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Eine Revolution der Liebe

Keine Frage: Die Überwindung des Kapitalismus ist eine Wahnsinnsherausforderung. Aber wer soll uns daran hindern, es nicht wenigstens zu versuchen? Weshalb trauen wir, die es geschafft haben, hochkomplexe ferngesteuerte Sonden nicht nur ins Innerste unserer Körper, sondern auch an die äussersten Enden des Universums zu schicken, uns im Bereich des Geistigen, Sozialen und Gesellschaftlichen so wenig zu und fallen so schnell, so leichtgläubig, so phantasie- und kraftlos immer wieder in die uralten, schon tausendfach nicht bewährten Denk- und Handlungsmuster zurück? Auf wen nehmen wir Rücksicht? Weshalb haben wir eine so grosse, fast religiös anmutende Ehrfurcht vor unseren Vätern und Vorvätern, die uns das alles eingebrockt haben und uns, längst verlassen von ihnen allen, einen Karren weiter ziehen lassen, der von Generation zu Generation immer schwerer wird und unter dessen Last wir wohl eines Tages alle zusammen zerbrechen werden? Weshalb haben wir so wenig Stolz auf uns selber, so wenig eigene, neue, alles Bisherige in Frage stellende Ideen, so wenig Selbstbewusstsein?

Es geht zuallererst darum, den Mut und den Glauben daran, dass eine solche weltweite Auflehnung möglich ist und erfolgreich sein kann, wieder zu finden. Die Mittel dazu wären längst vorhanden, keine Frage. Es muss weitgehend an selbstauferlegten Zwängen liegen, dass es nicht schon längst geschehen ist. Fragen wir uns, was geschehen müsste. Nicht irgendwo und irgendwann. Sondern hier und jetzt. Denn jede Veränderung muss an einem bestimmten Punkt beginnen, und niemand kann für sich in Anspruch nehmen, nicht er, sondern ein anderer solle damit anfangen... 

Der erste Schritt: Mein eigenes Ich wiederfinden

Habe ich erst einmal die Erkenntnis gewonnen, dass ich nicht in einer zufälligen, sondern in einer auf Schritt und Tritt nach ganz bestimmten, definierbaren Gesetzmässigkeiten funktionierenden Welt lebe, so kommt mein Leben für einen ganz kurzen Moment zum Stillstand. Ich reibe mir die Augen. Was geht denn da rund um mich herum vor sich? Wer und was ist diese Welt? Wer und was bin ich? Und es wird mir auf einen Schlag bewusst, dass ich, wenn ich an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit geboren worden wäre, auch ein anderer Mensch geworden wäre.

Habe ich diesen Punkt überschritten, wird es fortan für mich immer zwei Welten geben, und dazwischen ein Bruch. Das eine ist die Welt, in der ich hier und jetzt lebe. Das andere bin ich. Und es wird mir keine Ruhe mehr lassen, diese zwei Welten wieder zu einer einzigen werden zu lassen. Ich werde jede Gelegenheit nutzen, mich zu erinnern: Wo und wann und wie ist aus dem Kind, das geboren wurde, dieser erwachsene Mensch geworden, der ich nun bin? Welche meiner unzähligen Fragen, die ich im Alter von vier, fünf oder sechs Jahren stellte, wurde so beantwortet, dass ich zufrieden war? Auf welche Fragen, die ich schon fast vergessen habe, die aber doch irgendwo in meinem Inneren noch warten, habe ich bis heute keine zufriedenstellende Antwort gefunden? Wer, wann und weshalb hat mir dieses oder jenes Verhalten beigebracht, damit ich so „funktionieren" lernte, wie die Menschen rund um mich herum dies erwarteten, erwünschten oder forderten? Was hat man mir im Laufe der ersten Jahre meines Lebens alles erzählt, bis ich es glaubte oder nicht glaubte? Wo, wann und wie fanden alle diese mehr oder weniger sanften, mehr oder weniger gewalttätigen Bemühungen statt, mir etwas „beizubringen"? Was von dem, was mir als kleines, neu in diese Welt geworfenes Wesen wichtig war, ist geblieben, was wurde verschüttet und wie könnte ich es wieder ans Tageslicht bringen?

