Jenseits des Fabrikgesetzes von 1877
„Lehrling zu sein heisst lernen, unterwürfig zu sein"
Anna, im dritten Lehrjahr als Damencoiffeuse, kommt, zusammen mit dem Schultag und den Hausaufgaben, auf ein wöchentliches Arbeitspensum von 50 bis 60 Stunden.1 Am Samstag arbeitet sie meist bis zu dreiviertel Stunden aneinander, ohne Mittagspause. „Die Arbeit ist extrem stressig", berichtet sie, „viele der Kundinnen" kommen, damit sie mit jemandem über ihre Probleme sprechen können, egal ob es der Coiffeuse danach ist oder nicht. Andere meinen, die Coiffeuse könne aus ihnen einen neuen Menschen herbeizaubern und sind dann enttäuscht oder machen der Coiffeuse sogar Vorwürfe, wenn sie auch mit einer neuen Frisur nicht ihrem Wunschbild entsprechen." Besonders schlimm sei es, wenn sich eine Kundin verspäte, dann nehme der schon übliche Stress zusätzlich zu, erwarteten doch die folgenden Kundinnen ganz selbstverständlich, pünktlich bedient zu werden. Den Umsatz, den sie monatlich macht, beziffert Anna auf durchschnittlich über 5000 Franken, ihr Lohn beträgt gerade mal 550 Franken brutto. Kommt dazu, dass sie vom Trinkgeld keinen Rappen erhält, da der Chef dieses Geld für den Kauf von Teamkleidern verwendet. Infolge der vorgeschriebenen, unbequemen Arbeitsschuhe, die dem Teamkleid angepasst sein müssen, hat Anna regelmässig am Ende eines Arbeitstages starke Fussschmerzen. Zusätzliche Belastungen sind der permanente Lärm und die verschiedensten Chemikalien, mit denen sie in Kontakt kommt und die bereits mehrmals Ekzeme an den Händen zur Folge hatten. Auch viele ihrer Berufskolleginnen, so Anna, litten unter Hautausschlägen, andere unter unter Schmerzen in Handgelenk oder Fingern und wieder andere unter Rückenproblemen infolge des langen Stehens. „Der strengste Tag", so Anna, „ist der Donnerstag, dann arbeite ich von 8 bis 21 Uhr. Als Arbeitszeit zählt aber nur die Zeit bis halb sieben, die Stunden danach gelten als Trainingsabend." Die „Trainingsabende", während denen - zum Normalpreis, trotz Gratisarbeit! - Modelle frisiert werden, sind offiziell zwar freiwillig, aber Anna weiss, dass sie, sollte sie eine Teilnahme verweigern, „Puff mit dem Chef" haben und er ihr „fehlendes Berufsinteresse" vorwerfen würde. Zum „Berufsinteresse" gehörten auch, so Anna, die unbezahlten Teambesprechungen, Besuche von sonntäglichen Frisuren-Shows und Weiterbildungskursen, meist ebenfalls an Wochenenden. Ebenso wenig angerechnet werden die zahlreichen Überstunden. „Was willst du machen?", stellt Anna resigniert fest, „Lehrling zu sein, heisst lernen, unterwürfig zu sein." Dies hätte Anna bereits während dem Schnuppern bei zwei anderen Lehrmeistern erfahren: Für den einen musste sie das Mittagessen kochen, der andere warf absichtlich einen Schreiber auf den Boden und wartete darauf, dass sie ihn wieder auflesen würde.
Sabrina beginnt ihre Lehre als Servicefachangestellte im Sommer 2002.2 Dass lange Arbeitstage, viel Stehen und Stress zu diesem Beruf gehören, war ihr schon vor dem Beginn der Lehre durchaus bewusst, schliesslich ist es ihr Traumberuf. Zu Beginn läuft alles gut. Wenn sie bis halb elf Spätdienst hat, ist sie genug früh daran, um den letzten Bus noch zu erwischen. Mit der Zeit aber werden die Arbeitstage immer länger, Überstunden gehören immer öfters zum Alltag. Feierabend ist oft erst um halb zwölf Uhr nachts. „Dass der letzte Bus da längst weg war, nahm mein Lehrmeister nicht zur Kenntnis", berichtet Sabrina später. Als im November einige Stellen abgebaut werden, arbeitet sie zeitweise nur mit ihrem Lehrmeister. Die Folge sind nicht selten 65-Stunden-Wochen, noch mehr Stress und noch häufiger Wochenenddienst. Sabrina bekommt chronische Rücken- und Beinschmerzen und die Müdigkeit wird zum Dauerzustand. Anfang Mai 2003 muss Sabrina aus gesundheitlichen Gründen die Lehre abbrechen.
