Frauen und Kinder als Hauptleidtragende
Kapitalistische Transformation: Frauen und Kinder als Hauptleidtragende
Besonders nachteilig wirkte sich die kapitalistische „Transformation" in allen davon betroffenen Ländern für die Frauen aus. „Die Errungenschaften der einstigen kommunistischen Regierungen", so Carol Bellamy, Chefin des Uno-Kinderhilfswerks Unicef im Jahre 1999, „wurden mehr und mehr durch offene Diskriminierung ersetzt."1
Rückschritte, wo man hinschaut
Von den rund 26 Millionen Stellen, die in der ehemaligen Sowjetunion und den kommunistischen Ländern Osteuropas innerhalb der ersten zehn Jahre nach der „Transformation" verloren gingen, waren 14 Millionen von Frauen besetzt gewesen2; in Russland verloren zwischen 1990 und 1997 sieben Millionen Frauen ihren Job, bei den Männern waren es „nur" zwei Millionen.3 Die meisten Gesetze aus kommunistischer Zeit, welche Müttern von Kleinkindern sowie allein erziehenden Frauen einen privilegierten Status sicherten und die Betreuung von Vorschulkindern durch Krippen und Beihilfen zur Kinderbetreuung regelten, wurden nach und nach abgeschafft.4 So etwa halbierte man in der ehemaligen DDR nach der so genannten „Wiedervereinigung" den Schwangerschaftsurlaub von 26 auf 13 Wochen, reduzierte die jährliche Freistellung von maximal 6 Wochen für die Pflege kranker Kinder bis zum Alter von 14 Jahren auf jährlich maximal 5 Tage für die Pflege von Kindern bis zum Alter von 8 Jahren, strich sämtliche Subventionen für Kindertagesstätten und hob den dreijährigen Kündigungsschutz für Alleinerziehende auf.5 Gleichzeitig öffnete sich die Lohnschere zwischen Frauen und Männern: Frauen verdienen heute in den Ländern Osteuropas und den sowjetischen Nachfolgestaaten für die gleiche Arbeit durchschnittlich 25 Prozent weniger als Männer.6 Die Gefahr, unter das Existenzminimum zu fallen, ist in diesen Ländern mittlerweile für Frauen rund sechsmal höher als für Männer. Immer häufiger sind insbesondere allein erziehende Mütter gezwungen, den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder mit mehreren Tages- und Nachtjobs zusammenzukratzen. Schliesslich haben die Frauen auch in den politischen Entscheidungsgremien an Einfluss und Gewicht verloren: Der Frauenanteil in den osteuropäischen Parlamenten verringerte sich zwischen 1989 und 1997 von 27 auf 8 Prozent!7
Frauenhandel: Bis jeglicher Widerstand gebrochen ist
Parallel zur zunehmenden sozialen Polarisierung und der Verarmung immer weiterer Bevölkerungsgruppen nimmt auch der Frauenhandel zwischen den reichen und armen Regionen und Ländern Europas - eine der gravierendsten Folgen der kapitalistischen „Transformation" - immer drastischere Ausmasse an: Zwischen 700'000 und 2 Millionen Frauen und Kinder sind es mittlerweile - nach Schätzungen der OSZE -, welche in Europa jährlich zu Opfern dieses modernen Sklavenhandels werden8, davon stammen 80 bis 90 Prozent aus den osteuropäischen Ländern und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.9 Geködert werden gezielt junge Frauen aus den ärmsten Regionen mit harmlosen Inseraten oder durch gute „Kolleginnen", welche von irgendwelchen Traumjobs im Westen - als Serviererin, Aupair-Mädchen, Hausangestellte oder Tänzerin in einem Nachtclub - schwärmen. Andere werden entführt und mit Gewalt auf den westlichen Sexmarkt geschafft. Sind die mit falschen Versprechungen angelockten oder zwangsweise herbeigeschafften Frauen erst einmal an ihrem Bestimmungsort angelangt, gibt es kaum noch ein Zurück. Gemäss einem Bericht von „Le monde diplomatique" im Februar 199910 werden die zumeist in sexueller Hinsicht