Und so, ganz langsam, werde ich wieder zu dem Kind, das ich einmal war. Hülle um Hülle wegschälend, bis der innerste Kern wieder zum Vorschein kommt. Spürend, dass es für mein Leben keine zuverlässigere Richtschnur geben kann als eine möglichst weit zurückgehende Erinnerung an die allererste Zeit meines Lebens, mich daran festhaltend ebenso wie der Baum sich an seinen Wurzeln festhält, ohne die er schon beim ersten stärkeren Sturm zu Boden stürzen würde. Wie könnte ich stark und sicher durch die Welt gehen, wenn ich nicht wüsste, wer ich bin?

Dies alles ist ein Akt der Befreiung. Jedes Kind wird als freier Mensch geboren. Erst das Älterwerden legt dem Menschen Fessel um Fessel, Kette um Kette an, bis er, als „Erwachsener", im schlimmsten Falle sein gesamtes Ich verloren hat und bloss noch ein Abbild ist jener Welt, in der er „lebt". Menschen, welche die Erinnerung an ihre Kindheit verloren haben, sind Menschen, welche zur vollen Zufriedenheit des Systems, in das sie hineingeboren wurden, funktionieren. Menschen hingegen, welche den Faden zu ihrer eigenen Kindheit, zu ihrem eigenen Geborensein und damit zu ihrem eigenen Ich zeitlebens bewahren, sind jene „gefährlichen" Widersacher, die es braucht, um die Widersprüche der Welt, in der sie leben, aufzudecken. Sie sind die Wegbereiter des Neuen.

Der zweite Schritt: Die gemeinsame Erinnerung an das Paradies

Egal ob in Sibirien, auf Feuerland oder in Südfrankreich, egal ob im Norden Kanadas, in den Steppen Ostafrikas oder auf irgendeiner Südseeinsel, egal ob in einem reichen oder einem armen Land, egal ob in einem Land, wo Krieg herrscht, oder in einem Land, wo Frieden herrscht. Fragst du die Kinder, was für eine Welt sie sich wünschen, bekommst du überall die genau gleiche Antwort: Es ist eine Welt voller Liebe, Frieden und Gerechtigkeit.

Wie wenn alle Kinder der Welt eine gemeinsame Erinnerung in sich trügen. Die Erinnerung an eine Welt, die eben so aussieht, wie sie übereinstimmend von ihnen beschrieben wird und wie man sie wohl, mit einem einzigen Wort, als das Paradies bezeichnen könnte. Ist es jene andere Welt, aus welcher der Mensch vor seiner Geburt gekommen ist und in die er nach seinem Tod wieder zurückkehren wird? Wir wissen es nicht. Aber dies ist auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es diese gemeinsame Erinnerung, dieses gemeinsame Gefühl, diese gemeinsame Vision aller Menschen gibt, zu einem Zeitpunkt ihres Lebens, in dem sie noch nicht oder erst ansatzweise an die äusseren Lebensverhältnisse jenes Ortes und jener Zeit angepasst worden sind, wo sie geboren wurden.

Was bedeutet dies für die Überwindung des Kapitalismus? Ganz einfach: Weltweit alle Menschen, egal welchen Nationen, Kulturen oder Religionen sie auch „angehören", tragen die tiefe Sehnsucht nach einer Welt in sich, die von Liebe, Frieden und Gerechtigkeit bestimmt ist. Auch wenn sie einander Gewalt antun, auch wenn sie einander hassen, auch wenn sie sich gegenseitig quälen, auch wenn sie gegeneinander Krieg führen: Das alles haben sie alle erst gelernt, seitdem sie in diese Welt geboren wurden. Kein Kind hätte sich das so gewünscht. Ein jedes Kind will geliebt werden und will lieben, nicht mehr und nicht weniger. Aber wenn seine Sinne getäuscht werden, wenn es auf seine Liebesschreie als Antwort nur Hass und Gewalt erfährt, wenn vor seinen Augen, die eben erst das Licht der Welt erblickten, sein Vater gefoltert oder seine Mutter vergewaltigt wird, wenn es reiche Menschen sieht, die alles im Überfluss haben, während es selber nicht einmal genug zu essen hat, dann verformt sich seine Liebe, allen Widerständen in seinem eigenen Inneren zum Trotz, nach und nach in Hass, seine Friedfertigkeit in Gewalt, sein Gerechtigkeitsgefühl in Rücksichtslosigkeit, Skrupellosigkeit und die Bereitschaft, andere zu töten, um selber am Leben zu bleiben. Hass ist nicht das Gegenteil von Liebe, sondern nur eine andere Form von Liebe: das, was entsteht, wenn die Liebe verunmöglicht, umgebogen, enttäuscht, missbraucht und verraten wurde. Wer hasst, tut dies nicht, weil er nicht lieben will, sondern, weil er nicht lieben kann. „Der Mensch ist gut und will das Gute", sagte Johann Heinrich Pestalozzi, „und wenn er böse ist, dann nur deshalb, weil ihm der Weg verrammelt wurde, auf dem er gut sein wollte."

