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Syrien 2012

SYRIEN ANFANGS 2012: Eine blutrünstige Diktatur kurz vor ihrem längst fälligen Ende? Oder neuester Schauplatz US-imperialistischer Expansionspolitik? Oder bloss eine weitere Fortsetzung der nordafrikanischen Demokratiebewegungen? Oder von allem etwas? Oder nichts von alledem?

Orientieren wir uns an der Mainstream-Informationsvermittlung (Tagesschau des Schweizer Fernsehens, Tages-Anzeiger, usw.), so ist, was die aktuellen Ereignisse in Syrien betrifft, die Sache eindeutig: Ein für Menschenrechte und Demokratie kämpfendes Volk hat sich - endlich - gegen seinen verhassten Diktator aufzulehnen begonnen, diesem Diktator - Baschar Al-Assad - und seinem Machtclan ist jedoch jedes Mittel recht, um diese Demokratiebewegung zwecks Aufrechterhaltung der bestehenden Macht- und Unrechtsverhältnisse niederzudrücken. Den westlichen Demokratien kommt daher die moralische Pflicht zu, dem syrischen Volk bei seinem Kampf um Freiheit und Demokratie beizustehen, wenn nötig auch militärisch. - Doch ist das wirklich die ganze Wahrheit? Oder gibt es allenfalls noch eine andere Sicht der Dinge? Werfen wir im Folgenden einen Blick auf einige Informationsquellen ausserhalb der eigentlichen "Mainstream-Informationen" und versuchen wir auch bei den Mainstream-Informationen selber, wo immer möglich, zwischen den Zeilen zu lesen, um uns von den gegenwärtigen Ereignissen in Syrien ein etwas differenzierteres Bild zu machen...

"Wir haben gesicherte Informationen, dass in einzelnen Regionen Kräfte aus dem Ausland die Situation angeheizt haben", berichtet Dschihad As-Saad Mohamad, Chefredakteur der Wochenzeitung Kassioun in Damaskus, "anfangs gab es dort friedliche Demonstrationen, aber dann tauchten Bewaffnete auf, die die Proteste für ihre Zwecke genutzt haben. Sie werden von der Türkei, Israel und den Amerikanern unterstützt. Die einzigen, die darunter zu leiden haben, sind die normalen Einwohner. Wir freuen uns, wenn uns die Völker der Welt unterstützen, aber wir brauchen und wir wollen mit Sicherheit keine ausländische Einmischung." Zu den hauptsächlichen Gründen für die Opposition breiter Bevölkerungsschichten gegen das Al-Assad-Regime zählt As-Saad nebst dem Fehlen politischer Freiheiten vor allem auch "die wirtschaftliche Situation. Die neoliberale Politik hat die Gesellschaft in Armut gestürzt. Junge Leute sind arbeitslos, viele sind sozial abgestiegen, die Kriminalität hat zugenommen. Während es früher stets Saatvorräte für vier, fünf Jahre hatte, muss der Staat heute Saatgut und Weizen aus dem Ausland ankaufen." (junge Welt, 9.7.2011)  Interessant. Von solchen Gründen hört man hier im Westen wenig. Es wäre ja auch für unser kapitalistisches Selbstverständnis wenig schmeichelhaft, zugeben zu müssen, dass nicht zuletzt die Auswirkungen dieses Wirtschaftssystems, an dem wir immer noch unbeirrt festhalten, ein wichtiger Grund für die aktuelle Widerstandsbewegung in Syrien ist. Und man muss sich bei dieser Gelegenheit dann auch die Frage stellen, ob ein Sturz des heutigen Regimes die Hoffnung auf ein besseres Leben und weniger Armut tatsächlich erfüllen könnte. P.S.

Über 200 syrische Oppositionelle trafen sich bei Damaskus, um sich über die Zeit nach Ende des Assad Regimes zu verständigen. Die Tatsache, dass die Versammlung auf syrischem Territorium und unbehelligt von Staatsorganen stattfinden konnte, bezeichnete ein Sprecher der Regimegegner als bemerkenswert. (Südostschweiz, 19.9.2011)  Eine Meldung, die nicht so ganz ins Bild des blutrünstigen Diktators Al-Assad passt... P.S.