noch völlig unerfahrenen Frauen mit brutalsten Methoden - schockhaften Mehrfachvergewaltigungen, oft während mehrerer aufeinander folgender Tage und Nächte; tagelanger Isolation mit Essensentzug in abgesperrten Zimmern, zu denen nur ihre „Besitzer", Vergewaltiger und späteren Zuhälter Zutritt haben; Zwangsverabreichung von Psychopharmaka und Drogen, bis jeglicher Widerstand auch gegen erniedrigendste und schmerzhafteste Sexualpraktiken gebrochen ist; Faustschlägen ins Gesicht, Fusstritten, Ausdrücken von brennenden Zigaretten auf der nackten Haut, Schnittverletzungen und weiter gehenden Formen von Folter - systematisch und dauerhaft auf ihr zukünftiges Leben als Sexsklavinnen abgerichtet. Von einer besonders grausamen Methode gegenüber Frauen aus der Ukraine, welche auf dem Weg in westliche Bordelle Widerstand zu leisten versuchten, berichtete Grigoris Lazos, Professor für Kriminologie an der Athener Panteion-Universität, im Oktober 2003: „Die Frauen werden gefesselt und müssen ihre nackten Füsse in eine Plastikwanne mit Wasser stellen. Dann wird Zement ins Wasser geschüttet. Ist die Masse hart, sind die Füsse eingemauert. Dann werfen sie die Frauen ins Meer. Es genügt, dass andere davon hören. Da brauchen die Typen keine Gewalt mehr."11 Da den Frauen bei der Einreise meist ihre echten Ausweispapiere abgenommen werden, sind sie nun - mit allen damit verbundenen Konsequenzen - zu einem Leben in der Illegalität verdammt, ohne ausreichende Sprachkenntnisse, ohne Kontakt zu Familie und Verwandten schutzlos einer skrupellosen, zu allem fähigen Männerherrschaft ausgeliefert. Gelingt es einer Frau, sich dennoch eines Tages aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit und Gewalt zu befreien und in ihre Heimat zurückzukehren, so ist das, was von ihr übrig geblieben ist, meist nur noch ein körperliches und seelisches Wrack. „Viele von ihnen nehmen Drogen oder Beruhigungsmittel", berichtet die Leiterin eines ukrainischen Kontaktzentrums für in die Heimat zurückgekehrte, der Hölle des Sexgeschäfts entronnene Mädchen und Frauen, im März 2000, „nicht wenige begehen Selbstmord. Wenn sie zurückkehren, ist ihre Leidensgeschichte nicht zu Ende, viele haben sich mit Syphilis angesteckt, viele sind HIV-infiziert und sehr viele bleiben lebenslang traumatisiert."12
Kinder und Jugendliche: Betteln, klauen, frieren und hungern
Sind Frauen von der kapitalistischen „Transformation" in besonders gravierendem Ausmass betroffen, so sind es Kinder und Jugendliche erst Recht. Schätzungsweise eine halbe Million Kinder in den ehemals kommunistischen Ländern Osteuropas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion können heute von ihren Eltern nicht mehr versorgt werden, die meisten von ihnen leben unter oft erbärmlichsten Bedingungen in Waisenhäusern oder Behinderteneinrichtungen.13 Besonders schlimm sind die Verhältnisse in der Ukraine und in Moldawien, wo Waisenhäuser mangels Brennholz oft tagelang nicht geheizt werden können, es auch an einfachsten Medikamenten und medizinischen Einrichtungen fehlt und das Personal nicht selten monatelang auf den Lohn warten muss.14 Noch schlimmer ergeht es jenen abertausenden Kindern, deren Zuhause die Strasse geworden ist. „Jedes fünfte dieser Strassenkinder", so berichtete der französische Journalist Philipp Demenet im August 2000 aus Bukarest, „ist aus einem Waisenhaus ausgerissen, zwei Drittel sind vor der Gewalt zu Hause geflohen, sie betteln, klauen, frieren und hungern, schlafen in Treppenhäusern, auf Bahnhöfen und in Heizungstunnels; viele schnüffeln den ganzen Tag Lösungsmittel aus Leimtuben und