So einfach wäre es. Wir brauchen die neue Welt, die Welt der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit, nicht zu erfinden. Es gibt sie bereits, in einer gemeinsamen Erinnerung und einer gemeinsamen Vision aller Menschen über alle Grenzen hinweg. Es ginge bloss darum, all das an Verdrehungen, Lügen, Ungerechtigkeiten und zu Hass verformter Liebe aus dem Weg zu räumen, was die Verwirklichung dieses tausende Jahre alten Traums der Menschheit bis heute verunmöglicht hat. Wer etwas davon spüren will, braucht nur an einem dieser wunderbaren Feste teilzunehmen, die weltweit an immer zahlreicher werdenden Orten veranstaltet werden und wo sich Menschen jeglicher Herkunft, Sprache, Kultur und Religion begegnen, gemeinsam singend, tanzend und musizierend. So wie ein solches riesiges, alle Grenzen sprengendes Fest wird die ganze Welt aussehen, wenn das, was in allen Menschen schon lange vor ihrer Geburt träumend bereitlag, endlich Wirklichkeit geworden sein wird.

Der dritte Schritt: Wieder lernen gegen den Strom zu schwimmen

Bist du in deiner Erinnerung wieder zu dem Kind geworden, das du einmal warst, und ist auch deine noch viel weiter zurückliegende Erinnerung an das Paradies wieder wach geworden, dann gibt es gar keinen anderen nächsten Schritt als diesen: Du wirst - wieder - zum Rebellen.

Denn das warst du schon als Kind. Dein erstes Wort war nicht „ja", sondern „nein". Nur mit deinem Widerstand schafftest du es, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Nur deine Ungeduld und Hartnäckigkeit verhalfen dir dazu, all das zu lernen, was du brauchtest, um lebensfähig zu werden. Nur weil dir all die schnellen, bequemen und oberflächlichen Antworten auf deine Fragen nicht genügten und du deshalb pausenlos immer noch mehr und noch gezieltere Fragen stelltest, kamst du Schritt um Schritt zu dem Wissen, über das du jetzt verfügst. Der Mensch ist, das zeigt uns jedes Kind, von Natur aus unbequem, lästig, ungeduldig, widerspenstig, wissbegierig und wahrheitssuchend bis zum Äussersten. Der Mensch ist von Natur aus ein Rebell.

