Zeit für eine andere Welt
Was alle angeht, können nur alle lösen.
Friedrich Dürrenmatt, „Die Physiker"
Zusammenbruch des Kapitalismus nur eine Frage der Zeit
Sowohl Kapitalismus wie auch Kommunismus tendieren zur Diktatur
Sozialismus: eine Bewegung von unten
Soziale Gerechtigkeit als Grundwert aller Grundwerte
Individuelle Schuldzuweisungen versperren den Blick auf das Ganze
Der Kapitalismus hat nicht Fehler, er ist der Fehler
Solidarisierung aller antikapitalistischen Kräfte
Kein Weg ausserhalb von Demokratie und Gewaltlosigkeit
Doppelstrategie von Pragmatismus und Vision
Die unaufhaltsame Emanzipation der Kinder und Jugendlichen
Summerhill und die Blumenmädchen: Nichts war falsch, es war nur alles noch ein bisschen zu früh
Es braucht wohl nicht besonders viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie sich die globale Wirtschaft, das Zusammenleben der Menschen auf diesem Planeten und die natürlichen Lebensgrundlagen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren weiterentwickeln werden, wenn alles den Gesetzmässigkeiten des Kapitalismus überlassen bleibt: Früher oder später, auf die eine oder andere Weise, langsamer oder schneller, „humaner" oder brutaler, wird sich die Menschheit ihr eigenes Grab schaufeln und möglicherweise auch das gesamte übrige Leben auf diesem Planeten mit in den Abgrund reissen...
Doch seltsam, unbegreiflich: Je mehr wir uns dem Abgrund nähern, umso hartnäckiger scheinen wir uns dagegen zu wehren, nur schon den Gedanken an die Möglichkeit einer Alternative zum Kapitalismus in Erwägung zu ziehen. Selbst die gegenwärtige, in ihrem Ausmass alles Bisherige übersteigende globale Finanzkrise scheint uns nicht zur Besinnung zu bringen. Überall werden Schuldige gesucht, bei den Managern und ihren unverschämten Boni, bei den Spekulanten, den „Abzockern", den „Neoliberalen" - überall, nur nicht beim Kapitalismus selber.
Als sei unser Denken mit der endgültigen Herrschaft des Kapitalismus über die gesamte Welt ebenfalls an seinem endgültigen Ende angelangt. Als wäre nichts vorstellbar jenseits des Kapitalismus. Als sei es das unabänderliche Schicksal der Menschheit, sich früher oder später selber zu vernichten...
Die Lüge vom Scheitern des Kommunismus
Eine der grössten Lügen, die uns von diesem Weiterdenken abhalten, ist zweifellos jene vom so genannten Scheitern des Kommunismus, womit sozusagen für alle Zeiten bewiesen worden sei, dass eine Alternative zum Kapitalismus nicht möglich sei. Als sei von diesem Punkt an jegliches Weiterdenken verboten. Dabei müsste doch gerade hier das Denken erst richtig anfangen. Denn die alleinige Tatsache eines „Sieges" des vermeintlich „besseren" jener beiden sich während beinahe fünfzig Jahren „Kalten Krieges" gegenseitig konkurrenzierenden Wirtschaftssysteme erklärt noch lange nicht den Grund für diesen Sieg. Es könnte nämlich sehr wohl sein - und vieles deutet darauf hin -, dass der Kapitalismus seinen Sieg über den Kommunismus nicht in erster Linie deshalb erringen konnte, weil er ein „besseres" Wirtschaftssystem ist, sondern vielmehr hauptsächlich deshalb, weil er in der Ausbeutung von Mensch und Natur ungleich viel effizienter ist als es der Kommunismus jemals war und dass es sich somit bloss um einen Sieg aufgrund von Kriterien gehandelt hat, die man allesamt als „kapitalistische" Erfolgskriterien bezeichnen müsste, was nichts anderes heisst, als dass der Kommunismus - zumindest in der Form des „Sowjetkommunismus" - nicht vor allem deshalb scheiterte, weil er sich vom Kapitalismus zu stark unterschied, sondern vor allem deshalb, weil er sich dem Kapitalismus und seinen Zielen viel zu sehr angeglichen hatte, ihm zur Erreichung dieser fast identischen Ziele aber die viel weniger effizienten Mittel zur Verfügung standen, womit sein Scheitern - im Wettkampf zweier sich immer ähnlicher werdenden Giganten - zwangsläufig vorprogrammiert war. So betrachtet, wirft das vermeintliche „Scheitern" des Kommunismus ein ganz anderes Licht auf den Kapitalismus: Die gleichen Widersprüche zwischen wirtschaftlicher Gewinnmaximierung, sozialer Gerechtigkeit und Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, die den Kommunismus zu Fall brachten, werden unweigerlich früher oder später auch den Kapitalismus zu Fall bringen. Der vermeintliche „Sieg" des Kapitalismus war nur ein Sieg auf Zeit, wie der Sieg eines von zwei Rennläufern, von denen jeder kurz vor dem Zieleinlauf noch einmal seine äussersten und letzten Kräfte aufbietet, um als erster das Zielband zu durchreissen. Nun liegt der eine am Boden, aber der andere wird sich nicht sehr lange über seinen Sieg freuen können, denn auch sein Körper, bis zum Äussersten mit Drogen und Aufputschmitteln aller Art vollgepumpt, ist unwiederbringlich zerstört.
Zusammenbruch des Kapitalismus nur eine Frage der Zeit
Tatsache ist: Das kapitalistische Wirtschaftssystem wird ebenso an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen wie eben noch das kommunistische. Die Frage ist bloss, ob es danach für die Menschheit noch ein Weiterleben geben wird oder nicht. Mit anderen Worten: Ob wir - mit allen damit verbundenen Risiken bis hin zu einem alles verheerenden Dritten Weltkrieg oder einer Klimakatastrophe apokalyptischen Ausmasses - die Hände in den Schoss legen und darauf warten sollen, bis der Kapitalismus von sich selber zwangsläufig in sich zusammenbricht. Oder ob wir alle uns noch zur Verfügung stehende Zeit und Energie nutzen sollen, um vielleicht noch rechtzeitig eine Alternative zu diesem Kapitalismus entwickeln zu können, die uns einen möglichst friedlichen und gewaltlosen Übergang in jenes Zeitalter ermöglichen könnte, welches auf das Zeitalter des Kapitalismus folgen wird. Was, um alles in der Welt, soll uns daran hindern, zumindest den Versuch zu wagen, diesen zweiten Weg zu beschreiten?
Gemeinschaftsdenken anstelle von Einzelkämpfertum
Die Ideologie des Kapitalismus ist das Einzelkämpfertum: jeder für sich, alle gegen alle, Erfolg haben dadurch, dass andere keinen Erfolg haben, reich werden dadurch, dass andere ärmer werden, in den Himmel wachsen, indem man andere in die Hölle drückt. Dieses letztlich selbstzerstörerische Prinzip ist der Motor, der die gesamte heutige Menschheit - gefangen in der Diktatur des globalisierten Kapitalismus - dazu antreibt, sich auf dem schon mehr als genug gefährlich schnell drehenden Karussell endloser Raffgier und Profitmaximierung immer noch schneller und noch schneller zu drehen, als ginge es darum, auch noch die allerletzten flüchtigen Gedanken an die möglichen tödlichen Folgen all diesen Wahnsinns aus unseren Köpfen zu verjagen. Die Überwindung des Kapitalismus und die Beseitigung aller ihm entspringenden Szenarien der Selbstzerstörung kann nur gelingen, wenn wir es schaffen, das Prinzip des Kampfs aller gegen alle durch jenes andere Prinzip zu ersetzen, welches Albert Einstein meinte, als er von einer „neuen Denkensart" sprach, welche die Menschheit zwingendermassen erlernen müsste, wollte sie denn am Leben bleiben: Es ist das Denken in der Gemeinschaft, die Empfindung dafür, dass alles mit allem zusammenhängt, das Bewusstsein, dass jeder Mensch, ja letztlich jedes Lebewesen dieser Erde ein Teil von mir ist und ich ein Teil von ihm, und dass es daher in letzter Konsequenz kein einziges privates Glück, keinen einzigen privaten Reichtum, keinen einzigen persönlichen Erfolg, kein einziges individuelles Überleben geben kann, wenn es nicht zugleich das Glück, der Reichtum, der Erfolg und das Überleben aller ist.
Der Mensch: Einzelkämpfer oder Gemeinschaftswesen?
Schnee von gestern, rufen all jene, die solche „Zukunftsträumerei" ins Reich purer Phantasie verdammen. Der Mensch, sagen sie, sei „von Natur aus" eben gerade nicht ein Gemeinschafts-, sondern vor allem ein Einzelwesen. Und allein dieses ihn als „Krone der Schöpfung" auszeichnende individuelle Erfolgsstreben treibe ihn zu jenen Höchstleistungen an, ohne die der Fortschritt der Menschheit undenkbar sei. Wer hingegen gezwungen würde, alles mit allen zu teilen und auf jegliches individuelles Erfolgsstreben zu verzichten, den verleite man damit bloss zu endloser Faulheit und Gleichgültigkeit, Stillstand von allem wäre die Folge.
Zwei unvereinbare Gegenpositionen? Ist die eine absolut „richtig" ist und die andere absolut „falsch"? Wohl kaum. Die Wahrheit liegt, für einmal, in der Mitte. Die alles entscheidende Frage ist bloss, welche der beiden Seiten sich - wenn es zwischen ihnen zum unversöhnlichen Gegensatz kommt - gesamtgesellschaftlich der anderen unterordnen muss, damit das Ganze - und damit in letzter Konsequenz das Überleben der Menschheit - nicht aus dem Gleichgewicht gerät.