Lackdosen; gierig nach Zuneigung und kleinen Geschenken sind diese Kinder nur allzu leichte Beute für Pädophile aus aller Welt."15 Jährlich Zehntausende von Kindern - hauptsächlich aus Polen, Tschechien, Russland, der Ukraine und Weissrussland - werden durch skrupellose Schlepperbanden auf die ost- und westeuropäischen „Sexmärkte" geworfen, viele von ihnen sind noch keine 16 Jahre alt, nicht wenige erst 13 oder 14.16 Im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, mittlerweile bekannt als das „grösste Bordell Europas", werden - gemäss Informationen des Kinderhilfswerks Unicef und der Kinderrechtsorganisation Ecpat im Oktober 2003 - sogar Kinder im Säuglingsalter von eigenen Verwandten auf den Strich geschickt - die Kunden sind Männer zwischen 18 und 80 Jahren aus Deutschland, Österreich und Italien, die angeblich vor allem deshalb für ihre Sexvergnügen so junge Kinder missbrauchen, weil sie mal „etwas Neues" ausprobieren möchten und sich damit erst noch weniger der Gefahr einer HIV-Infektion aussetzen.17
Opfer des „besten aller möglichen Gesellschaftssysteme"
Wie sämtlichen staatlichen Einrichtungen, so werden auch den öffentlichen Schulen immer weniger Finanzmittel zur Verfügung gestellt. Allein in Russland können jährlich rund 100‘000 Kinder infolge fehlender Einrichtungen nicht mehr eingeschult werden. Neun Millionen Kinder in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, drei Millionen mehr als vor der „Transformation", mussten beispielsweise im Jahre 1998 die Schule frühzeitig und ohne Abschluss verlassen.18 Gleichzeitig entstehen für jene, die es bezahlen können, immer mehr private Bildungseinrichtungen. So etwa wurden in Polen allein im Jahre 1999 nicht weniger als 300 neue private Gymnasien eröffnet.19
Gleichzeitig hat die Arbeitslosenquote Jugendlicher rund doppelt so stark zugenommen wie jene der Erwachsenen. Wachsender Drogen- und Alkoholkonsum, zunehmende Kriminalität und steigende Suizidraten bei Jugendlichen sind die unweigerlichen Folgen. Gemäss dem Unicef-Bericht „Zur Situation der Kinder in der Welt 2000" verdreifachte sich etwa in Russland die Zahl jugendlicher Drogenabhängiger zwischen 1989 und 1997, die Zahl jugendlicher Alkoholabhängiger stieg im gleichen Zeitraum gar um das Siebenfache und die Suizidrate im Jugendalter nahm in Russland, Litauen, Weissrussland und Turkmenistan zwischen 1989 und 1997 um mehr als 100 Prozent zu. „Alles in allem", so die Schlussfolgerung des Unicef-Berichts, „leben etwa eine halbe Million Kinder und Jugendliche, die zur Zeit des Mauerfalls in Berlin und des Zusammenbruchs der Sowjetunion zwischen fünf und 14 Jahren alt waren, heute nicht mehr."20 Die meisten von ihnen sind Opfer jenes „besten aller möglichen Gesellschaftssysteme" geworden, welches heute, am „Ende der Geschichte", nahezu die gesamte Erdoberfläche beherrscht...
Peter Sutter, 21.3.2008
1 Tages-Anzeiger, 23.9.1999
2 Unesco-Kurier 5/00
3 Tages-Anzeiger, 23.9.1999
4 Unesco-Kurier 5/00
5 Tages-Anzeiger, 19.9.1990
6 Tages-Anzeiger, 8.3.2000
7 Weltwoche, 19.3.1998
8 NZZ, 31.5.2001
9 Friedrich-Ebner-Stiftung, September 1999
10 Le monde diplomatique, Februar 1999
11 Tages-Anzeiger, 3.11.2003
12 Tages-Anzeiger, 3.4.2000
13 NZZ, 23.7.2003
14 Le monde diplomatique, September 2000; Wochenzeitung, 7.6.2001
15 Le monde diplomatique, September 2000
16 Südostschweiz, 26.4.1991
17 Tages-Anzeiger, 29.10.2003
18 Bericht der Unicef, in: Werner Albrecht & Dietmar Henning, 30.12.1999, World Socialist Website
19 Le monde diplomatique, September 2000
20 Werner Albrecht & Dietmar Henning, 30.12.1999, World Socialist Website