Es ist der grösste Triumph des Kapitalismus, das in den Menschen von Natur aus vorhandene Rebellische so weit gezähmt bzw. in andere Bahnen gelenkt zu haben, dass es ihm, dem Kapitalismus und seinem Herrschaftsanspruch, nicht mehr gefährlich zu werden vermag.   In der - kapitalisti-schen - öffentlichen Meinung gilt Rebellion daher als etwas, was es zu bekämpfen gilt: Widerspenstige Kinder sollen zum Gehorchen gebracht werden, die Pubertät soll möglichst rasch vorübergehen, Schulkinder, welche sich frech oder undiszipliniert verhalten, sollen mit allen Mitteln dazu gebracht werden, Normen und Regeln einzuhalten. Und tatsächlich: Bis zum heutigen Tag haben es diejenigen, die schon hier waren - die Erwachsenen - immer wieder geschafft, diejenigen, die neu dazu gekommen sind - die Kinder und Jugendlichen -, zu ihren Ebenbildern zu machen. Auf einmal, man glaubt es kaum, ist das Kind, das sich mit aller List und Kraft dagegen wehrte, am Esstisch stillzusitzen, zu einer Mutter geworden, die nun ihr eigenes Kind mit den genau gleichen Erziehungsmethoden und den genau gleichen Worten dazu zu bringen versucht, am Esstisch stillzusitzen. Aus dem frechen Schüler, der seitenweise Strafaufgaben schreiben musste, ist ein Lehrer geworden, der wiederum seine eigenen Schüler seitenweise Strafaufgaben schreiben lässt. Und aus dem Kind, das von seinem Vater wegen geringster Vergehen halb tot geschlagen wurde, ist wiederum ein Vater geworden, der sein eigenes Kind wegen geringster Vergehen halb tot schlägt. Glücklicherweise gibt es in diesem permanenten Wechselspiel zwischen Opfern und Tätern zwar immer wieder Ausnahmen - nicht jedes geprügelte Kind wird zu einem prügelnden Vater, nicht jedes geplagte Schulkind wird zu einem unausstehlichen Lehrer - , dennoch wird - weil das gesamtgesellschaftlich als „normal" Geltende nach wie vor in der Anpassung und Unterordnung des Kindes unter die Normen der Erwachsenenwelt besteht -  viel zu vieles, was man als Durchsetzung der Stärkeren gegen die Schwächeren bezeichnen könnte, unreflektiert von Generation zu Generation weitergereicht. Echte soziale Fortschritte müssen ausschliesslich von jenen erkämpft werden, die sich ihre Widerspenstigkeit auch durch die härtesten Unterdrückungsmassnahmen nicht austreiben lassen und damit in Kauf nehmen, in einer auf Anpassung und Unterordnung ausgerichteten Gesellschaft gegenüber anderen ins Hintertreffen zu geraten. Eigentlich zutiefst paradox: Jene, die innerhalb der herrschenden Gesellschaftsnormen am meisten ausgegrenzt und stigmatisiert werden, sind zugleich die, welche am meisten dazu beitragen, dass sich die bestehende Gesellschaft in positiver Weise verändert. Oder, kurz gesagt: Nur Ungehorsam bringt die Welt voran.

Daher ist auch die Überwindung des Kapitalismus nur möglich, wenn genau dieses Aufbegehren, dieser Widerstand, diese Rebellion derjenigen, die neu dazu gekommen sind, gegen jene, die schon da waren, immer stärker wird. Ja, es müsste noch viel weiter gehen: Das Aufbegehren, die Widerspenstigkeit, die Rebellion - all das, was in unseren althergebrachten Denkvorstellungen als lästig und mühsam gilt und daher möglichst rasch vorübergehen sollte, müsste nachgerade zum „Normalfall" werden. Unbequeme Kinder sollten nicht möglichst schnell ruhig werden, sondern möglichst lange laut und unbequem bleiben. Die so genannte „Pubertät" sollte nicht eine möglichst kurze, sondern eine möglichst lange Zeitspanne des Lebens einnehmen. Kinder sollten nicht möglichst schnell zu Erwachsenen werden, sondern möglichst langsam, oder besser: überhaupt nicht. So lange, bis alle Erwachsenen wieder zu Kindern geworden sind und die Rebellion das Normale ist, während Anpassertum, Gleichmacherei und blinder Gehorsam gegenüber denen, die schon da waren, zu ganz seltenen Ausnahmen geworden sind. „Im Jugendidealismus", sagte der bekannte deutsche Urwaldarzt Albert Schweitzer, „erschaut der Mensch die Wahrheit. Mit ihm hat er einen Schatz, den er zeitlebens gegen nichts austauschen soll."

Der vierte Schritt: Sämtliche Spaltungen überwinden

Mehrere unabhängig voneinander durchgeführte Studien1 in verschiedenen europäischen Ländern haben ergeben, dass ein erwachsener Mensch bis zu 200 Mal pro Tag nicht die Wahrheit sagt. Auch dies ist kein Zufall, sondern hat einen engen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Normen des Kapitalismus, in denen wir leben.

