Neu auf dieser Website:
Eine Revolution der Liebe - Februar 2012
Blicke in die Zukunft - Februar 2012
Die Frage der Macht - Februar 2012
Alles Geld in einen Topf - Februar 2012

Syrien - Februar 2012
Parkplatz-Referendum in Buchs - April 2012
Präsidentschaftswahlen in Frankreich - Mai 2012


Ausdrucke einzelner Texte meiner Website stelle ich gegen Druck- und Portokosten gerne zu. Bitte über Kontakt bestellen.


Fragen, Ideen, Ergänzungen oder Kritik an Texten auf meiner Website? Auf Reaktionen freue ich mich! Postadresse, Telefonnummer und E-Mail-Zugang siehe Kontakt


 

 

 

Finanzkapitalismus: Spiel mit dem Feuer

 

Frühjahr 20061: Der Zürcher Financier Martin Ebner findet, sein Anteil an der Firma Saurer - 6 Prozent des gesamten Aktienpakets - dürfte ruhig ein paar Millionen mehr wert sein. Doch wie soll man das bewerkstelligen? Eine interne Studie seiner BZ-Bank rät ihm, den Konzern zu zerschlagen - bei solchen Operationen fällt meistens für die Aktionäre viel Geld an. Doch Ebner ist nicht der Einzige, der solche Überlegungen anstellt. Gleichzeitig haben auch Preston Rabi und Roger Bühler von Laxey Partners, einem von der Isle of Man aus operierenden Hedge-Funds-Betreiber, ein Auge auf die Hunderte Millionen von Franken geworfen, die bei Saurer, einem der ehemals grössten und erfolgreichsten Schweizer Industriebetriebe, über Jahrzehnte harter Arbeit zusammengekommen waren. Laxey besitzt zu diesem Zeitpunkt bereits einen Viertel der Saurer-Aktien und fordert nun, mit dem Hinweis auf die gute Substanz des Konzerns, eine Ausschüttung von 140 Millionen Franken. Saurer wehrt sich. Die Aktie steigt. Laxey fordert die Auswechslung der Konzernleitung, die Aktie steigt weiter. Nun ist der Moment gekommen: La-xey verkauft fast sein ganzes Aktienpaket an die OC Oerlikon, Gewinn: rund 100 Millionen Franken. Im Herbst 20062 erwirbt OC Oerlikon weitere 20,6 Prozent der Saurier-Aktien und besitzt nun 44,68 Prozent des Saurier-Aktien-kapitals. Was OC Oerlikon damit anfangen wird, weiss zu diesem Zeitpunkt niemand. Aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist auch nicht, was und ob und wie Saurer und OC Oerlikon jetzt und in Zukunft produzieren. Wichtig ist auch nicht, was für psychische, soziale und materielle Auswirkungen dies alles für die in diesen Konzernen Arbeitenden hat. Wichtig ist nur: Einige sind bei dem ganzen Deal wieder um einiges reicher geworden: die Zürcher Kantonalbank, Martin Ebner, alle Saurer-Aktionäre sowie all jene Saurer-Manager, die im Besitze von Aktien und Optionen sind.

Saurer und OC Oerlikon sind keine Einzelfälle. Durch die weltweit explosionsartig angewachsene Masse fiktiven Kapitals ist eine Übernahmewelle historischen Ausmasses im Gange: Allein im ersten Quartal des Jahres 2007 wurden in der Schweiz 99 Firmen für mehr als 30 Milliarden Franken aufgekauft - fast immer auf Pump.3

Wenn das Geld selber zum Rohstoff wird

Ging es in der Wirtschaft ursprünglich darum, Waren zu produzieren, die man mit Gewinn verkaufen konnte, und ging es dann in einer weiteren Phase der kapitalistischen Fortentwicklung immer mehr nur noch um die dabei erzielten Mehrwerte und schon längst nicht mehr um den Sinn oder Unsinn der dabei hergestellten, verkauften und gehandelten Produkte, so werden gegenwärtig die Produktionsbetriebe selber, sozusagen in einer dritten Phase dieser zunehmenden Beschleunigung des kapitalistischen Profitkarussells, ihrerseits immer mehr zur Ware, die man nach Belieben hin- und herschaufelt, um damit möglichst hohe Gewinne zu erzielen, egal, was und unter welchen Bedingungen sie produzieren, und egal, was für immense soziale, gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Opfer und Zerstörungen auf den Spuren dieser weltweiten Vernichtungsmaschine dabei zurückbleiben.

