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Vernichtungskampf auf dem Bau

Buchstäblich tödliche Folgen des gegenseitigen Konkurrenzkampfs im Baugewerbe

Buchstäblich tödlich sind auch im Baugewerbe die Folgen der immer härteren gegenseitigen Konkurrenzierung zwischen den einzelnen Betrieben im Kampf um Überleben oder Untergang: Im Oktober 2001 zog sich ein Bauarbeiter schwere Verletzungen zu, als er auf einer Baustelle in Zürich von einer ungesicherten Leiter fiel. Zwar hatte der Kranführer die Vorgesetzten zuvor darauf aufmerksam gemacht, dass eine zweite Person sichern müsste. Weil man jedoch zu wenig Zeit und Personal hatte, ging man darüber hinweg.1 Solche und ähnliche Unfälle passieren alle paar Tage irgendwo auf einer Schweizer Baustelle. Jedes Jahr verunfallt jeder vierte Bauarbeiter mindestens einmal - im Baunebengewerbe, vor allem bei Dachdeckern und in Montagebetrieben, wird sogar jährlich jeder Dritte zum Opfer eines Arbeitsunfalls -, das sind insgesamt rund 54‘000 Arbeitsunfälle2, davon etwa 40 mit tödlichen Folgen3 - weitaus mehr als in jedem anderen Erwerbszweig. Die Baustellenkontrolle (BSK) des Kantons Zürich stellte im Geschäftsjahr 2003 bei 27,8 Prozent der von ihnen überprüften Betriebe Verstösse gegen Gesamtarbeitsverträge und mangelnde Einhaltung von Sicherheitsvorschriften fest.4 Und eine anfangs 2004 veröffentlichte Studie des Genfer Arbeitsamtes  zeigte auf, dass im Kanton Genf der Anteil invalider Bauarbeiter zwischen 45 und 65 Jahren bei 40 Prozent liegt, während er in der gleichen Altersgruppe bei der Gesamtbevölkerung gerade mal 15 Prozent beträgt.5

Bezüglich Ursachen dieser weit überdurchschnittlichen Gefährdungen, denen Bauarbeiter unterworfen sind, wird immer wieder der enorme Zeitdruck genannt, der sehr oft nicht einmal die Einhaltung der minimalsten Sicherheitsvorschriften zulasse. So etwa spricht der Zürcher BSK-Sekretär Marcel Müller von einer „zunehmenden Verwilderung, die auf den enormen Preisdruck in der Branche zurückzuführen ist".6 Ebenfalls nennt die Gewerkschaft GBI den „ zunehmenden Termin- und Preisdruck" als Grund dafür, dass „nur noch Arbeiter in Kaderpositionen das nötige Sicherheitswissen erhalten und angelernte Maurer oder Hilfsarbeiter in Sicherheitsfragen kaum mehr ausgebildet werden."7 Und ein Polier stellt - in einem Artikel des Tages-Anzeigers vom 24. März 2004 - fest, dass zwar „in der Theorie" sie, die Poliere, für die Sicherheit der Arbeiter sorgen müssten, es in der Praxis aber ganz anders aussehe: „Der Zeitdruck auf den Baustellen ist so hoch, dass man sich manchmal die Zeit nicht nimmt, eine Abschrankung zu installieren und die vorgeschriebenen Sicherheitsvorschriften einzuhalten."8     

Zusätzlich belastend für die Gesundheit und Sicherheit der auf dem Bau Arbeitenden wirkte sich die - seit anfangs 1999 geltende -  Gleitstundenregelung aus, macht diese es doch möglich, Bauarbeiter bei Schlechtwetter nach Hause zu schicken und die dadurch anfallenden Minusstunden bei günstigeren Witterungsverhältnissen nacharbeiten zu lassen, was zur Folge hat, dass in den „günstigen" Zeiten Überstunden bis spät in den Abend hinein sowie Samstagsarbeit zu leisten ist, ohne dass hierfür Überstundenzuschläge auszurichten sind. Vor allem aber führen die überlangen Arbeitszeiten zu einer weiteren Zunahme von Arbeitsunfällen infolge Überlastung und Übermüdung. „Die Leute machen Überstunden wie verrückt", stellte GBI-Sekretär Alex Granato im Oktober 1999 fest, viele Bauarbeiter hätten dabei die Übersicht über ihr persönliches Zeitkonto längst verloren und es sei bei dieser „Schufterei" nicht verwunderlich, dass die Zahl tödlicher Arbeitsunfälle erneut alarmierend zugenommen habe.9    