Krieg als äusserste Form individuellen Macht- und Erfolgsstrebens
Zweifellos haben „Egoismus" und individuelles Erfolgsstreben Einzelner der Menschheit unverzichtbare Fortschritte gebracht, aber immer nur dann, wenn die Kräfte der Gemeinschaft genug stark waren, solch individuelles Streben nicht zum zerstörerischen Grössenwahnsinn Einzelner ausufern zu lassen. Das extremste Beispiel jener absoluten Form von Egoismus und Einzelkämpfertum, die sich aller Schranken der Vernunft entledigt hat, ist der Krieg, die wahnwitzige Idee, einzelne Menschen, Völker oder Staaten könnten dadurch einen Gewinn für sich selber erringen, indem sie andere Menschen, Völker oder Staaten ins Verderben stürzen oder gar gänzlich auslöschen. Hier noch behaupten zu wollen, der Egoismus bzw. der „Selbsterhaltungstrieb" des Einzelnen sei der Schlüssel zur Fortentwicklung der Menschheit, ist wohl nur noch zynisch. Wenn es trotz allen zeitweiligen Rückschlägen dennoch immer wieder Fortschritte in der Entwicklung der Menschheit gab, dann gewiss nicht durch die äussersten und extremsten Formen von blindem Eigennutz und Machtstreben, sondern nur dank all jener fürsorglich, sozial und solidarisch denkender Menschen, die jedesmal, wenn die blindgewordenen Machtmenschen in ihrem Grössenwahnsinn schon beinahe alles in Schutt und Asche gelegt hatten, mit einem Riesenaufwand an Liebe, Mitgefühl, Sorgfalt und Geduld alles von vorne wieder aufgebaut haben, um ein Weiterleben überhaupt erst wieder möglich zu machen. Nicht die kriegslüsternen Herren rund um George W. Bush im Weissen Haus, keiner jener asiatischen, afrikanischen oder lateinamerikanischen Potentaten, die ihre Völker bis aufs Blut aussaugten, kein einziger Waffenproduzent und keiner jener Multimilliardäre des globalisierten Kapitalismus, welche ihren gesamten Reichtum ausschliesslich dem Elend und der Zerstörung ganzer Volkwirtschaften verdanken, wird sich in den Geschichtsbüchern der Zukunft rühmen können, mit ihrem Egoismus und ihrem individuellen Erfolgs-, Glücks- und Machstreben Unverzichtbares zur Fortentwicklung der Menschheit beigetragen zu haben. Wenn jemand diese Behauptung zu Recht für sich in Anspruch wird nehmen können, dann jene Milliarden namenloser Kinder, Frauen und Männer insbesondere in den am meisten ausgebeuteten Regionen der Erde, die unter Aufbietung der letzten ihnen noch verbliebenen Kräfte selbst das Wenigste, was ihnen zum nackten Überleben noch geblieben ist, untereinander teilen, damit zwei, drei oder vier andere noch einen oder zwei Tage länger am Leben bleiben können, als wenn einer von ihnen alles Verbliebene in blinder Raffgier an sich allein gerissen hätte.
Eine aus dem Gleichgewicht geratene Welt
Wo immer der Egoismus und das individuelle Erfolgs- und Machtstreben Einzelner gesamtgesellschaftlich ausser Kontrolle geraten, fängt sich der Himmel am Horizont mehr und mehr zu schwärzen an und es beginnen die Wolken von Zerstörung und Krieg aufzuziehen, uns daran erinnernd, dass wir das alles entscheidende Gleichgewicht des Lebens verloren haben. Und genau in einer solchen Zeit leben wir heute, in der Diktatur des globalisierten Kapitalismus. Der Egoismus und das Einzelkämpfertum, der gegenseitige Wettstreit um Reichtum, Macht und Erfolg auf Kosten anderer beschränkt sich schon längst nicht mehr auf kleine, überschaubare und kontrollierbare private Räume, sondern ist zum obersten Prinzip und Dogma aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen „Entwicklung" geworden. Der „gesunde" Egoismus des Einzelnen und der institutionalisierte, verabsolutierte Egoismus des Gesamtsystems potenzieren sich gegenseitig und nehmen dabei immer stärker zerstörerische Formen an - einzig und allein deshalb, weil ihr Gegenwicht, das alles im Zaum halten müsste, das Gemeinschaftsdenken, die gegenseitige Solidarität und das Mitgefühl aller Menschen über sämtliche soziale und geografische Grenzen hinweg bis fast zur Unkenntlichkeit systematisch ausgerottet worden ist. Es geht - wenn wir unseren Blick wieder auf das zukünftige Überleben der Menschheit richten - nicht darum, den Egoismus und das individuelle Glücks- und Erfolgsstreben des Einzelnen auszulöschen, es geht einzig und allein darum, es wieder in den Dienst eines höheren und umfassenderen Ganzen zu stellen, damit sich die in ihm liegenden Kräfte nicht immer zerstörerischer gebärden, sondern sich zum Wohl der gesamten Menschheit und ihres zukünftigen Überlebens frei und nutzbringend entfalten können.
Eine Begriffsklärung: Kapitalismus und Kommunismus
Feste Begriffe und so genannt eindeutige Definitionen sind etwas vom Heikelsten und Gefährlichsten, weil sie offenes Denken nur allzu oft viel zu rasch wieder einengen und sich nicht selten schon beim ersten Wort, das der eine braucht, beim anderen möglicherweise hundert Scheuklappen aufrichten und man sich unversehens gegenseitig Schlagwörter um den Kopf zu werfen beginnt, bevor man überhaupt angefangen hat, sich gegenseitig ernsthaft zuzuhören. Gleichwohl kommen wir, wenn wir an die Entwicklung einer Alternative zum Kapitalismus herangehen wollen, nicht umhin, gewisse Begriffe zu brauchen und sie auch möglichst genau voneinander abzugrenzen.
Zunächst der Kapitalismus. Eine zusätzliche Definition erübrigt sich an dieser Stelle aufgrund der in diesem Buch bereits erfolgten Ausführungen. Dann der Kommunismus. Hier beginnen sich die Geister bereits zu scheiden. Soll man unter Kommunismus das von der Sowjetunion 1917 bis 1991 praktizierte und in zahlreichen anderen Ländern in unterschiedlich stark davon abwei-chenden Variationen praktizierte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des so genannten „realen Sozialismus" verstehen oder aber das Grundideal einer klassenlosen Gesellschaft, in welcher sich sämtliche Produktionsmittel in den Händen der Arbeitenden befinden? Um uns nicht in einer Sackgasse historischer und ideologischer Widersprüche zu verfangen, ist es wohl hilfreicher, sich beim Begriff des Kommunismus an das zu halten, was historisch tatsächlich manifest geworden ist, nicht zuletzt deshalb, weil man Ideale und die Realisierung derselben nie gänzlich voneinander trennen kann und man sich daher bei sämtlichen „Fehlentwicklungen" innerhalb des Kommunismus stets von Neuem fragen müsste, ob es sich dabei bloss um Abweichungen von den Grundideen handelte oder um zwangsläufige Folgen derselben.
Sowohl Kapitalismus wie auch Kommunismus tendieren zur Diktatur
Messen wir den Kapitalismus und den Kommunismus an der zuvor getroffenen Unterscheidung vom Menschen als Einzelkämpfer einerseits, als Sozialwesen anderseits, so lässt sich, etwas vereinfacht, sagen, dass der Kapitalismus einseitig und beinahe ausschliesslich auf der Idee des Menschen als Einzelkämpfer aufbaut, während im Kommunismus einseitig und beinahe aus-schliesslich der Mensch als Sozialwesen im Zentrum steht. Mit anderen Worten: Zentraler Wert des Kapitalismus ist die so genannte „individuelle Freiheit", während es im Kommunismus die so genannte „soziale Gleichheit" ist. Beide Denksysteme und ihre Umsetzung in die entsprechenden Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen betonen also nur jeweils die eine Hälfte dessen, was die Gesamtheit des menschlichen Wesens ausmacht, verabsolutieren diese Hälfte und negieren die andere weitgehend. Die Folgen davon sind evident: Bewegt sich der Kapitalismus auf eine Gesellschaft hin, in der jeder jeden um Reichtum, Glück und Erfolg bis aufs Blut und bis zur Selbstzerstörung bekämpft, endet der Kommunismus in der Endform erzwungener Gleichschaltung, in der jeder, der einen von der allgemeinen Lehre abweichenden Gedanken zu äussern wagt, zum Verräter wird. So gesehen, bergen beide Gesellschaftssysteme, sowohl der Kapitalismus wie auch der Kommunismus, die Tendenz in sich, sich in Richtung von Diktaturen zu entwickeln, die den Menschen, indem sie ihn in zwei Hälften spalten, zu etwas zwingen, was seiner Ganzheitlichkeit zutiefst widerspricht.