Aus einer Presseerklärung der syrischen Botschaft in Berlin vom 6.10.2011: "Tagtäglich werden in Syrien die Verleumdungen aufgedeckt, die von den so genannten friedlichen Demonstranten un deren Augenzeugen über die gegenwärtigen Ereignisse im Land mit Hilfe bestimmter Medien verbreitet werden. Ein beredtes Beispiel hierfür ist die Geschichte der jungen Frau Zainab El-Hosni, die zur Ikone der so genannten syrischen Revolution erklärt wurde, nachdem man die syrischen Sicherheitskräfte für deren Tod und die Zerstückelung ihres Leichnams verantwortlich gemacht hatte. Vor drei Tagen meldete sich die junge Frau bei der Polizei und entlarvte die Lügen der so genannten Augenzeugen." (http://www.syrianembassy.de/Dass die syrische Botschaft hier in Bezug auf Zainab El-Hosni die Wahrheit sagt, ist inzwischen von offizieller westlicher Seite und in diversen westlichen Medien bestätigt worden, leicht nachzufinden, wenn man bei Google den Namen eingibt... P.S. 

Der Syrische Nationalrat, wie sich der im Ausland weilende Teil der Opposition gegen das Baath-Regime Al-Assads nennt, ist offenkundig auf eine Gewaltlösung eingeschworen. Sein Vorsitzender Bourhan Ghalioun, der unlängst auf Einladung der prozionistischen Organisation "Stop the Iranian Bomb" in Wien weilte, lehnt den Friedensplan der Arabischen Liga, in dem auch ein Dialog zwischen Regime und Opposition vorgesehen ist, ab. Ghalioun zufolge liege es an der "internationalen Gemeinschaft", Verantwortung zu übernehmen und "alles daranzusetzen, diesem brutalen, grausamen Regime das Handwerk zu legen". Wie weit die Einmischungspolitik des Westens in den syrischen Konflikt bereits fortgeschritten ist, macht eine Erklärung der US-Regierung deutlich, in der es heisst, dass es das Assad-Regime nicht verdient habe, Syrien zu regieren. Soll damit Syrien ein ähnliches Schicksal zuteil werden wie dem Irak und Libyen? Jetzt schon wütet in Syrien der religiöse Wahn, wetzen sunnitische Pogrombanden ihre Messer gegen vom Regime geschützte Minderheiten. Da die syrische Opposition im Wissen um die westliche Rückendeckung zu keiner friedlichen Lösung mehr bereit ist, wird das Unheil seinen Lauf nehmen. Dabei ist keineswegs sicher, dass die imperiale Allianz der Geister, die sie rief, später auch wieder Herr werden kann. (junge Welt, 23.12.2011) 

Einem Bericht des US-Magazins Foreign Policy zufolge, werden im Nationalen Sicherheitsrat der USA bereits Kriegsszenarien für Syrien durchgespielt. Die Fragestellung des hochgeheimen "Brainstorming" lautet, wie die USA der syrischen Opposition, die auf den gewaltsamen Umsturz von Präsident Al-Assad hinarbeitet, zur Seite stehen kann. Die Kriegsspiele seien auf den Druck der republikanischen Opposition zurückzuführen, die dem US-Präsidenten vorwerfe, "zu spät zu reagieren". (junge Welt, 4.1.2012) 

