschäftigten sind, kaum stehen sie mit dem einen Fuss in der Firma, mit dem anderen schon fast wieder auf der Strasse und werden je länger je mehr zu auswechselbaren, von Hand zu Hand gereichten „Marionetten" im Dienste des Kapitals: Hunderte neuer Arbeitskräfte stellte der Nachrichtentechnik-Konzern Huber+Suhner im Jahre 2000 - in Erwartung eines weiteren grossen Natel-Booms - ein, um ein knappes Jahr später - angesichts einer sich plötzlich anbahnenden Investitionsflaute in der Telekommunikation - bereits wieder 1000 Stellen abzubauen.34 Drei Monate, nachdem der Technologiekonzern Unaxis seine Tochtergesellschaft Mecanovis an die liechtensteinische Büchel Holding veräussert hatte, nämlich im Dezember 2004, kaufte er sie wieder zurück, allerdings nur noch mit 150 der vormals 190 Angestellten, die übrigen waren zwischenzeitlich entlassen worden.35 Als das Elektronikfachgeschäft Eschenmoser im Mai 2006 von Jelmoli übernommen und in die eigene Kette Fust integriert wurde, erhielten die 125 Eschenmoser-Angestellten die Kündigung, mit dem Hinweis, sie dürften nur unter der Bedingung bei Eschenmoser weiterarbeiten, wenn sie einen neuen Vertrag mit schlechteren Konditionen - Lohneinbussen von bis zu 30 Prozent, Reduktion der jährlichen Ferienzeit von fünf auf vier Wochen, Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit um 2,5 auf 43,5 Stunden - akzeptierten36...

Buchstäblich tödliche Folgen der Verlagerung von Arbeit in Billiglohnländer

Zwischen 1995 und 2003 verschwanden in der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie rund 10‘000 Stellen - mehr als ein Drittel sämtlicher Arbeitsplätze - ins Ausland. Zu einem der gefragtesten Produktionsstandorte ist Rumänien geworden, wo die Löhne sogar nur halb so hoch sind wie in Polen, Ungarn oder Tschechien. E.B. ist Näherin in der Textilfabrik Mondostar im rumänischen Sibiu. „Eine Naht in weniger als einer Sekunde", schildert sie ihren Arbeitsalltag, „Fäden schneiden drei Sekunden. Weglegen, neuen Teil nehmen vier Sekunden. Acht Stunden lang. 15 Minuten Pause. 125 Hosen am Tag." „In vielen Fabriken", berichtet sie weiter, „wollen die Aktionäre nur schnellen Profit machen. Sie investieren weder in moderne Maschinen, noch verbessern sie die Arbeitsbedingungen. Die Chefs lassen zu viele Überstunden machen und bezahlen die dann nicht einmal. Sie schreien und brüllen die Arbeiterinnen an." E.B. verdient pro Monat umgerechnet 140 Franken - so viel, wie eine der von Mondostar gefertigten Hosen im westlichen Einzelhandel kostet.37 Auch Bulgarien ist ein bei multinationalen Konzernen höchst willkommenes Billiglohnland: In Dupnitsa, 40 Kilometer östlich von Sofia, produzieren 1600 Arbeiterinnen Schuhe, die unter dem Label „Linea Moda" in Italien verkauft werden. In der Schuhfabrik von Dupnitsa bricht am 4. Januar 2006 R.J. an ihrem Arbeitsplatz ohnmächtig zusammen, der Not-arzt stellt einen Gehirnschlag fest, wenige Stunden später ist die 37Jährige tot. Zwei Wochen später erleidet ihre ältere Schwester in der gleichen Schuhfabrik einen Herzinfarkt, als der Notarzt eintrifft, ist die Frau tot. Medien berichten, die Produktionshalle, wo die beiden Frauen gearbeitet hatten, sei heiss und schlecht belüftet, die Arbeiterinnen bekämen bei gefährlichen Arbeiten mit giftigem Klebstoff keine Schutzmasken, müssten auf Mittagspausen verzichten oder „freiwillig" an Wochenenden arbeiten. Überstunden würden nicht bezahlt, Gewerkschaften nicht zugelassen, doch Beschwerden gäbe es kaum. Offenbar sei die Angst vor Entlassung zu gross. „Entweder wir sind arbeitslos", so die Aussage einer Arbeiterin in einem Bericht der Zeitung „Monitor", „oder wir sterben in der Fabrik."38