Sozialismus als dritter Weg
Fragen wir uns nun, wie die „ideale" Wirtschafts- und Gesellschaftsform aussehen müsste, welche sowohl die Einseitigkeit des Kapitalismus wie auch die Einseitigkeit des Kommunismus überwinden und den Menschen wieder in seiner Ganzheitlichkeit als individuelles und soziales Wesen in den Mittelpunkt stellen würde. Bezeichnen wir diese dritte Idee, diesen dritten Weg als Sozialismus. Und gehen wir von Anfang an davon aus, dass es sich dabei um einen von Grund auf anderen Weg handelt, der sich weder aus dem Kapitalismus noch aus dem Kommunismus ergibt und der weder bloss eine Variante des einen noch bloss des anderen dieser beiden - gescheiterten - Gesellschaftssysteme ist, sondern ein von Grund auf neues Denken und Handeln eröffnet. Dies auch in unzweideutiger Abgrenzung zur Sozialdemokratie, welche auf der irrigen Annahme beruht, soziale Gerechtigkeit und Frieden wären innerhalb des Kapitalismus realisierbar. Sozialismus ist weder innerhalb des Kapitalismus noch innerhalb des Kommunismus realisierbar, sondern nur in der Überwindung dieser beiden Wirtschafts- und Gesellschaftsideologien.
Kapitalismus und Kommunismus als Machtsysteme
Kapitalismus wie auch Kommunismus zeichnen sich dadurch aus, dass einzelne Teile der Bevölkerung - so genannte „Eliten" - auf die eine oder andere Weise Macht ausüben über andere Teile der Bevölkerung. Im Kapitalismus werden diese Eliten von den Besitzern der Produktionsmittel, den vermögenden Oberschichten und den mit ihnen verknüpften und verschachtelten Politikerkasten gebildet. Im Kommunismus handelt es sich bei den Macht ausübenden Eliten um die Funktionäre und Amtsträger der Partei und die mit ihnen gleichgeschalteten Machtapparate der Industrie und des Militärs. Diesen inneren Machtverhältnissen entspricht das nach aussen getragene Machtgebaren, das sich sowohl in wirtschaftlicher wie auch militärischer Form manifestiert. Um Macht, ja geradezu Weltmacht ging es letztlich in der Konfrontation zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs. Und dieser globale Machtkampf konnte nur enden mit dem Sieg der einen Seite und der Niederlage der anderen. Wer auf Macht setzt, setzt auf das Ganze, ebenso wie im Krieg: Entweder siegen wir, oder es siegen die anderen, dazwischen gibt es nichts.
Eine Revolution der Liebe
Diesem „Machtdenken" muss der Sozialismus, wenn er eine Zukunft haben will, ein von Grund auf neues, anderes Denken entgegensetzen, das sich nicht mehr in den Kategorien der Macht bewegt, sondern, im Gegenteil, ausgerichtet ist auf die Überwindung der Macht. „Nicht die Macht unter neuen Vorzeichen", heisst es in einer Erklärung der mexikanischen Zapatisten vom 2. Januar 1994, „sondern eine Internationale der Hoffnung, ein Atemzug der Würde, ein Lied des Lebens."1 Wo einzelne Machtgruppen bloss durch andere ausgetauscht werden, wo „Revolutionen" oder Putsche zu nichts anderem führen, als dass jene, die zuvor an der Macht waren, zukünftig davon ausgeschlossen werden und umgekehrt, hat sich an den bestehenden Verhältnissen grundsätzlich nichts geändert und jede Gewalt, welche der einen durch die andere Seite zugefügt wurde, wird sich früher oder später in neuer Gewalt äussern, die wie-derum von jenen ausgeübt wird, denen sie ehedem zugefügt wurde. Dieser Teufelskreis lässt sich erst dann durchbrechen, wenn endgültig darauf verzichtet wird, gesellschaftliche Verhältnisse durch Gewalt, durch Machtkämpfe oder gar Kriege verändern zu wollen. Die Revolution, die der Sozialismus in Gang bringen wird, muss daher eine Revolution der Gewaltlosigkeit sein, eine Revolution des Denkens, eine Revolution des Geistes, eine Revolution der Herzen, eine Revolution der Liebe.
Sozialismus: eine Bewegung von unten
Handelt es sich sowohl beim Kapitalismus wie auch beim Kommunismus um Machtsysteme, die Völkern oder Staaten - durch die sich jeweils an der Macht befindlichen Eliten - von oben aufgezwungen wurden, so muss der Sozialismus eine Bewegung sein, die von unten entsteht, aus eben dieser neuen Denkensart, die sich bei jeder noch so geringfügigen Handlung und Entscheidung nie nur an einem einzelnen, gerade im Mittelpunkt stehenden Menschen oder Ereignis orientiert, sondern stets alle damit verbundenen gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenhänge und Auswirkungen in Gegenwart und Zukunft mit einbezieht. Dabei geht es weder um „richtige" oder „falsche" politische Theorien - die wiederum bloss die Geister spalten und zu neuen Machtkämpfen führen würden -, sondern, ganz einfach, um das Leben selber, um die existenzielle und alles entscheidende Frage, in welcher Weise sich Menschen - im Kleinen wie im Grossen - gesellschaftlich organisieren müssen, damit ein möglichst sinnerfülltes Leben sowohl für jeden Einzelnen wie gleichzeitig für alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner dieses Planeten sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft gewährleistet ist.
Selbstbestimmung anstelle von Fremdbestimmung
Steht sowohl im Kapitalismus wie auch im Kommunismus die Fremdbestimmung des Menschen zwecks einer „höheren Idee" - im Kapitalismus das Bruttosozialprodukt oder das Dogma des endlosen Wirtschaftswachstums, im Kommunismus die Allmacht der Partei - im Vordergrund, so muss der Sozialismus die Selbstbestimmung des Menschen ins Zentrum seiner politischen Arbeit stellen. Damit verbunden ist ein von Grund auf anderes Menschenbild: Sowohl der Kapitalismus wie auch der Kommunismus gehen davon aus, dass der Mensch als solcher „von Natur aus" zu schwach, zu träge und moralisch zu „schlecht" sei, um sich aus eigener Kraft individuell und gesellschaftlich bestmöglich nutzbringend verwirklichen zu können, und daher durch ein bestimmtes politisches oder wirtschaftliches System dazu erzogen und gezwungen werden muss, trotz seiner Unzulänglichkeiten einen optimalen gesellschaftlichen Nutzen zu erbringen. Demgegenüber geht das Menschenbild des Sozialismus davon aus, dass die besten Kräfte zu seiner individuellen wie auch gesellschaftlichen Verwirklichung in der Natur jedes einzelnen Menschen bereits potenziell vorhanden sind und dass es daher nicht darum geht, den Menschen zu etwas zu zwingen, was seiner innersten Natur widerspricht, sondern dass das Ziel, im Gegenteil, darin bestehen muss, der Verwirklichung dieser vorhandenen inneren Kräfte einen möglichst grossen Raum, möglichst viel Ermutigung und Unterstützung zu gewähren. Versucht die kapitalistische Erziehung, dem Menschen alles Soziale zu Gunsten des egoistischen Erfolgs- und Glücksstrebens auszutreiben, während die kommunistische Erziehung mit ihrer Überbetonung sozialer Gleichschaltung genau das Gegenteil anstrebt, so kann der Sozialismus sowohl auf die eine oder andere Art von durch Zwangs-massnahmen und Fremdbestimmung geprägten Erziehungsprogrammen verzichten: Der Mensch, den man - gemäss seiner „inneren Natur" - sowohl seine individuellen, „egoistischen" wie auch seine fürsorglichen, sozialen Kräfte in gegenseitigem Gleichgewicht frei ausleben lässt, braucht keinen Zwang von aussen: Er verwirklicht sich aus eigener Kraft.
Die Institutionalisierung der sozialen Ungerechtigkeit durch den Kapitalismus
Gibt es irgendeine nachvollziehbare Rechtfertigung dafür, dass die Lebensumstände und die Zukunftschancen für ein Kind, welches in einer schwedischen, deutschen oder kanadischen Akademikerfamilie geboren wurde, mit tödlicher Sicherheit um Welten besser sind als für ein Kind, das zur gleichen Zeit in einer tansanischen oder honduranischen Kaffeepflückerfamilie geboren wurde und vielleicht bereits im Alter von vier oder fünf Jahren infolge von Mangelernährung in den Armen seiner ebenfalls schon vom Tod gezeichneten Mutter gestorben ist? Kann irgendwer irgendwem mit auch nur einigermassen plausiblen Argumenten erklären, weshalb einem Menschen, der in einem der reichen Länder des Nordens geboren wurde, die Grenzen aller übrigen Länder der Welt weit offen stehen, und sei es bloss für irgendeine verrückte, überflüssige Luxusreise mit dem einzigen Zweck des eigenen, privaten Vergnügens, während Milliarden von Menschen in den armen Ländern des Südens gezwungen sind, zeitlebens wie Gefangene in ihrem Elend verharren zu müssen, weil ihnen der Zugang zu all jenen Ländern, in denen ein besseres Leben auf sie warten würde, mit meterhohen Stacheldrahtzäunen, Minenfeldern und Selbstschussanlagen verwehrt ist? Lässt sich irgendeine auch nur einigermassen vernünftige Begründung dafür finden, dass selbst in den reichsten Ländern dieser Erde - wo Abertausende soviel Geld besitzen, dass sie nicht einmal mehr arbeiten müssen und sich dennoch ein Leben in Saus und Braus leisten können - Millionen andere, obwohl sie sich von früh bis spät abrackern, dennoch nicht einmal genug Geld verdienen, um sich damit das Allerlebensnotwendigste erwerben zu können?