Thomas, Kochlehrling in einem noblen Zürcher Speiserestaurant3, erzählt: „Manchmal hast du bereits acht Stunden hinter dir und dann kommt der Chef und sagt, jetzt hätten sich unvorhergesehen viele Gäste zum Essen angemeldet und er schaffe das nicht allein, und B. sei krank, und dann machst du 12, 13 Stunden ohne Pause, bist stolz, dass der Karren ohne dich nicht geht, aber bist, einmal zuhause, nudelfertig. Doch weg ist aller Stolz, wenn ich am Ende des Monats meinen Lohn bekomme, zum normalen Lehrlingsansatz, ohne jeglichen Zuschlag."
Arbeitszeiten jenseits des Fabrikgesetzes von 1877
Ebenso wie Sabrina, sind auch Anna und Thomas in ihrer Branche, der Gastronomie, ganz und gar keine Einzelfälle, im Gegenteil: In einer Ende 2002 von der Gewerkschaft Unia bei Lehrlingen durchgeführten Umfrage gaben 46 Prozent der Befragten an, des öftern über einen Zeitraum von mehr als zwölf Stunden täglich arbeiten zu müssen, nicht selten auch weit über 22 Uhr hinaus, 80 Prozent gaben an, nicht über ordnungsgemäss geführte Arbeitszeitkontrollbücher zu verfügen, und 30 Prozent beklagten sich, nicht genügend Zeit für die Schulvorbereitung zu haben.4 Erhebliche Verstösse gegen das Gesetz wurden auch bei mehreren - ebenfalls im Jahre 2002 - durchgeführten Inspektionen von Gastronomiebetrieben im Kanton Zürich festgestellt, so unter anderem der Fall von zwei 14jährigen Mädchen, welche im Service regelmässig bis drei Uhr nachts arbeiten mussten.5 Die Gewerkschaftszeitung „work" berichtete im März 2006 von Lehrlingen, die fast jedes Wochenende bis halb drei, manchmal sogar bis halb vier Uhr morgens arbeiten müssten, insgesamt - gemäss Umfragen der Gewerkschaft Unia - arbeiteten fast 80 Prozent aller Lehrlinge im Gastgewerbe mindestens einmal wöchentlich länger als bis 22 Uhr.6 Auch sind Fälle von Kochlehrlingen bekannt, die sieben Wochen hintereinander ohne einzigen freien Tag arbeiten mussten, inklusive Wochenenden und Schichten bis nach Mitternacht. In Nobelrestaurants sind 16-Stunden-Tage und 6-Tage-Wochen keine Seltenheit, und dies bei einem Lehrlingslohn von 1200 Franken.7
Wie wenn das alles nicht schon genug wäre, wurde das arbeitsrechtliche Jugendschutzalter im Juni 2006 durch den Nationalrat von bisher 20 auf neu 18 Jahre herabgesetzt.8 Dies bedeutet, dass Jugendliche, die beispielsweise im Gastgewerbe, in Spitälern, Bäckereien oder in Telekommunikationsbetrieben arbeiten, vermehrt nun auch völlig legal zu Nacht- und Sonntagsarbeit herangezogen werden können, was Wochenarbeitszeiten von bis zu 60 Stunden zur Folge haben kann und - nebst der arbeitsmässigen Zusatzbeanspruchung - auch dazu führt, dass soziale Kontakte und geselliges Zusammensein mit Gleichaltrigen nur noch äusserst eingeschränkt möglich sind.
