Blicke in die Zukunft
Um uns eine nachkapitalistische Zukunft vorstellen zu können...
Wer den Kapitalismus kritisiert, wird meist mit der Frage konfrontiert, wie denn, möglichst konkret, eine Alternative dazu aussehen könnte. Folgende Ausführungen sollen darauf eine mögliche Antwort geben, nicht im Sinne eines dogmatischen Modells, das genau so und nicht anders umzusetzen wäre. Sondern als Denkanstoss, als Entwurf, als Diskussionsgrundlage, wie gesellschaftliches Zusammenleben in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft aussehen könnte...
Gleichmässige Verteilung der Arbeit auf alle; Gleichwertigkeit sämtlicher Arbeit; Recht auf Arbeit und Pflicht zu Arbeit; gleicher Lohn für alle
Wie alles im nachkapitalistischen Zeitalter globaler Gerechtigkeit, so ist auch die Arbeit gleichmässig auf alle Menschen verteilt. Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund dafür, einzelne Menschen härter und länger arbeiten zu lassen als andere. Und es gibt ebenfalls keinen einzigen vernünftigen Grund dafür, einzelne Menschen überhaupt nicht arbeiten zu lassen. Ein jeder Mensch hat, entsprechend seinen individuellen Voraussetzungen, nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern zugleich auch die Pflicht dazu.
In der nachkapitalistischen Zeit der Gerechtigkeit ist es zudem eine allen bekannte und von niemandem ernsthaft in Frage gestellte Binsenweisheit, dass es keine „wertvolleren" und „weniger wertvollen", keine „wichtigen" oder „unwichtigen" Tätigkeiten, Arbeiten und Berufe gibt, braucht es doch, damit das gemeinsame Überleben gesichert ist, gleichermassen sämtliche von Einzelnen oder Gruppen verrichteten Tätigkeiten. Sollte eine Arbeit im öffentlichen Bewusstsein als „unwichtig" oder „überflüssig" betrachtet werden, dann kann man sie ebenso gut abschaffen bzw. von Menschen, die in ihrer Freizeit freiwillig zusätzliche, nicht bezahlte Arbeit leisten möchten, verrichten lassen.
In der nachkapitalistischen Zeit der Gerechtigkeit arbeiten der Architekt und der Maurer, die Ärztin und der Krankenpfleger, die Modedesignerin und der Textilarbeiter Seite an Seite, Hand in Hand, auf gleicher Augenhöhe, alle von allen lernend, alle einander unterstützend, alle sich bezüglich ihrer spezifischen Begabungen und Fertigkeiten gegenseitig achtend. Es gibt, im Bereich von Arbeit und beruflichen Tätigkeiten, keine „Höhergestellten" und keine „Niedrigergestellten", keine Chefs und keine Untergebenen, keine Befehlshaber und keine Befehlsempfänger, keine Ausbeuter und keine Sklavinnen. Nie-mand schaut zu einem anderen hinauf und niemand schaut auf einen anderen hinab. Und es gibt daher, logischerweise, auch keine „höheren" Arbeitslöhne und keine „tieferen" Arbeitslöhne. Pro Zeiteinheit, in der ein Mensch gemäss den ihm zur Verfügung stehenden Kräften in der beruflichen Tätigkeit, die er verrichtet, sein Bestes gibt, erhält er genau den gleichen Lohn wie alle anderen.
Jegliche Arbeit hat ihren Wert in sich selber
Im Gegensatz zum Kapitalismus - wo Arbeit bloss als Mittel zum Zweck des Geldverdienens diente und daher jeder alles daran setzte, auf der Leiter des beruflichen Aufstiegs so rasch wie möglich emporzuklettern, um durch immer leichtere Arbeit immer mehr Geld zu verdienen - hat nun, in der Zeit der Gleichwertigkeit aller beruflichen Tätigkeiten, jede Arbeit ihren Wert in sich selbst, indem sie hier und jetzt genau von diesem und keinem anderen Menschen verrichtet wird und daher unerlässlicher, unverzichtbarer Teil des Ganzen ist. Dies bedeutet auch, dass jede Arbeit einen positiven und gesellschaftlich gleichermassen anerkannten Wert hat und dass es daher auch nicht mehr darum geht, in einem gegenseitigen Konkurrenzkampf sich selber eine möglichst „hochwertige" Arbeit zu ergattern und alle „minderwertige" Arbeit denen aufzubürden, die in diesem gegenseitigen Konkurrenzkampf aus was für Gründen auch immer schlechtere Karten haben.