Zusätzliche Verschärfung durch „Personenfreizügigkeit"

Mit der Einführung der „Personenfreizügigkeit" im Juni 2002 hat die Schraube der Auspressung von Arbeitskraft auf den Baustellen noch um eine weitere Drehung zugelegt: Seither stehen nicht mehr bloss einheimische oder hierzulande ansässige Firmen und Angestellte im zerstörerischen gegenseitigen Überlebenskampf, sie müssen sich zusätzlich auch noch mit Temporärfirmen sowie ausländischen Konkurrenzunternehmen und von ihnen angeheuerten Billigstarbeitskräften messen, die innerhalb kürzester Zeiträume auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden, das Tempo des gegenseitig aufgeputschten Zeitdrucks weiter verschärfen und immer grösseren Druck ausüben auf die noch bestehenden Minimallöhne und arbeitsrechtlichen Mindeststandards. So schuften seit der Einführung der Personenfreizügigkeit auf zahlreichen Baustellen in der Schweiz spanische Glaser, ostdeutsche Schreiner und polnische Monteure zu Stundenlöhnen zwischen 9 und 16 Franken, und dies bei Arbeitszeiten von 10 und mehr Stunden am Tag.10 Der krasseste bisher bekannte Fall von Lohndumping: tschechische Arbeiter auf einer Baustelle im Berner Dotzikon, im September 2007, mit Stundenlöhnen zwischen 3.90 und 6.60 Franken!11 Mehrmals wurden bei Baustellenkontrollen auch schon Arbeiter angetroffen, die an ihrem Arbeitsplatz übernachten mussten, damit sich ihre Arbeitgeber die Kosten für eine Unterkunft ersparen konnten.12 Von 714 zwischen Januar 2006 und September 2007 kontrollierten Temporärfirmen hielten sich 219 nicht an die Mindestlöhne, betroffen waren 1139 Personen, 44 Prozent der von diesen Firmen Beschäftigten. Noch höher war der Anteil von Verfehlungen bei ausländischen Entsendebetrieben, welche nur vorübergehend in der Schweiz tätig waren: Von 1206 überprüften Firmen wichen 423 von den vorgeschriebenen Mindestlöhnen ab. Keine Frage, dass so massive Lohndrückerei auch ihre Auswirkungen hat auf das gesamte Lohngefüge in der Branche. In der Tat: Auch von den 2882 Schweizer Firmen, die im besagten Zeitraum kontrolliert wurden, hielten sich 484 nicht an die Mindestlöhne, betroffen waren 1176 Personen, 11 Prozent aller Beschäftigten.13   

In welchem Ausmass sich die Spirale von Preisdruck und tödlichem Konkurrenzkampf zwischen den Unternehmen auf dem Buckel der Arbeitenden weiterhin zusätzlich verschärfen wird, zeigt auch die Tatsache, dass trotz des gewaltigen Investionsvolumens in der Baubranche - Schätzungen gehen von gesamtschweizerisch 40 Milliarden Franken zwischen 2004 und 2014 aus - dennoch die Zahl der auf dem Bau Beschäftigten weiterhin zurückgehen wird, dies als unweigerliche Folge des - so Christian Bubb, Chef des Bauunternehmens Tschokke - „ruinösen Wettbewerbs": Waren 1990 noch 166‘000 Arbeitende im Bauhauptgewerbe beschäftigt, werden es 2010 noch schätzungsweise 80‘000 sein.14 Noch weniger noch brutaler bis zum Letzten Ausgepresste werden also buchstäblich bis zum Äussersten mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben dafür zu bezahlen haben, dass die Geldberge in den Händen jener, die von alledem profitieren, immer noch höher und noch höher in den - kapitalistischen - Himmel wachsen...

Peter Sutter, 25.2.2009


1  Blick, 17.6.2002
2  Tages-Anzeiger, 13.7.1999
3  work, 22.9.2006
4  Linth-Zeitung, 29.10.2003
5  Tages-Anzeiger, 24.3.2004
6 Linth-Zeitung, 29.10.2003
7  Blick, 17.6.2002
8 Tages-Anzeiger, 24.3.2004
9  St. Galler Tagblatt, 27.10.1999; GBI, Mai 2004
10  Unia, Oktober 2004; work,  22.10.2004  &  19.11.2004
11  Blick, 20.9.2007
12 Aussagen von Gewerkschaftsvertretern in der  „Arena" des Schweizer Fernsehens DRS am 10.12.2004
13 Angaben des Seco, in: Tages-Anzeiger, 20.9.2007
14  Cash, 25.1.2004