Die Frage der Macht
Die Überwindung der bestehenden - kapitalistischen - Machtverhältnisse: Die schmale und zerbrechliche Brücke von der alten Zeit in die neue Zeit
Angenommen, es gäbe ein weltweit genügend starkes Potenzial an politischen Kräften zur Überwindung des Kapitalismus und zum Aufbau einer von Grund auf neuen, nichtkapitalistischen, auf globale soziale Gerechtigkeit ausgerichteten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, so stellt sich sodann die Frage, auf welchem Wege und mit was für Mitteln eine so tiefgreifende Umwälzung, die fast alles Bisherige bis auf den Grund erschüttern würde, überhaupt zu bewerkstelligen wäre.
Dieser Weg aus der alten, kapitalistischen Vergangenheit in die neue, nichtkapitalistische Zukunft führt über eine schmale, zerbrechliche Brücke voller Gefahren und möglicher Abstürze, nichts darf dem Zufall überlassen werden, sonst könnte leicht alles im Chaos enden. Doch welches wären die Leitideen, wie wäre möglichen Gefahren rechtzeitig vorzubeugen und welches wären die konkreten politischen Instrumente und die einzelnen Schritte auf dieser so schmalen und so zerbrechlichen Brücke in eine neue, andere Zukunft?
Bestehende Machtverhältnisse reproduzieren sich laufend
Als erstes stellt sich die Frage der Macht. Mit der Ausbreitung des Kapitalismus über die gesamte Erde hat sich ein globales Machtsystem etabliert, das sich dadurch auszeichnet, dass eine Minderheit Privilegierter über eine Mehrheit Nichtprivilegierter herrscht, weltweit, aber auch in jedem einzelnen Land. Die Macht, der Reichtum, die Privilegien, über welche diese Minderheit verfügt, sind dermassen gross und stark im Vergleich zur Ohnmacht und zur Armut derer, die davon ausgeschlossen sind, dass es eine reine Illusion wäre, daran glauben zu wollen, die von diesem Machtsystem Begünstigten und dank ihm zu ihren Privilegien Gelangten wären nur im Entferntesten bereit, diese Privilegien freiwillig aufzugeben, oder hätten auch nur das geringste Interesse an einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, welches sie dazu verdammen würde, weniger reich und privilegiert zu sein, als sie es heute sind. Deshalb kommen wir nicht darum herum, dass sich die bestehenden Machtverhältnisse ändern müssen. Hierzu bedarf es eines Blickes auf das, was man als Selektion durch Kapitalismus bezeichnen könnte: Wie gelangen im Kapitalismus Menschen zu ihren Machtpositionen, wer hat dabei welche Chancen und weshalb ist es so, dass sich - sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft - ausgerechnet an all jenen Stellen, wo sich am meisten Macht konzentriert, fast ausnahmslos Menschen befinden, die sich durch ein ganz besonders hohes, weit überdurchschnittliches Mass an Machtgier, Profitsucht, Selbstdarstellung, Skrupellosigkeit und Egoismus auszeichnen, so wie, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen, Sarkozy in Frankreich, Berlusconi in Italien, Cheney, Rumsfeld und Bush in den USA, Vasella, Ospel, Ebner, Blocher und wie die auch hierzulande in mannigfachen Toppositionen in Politik und Wirtschaft sich befindlichen „Machtmenschen" auch alle heissen mögen. Das ist eben der Teufelskreis, in dem wir uns - als Gefangene des Kapitalismus - befinden: Der Grund dafür, dass Egoismus, Macht- und Profitgier in dem Masse zunehmen, als wir uns auf der kapitalistischen Machtpyramide nach oben bewegen, ist der, dass der Kapitalismus von den beiden in jedem Menschen von Natur aus angelegten Grundkräften - Egoismus und Eigennutz auf der einen Seite, Gerechtigkeitsgefühl und soziales Denken auf der anderen - die eine systematisch fördert und die andere ebenso systematisch missachtet, die eine konsequent belohnt und die andere ebenso konsequent bestraft und somit eine gesellschaftliche Auslese vornimmt, die genau dazu führt, dass es an allen Ecken und Enden, im Kleinen wie im Grossen, in jeder Schulklasse, in jedem Betrieb, in jeder politischen Partei, in jedem multinationalen Konzern und selbst in zahlreichen internationalen Organisation die „Machtmenschen", die „Egoisten", die „Selbstdarsteller" und die „Schaumschläger" viel einfacher haben, an Machtpositionen zu gelangen, während die rücksichtsvolleren, sensibleren, sozialer denkenden Menschen meist viel zu grosse Skrupel haben, sich auf Kämpfe um Aufstieg und Machtpositionen einzulassen, lieber das Feld anderen überlassen oder aber nicht selten schon aufgeben, bevor sie es bloss versucht haben. Kommt dazu, dass diese Auslese ja nicht nur hier und jetzt stattfindet, sondern ein Produkt von Generationen ist: Die Türen zu den künftigen Machtpositionen werden den Kindern schon in die Wiege gelegt, je mehr Vermögen, Macht und soziales Ansehen auf der kapitalistischen Machtpyramide ihre Eltern genossen haben, umso leichter wird es ihren Kindern fallen, an die entsprechenden Schalthebel der Macht zu gelangen. Und je mehr die Machtgier, die Skrupellosigkeit und der Egoismus jene „Tugenden" sind, mit denen man im gegenseitigen Kampf um Macht und Reichtum erfolgreich sein kann, umso mehr werden diese „Tugenden" von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder neu verstärkt: Welcher Junge träumt nicht davon, eines Tages Bill Gates zu sein, und welches Mädchen möchte nicht dereinst zu den zehn bestverdienenden Frauen des internationalen Showbusiness gehören - wohingegen es wohl äusserst selten vorkommt, dass sich ein Junge wünschte, seinen Lebensunterhalt als Kehrichtmann zu verdienen, oder ein Mädchen davon träumte, eine Karriere als Putzfrau zu machen.