Dies alles bedeutet auch: Arbeitsbedingungen und Arbeitstempo werden nicht mehr - wie im kapitalistischen Konkurrenzkampf aller gegen alle - dadurch bestimmt, dass man die Menschen sich stets bis an den Rand ihrer Kräfte oder gar noch darüber hinaus abrackern lässt. Der einzelne Mensch, der diese oder jene Arbeit zu verrichten hat, steht nicht mehr in einem permanenten, unsichtbaren Überlebenskampf mit anderen Menschen, welche die gleiche Arbeit in einem anderen Betrieb zu verrichten haben. So kehrt Arbeit wieder zurück zu ihren ursprünglichen, natürlichen Grundbedingungen: Wie viele Säcke Kartoffeln kann ein Mensch innerhalb einer Stunde über eine wie grosse Strecke transportieren, ohne dass sein Körper auch nur den geringsten Schaden davonträgt? Auf wie viele Personen ist ein bestimmter Arbeitsprozess zu verteilen, damit die Arbeit für jeden Einzelnen nicht zu beschwerlich und nicht zu eintönig wird? Wie häufig müssen innerhalb eines Betriebs die Positionen der Arbeitenden gewechselt werden, damit alle lebenslang ihre volle Gesundheit und Lebensfreude bewahren können und nicht die einen infolge von Rückenschmerzen, die anderen infolge von Herzproblemen und die dritten infolge psychischer Leiden schon mit dreissig, vierzig oder fünfzig Jahren an dem Punkt angelangt sind, wo sie zu überhaupt keiner Arbeit mehr fähig sind?
Die totale Gleichwertigkeit und die gleich hohe Entlöhnung sämtlicher Arbeit hat nebst vielen anderen auch den Vorteil, dass lebenslang - je nach äusseren Anforderungen bzw. sich im Verlaufe der Zeit entwickelnder Neuorientierung des Einzelnen - ein Umsteigen zwischen verschiedenen beruflichen Tätigkeiten und Arbeitsgebieten möglich ist, ohne dass dies jemals mit einem sozialen „Aufstieg" oder „Abstieg" verbunden ist bzw. einen Prestigeverlust oder eine Reduktion an Lebensqualität zur Folge hat. Wer in einer zu einseitig mit hoher Verantwortung belasteten Arbeit zum Ausgleich eine Zeitlang eine rein manuelle, repetitive Tätigkeit verrichten möchte, kann einen solchen Wechsel der beruflichen Arbeit ebenso leicht und formlos vornehmen wie jemand, der sich nach jahrelanger Betätigung als Techniker oder Informatikerin nach einer neuen Lebensphase in einem künstlerischen oder kreativen Berufsfeld sehnt. Ebenso unproblematisch ist das Aufteilen der Arbeit in Teilpensen, die ganz unterschiedlichen, sich gegenseitig ergänzenden Berufsfeldern angehören können. So ist Arbeit wieder etwas, was die Menschen gesund macht, statt sie - wie dies zur Zeit des Kapitalismus der Fall war - auf jede nur erdenkliche Art zu gefährden, auszulaugen und krank zu machen.
Gemeinschaftsarbeit und frei gewählte Arbeit
Begehrte und weniger begehrte Arbeit gibt es freilich auch noch in der nachkapitalistischen Zeit. War es aber im Kapitalismus so, dass die Verteilung zwischen begehrter und weniger begehrter Arbeit das Resultat eines permanenten Wettkampfs aller gegen alle war - mit, je nach sozialer und geografischer Herkunft, höchst ungleichen Startbedingungen -, so ist im nachkapitalistischen Zeitalter der Gerechtigkeit eine gleichmässige Verteilung zwischen begehrter und weniger begehrter Arbeit auf alle Arbeitstätigen das oberste Prinzip.