Der syrische Präsident Al-Assad kündigte gemäss der amtlichen Nachrichtenagentur Sana am 15. Januar 2012 eine Generalamnestie an, für friedliche Demonstranten, inhaftierte Besitzer nicht registrierter Waffen sowie für all jene, die bis Ende Januar ihre Waffen abgäben. (Tages-Anzeiger, 16.1.2012) Weshalb finden solche Meldungen in der westlichen Öffentlichkeit weit weniger Beachtung als die Berichte von Gräueltaten der syrischen Armee? Und weshalb neigt der westeuropäische Leser und Beobachter des Geschehens so schnell dazu, einer solchen Meldung kaum Vertrauen entgegenzubringen oder sie gar als Propagandatrick des betreffenden Regimes abzutun, während umgekehrt in der Fernseh-Tagesschau gezeigte Amateur-Videoaufnahmen, auf denen man ein paar herumrennende und schreiende Männer sieht, meist ohne Bedenken als hieb- und stichfeste Beweise für die Brutalität des dortigen Regimes genommen werden? P.S.

Vieles deutet darauf hin, dass die vermeintlichen "Deserteure" der syrischen Armee, die nun gegen die Regierungstruppen kämpfen, in Tat und Wahrheit grösstenteils Kämpfer islamistischer Gruppen sind. Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die Bewaffneten - die man in anderen Ländern Terroristen nennen würde - von anderen Staaten unterstützt und ausgebildet werden. Zudem existieren glaubwürdige Hinweise, dass bereits bis zu 600 libysche Mudschaheddin über die Türkei ins Land gekommen sind. "Nach meinen persönlichen Erfahrungen in Damaskus, Daraa, Homs und Hama sind mindestens die Hälfte der Meldungen über Syrien schlicht falsch", sagt der deutsche Publizist Jürgen Todenhöfer. Auch der private US-Nachrichtendienst Stratfor meint: "Die meisten schwerwiegenden Vorwürfe der Opposition gegen das Assad-Regime haben sich als stark übertrieben oder sogar unwahr erwiesen." Stratfor riet wiederholt zu höchster Vorsicht gegenüber der im Westen gängigen Darstellung der Ereignisse. Berichte oppositioneller Gruppen müssten mit derselben Skepsis betrachtet werden wie die des Regimes. (junge Welt, 17.1.2012) 

US-Präsident Barack Obama hat bei einem Treffen in Washington dem jordanischen König Abdullah II. ausdrücklich dafür gedankt, dass dieser in einem Interview mit der britischen BBC im November 2011 als Erster den syrischen Präsidenten Al-Assad zum Rücktritt aufgefordert hatte. Die USA würden weiterhin "sehr eng mit Jordanien zusammenarbeiten, um internationalen Druck und ein Klima zu erzeugen, dass die derzeitige syrische Führung zum Rücktritt ermutigt", so Obama... Ein von Russland dem UN-Sicherheitsrat vorgelegter Resolutionsentwurf wurde von den USA, Deutschland und Frankreich umgehend als unannehmbar abgelehnt. Sie weisen vor allem zurück, dass für die Gewalt im Land gleichermassen die Regierung und bewaffnete Gruppen verantwortlich seien. China, Brasilien, Indien und Südafrika unterstützten hingegen den russischen Entwurf... (junge Welt, 19.1.2012)