Endlos-Konkurrenzspirale im globalen Wettlauf zwischen den Unternehmen

Längst macht das Konkurrenzprinzip auch nicht mehr an Landesgrenzen Halt. Freier Weltmarkt. Offene Grenzen. Globalisierung. Ist das Kapital mit der Rendite nicht zufrieden, sucht es sich seine Produktionsstandorte eben anderswo: Ende Oktober 2004 arbeiteten bereits 17 Prozent der Belegschaft des Schweizer Technologiekonzerns Unaxis in Asien, 46 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor.39 Calida, grösster Schweizer Wäschehersteller, der 2004 mit 5,3 Millionen Franken seinen Betriebsgewinn gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt hatte, lagerte anfangs 2005 die letzten 50 Arbeitsplätze im Bereich Produktion, welche noch in der Schweiz verblieben waren, nach Osteuropa und Fernost aus.40 Grösste und erfolgreichste Schweizer Konzerne wie Ciba, Roche, Adecco, Serono, Nestlé und Holcim - sie alle schaffen seit Jahren kontinuierlich neue Stellen im Ausland, während sie die Schweizer Arbeitsplätze Schritt um Schritt abbauen.41 Dabei nimmt die Schweiz diesbezüglich im internationalen Vergleich nicht einmal eine Spitzenposition ein: In Grossbritannien sind allein im Informatikbereich bereits Arbeiten im Wert von 0,81 Prozent des Bruttoinlandprodukts in Billiglohnländer ausgelagert, in der Schweiz liegt dieser Anteil erst bei 0,36 Prozent. „Die Schweiz hat einen kräftigen Nachholbedarf, was Outsourcing betrifft", meint daher Thomas Meyer, Vizepräsident des Verwaltungsrats von Accenture, einem weltweit agierenden Outsourcing-Dienstleister, der rund 18‘000 Menschen in industriell organisierten „Büroarbeitsfabriken" in mehreren osteuropäischen Ländern sowie in Indien, China, den Philippinen und Argentinien beschäftigt. „Die Schweiz könnte ihren Outsourcing-Anteil ohne weiteres verdoppeln", ist Meyer überzeugt. Sollte diese Erwartung eintreffen, würde dies bedeuten, dass die Schweiz schon in nächster Zukunft Arbeit im Wert von 1,7 Milliarden Franken ins Ausland verschieben würde.42

Weltweite Vernetzung des Kapitals versus weltweit entsolidarisierte Arbeiterschaft

Gab es dereinst zwei Schreinereien im Dorf, die sich gegenseitig konkurrenzierten, aber doch nicht allzu sehr, weil man sich ja kannte und weil ja beide überleben wollten, stehen sich im heutigen globalisierten Kapitalismus Firmen und Arbeitende hüben und drüben aller Grenzen immer anonymer gegenüber, dem gegenseitigen Konkurrenz- und Vernichtungskampf, in dem keiner keinen mehr kennt und sich nirgendwo irgendwer mehr für das Überleben anderer verantwortlich fühlt, immer schonungsloser ausgeliefert. Es ist - zumindest das vorläufige - Endstadium des Kapitalismus. Der absolute Triumph des Kapitals, das sich weltweit vernetzt, verbündet und solidarisiert hat und in dem den Arbeitenden nichts anderes übrig bleibt, als gegeneinander um ihr eigenes Überleben zu kämpfen. Wer dabei nichts zu verlieren hat, ist das Kapital, das sich endlos ausdehnt und zu jedem beliebigen Zeitpunkt an jedem beliebigen Ort der Erde angezapft und weitervermehrt werden kann - einzig und allein im Interesse jener, die es besitzen. Wer gleichzeitig alles zu verlieren droht, sind all jene Milliarden von Menschen, die, weil sich nichts anderes besitzen als ihre Arbeitskraft, gezwungen sind, sich entweder zu Tode zu arbeiten oder aber, wenn die von ihnen erbrachte Arbeitsleistung nach den Kriterien der kapitalistischen Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr „stimmt", mit ihrem Arbeitsplatz auch noch die letzte Basis ihrer materiellen und sozialen Existenz zu verlieren. „Seit die britische Swordward-Gruppe 1998 Jahren unsere Firma kaufte", berichtet E.K., der 32 Jahre lang beim Widnauer Textilunternehmen Setila als Mechaniker gearbeitet hatte, „war  nichts mehr so wie zuvor. Ständig gab es Umstrukturierungen, Entlassungen und Neustarts. Als Mr. Cook, der neue Besitzer, unsere Firma zum ersten Mal besuchte, war das Einzige, was er zur Belegschaft sagte, dass sich alle bewusst sein sollten, nicht zum Urlaub machen hier zu sein, sondern zum Arbeiten. Am 25. Januar 2000 wurde ich zu Mr. Cook aufs Büro zitiert. Die Ertragslage sei nicht optimal, sagte Mr. Cook, es müssten Kündigungen ausgesprochen werden und auch ich sei betroffen. Früher wurde man noch als Mensch behandelt, jetzt aber entscheiden nur noch Zahlen und Fakten. Dein Name wird einfach auf einem Bildschirm angeklickt und ausgelöscht, so schnell geht das heute."43

Was ist „gerecht" in einer „freien" Welt?