Umfassender Wertewandel unerlässlich
Die neue Zeit kann nicht beginnen ohne einen tiefgreifenden Wertewandel. Und dieser muss auf allen Ebenen, im Kleinen wie im Grossen, mit aller Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit erkämpft werden: Wo immer zwei sich streiten, nach oben zu kommen, muss der Sensiblere, der weniger Machtgierige, der Rücksichtsvollere den Vorrang haben. An Machtpositionen müssen - so widersprüchlich das auf den ersten Blick erscheinen mag - eben gerade nicht jene Menschen gelangen, die am meisten nach Macht streben, sondern im Gegenteil jene, die ihr am meisten misstrauen und am meisten Skrupel davor haben, sie möglicherweise zu missbrauchen. Nur so besteht die Chance, die bestehenden Machtverhältnisse Schritt um Schritt umzubauen hin zu einer Gesellschaftsordnung, in der die obersten, von allen angestrebten „Tugenden" nicht mehr der knallharte Eigennutz und das Erringen von Privilegien auf Kosten anderer sind, sondern Rücksichtnahme, Respekt, Liebe und eine wahre Leidenschaft für die soziale Gerechtigkeit. Wenn in den USA im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2008 der millionenfache Ruf nach „Change" ertönte, dann sprach genau daraus diese tiefe Sehnsucht einer gewiss überwiegenden Mehrheit der Menschen in diesem Land, die so bitter erfahren mussten, wohin die Reise geht, wenn man das Führen denen überlässt, welche die Macht um ihrer selbst so sehr lieben, dass sie am Ende nichts mehr sehen ausserhalb von ihnen selber.
Dies hat freilich sehr viel mit der so genannten Emanzipation der Frauen zu tun. Es ist unabdingbar, dass eine wachsende Zahl von Machtpositionen, die bisher Männern vorbehalten waren, nach und nach von Frauen eingenommen wird. Doch dies allein genügt noch nicht. Als die britische Regierung 1988 Truppen in den Falklandkrieg schickte, hatten jene, die in diesem Krieg starben, nichts davon, dass es eine Frau gewesen war, nämlich Margret Thatcher, welche diesen Krieg angezettelt hatte. Wenn in Deutschland immer weitere Teile der Bevölkerung in Armut versinken, ist es den davon Betroffenen so lang wie breit, ob die dafür hauptverantwortliche Person Manfred Schröder oder Angela Merkel heisst. Der im Hinblick auf eine nichtkapitalistische Zukunft erforderliche Wertewandel und die damit verbundene Umkehrung der bisherigen Machtverhältnisse kann nur gelingen, wenn zugleich mit dem zunehmenden Einfluss von Frauen auch all das, was traditionellerweise als das „Weibliche" bezeichnet wird, mehr und mehr an Einfluss gewinnt: das Soziale, das Fürsorgliche, das Mitleidende. Zu lange wurden Politik und das, was man im privaten Bereich als Zuneigung, Respekt, Zärtlichkeit und Liebe nennt, künstlich voneinander getrennt, als handle es sich dabei um zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Doch weshalb soll nicht genau das, was sich im Zwischenmenschlichen, Privaten, in der Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen Vater, Mutter, Sohn und Tochter so eindeutig als das einzig wirklich dauerhaft Erfolgreiche erwiesen hat - nämlich die Liebe in Form gegenseitiger Fürsorge, Anteilnahme und Wertschätzung - nicht auch in den „grossen" Beziehungen in Politik und Wirtschaft zur obersten, allgemein gültigen Maxime werden?
Peter Sutter / 2.2.2012