Soziale Gerechtigkeit als Grundwert aller Grundwerte
Der Grundwert aller Grundwerte ist die soziale Gerechtigkeit, die Tatsache, dass es niemals, zu keiner Zeit und an keinem Ort, jemals eine plausible Begründung und Rechtfertigung dafür geben kann, dass nicht sämtlichen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Planeten der gleiche Anteil an der insgesamt vorhandenen Menge an Erde, Wasser, Nahrung, Lebensbedingungen und Lebenschancen zur Verfügung stehen soll. Wo immer die soziale Gerechtigkeit fehlt, ist die Welt „aus dem Gleichgewicht" und es entstehen Unstimmigkeiten, Neid, Missgunst, Hass, Gewalt. Nicht weil der Mensch, wie die Mächtigen uns immer und immer weiszumachen versuchen, „von Natur" aus so „schlecht" und „böse" wäre, sondern im Gegenteil: Weil er ein so unendlich starkes Gerechtigkeitsgefühl in sich trägt und alles daran setzt, Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit zu verwandeln, auf was für einem Weg und mit was für Mitteln auch immer. „Der Mensch", stellte schon der bekannte Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi aufgrund seiner Erfahrungen in der Arbeit mit „schwierigsten", „verwahrlosesten" und „gewalttätigsten" Kindern und Jugendlichen fest, „ist gut und will das Gute. Und wenn er böse ist, so hat man ihm bloss den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte."2 Wer Kinder in ihren ersten Lebensjahren aufmerksam beobachtet und begleitet, wird es tausendfach bestätigen können, quer durch alle Völker und Kulturen hindurch: Ein jedes Kind trägt ein unendliches Gerechtigkeitsgefühl in sich, selbst dann, wenn die Welt, in die es hineinwächst, von noch so grosser Ungerechtigkeit geprägt ist. Woher kommt dieses Gerechtigkeitsgefühl? Wer hat es den Kindern eingepflanzt? Weshalb braucht es so viel Gewalt und „Umerziehung" von aussen, bis es schliesslich, wenn die Kinder erwachsen und „vernünftig" geworden sind, nach und nach erlischt? Es scheint sich dabei in der Tat um so etwas wie den innersten Kern des Menschen zu handeln, seine eigentliche „Natur". Wie wenn die Kinder, bevor sie schliesslich an jene Welt angepasst werden, in der wir hier und jetzt leben, noch die Erinnerung an eine zutiefst andere Welt in sich trügen, das, was man vielleicht auch als das „Paradies" bezeichnen könnte. Daher ist eine Welt, deren Grundprinzip die soziale Gerechtigkeit ist, nichts, was den Menschen mit Gewalt aufgezwungen werden müsste, sondern im Gegenteil nichts anderes als die Verwirklichung eines Traumes, den wir alle seit dem Moment, da wir geboren wurden, zutiefst in uns tragen.
Das Ziel und der Weg
Schön und gut. Bis an diese Stelle könnte ja selbst zwischen „Gegnern" und „Befürwortern" einer Überwindung des Kapitalismus noch ein gewisser Konsens zu erreichen sein. Denn wer vermöchte schon gegen die Idee einer weltweiten Wirtschaftsordnung, in der alles möglichst gerecht auf alle verteilt wäre, ein wirklich überzeugendes Gegenargument anbringen? Woraus könnten, wenn alle Menschen an allen Gütern gleichberechtigt Anteil hätten, Armut, soziale Verwahrlosung, Gewalt und Kriminalität noch entstehen? Worin sähe die Regierung irgendeines Landes in einer so stabilen, von Gleichgewicht, existenzieller Sicherheit und wirtschaftlichem Ausgleich bestimmten Weltordnung noch einen Sinn darin, gegen ein anderes Land Krieg zu führen? Und wer könnte, wenn erst einmal das faire, gleichberechtigte Teilen aller Gü-ter zum allgemein anerkannten Grundprinzip aller Beziehungen im Kleinen wie im Grossen geworden wäre, noch einen Grund dafür haben, Produktion und Konsum einer immer grösseren Menge an überflüssig gewordenen Dingen in immer höherem Tempo voranzutreiben und damit Rohstoffe und Energien sinnlos zu verschwenden, die zu einem späteren Zeitpunkt umso schmerzlicher fehlen würden?
Doch es genügt nicht, sich im Ziel einer solchen zukünftigen, nichtkapitalistischen, auf weltweiten Ausgleich ausgerichteten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einig zu sein. Der eigentliche Knackpunkt besteht darin, auf welchem Wege, mit was für Mitteln und Instrumenten es uns gelingen könnte, den Kapitalismus - wenn wir nicht einfach tatenlos auf sein Ende warten wollen - tatsächlich zu überwinden und an seiner Stelle eine neue, nichtkapitalistische, am Grundprinzip weltweiter sozialer Gerechtigkeit orientierte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aufzubauen.
Linke im Schockzustand
Um einen solchen Prozess mit Aussicht auf Erfolg in Gang zu bringen, kom-men wir - in einem allerersten Schritt - nicht darum herum, die herrschenden - kapitalistischen - Denkmuster und Denkgewohnheiten einer schonungslosen, umfassenden Kritik und Offenlegung zu unterziehen. Zu lange haben wir uns von den unzählbaren Verlockungen des Kapitalismus einlullen lassen, zu lange haben wir es zugelassen, dass kapitalistisches Denken bis in unsere äussersten Hirnzellen eindringen und damit immer mehr zum „Normalen", allgemein Akzeptierten unseres eigenen Denkens und Handelns werden konnte. Viel zu leichtfertig haben wir Errungenschaften „linken" Denkens, für die jahrzehntelang gekämpft worden und auf die wir gerade noch so stolz gewesen waren, über Bord geworfen und haben uns die eigenen Wörter im eigenen Mund umdrehen lassen, bis es uns selber vor ihnen ekelte und wir sie weit von uns spien, als hätten wir niemals etwas damit zu tun gehabt. Das alles hatte spätestens im November 1989 begonnen, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, als zahlreiche Jugendliche in der DDR, die noch den Mut hatten, das Wort „Sozialismus" - ohne damit etwas Negatives zu meinen - in den Mund zu nehmen, von anderen Jugendlichen öffentlich verprügelt wurden, ohne dass irgendeiner der zufällig vorbeigehenden Passanten sich daran gestört oder darüber aufgehalten hätte. Seither befindet sich die Linke weltweit in einer Art von Schockzustand und lässt fast alles, wogegen sie dereinst mit so viel Kraft gekämpft hatte, beinahe taten- und widerstandslos geschehen, ja schlimmer noch: ist sie über weite Teile ihrerseits zur Wortführerin zahlreicher so genannter „Wirtschaftsreformen" und ihrer verheerenden sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen geworden, die allesamt nichts anderes sind als Facetten des ein und selben kapitalistischen Siegeszuges über den gesamten Erdball.
Individuelle Schuldzuweisungen versperren den Blick auf das Ganze
Das grösste Hindernis auf dem Weg freien Denkens im Blick auf eine Über-windung des Kapitalismus sind die persönlichen Schuldzuweisungen. Es ist den Propheten, Gläubigen und Machtträgern des Kapitalismus auf meisterhafte Weise gelungen, für jedes noch so kleine Problem, das der Kapitalismus schafft, für jeden Zwiespalt, den er sät, und für jede der unzähligen kleinen und grossen Ungerechtigkeiten, die er Tag für Tag hervorbringt, einen Schuldigen zu benennen in der Gestalt eines einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Sehen die „Rechten" die Schuld an allem Übel bei den „Linken", den „Grünen", den „Ausländern", den „Asylanten", den „Scheininvaliden", den „Kuschelpädagogen" oder den „Sozialromantikern", so haben sich mittlerweile auch die „Linken" darauf spezialisiert, die gesamte Schuld an sämtlichen bestehenden Missständen an einzelnen „Übeltätern" wie den „Rechten", den „Bürgerlichen", den „Abzockern" auf den Chefetagen, den „Privatisierungsturbos" oder den „Betonköpfen" der Zementindustrie und der Strassenbaukonzerne festzumachen. So lange alle dieses Spiel gegenseitiger Schuldzuweisung mitmachen, wird es weiterhin möglich sein, vom eigentlichen Hauptschuldigen, nämlich dem Kapitalismus als Gesamtsystem, abzulenken und gleichzeitig an der Erhaltung und Verfestigung jener verrückten „Wahrheit" mitzuwirken, wonach das Ganze - nämlich der Kapitalismus - gar nicht so schlecht wäre, wenn nur dieser oder jener Einzelne, diese oder jene Partei, Gruppe oder Organisation, diese oder jene Regierung nicht so „böse" oder „schlecht" wären.
Der Kapitalismus hat nicht Fehler, er ist der Fehler
Jede punktuelle „Reform" innerhalb des Kapitalismus aber führt nur dazu, dass sich die zerstörerischen Auswirkungen des Ganzen an tausend anderen Orten nur umso verheerender manifestieren - wie bei einem todkranken Körper, aus dem man nur gerade die am schlimmsten befallenen Teile herausschneidet, worauf die Krankheit ungebrochen und erst noch viel aggressiver an unzähligen anderen Stellen weiter ihr Unwesen treibt. Heilen kann man diesen Körper nur, wenn man das Ganze heilt, seinen innersten Kern, sein Wesen, seine Seele.