Verrückt, aber wahr: Zählen wir die beruflichen und schulischen Anforderungen, denen Jugendliche ausgesetzt sind, zusammen und ziehen wir weiter in Betracht, dass sich diese Belastungen - infolge des sich laufend verschärfenden gegenseitigen Konkurrenzkampfs um die „guten" Ausbildungen - oft mit dem zusätzlichen Besuch einer Berufsmittelschule und häufig immer längeren Wegen zu den Arbeits- und Ausbildungsplätzen zusätzlich potenzieren, so sind wir heute tatsächlich so weit, dass in Bezug auf Arbeitszeiten Jugendlicher nicht einmal mehr die Bestimmungen des Eidgenössischen Fabrikgesetzes aus dem Jahre 18779 Gültigkeit haben, wo unter anderem „Mittagspausen von mindestens einer Stunde" vorgeschrieben waren sowie die tägliche Arbeitszeit auf maximal elf Stunden begrenzt und jegliche „Sonntags- und Nachtarbeit von Leuten unter 18 Jahren untersagt" war. Kein Wunder, nimmt die Zahl jener Jugendlichen, die an diesen immer höheren Hürden des Einstiegs ins Erwerbsleben scheitern und, wenn es auch in einem zweiten oder dritten Anlauf nicht gelingt, unter Umständen buchstäblich zerbrechen und „auf der Strecke" bleiben, von Jahr zu Jahr zu: So sind Klassen der Berufsmittelschulen nicht selten am Ende des Schuljahrs nur noch halb so gross wie zu Beginn. Und das gleiche Bild zeigt sich, wenn man die Zahl jener, die eine Berufslehre beginnen, mit der Zahl jener vergleicht, die sie schliesslich erfolgreich beenden: So etwa nahmen allein zwischen 1998 und 2004 die Lehrabbrüche in den Kantonen Bern und Zürich um einen Drittel zu. Im Kanton Aargau wurden im Jahre 2003 fast 1300 Lehrverträge aufgelöst, ein Drittel mehr als vor 10 Jahren. Im Kanton Basel-Stadt gab es 2003 doppelt so viele Lehrabbrüche wie vor 10 Jahren. Schweizweit werden jährlich - mit grösseren Unterschieden zwischen den Regionen wie auch den Branchen - 10 bis 35 Prozent aller Lehren abgebrochen.10
Keine Lösung des Problems innerhalb der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft
Rufen wir uns an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung, dass dies alles ja nur die eine Kehrseite der kapitalistischen Münze ist und auf der anderen Seite das ganze Elend der Jugendarbeitslosigkeit aufscheint, dann werden wir uns der endgültigen Perversität eines Wirtschafts- und Ausbildungssystems, das die einen ebenso gnadenlos immer höheren Überbeanspruchungen aussetzt, wie sie andere von jeglicher gesellschaftlicher Teilhabe ausschliesst, noch einmal in ihrer ganzen Tragweite bewusst. Und führen wir uns die gegenwärtig praktizierten Rezepte gegen all die - einerseits durch zu hohe Belastungen, anderseits durch völlige Perspektivenlosigkeit - verursachten so genannten „Jugendprobleme" vor Augen, dann zeigt sich hier - fast noch ausgeprägter als in anderen gesellschaftlichen Bereichen - die ganze Absurdität einer auf reine Symptombekämpfung fixierten „Schadensbegrenzung" in ihrer ganzen Tragweite: Ein mittlerweile auf Zehntausende angewachsenes Heer von Sozialarbeitern, Jugendarbeiterinnen, Jugendpsychologen, Sonderpädagoginnen, Erziehungsberatern, Schuldenberaterinnen, Drogenberatern, Ernährungsberaterinnen, Jugendanwälten, Mediatorinnen und Gesprächstherapeuten kümmern sich mittlerweile - logischerweise mit äusserst magerem sicht- und messbaren Erfolg - um all die ständig wachsenden „Probleme", die Jugendliche offensichtlich „haben" - anstatt dass man endlich daran ginge, das Problem an der Wurzel zu packen, indem man einsähe, dass es eben nicht die Jugendlichen sind, welche das Problem haben, sondern einzig und allein jene rücksichtslose, aggressive, gewalttätige und menschenfeindliche, auf reine Gewinn- und Profitmaximierung ausgerichtete kapitalistische Gesellschaft, in der sie leben.
Peter Sutter, 21.2.2009
1 SGB-Pressedienst vom 3.12.2002, in: „Vorwärts", http://www.pda.ch/
2 „Arbeitsmarkt - Schweizer Portal für Arbeit und Beschäftigung" vom 7.8.04
3 SGB-Pressedienst vom 3.12.2002, in: „Vorwärts", http://www.pda.ch/
4 Anfrage in Luzerner Kantonsrat am 20.1.2004, http://www.lu.ch/
5 NZZ, 4.9.2002
6 work, 17.3.2006
7 Tages-Anzeiger, 14.3.2005
8 infrarot, Pressemitteilung der JUSO Schweiz vom 7.8.2006
9 „Zeiten Menschen Kulturen", Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, 1980
10 Schweizer Fernsehen SF1, „Rundschau", 8.9.04