Dies geschieht zunächst dadurch, dass eine Reihe existenziell grundlegender, für das gemeinsame Überleben unerlässlicher Tätigkeiten sozusagen einen Grundsockel beruflicher Tätigkeiten bilden, von dem die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung je einen gleich grossen Anteil zu übernehmen hat. Konkret: In ihrem 18. Lebensjahr arbeiten alle Männer und Frauen vollzeitmässig in der Landwirtschaft, wo sie - vom Unkrautjäten über das Obstpflücken bis zum Stallausmisten - alle jene Grundtätigkeiten verrichten, die man im Kapitalismus „Hilfsarbeit" nannte und die ohne besondere Ausbildung zu bewältigen sind. Das 19. Lebensjahr ist das „Sozialjahr", gearbeitet wird in der Betreuung und Pflege von Kranken, Behinderten und Alten. Das 20. Lebensjahr ist das „Industriejahr", in dem wiederum, diesmal in der Fabrik, all jene Tätigkeiten - vom Bodenschrubben über Fliessbandarbeit bis zum Abpacken der Endprodukte - zu erledigen sind, die zwar einerseits für das Funktionieren des gesamten Betriebs unerlässlich, anderseits aber dennoch einfach und rasch zu erlernen sind. Schliesslich das 21. Lebensjahr, in dem eine Tätigkeit in der kommunalen Infrastruktur - Reinigung und Unterhalt von Strassen und Plätzen, Müllabfuhr, Schneeräumung, Waldpflege, usw. - zu verrichten ist. So ist - dadurch, dass alle einen gleichen Anteil davon übernehmen - gewährleistet, dass kein Mensch mehr dazu gezwungen ist, lebenslang ausschliesslich schwerste und eintönigste „Hilfsarbeit" zu verrichten, während sich andere lebenslang an Plätzen mit leichterer und erst noch interessanterer und abwechslungsreicherer Arbeit sonnen können. Gleichzeitig dienen die vier Jahre „Gemeinschaftsarbeit" sowohl als wertvolle persönliche Lebensbereicherung wie auch als eine grosse Chance, soziales Verhalten und Verständnis für Menschen in anderen Lebenssituationen zu entwickeln, Einblicke in verschiedenste Arbeitsgebiete zu sammeln und Impulse für die eigene zukünftige berufliche Entwicklung zu gewinnen.
Ab dem 22. Lebensjahr steht nun die individuelle, persönliche berufliche Weiterentwicklung im Vordergrund. Dabei sind, für die Berufswahl, infolge des Einheitslohns nicht mehr das Einkommen ausschlaggebend, sondern einzig und allein die Begabungen, Fähigkeiten und Interessen des Einzelnen. Damit ist gewährleistet, dass alle Menschen genau in dem Arbeits- und Berufsfeld tätig sind, welches ihnen am meisten zusagt und wo sie daher auch die bestmögliche Leistung erbringen können. Da sich aber die individuellen Berufswünsche auf der einen Seite und die gesamtgesellschaftlichen Erfordernisse der Arbeitswelt auf der anderen nicht eins zu eins decken werden - bzw. es sich um einen Riesenzufall handeln würde, wenn dem so wäre -, ist wiederum eine bestmögliche Aufteilung zwischen „begehrter" und „weniger begehrter" Arbeit vorzunehmen: Je nach Übereinstimmung der individuellen Berufswünsche und der real vorhandenen und zu füllenden Arbeitsplätze wird - zunächst lokal, dann regional - festgelegt, zu welchem Anteil der gesamten Arbeitszeit in einem selber gewählten, „begehrten" Beruf gearbeitet werden kann und zu welchem Anteil in einem „weniger begehrten" Beruf, auf den - im Hinblick auf die Grundversorgung, das Funktionieren der gesamten Wirtschaft, der öffentlichen Infrastruktur und des gemeinsamen Überlebens - unmöglich verzichtet werden kann. Dies bedeutet dann zum Beispiel, dass ein Arzt - weil es in diesem Beruf einen „Überhang" gibt - nur an vier Tagen pro Woche „seinen" Beruf ausüben kann, während er am fünften Tag - weil in diesen Bereichen Arbeitskräftemangel besteht - als Fahrradmechaniker oder Maler arbeitet. Mit fortschreitendem Alter verschieben sich die Anteile zwischen selber gewählter und aufgetragener Arbeit, so dass man etwa ab dem 50. Lebensjahr das Privileg hat, fast zur Gänze oder gar ausschliesslich nur noch im eigentlichen, selber gewählten „Wunschberuf" zu arbeiten. Ab diesem Zeitpunkt wird dann auch die Gesamtarbeitsbelastung von Jahr zu Jahr schrittweise abgebaut, so dass immer mehr Zeit für freies, nicht mehr arbeits- und berufsgebundenes Tun entsteht.