Sehen wir die Ursachen bestehender Missstände nicht mehr bei einzelnen „Schuldigen", sondern beim Kapitalismus als Ganzem, dann wird uns eine solche Haltung zugleich radikaler und versöhnlicher machen: Radikaler, wenn es um die Sache geht, nämlich um die Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau einer neuen, nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung. Versöhnlicher aber, wenn es um die Menschen geht, dann nämlich, wenn sich die Einsicht durchzusetzen beginnt, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und nur entweder alle zusammen mit diesem Boot untergehen oder aber es schaffen, alle zusammen rechtzeitig ein neues Boot zu bauen, um gemeinsam überleben zu können. Oder, wie Martin Luther King es sagte: „Wir müssen lernen, entweder als Brüder miteinander zu überleben oder als Narren miteinander unterzugehen."3
Bereits bestehendes, aber viel zu stark zersplittertes Potenzial zur Überwindung des Kapitalismus
Nun genügt es freilich nicht, bloss die Mittel und Wege zu kennen, um den Kapitalismus überwinden zu können. Es braucht dazu, noch viel wichtiger, auch die Menschen, die dies tun. Und hier stellt sich die alles entscheidende Frage: Welche politischen Kräfte unserer heutigen Zeit sind in der Lage, diese gewaltige Herausforderung anzupacken und auch erfolgreich zu bewältigen?
Zunächst ist festzustellen, dass es in sämtlichen Ländern des Kapitalismus insgesamt eine immense Zahl von einzelnen Menschen, Gruppen, politischen Parteien, Bewegungen und Organisationen gibt, deren Aktivitäten man im weitesten Sinne als gegen den Kapitalismus bzw. die von ihm verursachten Entwicklungen, Zerstörungen und Bedrohungen gerichtet definieren kann: die „Antiglobalisierungsbewegung", zahlreiche NGOs, Menschenrechtsorganisationen, Natur- und Tierschutzverbände, gesellschafts- und entwicklungspolitische Informations- und Hilfswerke, Organisationen zur Bekämpfung von Frauenhandel oder Kinderarbeit, Solidaritätsnetze für politische Gefangene und Flüchtlinge, pazifistische Organisationen, die Friedensbewegung, Gewerkschaften und andere Arbeitnehmerorganisationen, Basis- und Aktionsgruppen der Befreiungstheologie und anderer christlicher Bewegungen sozialpolitischer Ausrichtung, weite Teile sozialdemokratischer, grüner, sozialistischer und kommunistischer Parteien, Bewegungen und Organisationen. Zählen wir dies alles zusammen, müsste eigentlich ein Riesenpotenzial zur Überwindung des Kapitalismus vorhanden sein. Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass alle diese Menschen, Gruppen, Organisationen und Parteien weitgehend unabhängig voneinander agieren, dabei ihre individuellen Ziele fast ausschliesslich über ein mögliches gemeinsames, sie miteinander verbindendes Ziel stellen und sich sogar nicht selten - kurioserweise fast genau gleich wie kapitalistische, betriebswirtschaftlich ausgerichtete Firmen - in der Gunst um eine je möglichst grosse Anhängerschaft gegenseitig konkurrenzieren. Genau dies aber liegt einzig und allein im Interesse des Kapitalismus und seiner Machterhaltung: Nichts ist ihm willkommener, als dass seine Gegner untereinander uneinig sind und viel mehr Energie dafür verwenden, sich in gegenseitigem Wettstreit zu profilieren, statt sich miteinander zu solidarisieren und ihre zahlreichen Einzelkräfte zu einer grossen gemeinsamen Kraft zusammenwachsen zu lassen. Wir erinnern uns an dieser Stelle an die äusserst erfolgreiche Machtpolitik des Römischen Reiches zur Zeit seiner grössten Ausdehnung rund um das ganze Mittelmeer und weit darüber hinaus: „Divide et impera" - „teile und herrsche", so lautete der Leitspruch, wonach die römischen Kaiser gezielt Zwietracht unter den von ihnen unterjochten Völkern und Regionen säten, um zu verhindern, dass sich eine zu starke Gegenmacht bilden konnte, die der Machterhaltung Roms hätte gefährlich werden können.
Vier wesentliche Bedingungen für eine wirksame Strategie zur Überwindung des Kapitalismus lassen sich daraus ableiten.
Schonungslose Systemanalyse
Erstens braucht es eine umfassende und konsequente Analyse der kapitalistischen Ursachen sämtlicher aktueller sozialer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Missstände und Fehlentwicklungen. Erst wenn sich eine gemeinsame antikapitalistische Sprache und ein Konsens bezüglich der Zusammenhänge zwischen all den scheinbar „zufällig" auftretenden kleineren und grösseren Problemen unserer Zeit gebildet haben, kann sich daraus auch ein gemeinsames Handeln entwickeln. Die wesentliche Krise der heutigen „Linken" besteht darin, dass sie - in Ermangelung eines radikalen eigenen Programms zur Überwindung des Kapitalismus - dazu verdammt ist, nur noch auf jene kapitalistisch ausgerichtete Politik der sich heute an der Macht befindlichen, politisch „rechten" Kräfte zu reagieren und dadurch - weil kapitalistische Argumente auf der Basis einer kapitalistischen Weltanschauung logischerweise immer stichhaltiger sind als ihre Gegenargumente - immer unglaubwürdiger geworden und somit zwangsläufig immer mehr an Macht und Einfluss verloren hat.
Solidarisierung aller antikapitalistischen Kräfte
Zweitens braucht es eine möglichst breite Solidarisierung sämtlicher politischer und gesellschaftlicher Kräfte, die im weitesten Sinne eine antikapitalistische Stossrichtung haben. Dabei muss deutlich werden, dass - im Hinblick auf die Überwindung des Kapitalismus - das Wesentliche dieser Kräfte nicht in dem liegt, was sie voneinander unterscheidet, sondern in dem, was sie miteinander verbindet. Dies bedeutet nicht, dass sich sämtliche bestehende Gruppen, Organisationen und Parteien auflösen und sich - analog einer kapitalistischen „Fusion" - zu einem Riesenapparat zusammenschliessen müssten. Nein, eine gewisse „Spezialisierung" einzelner Gruppen oder Organisation auf bestimmte Themen - Aktionen von Greenpeace gegen Walfischjäger oder Briefaktionen von Amnesty International für die Befreiung politischer Gefangener, usw. - machen durchaus Sinn, umso mehr, als sich durch solche konkrete Einzelaktionen oft rasch konkrete Erfolge einstellen und dies nicht zuletzt dazu beiträgt, einzelne Menschen rascher aktivieren und politisieren zu können. Die Gefahr besteht aber darin, dass der Aktivismus in einem zu kleinen Einzelgebiet zu einer gewissen „Betriebsblindheit" führen kann, man die ganze Welt dann nur noch aus dieser Optik sieht und zu viel anderes, was entscheidend mit allem anderen zusammenhängt, ausgeblendet wird.
Das Ablegen bisheriger Scheuklappen
Drittens geht es darum, bisherige Scheuklappen gegenüber all denen, die man gemäss traditionellem politischem Diskurs als „Feinde" oder „Gegner" zu sehen gewohnt war, abzulegen. So etwa weigert sich die europäische Sozialdemokratie nach wie vor hartnäckigst dagegen, Anliegen der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerungsgruppen ebenso ernst zu nehmen und sich dafür ebenso ins Zeug zu legen, wie sie dies für die Anliegen der „klassischen" Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft tut - obwohl die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft unter dem selben zerstörerischen kapitalistischen Konkurrenzdruck stehen wie auch alle übrigen Erwerbszweige. Noch weniger käme einem traditionell „links" Denkenden in den Sinn, sich mit dem Patron eines Restaurationsbetriebs oder gar mit dem CEO eines multinationalen Konzerns zu solidarisieren, wie sich freilich auch umgekehrt der Patron oder der CEO kaum vorstellen könnten, jemals einer „linken" Partei oder Gruppierung beizutreten - obwohl sowohl der eine wie der andere wiederum dem gleichen mörderischen Existenzkampf im sich immer schneller drehenden kapitalistischen Profitmaximierungskarussell ausgeliefert ist und nicht selten mit seiner Gesundheit oder gar mit seinem Leben dafür zu bezahlen hat. Noch erkennen die wenigsten der auf der einen oder anderen Seite der bisherigen „Denkgräben" Exponierten, dass ihr auf den ersten Blick so unterschiedliches Leiden die gleichen gemeinsamen Ursachen und Wurzeln hat und dass es daher sowohl im Interesse der einen wie auch der anderen wäre, künftig gemeinsame Sache zu machen, können doch, wie es Friedrich Dürrenmatt so treffend formulierte, nur „alle lösen, was alle angeht."
Globale Vernetzung aller antikapitalistischen Kräfte
Viertens - und dies ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt - geht es darum, die weltweit agierenden antikapitalistischen Kräfte global miteinander zu verbinden. Was nützt es, wenn sich europäische Gewerkschaften bloss für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in ihren „eigenen" Ländern einsetzen, wenn die Folge davon die Auslagerung der Arbeit in Billiglohnländer ist, wo dann andere Menschen - „unsichtbar", am „anderen Ende der Welt" - nur umso brutaler ausgebeutet werden und die Menschen im „eigenen" Land ihren zwar miesen, aber immerhin wenigstens noch vorhandenen Arbeitsplatz unwiederbringlich verloren haben. Was bringt es, wenn sich sozialdemokratische Parteien für die Beibehaltung von Unternehmenssteuern oder für die Erhöhung von Umweltabgaben stark machen, wenn dann als Reaktion darauf die immer mobiler werdenden Konzerne und das immer mobiler werdende Kapital einfach blitzschnell in andere Länder ausweichen, wo die Voraussetzungen für die ungebremste Weiterführung der kapitalistischen Macht- und Raffgier noch günstiger sind. Erst wenn dem international organisierten Kapital eine mindestens gleichgewichtige international organisierte Gegenmacht entgegengestellt wird, besteht die Chance für den Anfang von etwas von Grund auf Neuem. So gesehen müssten bei jedem Streik, der in irgendeinem kapitalistischen Betrieb an irgendeinem Punkt der Erde ausgerufen wird, augenblicklich weltweit ausnahmslos die in sämtlichen anderen kapitalistischen Betrieben Angestellten ebenfalls ihre Arbeit niederlegen und bei jeder Demonstration, die an irgendeinem noch so winzigen Punkt der Erde im Namen von Frieden und sozialer Gerechtigkeit Menschen auf Strassen und Plätzen zusammenbringt, müssten sich weltweit gleichzeitig Millionen von anderen Menschen ebenfalls auf Strassen und Plätzen sammeln, um für weltweiten Frieden und soziale Gerechtigkeit zu demonstrieren - keine Frage, dass auf diese Weise die globalen Machtverhältnisse innerhalb kürzester Zeit ins Wanken gerieten...