Denn wer im Kapitalismus lebt, lebt beständig im Spannungsfeld sich gegenseitig diametral widersprechender Werte. Auf der einen Seite die in der Familie und allgemein in zwischenmenschlichen Beziehungen propagierten Werte der Rücksichtnahme und des gegenseitigen Respekts, in Verbindung mit dem speziell von der christlichen Ethik geforderten Wert der „Nächstenliebe". Auf der anderen Seite die Werte, die in Wirtschaft, Arbeits- und Berufswelt den Vorrang haben: Selbstbehauptung, Vorteile herausschinden auf Kosten anderer, stärker und besser sein als die Konkurrenz. So hin- und hergerissen zwischen den Ansprüchen, gleichzeitig ein möglichst „guter" und ein möglichst „erfolgreicher" Mensch zu sein, gibt es gar keinen anderen Weg, als sich je nach Situation und äusseren Erfordernissen eine ganz bestimmte Rolle und ein ganz bestimmtes Verhalten zuzulegen, Gedanken und Gefühle voneinander trennen zu lernen und dabei „Wahrheit" und „Lüge" immer mehr zu inhaltlosen, gegenseitig austauschbaren Dingen werden zu lassen. Die Folge ist eine eigentliche „Morallosigkeit": Erwachsen werden in der kapitalistischen Gesellschaft bedeutet zu lernen, dass es keine Werte „an sich" gibt, sondern jeder Wert, wenn es die äussere Situation erfordert, ebenso gut auch in sein Gegenteil verkehrt werden kann.

Und so leben wir in einer Welt, wo ein Vater, der seine eigenen Kinder über alles liebt, gleichzeitig Chef einer Firma sein kann, welche Waffen produziert, mit denen am anderen Ende der Welt unzählige, ihm unbekannte Kinder getötet werden. Wo eine Kellnerin gegenüber ihren Kunden auch dann noch höflich und geduldig bleiben muss, wenn sie von diesen bis aufs Blut schikaniert wird. Wo ein Mann, der schon jede Menge heimlicher Liebschaften hinter sich hat, gegenüber seiner Frau noch immer den Anschein zu erwecken versucht, sie sei für ihn die Einzige auf der Welt - bloss, um in der Öffentlichkeit das Bild seiner „intakten" Familienverhältnisse aufrechtzuerhalten. Wo Menschen eine Zeitung lesen oder sich eine TV-Sendung ansehen können, in denen sie mit einer Unmenge an schrecklichsten Meldungen und Bildern aus Hunger- und Katastrophengebieten konfrontiert werden - ohne dass sich an ihrem eigenen räuberischen, prassenden Lebensstil auch nur das Geringste verändern wird. Wo Politiker immer noch ihren Wählerinnen und Wählern vorgaukeln, es werde alles besser - während in Tat und Wahrheit doch alles immer nur noch schlechter wird. Wo Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen den Kindern beizubringen versuchen, sich bei Schwierigkeiten gegenseitig zu helfen, sie aber, sobald sie sich in einer Prüfung gegenseitig Lösungen zuflüstern, dafür bestrafen.

Nicht nur mit seinen grossen, gesellschaftspolitischen, ökonomischen, öffentlich deklarierten Lügen hält der Kapitalismus seine Herrschaft aufrecht. Es braucht hierfür auch diese Milliarden täglicher winziger Lügen jedes Einzelnen, die es möglich machen, in einer Welt zu leben, die ihrem Untergang entgegengeht, und dennoch so zu tun, als wäre alles auf dem Wege in eine immer bessere Zukunft.

Wollen wir den Kapitalismus überwinden, geht es darum, alle diese Spaltungen und Lügen zu überwinden. Ehrlich und wahrhaftig zu werden, wie wir alle als Kinder einmal waren. Das eigene Ich wieder zum Leben erwecken und die Schmerzen aushalten lernen, die sich einstellen, wenn wir uns auch in schwierigsten Situationen weigern, unser eigenes Gewissen zu verleugnen. Die eigenen Gefühle, die eigene innere Stimme zur alleinigen Richtschnur jeglichen täglichen Handelns zu machen. Nur so kann das riesige Lügengebäude, dank dem eine todbringende Gesellschaftsordnung immer noch, schon viel zu lange, am Leben ist, zum Einsturz gebracht werden.