Auszüge aus einem Interview mit dem französischen Journalisten und Krisenberichterstatter Thierry Meyssan in der "Neuen Rheinischen Zeitung" vom 25.1.2012: "Es gab niemals Massendemonstrationen gegen das syrische Regime. Es kam zwar in den letzten Monaten zu ungefähr 1500 Toten, aber absolut nicht so, wie es geschildert wurde. Es gibt wohl eine "freie syrische Armee", aber die ist in der Türkei und im Libanon zuhause und hat höchstens einige hundert Soldaten, die man den TV-Kameras vorstellt. Die westliche Medienversion ist eine reine Fiktion. Die Wahrheit vor Ort ist, dass der Westen einen nichtkonventionellen Krieg gegen Syrien führt. Er hat arabische und Paschtunenkämpfer geschickt, von Prinz Bandar Bin Sultan angeheuert und von französischen und deutschen Spezialtruppen ausgebildet. Sie führen Kommandoaktionen im Zentrum von Städten durch, um dort Terror auszulösen, in der Hoffnung einen religiösen Bruderkrieg anzustacheln... Den Beschluss, Syrien anzugreifen, hatte die damalige US-Regierung unter George W. Bush bereits am 15. September 2001 getroffen. Im März 2003 verabschiedete der US-Kongress den Syrian Acountability Act, der den US-Präsidenten beauftragt, Syrien so schnell wie möglich Krieg zu erklären. Was Präsident Bush aus Zeitmangel nicht machen konnte, soll nun sein Nachfolger Barack Obama ausführen... Präsident Bachar Al-Assad ist nicht wie sein Vater ein Autokrat. Er regiert mit einer Mannschaft. Die Strategie seiner Regierung besteht darin, den zivilen Frieden gegen die Destabilisierungsversuche und konfessionelle Spaltungen zu schützen... Die USA machen kein Geheimnis daraus. Falls es ihnen gelingen sollte, Syrien zu zerstören, würden sie den Krieg fortsetzen und sofort den Iran angreifen. Daher würde der Fall Syriens eine Periode mit grosser Instabilität einleiten, die in einem Weltkonflikt entarten könnte... (Neue Rheinische Zeitung, 25.1.2012) 

Mit dem Abzug ihrer Beobachter aus Syrien haben Saudi-Arabien und die Golfstaaten ein weiteres Mal ihre Unterstützung für die unversöhnliche syrische Opposition und ihre Übereinstimmung mit den Kriegsplänen des Westens zum Ausdruck gebracht. Ganz im Geist des westlichen Interventionismus fordern die sechs Staaten des Golfkooperationsrates den UN-Sicherheitsrat auf, den Druck auf die Führung in Damaskus zu erhöhen und dafür "alle nötigen Massnahmen" zu ergreifen... Der Beschluss der Arabischen Liga, eine Beobachtermission nach Syrien zu entsenden, stiess von Beginn an auf den Unmut der westlichen Regierungen. Denn eines der wichtigsten Anliegen der arabischen Mission war die Herstellung eines nationalen Dialoges. Während die Regierung in Damaskus ihre Zustimmung zum arabischen Friedensplan signalisierte, lehnte die Opposition, die sich längst für die militärische Option entschieden hatte, Verhandlungen mit dem Regime rundweg ab. Da man in der Anwesenheit der arabischen Delegation ein Hindernis für eine weitere Eskalation sah, wurde alles getan, um ihr die Glaubwürdigkeit abzusprechen. (junge Welt, 25.1.2012) 

Aus Äusserungen von Bewohnern der syrischen Stadt Horms einer ausländischen Journalistengruppe gegenüber geht hervor, dass die gegen das Assad-Regime agierenden - von den westlichen Medien als "Freie Syrische Armee" bezeichneten - Widerstandskämpfer teilweise mit fragwürdigen Mitteln agierten: Ihre Anhänger stellten täglich neue Filme ins Internet, in denen unter anderem angebliche Deserteure der syrischen Armee ihre Personalausweise in die Kamera hielten, der Wahrheitsgehalt dieser Aufnahmen liesse sich aber nicht überprüfen. Es wird auch von islamistischen Gruppen Gruppen berichtet, die bereits für ihren Einsatz in Afghanistan, Irak, Libanon und Libyen von Saudi-Arabien bezahlt worden seien. Ein 21jähriger Student berichtet, er sei schon häufiger von maskierten Männern bedroht worden: Er solle sich den Protesten gegen Al-Assad anschliessen, sonst werde es ihm schlecht gehen. Eine 60jährige Lehrerin meint: "Mit Waffen lässt sich Demokratie nicht erreichen." (junge Welt, 26.1.2012) 