Die schmale und zerbrechliche Brücke von der alten Zeit in die neue Zeit
Angenommen, es gäbe ein weltweit genügend starkes Potenzial an politischen Kräften zur Überwindung des Kapitalismus und zum Aufbau einer von Grund auf neuen, nichtkapitalistischen, auf globale soziale Gerechtigkeit ausgerichteten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, so stellt sich nun als nächstes die Frage, auf welchem Wege und mit was für Mitteln eine so tiefgreifende Umwälzung, die fast alles Bisherige bis auf den Grund erschüttern würde, überhaupt zu bewerkstelligen wäre.
Dieser Weg aus der alten, kapitalistischen Vergangenheit in die neue, nichtkapitalistische Zukunft führt über eine schmale, zerbrechliche Brücke voller Gefahren und möglicher Abstürze, nichts darf dem Zufall überlassen werden, sonst könnte leicht alles im Chaos enden. Doch welches wären die Leitideen, wie wäre möglichen Gefahren rechtzeitig vorzubeugen und welches wären die konkreten politischen Instrumente und die einzelnen Schritte auf dieser so schmalen und so zerbrechlichen Brücke in eine neue, andere Zukunft?
Überwindung einer auf Machtübergabe beruhender gesellschaftlichen Selektion
Als erstes stellt sich die Frage der Macht. Mit der Ausbreitung des Kapitalismus über die gesamte Erde hat sich ein globales Machtsystem etabliert, das sich dadurch auszeichnet, dass eine Minderheit Privilegierter über eine Mehrheit Nichtprivilegierter herrscht, weltweit, aber auch in jedem einzelnen Land. Die Macht, der Reichtum, die Privilegien, über welche diese Minderheit verfügt, sind dermassen gross und stark im Vergleich zur Ohnmacht und zur Armut derer, die davon ausgeschlossen sind, dass es eine reine Illusion wäre, daran glauben zu wollen, die von diesem Machtsystem Begünstigten und dank ihm zu ihren Privilegien Gelangten wären nur im Entferntesten bereit, diese Privilegien freiwillig aufzugeben, oder hätten auch nur das geringste Interesse an einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, welches sie dazu verdammen würde, weniger reich und privilegiert zu sein, als sie es heute sind. Deshalb kommen wir nicht darum herum, dass sich die bestehenden Machtverhältnisse ändern müssen. Hierzu bedarf es eines Blickes auf das, was man als Selektion durch Kapitalismus bezeichnen könnte: Wie gelangen im Kapitalismus Menschen zu ihren Machtpositionen, wer hat dabei welche Chancen und weshalb ist es so, dass sich - sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft - ausgerechnet an all jenen Stellen, wo sich am meisten Macht konzentriert, fast ausnahmslos Menschen befinden, die sich durch ein ganz besonders hohes, weit überdurchschnittliches Mass an Machtgier, Profitsucht, Selbstdarstellung, Skrupellosigkeit und Egoismus auszeichnen, so wie, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen, Sarkozy in Frankreich, Berlusconi in Italien, Cheney, Rumsfeld und Bush in den USA, Vasella, Ospel, Ebner, Blocher und wie die auch hierzulande in mannigfachen Toppositionen in Politik und Wirtschaft sich befindlichen „Machtmenschen" auch alle heissen mögen. Das ist eben der Teufelskreis, in dem wir uns - als Gefangene des Kapitalismus - befinden: Der Grund dafür, dass Egoismus, Macht- und Profitgier in dem Masse zunehmen, als wir uns auf der kapitalistischen Machtpyramide nach oben bewegen, ist der, dass der Kapitalismus von den beiden in jedem Menschen von Natur aus angelegten Grundkräften - Egoismus und Eigennutz auf der einen Seite, Gerechtigkeitsgefühl und soziales Denken auf der anderen - die eine systematisch fördert und die andere ebenso systematisch missachtet, die eine konsequent belohnt und die andere ebenso konsequent bestraft und somit eine gesellschaftliche Auslese vornimmt, die genau dazu führt, dass es an allen Ecken und Enden, im Kleinen wie im Grossen, in jeder Schulklasse, in jedem Betrieb, in jeder politischen Partei, in jedem multinationalen Konzern und selbst in zahlreichen internationalen Organisation die „Machtmenschen", die „Egoisten", die „Selbstdarsteller" und die „Schaumschläger" viel einfacher haben, an Machtpositionen zu gelangen, während die rücksichtsvolleren, sensibleren, sozialer denkenden Menschen meist viel zu grosse Skrupel haben, sich auf Kämpfe um Aufstieg und Machtpositionen einzulassen, lieber das Feld anderen überlassen oder aber nicht selten schon aufgeben, bevor sie es bloss versucht haben. Kommt dazu, dass diese Auslese ja nicht nur hier und jetzt stattfindet, sondern ein Produkt von Generationen ist: Die Türen zu den künftigen Machtpositionen werden den Kindern schon in die Wiege gelegt, je mehr Ver-mögen, Macht und soziales Ansehen auf der kapitalistischen Machtpyramide ihre Eltern genossen haben, umso leichter wird es ihren Kindern fallen, an die entsprechenden Schalthebel der Macht zu gelangen. Und je mehr die Machtgier, die Skrupellosigkeit und der Egoismus jene „Tugenden" sind, mit denen man im gegenseitigen Kampf um Macht und Reichtum erfolgreich sein kann, umso mehr werden diese „Tugenden" von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder neu verstärkt: Welcher Junge träumt nicht davon, eines Tages Bill Gates zu sein, und welches Mädchen möchte nicht dereinst zu den zehn bestverdienenden Frauen des internationalen Showbusiness gehören - wohingegen es wohl äusserst selten vorkommt, dass sich ein Junge wünschte, seinen Lebensunterhalt als Kehrichtmann zu verdienen, oder ein Mädchen davon träumte, eine Karriere als Putzfrau zu machen.
Tiefgreifender Wertewandel unerlässlich
Die neue Zeit kann nicht beginnen ohne einen tiefgreifenden Wertewandel. Und dieser muss auf allen Ebenen, im Kleinen wie im Grossen, mit aller Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit erkämpft werden: Wo immer zwei sich streiten, nach oben zu kommen, muss der Sensiblere, der weniger Machtgierige, der Rücksichtsvollere den Vorrang haben. An Machtpositionen müssen - so widersprüchlich das auf den ersten Blick erscheinen mag - eben gerade nicht jene Menschen gelangen, die am meisten nach Macht streben, sondern im Gegenteil jene, die ihr am meisten misstrauen und am meisten Skrupel davor haben, sie möglicherweise zu missbrauchen. Nur so besteht die Chance, die bestehenden Machtverhältnisse Schritt um Schritt umzubauen hin zu einer Gesellschaftsordnung, in der die obersten, von allen angestrebten „Tugenden" nicht mehr der knallharte Eigennutz und das Erringen von Privilegien auf Kosten anderer sind, sondern Rücksichtnahme, Respekt, Liebe und eine wahre Leidenschaft für die soziale Gerechtigkeit. Als in den USA, im November 2008, im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen der millionenfache Ruf nach „Change" ertönte, dann spricht genau daraus diese tiefe Sehnsucht einer gewiss überwiegenden Mehrheit der Menschen in diesem Land, die so bitter erfahren mussten, wohin die Reise geht, wenn man das Führen denen überlässt, welche die Macht um ihrer selbst so sehr lieben, dass sie am Ende nichts mehr sehen ausserhalb von ihnen selber.
Liebe, Respekt und Fürsorglichkeit als Grundprinzipien aller Beziehungen im Kleinen wie im Grossen
Dies hat freilich sehr viel mit der so genannten Emanzipation der Frauen zu tun. Es ist unabdingbar, dass eine wachsende Zahl von Machtpositionen, die bisher Männern vorbehalten waren, nach und nach von Frauen eingenommen wird. Doch dies allein genügt noch nicht. Als die britische Regierung 1988 Truppen in den Falklandkrieg schickte, hatten jene, die in diesem Krieg starben, nichts davon, dass es eine Frau gewesen war, nämlich Margret Thatcher, welche diesen Krieg angezettelt hatte. Wenn in Deutschland immer weitere Teile der Bevölkerung in Armut versinken, ist es den davon Betroffenen so lang wie breit, ob die dafür hauptverantwortliche Person Manfred Schröder oder Angela Merkel heisst. Der im Hinblick auf eine nichtkapitalistische Zukunft erforderliche Wertewandel und die damit verbundene Umkehrung der bisherigen Machtverhältnisse kann nur gelingen, wenn zugleich mit dem zunehmenden Einfluss von Frauen auch all das, was traditionellerweise als das „Weibliche" bezeichnet wird, mehr und mehr an Einfluss gewinnt: das Soziale, das Fürsorgliche, das Mitleidende. Zu lange wurden Politik und das, was man im privaten Bereich als Zuneigung, Respekt, Zärtlichkeit und Liebe nennt, künstlich voneinander getrennt, als handle es sich dabei um zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Doch weshalb soll nicht genau das, was sich im Zwischenmenschlichen, Privaten, in der Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen Vater, Mutter, Sohn und Tochter so eindeutig als das einzig wirklich dauerhaft Erfolgreiche erwiesen hat - nämlich die Liebe in Form gegenseitiger Fürsorge, Anteilnahme und Wertschätzung - nicht auch in den „grossen" Beziehungen in Politik und Wirtschaft zur obersten, allgemein gültigen Maxime werden?