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Begriff der „Seele" in einer öffentlichen politischen Diskussion, welche die vom Kapitalismus gesetzten Grenzen nicht überschreitet, ein Tabu ist. Wie wenn so etwas „Weltfremdes" endgültig vergangenen Zeiten angehörte. Oder höchstens noch etwas für spirituell oder religiös Denkende sei, was mit Politik und Wirtschaft aber gewiss nicht das Geringste zu tun habe. Dabei könnte genau dies, die „Wiederentdeckung" der Seele, der eigentliche Schlüsselpunkt zur Überwindung des Kapitalismus sein.

Was ist die Seele? Gehen wir davon aus, dass der einzelne Mensch nicht bloss ein von allem Übrigen abgelöstes Einzelwesen ist, sondern Teil eines grösseren Ganzen. Und gehen wir davon aus, dass dieses grössere Ganze die Gesamtheit allen Lebens ist, oder, um es mit einem „altmodischen", oft auch missverstandenen und missbrauchten Begriff zu bezeichnen, die Gesamtheit der „Schöpfung". Wenn dem so ist, dann braucht es irgendeine Verbindung, einen Punkt, wo der einzelne Mensch und die „Schöpfung", die Gesamtheit des Lebens, miteinander zusammenhängen. Könnte man mit diesem Bild ein neues, aktuelles Verständnis von „Seele" gewinnen? Es hätte unabsehbare Folgen. Wir hätten, über das einzelne Ich hinaus, über das Kind hinaus, das ich einmal war, über das Paradies hinaus, von dem wir alle einmal träumten, einen für alles Lebendige gemeinsamen Bezugspunkt, an dem sich jegliches „politisches" wie auch „unpolitisches" Denken und Handeln zukünftig orientieren könnte. 

Der fünfte Schritt: Nichts Kompliziertes, nur das Leben

Der Kapitalismus basiert auf der Idee, dass einmal geschaffener Reichtum auf Kosten anderer „von selber" automatisch immer grösser wird. Auf was für einer Idee müsste eine neue, nichtkapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung beruhen? Was für Theorien und Denkmodelle würden ihr zugrundeliegen?

Suchen wir nicht zu weit. Nehmen wir den kleinsten gemeinsamen Nenner, der die Menschen weltweit miteinander verbindet. Es ist zugleich das Grösste wie auch das Einfachste, am nächsten Liegende. Nichts Kompliziertes, einfach das Leben. Jedes Kind, jeder Mensch will leben, nicht mehr und nicht weniger. Leben heisst: genug zu trinken und zu essen haben, ein Dach über dem Kopf haben, in Sicherheit und ohne Angst leben können, geliebt werden, eine sinnvolle Arbeit haben, jeden Tag geniessen können, gut schlafen können, keine seelischen und körperlichen Schmerzen haben, genügend Nahrung haben für sein Lernen und seinen Wissensdurst. Nicht mehr und nicht weniger.

Eigentlich selbstverständlich. Gehen wir aber zurück zur Seele, zu jenem Verbindungspunkt zwischen Individuum und „Schöpfung", dann muss der Begriff des Lebens gegenüber dem, was heute schon als selbstverständlich gilt, um zwei zusätzliche Dimensionen erweitert werden. Das eine ist die räumliche, das andere die zeitliche Dimension.

Ausgehend davon, dass der Mensch nicht nur ein Einzelwesen, sondern Teil eines grösseren Ganzen ist, kann Leben nur bedeuten, dass damit das Leben aller Menschen gemeint ist. Mehr als das: das Leben aller Lebewesen, Tiere und Pflanzen eingeschlossen. Von gutem Leben kann daher erst die Rede sein, wenn alle Lebewesen ein gutes Leben haben. Gesundheit ist nicht teilbar. Entweder sind alle gesund, oder niemand. Der reiche Europäer, der stets genug zu essen hat, seinen Körper mit täglichem Turnen, Aerobic und Biken fit hält, für jedes noch so kleine Leiden ein entsprechendes Medikament sowie hochprofessionelle medizinische Versorgung in nächster Nähe zur Verfügung hat, kann dennoch nicht wirklich gesund sein, so lange weltweit auch nur ein einziger Mensch bloss aufgrund seiner prekären Lebensumstände gezwungen ist, krank zu sein. Denn Gesundheit hat auch eine seelische, eine geistige, eine politische, eine universelle Komponente. Schauen wir sie uns doch an, die angeblich so „gesunden" Menschen in den reichen Ländern des Nordens, blicken wir in ihre Gesichter, in ihre Augen, sie sind nicht wirklich gesund. Weshalb können so viele scheinbar „Gesunde" nur überleben, indem sie täglich Medikamente in sich hineinstopfen? Weshalb leiden so viele Menschen in den reichen Ländern unter beständigen Kopf- und Rückenschmerzen? Weshalb gibt es so viele Drogensüchtige? Sind das nicht alles Zeichen dafür, dass rein materieller Überfluss genau so krank macht wie der materielle Mangel? Sind das Leiden der Reichen und das Leiden der Armen nicht bloss die Spiegelbilder des gemeinsamen Leidens aller? Und wäre es daher nicht die einfachste Sache der Welt, bloss alles möglichst gerecht zu teilen, um damit alle zusammen gesund zu machen?