Einheitliches soziales Sicherheitssystem
Unzählige Komplikationen, die den Menschen im Kapitalismus soviel Kopfzerbrechen bereiteten und so viel Zeit und Energie verschlangen, die man für viel Besseres hätte brauchen können, sind in der nachkapitalistischen Zeit der sozialen Gerechtigkeit hinfällig geworden. Steuerhinterziehung, ungerechte Steuerbelastungen, unterschiedliche Steueransätze je nach Einkommens- und Vermögensarten: alles hinfällig, denn wo alle gleich viel verdienen, zahlen auch alle gleich hohe Steuern. Arbeitslosenkasse, Arbeitslosenversicherung, Sozialfürsorge, Invalidenversicherung: alles unnötig und überflüssig, wenn die vorhandene Arbeit gleichmässig auf alle verteilt ist, alle - entsprechend ihren individuellen Voraussetzungen - gleich viel verdienen und es gar keine „erwerbslosen" Menschen mehr gibt. Pensionskassen, erste und zweite und dritte Säule der Altersvorsorge: alles kein Thema, da wiederum als logische Fortsetzung des Einheitslohns auch im Alter allen Menschen eine gleich hohe finanzielle Unterstützung ihrer Lebenskosten zusteht. Krankenkassen, nicht bezahlbare Prämien und Krankheitskosten, Sicherung der medizinischen Grundversorgung, Gefahr von „Zweiklassenmedizin": alles Themen, die für immer der Vergangenheit angehören, wenn, wie dies in der nachkapitalistischen Zeit die Regel ist, sämtliche Dienste der Grundversorgung - von der Zurverfügungstellung der Grundnahrungsmittel über die Energieversorgung, Wohnungsmiete, medizinische Grundversorgung bis zum öffentlichen Verkehr - über Steuergelder finanziert werden und daher allen „kostenlos" zur Verfügung stehen.
100-Menschen-Lebensgemeinschaften
Da es keine Unterschiede bei den Einkommen gibt und Geld nur noch als Tauschmittel verwendet wird, gibt es zwangsläufig auch keine unterschiedlichen „Lebensstandards" mehr: Jedem Menschen steht die gleich grosse Wohnfläche, die gleich komfortable Ausstattung seiner Wohnräume, die gleiche sanitarische Grundausstattung, der gleiche selbstverständliche Zugang zu sauberem Trinkwasser, die gleich grosse Fläche an eigenem Garten, der gleich grosse Anteil an der zur Verfügung stehenden Energie und an den vorhandenen Verkehrs- und Transportmitteln zur Verfügung.
Je 100 bis 120 Menschen bilden eine soziale Gemeinschaft, die man als moderne „Grossfamilie" bezeichnen könnte. Sie leben in einer gemeinsamen Wohnsiedlung, welche sowohl offene, allen zugängliche und von allen benützbare Räume wie Werkstätten, Spiel- und Bastelzimmer für Kinder, einen Esssaal sowie Räume für gemeinsame Veranstaltungen umfasst, wie auch private Wohneinheiten, vergleichbar mit „Reihenhäusern", „Bienenwaben", „Wohnmodule", die sich mit einfach verschiebbaren Trennwänden, je nach Anzahl der sie bewohnenden Personen, jederzeit verkleinern oder vergrössern lassen, um die insgesamt vorhandene Wohnfläche optimal auszunützen. Sowohl zwecks Wahrung der Global- und Zukunftsverträglichkeit wie auch zwecks Förderung der sozialen Gemeinschaft wird alles, was nicht zwingend in die Privatsphäre der Einzelnen fällt, gemeinsam organisiert, vom Kleiderwaschen über das Kochen bis zum Gebäudeunterhalt, vom Transportieren von Waren und Lebensgütern über das Einrichten von Kommunikations- und Unterhaltungsmitteln bis zum Beschaffen von Geräten und Werkzeugen, welche zur Pflege von Gärten und Aussenplätzen benötigt werden.