Kein Weg ausserhalb von Demokratie und Gewaltlosigkeit
Nebst einem allgemeinen gesellschaftlichen, nicht nur auf die Politik beschränkten Wertewandel, in dem nach und nach das Soziale und Fürsorgliche jene „Machtpositionen" erobern muss, die heute noch von Machtgier, Profitsucht und Egoismus beherrscht sind, wird es aber auch ganz konkret um das gehen, was man als das traditionell „Politische" zu bezeichnen gewohnt ist: der demokratische Weg durch die Institutionen der so genannten Demokratie im Kapitalismus. Eigentlich muss man es ja nachgerade als fast unglaublich grosszügiges - allerdings nicht ganz freiwillig gewährtes - „Geschenk" des Kapitalismus ansehen, dass er uns in Form der Demokratie sozusagen das Instrument zur Abschaffung von ihm selber zur Verfügung gestellt hat. Das Verhängnisvolle ist bloss, dass es ihm gleichzeitig gelungen ist, das Denken der Menschen so sehr zu vernebeln und in seinen Bann zu ziehen, dass gegenwärtig weltweit - trotz der immensen durch die kapitalistische Wirtschaftslogik bewirkten, immer offener zutage tretenden Verwüstungen und Bedrohungen - in keinem einzigen demokratischen Land auch nur annähernd die „Gefahr" besteht, eine politische Partei mit einem klaren „sozialistischen", auf die Überwindung des Kapitalismus ausgerichteten Programm könnte mehrheitsfähig werden und dadurch tatsächlich die Weiterführung der kapitalistischen Machterhaltung - zumindest in dem betreffenden Land - in Frage stellen. Im Gegenteil: Je schlimmer der Kapitalismus wütet, umso mehr geraten politisch „linke" Kräfte ins Hintertreffen - so etwa bei den italienischen Parlamentswahlen vom 13. April 2008, bei denen eine eigentliche „Linke" - zum ersten Mal seit 1945! - schon gar nicht mehr existierte und mit Silvio Berlusconi zum dritten Mal ausgerechnet einer der schlimmsten und skrupellosesten Exponenten der kapitalistischen Machtelite Italiens zum Regierungschef gewählt wurde.
Es gibt keine Alternative zur Demokratie. Vielleicht ist es sogar so etwas wie weise Voraussehung auf zukünftige, bessere Zeiten: Dass es möglich ist - ohne Anwendung von Gewalt, mit den hier und jetzt vorhandenen legalen und institutionalisierten Instrumenten der Demokratie, einzig und allein durch Einsicht und Vernunft -, die alte kapitalistische Ordnung durch eine neue, nichtkapitalistische Ordnung zu ersetzen. Das Einzige, was es hierfür braucht, ist eine politische Partei mit einem genug klaren, überzeugenden, menschenfreundlichen, liebevollen, zärtlichen, friedliebenden und zukunftsgerichteten Programm, um damit eine Mehrheit der Bevölkerung - in sämtlichen Ländern, über alle Grenzen hinweg - gewinnen zu können. So einfach wäre das...
Weg und Ziel müssen in jeder Phase der gesellschaftlichen Umwälzung identisch bleiben
Nun könnte man zwar zu bedenken geben, dass damit in letzter Konsequenz - wenn in sämtlichen Ländern der Erde eine nichtkapitalistische Regierung an der Macht wäre - dies nichts anderes wäre als eine neue, andere Form von Diktatur. Dieser Einwand ist berechtigt, kann aber in zweierlei Hinsicht entkräftet werden: Erstens ist das, was wir heute haben, letztlich auch nichts anderes als eine - freilich hinter einer angeblichen „Parteienvielfalt" versteckte - Diktatur, nämlich die Diktatur des Kapitalismus. Zweitens dürfte jene internationale „sozialistische" Partei, deren Ziel es wäre, auf demokratischem Wege in den Parlamenten und Regierungen sämtlicher Staaten der Erde die absolute Mehrheit zu erkämpfen, eben gerade nicht jenen Verlockungen erliegen, welche Macht um ihrer selbst ausübt. Eine ganz und gar auf das Wohl aller Menschen, auf soziale Gerechtigkeit und ein friedliches Miteinander aller Völker auf diesem Planeten ausgerichtete Partei sucht die Macht nicht, um sie zu besitzen, sondern einzig und allein dazu, um ihr Programm verwirklichen zu können. Wenn dieses Programm kein diktatorisches, denkfeindliches, antiemanzipatorisches ist, dann wird diese Partei, wenn sie dereinst mehrheitsfähig geworden ist, auch keine diktatorische, denkfeindliche und antiemanzipatorische Politik betreiben, sondern alles daran setzen, dem einmal in Fahrt gekommenen Fluss in Richtung „Paradies auf Erden" so viel Raum zu geben als nur irgend möglich. Dabei müssen Weg und Ziel in jeder Phase identisch bleiben: So demokratisch und gewaltlos der Weg zur „Machtergreifung" sein muss, so demokratisch und gewaltlos muss die „Macht", ist sie erst einmal erkämpft, auch ausgeübt werden. Niemals dürfen sich - wie dies bei der Französischen und später auch bei der bolschewistischen Revolution in Russland der Fall war - die anfänglichen Ideale von Freiheit und Gerechtigkeit in dem Moment, da jene, die zuvor „unten" waren, nun auf einmal „oben" sind, in ihr Gegenteil verkehren, in die Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender.
Doppelstrategie von Pragmatismus und Vision
Bleibt die - immer wieder kontrovers beantwortete - Frage, ob der Weg zu dieser tiefgreifenden gesellschaftlichen Erneuerung zur Überwindung des Kapitalismus innerhalb oder ausserhalb der bestehenden politischen Strukturen zu suchen ist. Nun, diese Fragestellung ist als solche schon falsch. Wer seine ganze Kraft für den Aufbau einer neuen, nichtkapitalistischen Gesellschaft einsetzen will, braucht sich gar nicht zu fragen, welcher Weg der „richtige" ist. Jeder Weg, der uns vom Kapitalismus wegführt und einer nichtkapitalistischen Zukunft näher bringt, ist richtig, ganz unabhängig davon, ob man dabei „innerhalb" oder „ausserhalb" des bestehenden Systems arbeitet, streitet und kämpft. Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Weg durch die Institutionen geht oder an ihnen vorbei, die entscheidende Frage ist einzig und allein, dass man das einmal gefasste Ziel unterwegs nicht aus den Augen verliert. Am meisten Erfolg wird wohl eine Doppelstrategie versprechen: gleichzeitig innerhalb der bestehenden Verhältnisse das jeweils Mögliche zu tun und ausserhalb an der stetigen Vervollkommnung der Vision zu arbeiten, auf die sich alles hinbewegen muss. Wiederum geht es darum, die Kräfte nicht zu zersplittern. Das Dümmste, was man machen kann, ist, sich gegenseitig den „richtigen" Weg abzusprechen und - als „Visionär" - so zu tun, als sei jeder kleinste Schritt in die Richtung Pragmatismus schon ein Hochverrat an den ursprünglichen Idealen, oder - als „Pragmatiker" - so zu tun, als sei jeder „Visionär" bloss ein naiver, weltfremder Träumer. Dieses Auseinanderdividieren zweier Hälften, die untrennbar zusammengehören, ist das eigentliche Dilemma der heutigen „Linken": Die einen haben sich im Strudel der Alltagspolitik festgefahren und sind dabei - indem sie das ursprüngliche Ziel aus den Augen verloren haben - ihren früheren politischen „Kontrahenten" bis zur Unkenntlichkeit immer ähnlicher geworden, die anderen haben sich in ihre Elfenbeintürme zurückgezogen, frönen nur noch schöngeistigem Denken oder sind in Resignation oder gar Depression versunken. Die Linke wird als Kraft einer gesamtgesellschaftlichen Erneuerung erst in dem Moment wieder relevant, da sich die beiden auseinander gerissenen Hälften wieder verbinden, Theorie und Praxis in ständiger, Schritt für Schritt aufeinander abgestimmter Wechselwirkung weiterentwickelnd. Dann auch kann wieder jene Glaubwürdigkeit einheitlichen, in sich logischen Denkens, Handelns und Sprechens entstehen, welche unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass eine politische Kraft zu einer grossen mehrheitsfähigen Bewegung anzuwachsen vermag. Zu dieser Glaubwürdigkeit gehört insbesondere, dass jeder noch so kleine „pragmatische" Schritt zugleich ein kleines Stück jener anderen, besseren Zukunft vorwegnimmt, die als Vision allem gegenwärtigen Sinn erst überhaupt einen Sinn gibt, gleich einem winzigen Mosaikstein, zu dem bald schon ein nächster folgen wird, bis sich schliesslich alle zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Nur so kann sich so etwas bilden wie eine politische „Zangenbewegung": Die pragmatischen und die visionären Kräfte arbeiten von verschiedenen Seiten her, Hand in Hand, für das gleiche Ziel und setzen das Bestehende nicht nur auf der pragmatischen, sondern auch auf der ideellen, theoretischen Seite einer permanenten Rechtfertigung seiner selbst aus. Dieses langsame, schrittweise Entstehen von etwas zutiefst Neuem bildet schliesslich auch die Voraussetzung dafür, dass die damit verbundenen äusseren Veränderungen zugleich Veränderungen des Denkens sind und daher auch nicht, wie dies bei traditionellen „Revolutionen" nur allzu oft der Fall war, über Nacht wieder rückgängig gemacht werden können.