„Finanzkapitalismus" nennt sich das. Nun, da aus allen Rohstoffen und aus aller Arbeit das Äusserste herausgepresst und in Geld verwandelt worden ist, wird das Geld selber zum eigentlichen „Rohstoff". Eine ganze Firma wird zur Banknote oder zur Aktie, die man just so lange in der Hand behält, als sie einem mehr Gewinn als Verlust garantiert und die man just in dem Moment, da dieses Verhältnis ins Gegenteil zu kippen droht, anderen zum Frass vorwirft, die aus neuen, anderen egoistischen Gründen ein mögliches Interesse an ihrer Verwertbarkeit haben könnten. So genannte Hedge Funds - weltweit mittlerweile 9000 an der Zahl, mit einem Kapital von 1,5 Billionen Franken - haben kein anderes Ziel, als weltweit Firmen aufzukaufen und mit dem grösst möglichen Gewinn weiterzuverkaufen. Zu diesem Zweck werden diese Firmen zwischen Ankauf und Verkauf - etwa durch den Abbau von Kosten für Forschung, Ausbildung und Marketing - „fitgetrimmt" und sind dann oft so verschuldet, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt zusammenkrachen. Was solls. Hauptsache, die Kasse stimmt. So zum Beispiel ganz gewiss für James Simsons, mit 1,9 Milliarden Franken Jahreseinkommen einer der erfolgreichsten Funds-Manager des Jahres 20054... 

Achtzigmal mehr fiktives als reales Geld

Mittlerweile zirkuliert auf den weltweiten Märkten für Aktien, Obligationen, Derivate, Währungen, Kredite und Schuldentitel fast achtzigmal mehr Geld, als die gesamte Weltökonomie an Leistung erwirtschaftet.5 Immer mehr Multis gebärden sich zunehmend selber wie Finanzkonzerne und verdienen mit Finanzgeschäften oft mehr als mit der eigenen realen Produktion von Waren. Was für eine gefährliche Entwicklung. Hat all dieses Geld doch schon längst den realen Bezug zu jenen Produkten, zu jenen Waren und zu jener Arbeitsleistung, die ursprünglich einmal darin steckten, verloren. Alles wird zur Spekulation und niemand, nicht einmal die gescheitesten Professoren an den kapitalistischen Universitäten, kein Wirtschaftsberater und kein Börsenguru, keiner der Multimillionäre und keiner der Multimilliardäre diesseits und jenseits aller sich im Zuge der „Globalisierung" immer weiter auflösenden Grenzen früherer Gewissheiten und Sicherheiten, kein Einziger von ihnen allen vermag glaubwürdig vorauszusagen, wo dies alles eines Tages enden wird.

Wie sehr alles zu einem Spiel mit immer höheren Risiken geworden ist, haben uns, ab 2007, die US-Finanzkrise und ihre noch nicht abschätzbaren Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft, nur allzu drastisch vor Augen vorgeführt. Dass dieses ganze, immer wackliger werdende Gebäude nicht schon längst in sich zusammengefallen ist, beruht nur darauf, dass selbst in den gefährlichsten und schwierigsten Zeiten des Kapitalismus die Umverteilung von unten nach oben offensichtlich immer noch funktioniert: Am Ende wird keiner jener Millionäre und Milliardäre, welche in den fetten Zeiten des Kapitalismus ihre Reichtümer angehäuft haben, auch nur im Entferntesten am Hungertuch nagen, aber Millionen und Milliarden andere, denen es schon in den fetten Zeiten immer schlechter ging, werden dafür - auf was für geheimnisvollen und verschlungenen Wegen auch immer - die Zeche bezahlen. Werden in den guten Zeiten die Gewinne von oben nach unten abgestuft, bis den Letzten nichts mehr davon übrig bleibt, ist es in den schlechten Zeiten gerade umgekehrt: Die Verluste werden von unten nach oben so aufgeteilt, dass die Unteren am Ende alles zu berappen haben und die Oberen wie immer, so lange der Kapitalismus an der Macht ist, ungeschoren davon kommen.

Peter Sutter, 9.3.2009


1  work, 22.9.2006
2 http://www.news.search.ch/, 26.10.2006
3  Wochenzeitung, 14.6.2007
4 work, 22.9.2006; Tages-Anzeiger, 5.6.2007
5  Wochenzeitung, 14.6.2007