Die USA, Katar, Saudi-Arabien und andere Mitglieder der Arabischen Liga arbeiten daran, im UN-Sicherheitsrat eine Resolution durchzusetzen, die als Grundlage für eine Militärintervention in Syrien dienen soll, ähnlich wie es 2011 im Nato-Krieg gegen Libyen geschehen war. Mit dieser Resolution soll dem Regime des syrischen Präsidenten Al-Assad die Pistole auf die Brust gesetzt werden. Syriens UN-Botschafter Bashar Jaafari sagt dazu: "Sie behandeln uns wie eine ehemalige Kolonie, die sich ihrem Willen fügen soll." ... Indessen eskalieren die Kämpfe in Syrien. Laut der Los Angeles Times gehen die Widerstandskämpfer mit einer "Guerillataktik vor, sie sprengen Öl- und Gaspipelines, schiessen von Gebäuden aus auf Soldaten und bekämpfen Transportfahrzeuge mit improvisierten Bomben"... In seiner Rede an die Nation sagte US-Präsident Barack Obama, zweifellos in Anspielung an Syrien und den Iran: "Das Ende des Irakkriegs hat es uns erlaubt, entschlossen gegen unsere Feinde vorzugehen." (Jean Shaoul, World Socialist Web Site, 1.2.2012)  

Russland mahnt den Westen, den Konflikt in Syrien durch die einseitige Unterstützung der Gegner von Präsident Baschar Al-Assad nicht weiter zu eskalieren. "Weder Russland, noch Deutschland oder die USA oder jemand anderer darf bestimmen, ob das syrische Regime legitim ist oder nicht, dieses Recht hat allein das syrische Volk", so Konstantin Kossatschow, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma. Der diplomatische Kampf um Syrien wirke wie eine Wiederholung des jugoslawischen und des irakischen Szenarios, urteilt Grigori Melamedow, Politikwissenschaftler am Orientalistik-Institut in Moskau. (junge Welt, 2.2.2012)

"Die USA und die EU", so ist im Manifest "Hände weg von Iran und Syrien" des deutschen Bundesausschusses Friedensratschlag von Ende Januar 2012 zu lesen, "haben die Drohkulisse gegenüber dem syrischen Regime ständig erhöht. Einseitige Berichterstattung und militärische Unterstützung bewaffneter oppositioneller Gruppen durch einige NATO-Staaten haben zu einer gefährlichen Eskalation beigetragen. Hier gilt, was die Friedensbewegung schon im Fall von Libyen gefordert hatte: Die Gestaltung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung eines Landes ist ausschliesslich Angelegenheit seiner Bevölkerung." (junge Welt, 2.2.2012)

Nach einem Besuch des russischen Aussenministers Sergej Lawrow bei Syriens Präsident Al-Assad meint der libanesische Politologe Nicolas Noe in der "New York Times", auch die USA müssten ihre Haltung überdenken und sich, wie Moskau, zu einem Dialog mit Al-Assad durchringen, da dieser sonst nur noch weiter in die Arme der Hisbollah und des Irans getrieben werde. Gleichzeitig bekräftigt die türkische Regierung ihre Position gegenüber Al-Assad, indem sie erklärt, nur mit jenen Staaten zusammenzuarbeiten, "die auf der Seite des syrischen Volkes stehen und nicht auf der Seite der syrischen Regierung".  (Südostschweiz, 8.2.2012) Aufrufe zum Dialog auf der einen, Scharfmacherei auf der anderen. Interessant der Hinweis Noes auf Assads Rolle in Bezug auf die Hisbollah und den Iran, im Klartext so zu verstehen: Erst jetzt, infolge der gegenseitigen Polarisierung, und nicht schon von Anfang an, wie immer wieder behauptet, nähern sich die Positionen Syriens und des Iran immer mehr an! P.S.