Das Ende aller Aussonderung, Abschiebung, Psychiatrisierung und Kriminalisierung
Es gibt keine Altersheime, keine Pflegeheime, keine psychiatrischen Kliniken. Kranke, pflegebedürftige, alte und behinderte Menschen gehören zeitlebens „ihrer" 100-Menschen-Lebensgemeinschaft an, wo ihnen, wie belastend und einschränkend ihre „Defizite" auch sein mögen, ein ihren Lebensbedürfnissen entsprechender Platz gesichert ist. In allen Bereichen, wo dies möglich ist, nehmen sie am sozialen Leben ihrer „Grossfamilie" teil: Selbst für den schwer geistig Behinderten gibt es einfachste Arbeiten im Gemüsegarten oder in einer Holzwerkstatt, die ihn nicht überfordern und ihm dennoch das Gefühl vermitteln, dank seiner Arbeitsleistung auf sinnvolle, anerkannte Weise einer grösseren Gemeinschaft anzugehören; der Querschnittsgelähmte, zeitlebens gefesselt an den Rollstuhl, führt die Buchhaltung aller gemeinsam von der „Grossfamilie" getätigten Finanzgeschäfte oder übernimmt die Rolle als Mediator bei Konflikten zwischen zerstrittenen Nachbarn; auch die ältesten und gebrechlichsten Männer und Frauen können sich beim Gemüserüsten, Wäschezusammenlegen, Briefmarkenaufkleben oder Organisieren politischer und kultureller Veranstaltungen nützlich erweisen; Krankheiten, „Behinderungen", Sterben und Tod sind untrennbare Bestandteile des Alltags, werden gemeinsam bewältigt und nicht an irgendwelche anonyme, aussenstehende, ferne Institutionen oder „Fachpersonen" delegiert.
Niemand ist gänzlich sich selber überlassen, schwerere Lasten werden auf möglichst viele Schultern verteilt. Wenn Eltern bei der Betreuung ihrer Kleinstkinder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gelangen, dann gibt es immer ein paar andere Erwachsene - deren Kinder schon älter sind oder die selber keine Kinder haben -, welche helfend beigezogen werden können. Geht es jemandem schlecht, gibt es immer andere, die sich nach ihrem Befinden erkunden, und wo Streit und Konflikte entstehen, die von Einzelnen nicht mehr bewältigt werden können, ist stets eine grössere Gruppe zur Stelle, in der miteinander Lösungen gesucht werden. Auch in der 100-Menschen-Lebensge-meinschaft der nachkapitalistischen Zeit gibt es Einsame, Depressive, Suchtgefährdete, Suizidgefährdete, potenzielle Gewalttäter, doch sie alle sind - im Gegensatz zum Zeitalter des Kapitalismus, als jeder für sich allein ums Überleben zu kämpfen hatte und eine immer grössere Zahl von Menschen, die dies nicht schafften, nach und nach „stigmatisiert", „psychiatrisiert", „kriminalisiert" und aus ihren sozialen Gemeinschaften ausgeschlossen wurden - stets „vollwertige" Mitglieder ihrer sozialen Gemeinschaft: Kein Tag, an dem nicht der eine Nachbar oder die andere Nachbarin am Zimmer dieses oder jenes „schwierigen", „vereinsamten" oder „absturzgefährdeten" Jugendlichen anklopft, kein Tag, an dem nicht dem seiner Berufsarbeit nicht mehr Gewachsenen sogleich einer oder zwei andere zur Seite stehen und ihm, vorübergehend, einen Teil seiner Arbeit abnehmen, kein Tag, an dem nicht alles nur Erdenkliche und Menschenmögliche unternommen wird, damit alle ihrer jeweiligen „Grossfamilie" Angehörenden zeitlebens Teil dieser Gemeinschaft bleiben können und sich in letzter Konsequenz damit auch jegliches Abschieben, Aussondern oder „Unsichtbarmachen" von „ungeliebten", „störenden" oder „überflüssigen" Menschen, ja letztlich sogar jegliche Gewalt, Körperverletzungen, Kriminalität, Strafvollzug und Gefängnisse - als äusserste Perversionen des kapitalistischen „Gewaltsystems" - für immer erübrigen.