Bei alledem werden zwangsläufig weltweit sämtliche soziale, gewerkschaftliche und ökologische Standards nach und nach auf das tiefstmögliche Niveau hinuntergezogen, hat doch immer jener Standort, der dem auf der Suche nach der jeweils höchsten Rendite rund um den Erdball kreisenden Kapital die günstigsten Bedingungen - tiefste Löhne, längste Arbeitszeiten, geringste Sozial- und Umweltauflagen, niedrigste Steuern - anbietet, die besten Karten. Daran finden die direkten Nutzniesser und Teilhaber des Kapitals wie zum Beispiel Jürgen Dormann, Verwaltungsratspräsident der ABB, freilich nichts Verwerfliches, ganz im Gegenteil: „Wenn die Chinesen", so meinte er anlässlich einer Tagung des schweizerischen Wirtschaftsverbands Economiesuisse am 2. September 2005, „hart arbeiten und vieles auf sich nehmen, was der normale Westeuropäer nicht mehr ohne weiteres auf sich nimmt, so zwingt uns dies in den Wettbewerb, und ich denke, dies ist nur gerecht in einer freien Welt."44 Ähnlich formulierte es, im Juli 2005, Larry Culp, Präsident und Chef des Mischkonzerns Danaker, der im Jahr 2000 den Westschweizer Mikromotorenbauer Portescap übernahm und vier Jahre später die gesamte Produktion - und damit 290 von 390 Stellen - nach Indien und Malaysia auslagerte: „In der realen Welt hat keiner von uns Garantien. Die einzige Garantie, die es gibt, ist Leistung für Kunden und Aktionäre."45

Eine reale Welt ohne jede Garantie. Gerechtigkeit und Freiheit. Hier entlarvt der kapitalistische Begriff der „Freiheit" seine ganze abgrundtiefe Verlogenheit. Wer oder was ist denn hier noch „frei"? Frei in dem Sinne, dass sie nach freiem Belieben schalten und walten, dass sie ganze Konzerne am einen Weltende auflösen, um sie am anderen wieder aufzubauen, dass sie Abertausende am einen Ort auf die Strassen der Arbeitslosigkeit, Verelendung und Kriminalität werfen und gleichzeitig Abertausende andere buchstäblich tödlichen Arbeitsbelastungen aussetzen, frei in dem Sinne sind nur die grössten und mächtigsten Kapital- und Firmenbesitzer quer durch alle Länder und Kontinente. Und während ihre Freiheit, die Freiheit der Ausbeutung, immer grösser wird, schmilzt die Freiheit jener, die nur noch von Fall zu Fall und von Ort zu Ort dazu benützt werden, durch ihr Elend oder ihre Überanstrengung, den sich laufend in höherem Masse vom Kapital geforderten Mehrwert zu schaffen, von Tag zu Tag immer mehr dahin. Freiheit im Kapitalismus ist nichts anderes als die Freiheit der Reichen gegen die Unfreiheit der Armen, die Freiheit des Geldes gegen die Unfreiheit der in Lohnabhängigkeit Gefangenen, die Freiheit der Starken gegen die Unfreiheit der Schwachen.

Peter Sutter, 28.2.2009

Aktuelle Ergänzungen


1  Cash, 4.5.2006
2  Tages-Anzeiger, 11.1.2008
3  work, 23.12.2005
4 Zürcher Oberländer, 25.9.2008, http://www.zo-online.ch/
5  Comtext Nr. 8, 18.5.2007, www.gewerkschaftkom.ch
6  work, 17.3.2006
7  work 6.2.2004
8  work, 8.9.2006
9  Bundesamt für Statistik, in: work  20.2.2004
10  Schweizerische Arbeitskräfteerhebung SAKE, Südostschweiz 3.11.2004
11  Tages-Anzeiger, 19.3.2005
12 Wochenzeitung, 21.9.2006; work, 27.4.2007
13 Wochenzeitung, 21.9.2006
14 Tages-Anzeiger, 25.7.2005
15 work, 23.12.2005
16  IGA, Interprofessionelle Gewerkschaft der ArbeiterInnen,  August 2000
17  Angaben der seco, Direktion für Arbeit, in: work,  9.3.2007
18  infrarot, Pressemitteilung der JUSO Schweiz vom 7.8.2006
19  Beobachter 24/2005
20  Beobachter 6/2005
21  www.armee-ade.ch
22  work, 2.6.2006
23 Cash, 25.1.2007, www.cash.ch
24  Tages-Anzeiger 25.11.2000
25  Blick, 8.10.2004
26  Tages-Anzeiger, 18.10.1999
27 Cash, 22.12.2005
28  Tages-Anzeiger 19.4.2001
29  Tages-Anzeiger 19.4.2001
30  work, 16.5.2005
31  Tages-Anzeiger, 3.12.2005; work,  25.11.2005
32  Tages-Anzeiger, 7.10.2006
33 Tages-Anzeiger, 13.1.2005
34 smuv-Zeitung, 5.7.2002
35  Tages-Anzeiger, 31.12.2004
36  Tages-Anzeiger, 24.8.2006
37  work 5.12.2003
38  Tages-Anzeiger, 28.1.2006
39  Facts 21.10.2004
40  Tages-Anzeiger 26.2.2005
41  Cash 17.2.2005
42  Tages-Anzeiger, 15.10.2007
43 Der Rheintaler, 28.1.2000
44  Tages-Anzeiger 4.9.2005
45  Tages-Anzeiger 27.7.2005