Wer soll uns daran hindern, es nicht wenigstens zu versuchen?
Keine Frage: Die Überwindung des Kapitalismus ist eine Wahnsinnsherausforderung. Aber wer soll uns daran hindern, es nicht wenigstens zu versuchen? Weshalb trauen wir, die es geschafft haben, hochkomplexe ferngesteuerte Sonden nicht nur ins Innerste unserer Körper, sondern auch an die äussersten Enden des Universums zu schicken, uns im Bereich des Geistigen, Sozialen und Gesellschaftlichen so wenig zu und fallen so schnell, so leichtgläubig, so phantasie- und kraftlos immer wieder in die uralten, schon tausendfach nicht bewährten Denk- und Handlungsmuster zurück? Auf wen nehmen wir Rücksicht? Weshalb haben wir eine so grosse, fast religiös anmutende Ehrfurcht vor unseren Vätern und Vorvätern, die uns das alles eingebrockt haben und uns, längst verlassen von ihnen allen, einen Karren weiter ziehen lassen, der von Generation zu Generation immer schwerer wird und unter dessen Last wir wohl eines Tages alle zusammen zerbrechen werden? Weshalb haben wir so wenig Stolz auf uns selber, so wenig eigene, neue, alles Bisherige in Frage stellende Ideen, so wenig Selbstbewusstsein?
Die unaufhaltsame Emanzipation der Kinder und Jugendlichen
Die grösste Hoffnung, dass dieser Beginn eines neuen Zeitalters nicht reines Wunschdenken bleiben muss, sondern schon bald Wirklichkeit werden könnte, geben uns die Kinder und Jugendlichen, die hier und heute unter uns leben. Zu allen Zeiten bildeten Kinder und Jugendliche das „Widerspenstige", „Ungebändigte", „Störende" im Übergang von einer Generation zur nächsten. Zu allen Zeiten, in allen Kulturen und Gesellschaftsepochen kam daher der „Erziehung" und „Anpassung" von Kindern und Jugendlichen an die jeweils herrschende Erwachsenengesellschaft eine vorrangige Bedeutung zu: Um die althergebrachten Machtordnungen nicht durcheinanderzubringen, musste alles von Kindern ausgelebte und in Kindern vorhandene Störende und Widerspenstige so gründlich wie möglich ausgemerzt, mussten Kinder und Jugendliche so früh als möglich und so perfekt wie möglich zu angepassten, „normal" funktionierenden Erwachsenen gemacht werden, die wiederum so schnell wie möglich die nächst folgende Generation von Kindern und Jugendlichen den Normen ihrer eigenen, neu etablierten Erwachsenenwelt anzupassen hatten. Doch anders als in allen vergangenen Entwicklungsphasen der Menschheitsgeschichte ist dieses Anpassen und Unterordnen von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten immer schwieriger geworden, das Störende und Widerspenstige immer stärker, die Anpassungs-, Unterordnungs- und Erziehungsbemühungen der Erwachsenen immer hilfloser und verzweifelter. Zwar haben repressivere Erziehungsmethoden, härteres Durchgreifen gegen „renitente" Jugendliche, „Nulltoleranz" und striktes „Grenzen setzen" gegenwärtig weltweit wieder Hochkonjunktur, doch kann es sich dabei höchstens um ein letztes Aufbäumen gegen eine Welle handeln, die sich endgültig nicht mehr aufhalten lässt - und je mehr Gewalt dieser Welle entgegengesetzt wird, umso stärker wird sie dabei...
Summerhill und die Blumenmädchen: Nichts war falsch, es war nur alles noch ein bisschen zu früh
Sie sägen an Mauern, an denen tausende Jahre gebaut wurde. Sie tanzen sich ihre Seelen aus den Körpern, bis sie fast tot am Boden liegen. Sie bauen Traumschlösser in allen Farben, pumpen sich jegliches nur erdenkliche Gift durch die Adern, bloss um ein paar Augenblicke in eine andere, farbigere, wärmere, liebevollere Welt zu blicken als die, in der sie kurz darauf wieder erwachen. Sie stürzen sich über Felsen in gefährlichste Tiefen, krallen sich mit der letzten Kraft ihrer Finger alle noch so steilen, brüchigen oder eisglatten Felswände hoch bis gegen den Himmel, machen die Tage zu Nächten, die Nächte zu Tagen, schlagen sich, beissen sich, quälen sich, fügen ihren Körpern und Seelen lustvoll grausamste Schmerzen zu, hungern sich fast zu Tode, schlagen sich gegenseitig die Fäuste ins Gesicht und liegen sich fast im gleichen Augenblick schon wieder voller Tränen der Reue gegenseitig in den Armen.
Es ist der Kampf des Lebens gegen die Normen. Ein immer rasenderes Suchen nach etwas, ohne es noch gefunden zu haben. Das tiefe Spüren, dass diese Welt, so kalt und so materialistisch, nicht jene Welt sein kann, von der sie im Augenblick ihrer Geburt noch geträumt hatten. Wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird. Wie eine Zwiebel, die sich häutet. Mitten in der alten Zeit entsteht eine neue Zeit. Diese kindliche Unruhe, diese jugendliche Unrast, all die so genannte „Disziplinlosigkeit", alles Neinsagen, aller Ungehorsam - sie sind Geschenke des Himmels. Blind geschlagen von einem halben Jahrtausend Kapitalismus, sind es erst wenige der „Alten", „Erwachsenen", denen die Augen aufgegangen sind. Aber es werden jeden Tag mehr. Und dann dreht sich alles um. Denn was bekämpft wurde, wird zur einzigen Hoffnung auf das Neue, für alle zusammen, für die, die dafür durchs Feuer gingen, ebenso wie für die, welche alles daran setzten, dieses Feuer zu löschen. Die Raupe muss zum Schmetterling werden, ob sie will oder nicht. Die äusseren Hüllen müssen fallen, ob sie wollen oder nicht. Neues entsteht nicht gegen das Alte, es entsteht mitten darin. Summerhill, die antiautoritäre Erziehung, die „Achtundsechzigerbewegung", die Blumenmädchen, der Pazifismus, die Ostermärsche - nichts davon war falsch, es war bloss alles noch ein bisschen zu früh, die ersten kleinen Vorboten des Frühlings mitten im Winter, bevor noch einmal die Kälte, der Schnee und die Eisstürme mit voller Gewalt alles Leben unter sich zu begraben versuchten. Aber der Frühling folgt auf den Winter wie der Schmetterling auf die Raupe, unaufhaltsam. Die winzigen Pflänzchen waren nicht tot, sie hatten sich bloss unter der Erdoberfläche, unter dem Schnee und dem Eis, aneinander gekauert und sich gegenseitig warm gegeben und waren dabei nur noch viel, viel stärker geworden. Wenn sie wieder an die Oberfläche kommen, wird die Welt, die sie erblicken werden, nichts mehr zu tun haben mit jener Kälte, jenem Schweigen, jener Lieblosigkeit, jener Machtgier, mit welcher sie dereinst in den Boden gedrückt worden waren.
Mitten in der alten Zeit entsteht eine neue Zeit
Wenn du, liebe Leserin, lieber Leser, das alles immer noch nicht wirklich glauben magst und dich immer noch etwas zurückhält vor dem Mut, dem Neuen zuliebe alles Bisherige endgültig aufs Spiel zu setzen, dann geh doch mal zu einem dieser alten, nicht mehr gebrauchten Militärflugplätze. Du findest dort ganz bestimmt irgendwo, umgeben von Wiesen, riesige, graue Flächen, zusammengesetzt aus einer unzählbaren Menge von kleinen, gegenseitig messerscharf ineinander gepassten Zement- oder Betonstücken, oft in der Form von Quadraten, Rechtecken oder Schweizerkreuzen. Und dann schau genau hin. Zwischen den Steinen wachsen Gräser, tausende, Millionen. Jedes einzelne dieser Gräser ist unendlich viel leichter, schwächer, zerbrechlicher als die seit Jahrzehnten dort auf die Erde gepressten Zement- oder Betonplatten. Und doch: Hier ein kleiner Spalt, dort ein winziger Bruch, Wasser dringt ein, Moos beginnt sich auszudehnen, neue Gräser kommen dazu. Und nach und nach, von Jahr zu Jahr, wird das Gras stärker, der Zement und der Beton schwächer. Lebendiges gegen Totes. Eines Tages wird nichts mehr zu sehen sein vom Grau der Steine, Blumen in allen Grössen und allen Farben werden diesen Flecken Erde mit unerbittlicher Geduld und nie endendem Zukunftsglauben zurückerobert haben. So entsteht eine neue Zeit mitten in einer alten.
Peter Sutter, 29.3.2009
1 epd-Entwicklungspolitik 8/96, in: Neue Wege, Oktober 1996
2 Johann Heinrich Pestalozzi, „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt",4. Brief
3 www.wap.zitate.net
ZEIT FÜR EINE ANDERE WELT oder WARUM DER KAPITALISMUS KEINE ZUKUNFT HAT
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