Arbeit, Leben und Lernen fliessen nahtlos ineinander über
In jeder 100-Menschen-Lebensgemeinschaft, von der sich etwa 40 bis 50 Männer und Frauen im voll arbeitsfähigen Alter befinden, gibt es 10 bis 15 in beliebige Teilpensen zerlegbare Vollzeitstellen für „Haus-, Garten- und Familienarbeit", mit denen alle jene Tätigkeit und Aufgaben bewältigt werden, die von den Einzelnen nicht in ihrer individuellen „Freizeit" erledigt werden können, von der Reinigung der gemeinsam genutzten Räume über das Kleiderwaschen und Zubereiten der Mahlzeiten in der Gemeinschaftsküche bis zur Arbeit im Gemüsegarten, von der Betreuung der Kleinkinder über das Organisieren politischer und kultureller Veranstaltungen bis zur Pflege und Betreuung alter, kranker und „behinderter" Personen. Zusätzlich können Väter und Mütter von Kleinkindern - bei vollem Lohn - bis zur Hälfte ihrer gesamten Arbeitszeit für die Betreuung ihrer Kinder einsetzen.
In der 100-Menschen-Lebensgemeinschaft gibt es keine strikte Trennung zwischen Leben, Arbeiten und Lernen, alles fliesst nahtlos ineinander über. Im Gegensatz zum Kapitalismus, in welchem sich die Bedeutung des Menschen fast ausschliesslich auf seine „ökonomische" Funktion von Arbeit im Dienste der allgemeinen Profitmaximierung beschränkte und alle in diesem Sinne „unproduktiven" Bevölkerungsgruppen auf irgendwelchen „Zwischen- und Abstellgeleisen" - von Kindertagesstätten über Schulen, Erziehungsheime, Gefängnisse bis zu psychiatrischen Kliniken, Altersheimen und Pflegeheimen - „zwischengelagert", „parkiert" oder gar definitiv „entsorgt" wurden, misst sich in der Zeit nach dem Kapitalismus die Bedeutung des Menschen ganz einfach daran, dass er Mensch ist, gänzlich unabhängig von seinem Alter und seiner Fähigkeit, in einem engeren Sinne „produktiv" tätig zu sein. Ein zweijähriges Kind, noch ganz in der Phase von spielerischem Tun und Lernen, ist - gesamtgesellschaftlich betrachtet - genauso „wichtig", „wertvoll" und „unersetzlich" wie eine 45jährige Krankenpflegerin oder ein 80jähriger Grossvater, der mit seinem Enkelkind im Wald Holzstücke sammelt und daraus dann verschiedenste Tiere schnitzt. Auch Lernen ist Arbeit, auch Plaudern, Spielen, „Nichtstun", das Erzählen von Geschichten früherer Zeiten und das Entwickeln von Kreativität, Phantasien und Visionen sind unabdingbare Voraussetzungen für das Wohlbefinden und die seelische und körperliche Gesundheit der Menschen, ohne die wiederum auch jegliches „Produktivsein" bloss zur endlosen Mühsal wird und die Menschen auf die Dauer leer und krank macht.