Für Syrien-Experte Van Dam stellt sich die Frage, ob es richtig ist, das Assad-Regime einfach für unrechtmässig zu erklären und mit Sanktionen in die Knie zwingen zu wollen. Der Westen habe nicht einmal versucht, mit Assad ins Gespräch zu kommen. (Südostschweiz, 16.2.2012)

Es ist nicht so, wie es die meisten westlichen Medien darstellen: auf der einen Seite die "guten" Assad-Gegner und auf der anderen Seite die "böse" Regierung. Wenn man mit syrischen Christen spricht, sagen die ganz klar, dass sie ihr Überleben Assad verdanken. Sie fürchten sich jetzt im ihre Zukunft. Diese Krisen kann nur verstanden werden, wenn man weiss, dass die USA, die Nato und Israel mit der Unterstützung von Saudi-Arabien und Katar Assad stürzen wollen, um damit den Iran zu schwächen und Israel zu stärken. Syrien bildet die Brücke zwischen dem Iran, dem Irak und der Hizbollah sowie der Hamas, ist also eine Gefahr für Israel, vor allem seit im Irak nun eine Iran-freundliche Regierung an der Macht ist. Assad ist jedoch bloss ein Zwischenziel. Das Endziel der USA, von Israel und den Alliierten ist seit 32 Jahren der Sturz des iranischen Regimes, um den Mittleren Osten und dessen Erdölquellen völlig zu dominieren. Im Iran und Syrien geht es dem Westen nicht um Humanismus und Demokratie, so wenig wie es in Afghanistan, im Irak oder in Libyen darum ging. (Leserbrief von Pedro Reiser im Tages-Anzeiger vom 18.2.2012)

Auch die syrische Revolution hätte meine uneingeschränkte Sympathie, wenn sie gewaltfrei geblieben wäre und nicht vom Westen finanziert würde... Der Westen, der die Entwicklung in Tunis und Kairo verschlafen hatte, mischte plötzlich kräftig mit. Er hatte erkannt, daß er vieles, was er durch Kriege nicht erreicht hatte, durch eine listige Beteiligung an den Aufständen realisieren konnte. Vor allem das alte Ziel der amerikanischen Neokonservativen: einen durchgängig proamerikanischen Nahen Osten... Priorität hat die Korrektur der fatalen Ergebnisse des Irak-Kriegs, den »leider« Iran, Amerikas Hauptfeind in der Region, gewonnen hat. Irans Einfluß erstreckt sich seither über Irak, Syrien und den Libanon bis tief in die schiitischen Gebiete Saudi-Arabiens hinein. Ausgerechnet George W. Bush hat Iran in diese Vormachtstellung gebombt. Assads Sturz bietet die historische Chance, dieses strategische Eigentor zu korrigieren. Schon wenige Tage nach Beginn der syrischen Unruhen gelangten über Katar moderne Waffen in die Hände der Rebellen. Gleichzeitig begann eine gigantische Medienkampagne gegen das Syrien Assads... Jede zweite Meldung, die ich während meines vierwöchigen Aufenthalts in Syrien überprüfte, war falsch... In der Auseinandersetzung zwischen Pro- und Anti-Assad-Gruppen mischen die Vereinigten Staaten von Anfang an offensiv mit... Die klügsten Vorschläge hat Rußland gemacht. Es hat die Konfliktparteien nach Moskau zum Dialog eingeladen. Nie hätte ich mir träumen lassen, daß ich einmal russische Außenpolitik westlicher Politik vorziehen könnte. Syrien braucht diesen Dialog der verfeindeten Gruppen so dringend. Nur so läßt sich das Blutvergießen beenden...  (Jürgen Todenhöfer, Publizist, früherer CDU-Politiker und Burda-Manager, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 19.2.2012)   