Die zweite Dimension ist die zeitliche. Auch diese Verbindung finden wir nur über die Seele. Denn die Seele verbindet nicht nur das einzelne Lebewesen mit allen anderen, die hier und jetzt leben, sondern auch mit all jenen, die früher gelebt haben und in Zukunft leben werden. Dies bedeutet, dass wir heute nur dann gesund sein können, wenn unser Lebensstil garantiert, dass auch die nachfolgenden Generationen an Menschen, Tieren und Pflanzen gesund sein können. Erst dann ist alles im Gleichgewicht.

Der sechste Schritt: Die Liebe als politische Kategorie

Wie die Seele, so muss auch die Liebe wieder ein Begriff werden in der politischen Diskussion. Mehr als das: Sie müsste zur eigentlichen Grundmotivation für jegliches politisches Handeln werden.

Wie wäre Liebe, so verstanden, zu definieren? Wenn ich die mir durch die herrschenden Gesellschaftsnormen aufgezwungenen Spaltungen überwinde, wenn ich mein eigenes Ich und meine eigene Ganzheit wieder finde, wenn ich mein Handeln an nichts anderem orientiere als an meinem eigenen Gewissen, so bedeutet dies alles, dass ich mich so annehme, wie ich bin, dass ich an meine individuellen Stärken und Begabungen, die mich von allen anderen Menschen unterscheiden, glaube, dass ich auf mich selber stolz bin, dass ich mich liebe. Das alles mag sehr „egoistisch" klingen, ist aber schlicht und einfach die Voraussetzung für ein Leben, das auch für andere nutzbringend und wertvoll ist. Denn nur wer sich selber liebt, kann auch andere lieben. Nur wer sich selber annimmt, kann auch andere annehmen. Nur wer in sich selber vor allem das Gute sieht, kann auch in anderen vor allem das Gute sehen. Nur wer sich selber vertraut, kann auch anderen vertrauen. Wer hingegen einen Teil seiner selbst verleugnet, ablehnt oder hasst, wird genau diesen Teil des Ganzen auch bei anderen verleugnen, ablehnen und hassen. Mangelnde Selbstliebe ist daher die Ursache für jegliche Form von Feindbildern, Diskriminierung, Intoleranz, Fremdenhass, Nationalismus bis hin zur Vernichtung anderer, bis hin zum Krieg.

Wer sich selber liebt, liebt alle. Dies heisst aber auch, dass die Grenzen zwischen mir selber und den „anderen" zunehmend aufgelöst werden. Die „anderen", das bin auch ich, und umgekehrt. Wenn ich nur ein Teil der Schöpfung bin, dann leiden bei jedem individuellen Leiden eines Einzelnen zwangsläufig auch alle anderen Teile dieser Schöpfung mit.

Wo die Liebe zu einer politischen Kategorie wird, beginnt sich alles zu verwandeln. Denn wer durch sich selber über seine Seele auch die Schöpfung als Ganzes liebt, wird es nicht mehr aushalten, wenn auch nur ein einziges anderes Lebewesen leidet. Und er wird eine Riesenkraft entwickeln, um alles nur Erdenkliche zu tun, damit dieses Leiden anderer ein Ende hat. Man kann sich nichts vorstellen, was eine noch stärkere revolutionäre Sprengkraft entwickeln könnte als eine solche aus dem Individuellen ins Politische transformierte Form von Liebe.

Peter Sutter, 1.2.2012


1 „Mannheimer Morgen", 26.11.2005