Eine neue Art von Schule; lebenslanges Lernen als Grundphilosophie neuer sozialer Gemeinschaften
Daher sieht in der nachkapitalistischen Zeit auch die Schule ganz anders aus als zur Zeit des Kapitalismus. Man reisst die Kinder nicht mehr aus dem Leben heraus, um sie in extra hierfür geschaffene, künstliche so genannte „Lernstätten" zu stecken. Im Gegenteil: Man lässt sie mitten in ihrem gewohnten Alltag, wo sie so spielerisch, lustvoll und zugleich effizient weiterlernen, wie sie das selbst in den schlimmsten Zeiten des Kapitalismus in den ersten zwei oder drei Jahren ihres Lebens noch tun durften. Man gestaltet aber - in Form der 100-Menschen-Lebensgemeinschaften mitsamt ihrer zugehörigen Gärten, Küchen, Werkstätten, Kunstateliers, kulturellen und politischen Anlässen und Projekten - dieses Leben so bunt und vielgestaltig, dass Kinder und Jugendliche hier im Alltag, durch Zuschauen und Mitarbeiten, durch „Learning by Doing", schon fast alles lernen können, was sie zur Bewältigung ihres Lebens brauchen. Für alles zusätzliche, auf die Erlernung spezifischer beruflicher Kenntnisse und Fertigkeiten ausgerichtete Lernen stehen dann, ausserhalb der 100-Menschen-Lebensgemeinschaften, Lern- und Bildungszentren aller Art zur Verfügung, deren Aufgabe es ist, die individuellen Talente und Begabungen der einzelnen Menschen in einer möglichst positiven, fröhlichen, lernfreundlichen Atmosphäre zu wecken, zu fördern und zu verstärken, statt sie, wie dies im Kapitalismus der Fall war, in einen permanenten gegenseitigen Wettkampf um die zukünftigen Sonnen- und Schattenplätze in Gesellschaft und Berufswelt zu zwingen.
Lernen ist in der 100-Menschen-Familie aber nicht nur die Aufgabe, die „Pflicht" oder das Privileg von Kindern und Jugendlichen. Lernen ist - wie das Leben selber - etwas, was in jedem Lebensalter den Alltag von A bis Z begleitet und durchzieht. Bester Anlass zum Lernen ist das Leben selber: Wie soll das Zusammenleben innerhalb der 100-Menschen-Lebensgemeinschaft organisiert werden, damit alle gegenseitig von ihren individuellen Stärken und Begabungen bestmöglich profitieren können? Welche Strukturen sind aufzubauen, damit zwischenmenschliche Konflikte nicht in zerstörerischem Streit enden, sondern als Chance dienen können für eine permanente Verbesserung des sozialen Klimas und der allgemeinen Lebensqualität? Welche Strategien gegenseitiger Anteilnahme und Unterstützung können am ehesten dazu beitragen, dass es auch bei grösseren persönlichen Krisen und Schwierigkeiten Einzelner nie so weit kommt, dass sie definitiv sozial „abstürzen", vereinsamen, sich ihr eigenes Leben kaputtmachen? Eine grosse Bibliothek, wo auch ein breites Angebot an Zeitungen und Zeitschriften zugänglich ist, ein Internetcafé, Filmvorführungen mit anschliessenden Diskussionsrunden, Referate von Fachpersonen zu allen möglichen Themen von allgemeinem Interesse, Film-, Theater- und Malgruppen - dies alles sind weitere selbstverständliche Bestandteile einer jeden 100-Menschen-Wohnheit, in der lebenslanges Lernen und permanente persönliche Weiterbildung einen ebenso hohen Stellenwert geniessen wie die eigentliche „produktive" Erwerbsarbeit. Um hierfür auch die notwendigen zeitlichen Ressourcen sicherzustellen, stehen jedem Erwachsenen im Verlaufe seines Lebens für berufliche Grundausbildung, berufliche und persönliche Weiterbildung sowie kulturelles und kreatives Tun zehn in beliebig viele und kleine Teilabschnitte zerlegbare Jahre mit vollem Einkommen zur Verfügung.