Konservative und militante sunnitische Islamisten sehen nun die Möglichkeit, dass schiitische Assad-Regime zu stürzen. Sie sind die treibende Kraft des Widerstands... Was zurzeit in Teilen Syriens stattfindet, ist nichts anderes als eine ethnische Säuberung. Zwar berichten die internationalen Medien von den Angriffen der syrischen Armee auf einen sunnitischen Stadtteil in Horms, wo sich die Aufständischen verschanzt haben, dass jedoch seit Monaten in anderen Stadtteilen sunnitische Scharfschützen Jagd auf die alevitische Wohnbevölkerung machen, wird nicht erwähnt... Ich werde gegenwärtig überflutet mit E-Mails von Leuten, die Freunde in Damaskus haben. Sie bestätigen meine kritische Haltung... Laut einer repräsentativen Untersuchung, die ausgerechnet im Auftrag von Katar, einem der grössten Gegner des Assad-Regimes, durchgeführt wurde, steht die Mehrheit der Bevölkerung hinter Bashar al-Assad... Viele Informationen, die in die westlichen Medien gelangen, haben ihren Ursprung in den gut organisierten Kanälen der Opposition... Den Aufständischen von der "Freien Syrischen Armee" (FSA) wurden in einem türkischen Camp Guerillataktiken beigebracht, auch mithilfe der französischen und englischen Geheimdienste, die gewisse Ausbildungsfunktionen übernahmen. Auf das Konto der FSA gehen etliche Anschläge auf Erdöl- und Gas-Pipelines, Elektrizitätswerke und eine Raffinerie. Solche Aktionen werden dann der Regierung angelastet... Die westlichen Mächte verfolgen geopolitische Interessen, die schiitische Achse vom Iran bis zur Hizbollah im Südlibanon kann nun an einer entscheidenden Stelle unterbrochen werden... Bei einem Rücktritt Assads drohen der christlichen Bevölkerung grosse Gefahren, diese unterstützt deshalb zum grössten Teil das gegenwärtige säkulare Regime... (Günter Meyer, Orientexperte, Leiter des Zentrums für Forschung zur arabischen Welt an der Johannes Gutenberg Universität Mainz, im "Bund" vom 29.2.2012, www.derbund.ch)

Der Brasilianer Paulo Pinheiro, Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf, widerspricht der von westlichen Regierungen vorgebrachten Behauptung, wonach allein das Regime von Damaskus für die Verletzung der Waffenruhe in Homs und Idlib verantwortlich zu machen sei. Bewaffnete Regimegegner hätten nach dem Beginn der Waffenruhe nicht nur die syrische Armee angegriffen, so heisst es in einem Bericht Pinheiros, sie seien auch für Menschenrechtsverletzungen wie der Hinrichtung von gefangenen Regierungssoldaten verantwortlich.... In Kairo kamen unterdessen 200 syrische Revolutionsaktivisten zu einem Meinungsaustausch zusammen. Ziel der Konferenz ist die "Rückkehr zu einer friedlichen Revolution", die von der Freien Syrischen Armee (FSA) "gestohlen" worden sei. Die Aktivisten warfen der FSA vor, für die Gewalteskalation in Syrien verantwortlich zu sein. Die Rebellen seien genau so schlimm wie Assads Sabhiba-Schlägertrupps. Vele FSA-Leute würden mit sunnitischen Jihad-Kämpfern und Salafisten, die aus arabischen Nachbarländern gekommen seien, kooperieren. (Südostschweiz, 20.4.2012)

Eine Gruppe amerikanischer Experten sieht in den zunehmenden Aktivitäten der El Kaida in Syrien ein "beunruhigendes Phänomen". Die dortigen Widerstandsgruppen, die gegen das Regime von Baschir el Assad kämpfen, seien sich häufig gar nicht bewusst, dass sie von der El Kaida infiltriert würden, warnte US-Geheimdienstchef James Clapper bereits Mitte Februar. Wenige Tage zuvor hatte der neue Chef der El Kaida, der Ägypter Aimen el Sawahiri, zum Kampf gegen das Assad-Regime aufgerufen. Später veröffentlichte der in Saudi-Arabien lebende Salafistenscheich Abu Mundhir El Shinqiti eine viel beachtete Fatwa (islamisches Rechtsgutachten): Er bezeichnete es als Pflicht jedes Muslims, die syrische Dschihadisten-Gruppierung Jabhat el Nusra li ahl el Scham zu unterstützen. Diese Gruppe bekannte sich wenig später zu zwei Terroranschlägen in Damaskus, bei denen am 17 März 27 Menschen ums Leben kamen. (Südostschweiz, 1. Mai 2012)