Die 100-Menschen-Lebensgemeinschaft als kleinste Zelle von Basisdemokratie
Die 100-Menschen-Familie ist aber nicht nur die soziale Grundeinheit von Leben, Arbeit und Lernen, sondern zugleich auch die „unterste" und wichtigste Stufe innerhalb dessen, was man als die Basisdemokratie in der Zeit nach dem Kapitalismus bezeichnen könnte. Nun ist Politik nicht mehr etwas Fernes, nur von bestimmten Personengruppen oder Parteien Gemachtes, an dem sich einige beteiligen und andere nicht, einige einen Nutzen haben und andere bloss Nachteile. Jedes Mitglied der 100-Menschen-Lebensgemeinschaft ist von der Geburt bis zum Tod immer auch ein politischer Mensch. Und so ist die monatliche „Vollversammlung" aller Mitglieder der „Grossfamilie", vom Jüngsten bis zur Ältesten, an der alle mitreden und alle, unabhängig von ihrem Alter, eine gleich stark zählende Stimme haben, nichts anderes als logisch und selbstverständlich. An diesen Vollversammlungen wird all das demokratisch diskutiert und beschlossen, was in den Zuständigkeitsbereich der 100-Men-schen-Lebensgemeinschaft fällt, von der Anschaffung gemeinsam genutzter Maschinen und Transportmittel über die Instandstellung reparaturbedürftiger Gebäude bis zur Anstellung von Fachpersonen für besondere Projekte und Anlässe. Zudem wählt jede 100-Menschen-Lebensgemeinschaft jährlich einen Abgeordneten bzw. eine Abgeordnete in ein lokales Parlament mit 100 Sitzen, welches somit rund 10‘000 Menschen repräsentiert. Und so weiter. Jedes der lokalen, je 10‘000 Menschen repräsentierende Parlamente wählt wiederum je eine Vertreterin bzw. einen Vertreter in ein regionales Parlament, welches sodann die Interessen von einer Million Menschen vertritt, bis hin zum „Weltparlament", in dem somit jede Bewohnerin und jeder Bewohner der Erde ein genau gleich grosses politisches Gewicht hat.
Das Lernen „in der Welt"; eine neue Form von „Tourismus"
Lernen in der unmittelbaren täglichen Lebensumgebung ist das eine. Das andere, ebenso Wichtige, ist das Lernen „in der Welt": die Begegnung mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen. In der einen und einzigen, nicht mehr durch Grenzen von Macht, Armeen und Feindbildern zersplitterten Welt sitzen die Menschen Chiles, Norwegens, Sibiriens und Borneos sozusagen am gleichen Tisch, Brüder und Schwestern auf der einzigen gemeinsamen Erde, die wir eine Zeitlang bewohnen dürfen. Alles ist mit allem verbunden. Wenn es einem Menschen irgendwo am anderen Ende der Welt nicht gut geht, kann es mir auch nicht gut gehen. Die Wassertropfen des endlosen Meeres, das uns im Innersten alle miteinander verbindet.
Jede 100-Menschen-Lebensgemeinschaft pflegt eine intensive Partnerschaft mit einer anderen 100-Menschen-Lebensgemeinschaft auf einem anderen Kontinent, sowohl mittels elektronischer Kommunikationsmittel als auch durch gegenseitige Besuchs- und Austauschprojekte. Benachbarte 100-Men-schen-Wohneinheiten haben Verbindung zu verschiedenen Kontinenten, so dass schon kleine Gemeinden von vier Wohneinheiten über persönliche Kontakte zu Menschen in sämtlichen Weltteilen verfügen. Jede Wohneinheit enthält mehrere Gästezimmer, immer kostenlos verfügbar für Reisende, politische Abgeordnete anderer Regionen und Länder sowie Eingeladene aus den „Partnergemeinschaften". Jedem Menschen steht - unter Wahrung von Global- und Zukunftsverträglichkeit - mindestens einmal in seinem Leben eine grössere Bildungsreise zu. Anders als im Kapitalismus, als sich Menschen aus verschiedenen Ländern und Weltgegenden immer in Rollen von unterschiedlicher Macht und Ohnmacht als Herrn und Sklaven, Herrschende und Dienende, Besitzende und Besitzlose, Touristen und Flüchtlinge, Ausbeutende und Ausgebeutete gegenüberstanden, ist jetzt, in der Zeit nach dem Kapitalismus, weltweit jede Begegnung von Menschen eine Begegnung Gleichberechtigter. Weltweit sind alle Menschen durch Freundschaften so eng miteinander verbunden, dass niemand mehr auch nur im Entferntesten auf die Idee käme, mutwillige Zerstörung von Menschen durch Menschen könnte irgendeinen Sinn haben. Kriege sind - nicht nur infolge weltweiter sozialer Gerechtigkeit, sondern auch infolge weltweiter persönlicher Begegnungen und Freundschaften - historisch für immer überwunden.
Peter Sutter / 2.2.2012