Zusammenbruch des Kommunismus
Die so genannte „Transformation" des früheren kommunistischen Ostblocks seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wird zum Modellbeispiel dafür, was geschieht, wenn man den Kapitalismus so wüten lässt, wie er „von Natur aus" gedacht ist...
Kapitalistische Transformation mit tödlichen Folgen
Russland: Immer mehr Milliardäre und Zehntausende Kinder auf der Strasse
DDR: Trügerische Illusion „blühender
Landschaften"
Polen: Die „nicht wiederholbare Chance, ein neues
System einzuführen"
Ungarn, Tschechien, Slowakei: Immer mehr Menschen versinken in Armut
Rumänien, Bulgarien, Albanien: Selbsttötung aus schierer Verzweiflung
Lettland, Litauen: „Goldene Zeiten" - für wen?
Ukraine, Moldawien, Armenien: Auf den untersten Rängen der „Weltrangliste" von Reichtum und Armut
„Buchstäblich tödlicher Übergang zur Marktwirtschaft"
Russland: Immer mehr Milliardäre und Zehntausende Kinder auf der Strasse
In Russland findet - innerhalb weniger Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als Folge von Liberalisierung und Privatisierung im Sinne der so genannt „freien Marktwirtschaft" - eine gigantische Umverteilung des Reichtums von unten nach oben statt. Nicht nur, dass sich eine kleine Minderheit von rund drei Millionen Menschen auf Kosten der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung - rund 150 Millionen - geradezu schamlos zu bereichern vermag. Hinzu kommt, dass die dabei erzielten privaten Profite zu einem beträchtlichen Teil ins Ausland transferiert werden - Schätzungen gehen von bis zu 400 Milliarden Dollar aus, welche allein zwischen 1991 und 1996 auf diese Weise dem russischen Staat verloren gehen.1 Die Folge: eine rasch wachsende Staatsverschuldung und zunehmende finanzielle Abhängigkeit der ehemals stolzen Weltmacht von internationalen Finanzinstitutionen wie der Weltbank und dem IWF. 1998 verschlingen die Zinsen für in- und ausländische Darlehen bereits einen Drittel des russischen Staatshaushalts2 und ein Jahr später taucht Russland - Seite an Seite mit dem Sudan und Afghanistan - erstmals in der Kategorie jener Länder auf, die nicht mehr in der Lage sind, ihre laufend zunehmenden Schulden zurückzuzahlen.3 Während die Anzahl russischer Millionäre und Milliardäre kontinuierlich ansteigt, muss die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung einen zunehmenden Verlust ihrer bisherigen sozialen Sicherheiten und einen immer härteren gegenseitigen Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze und Einkommen hinnehmen; immer häufiger können Löhne und Renten nicht mehr ausbezahlt werden, weil schlicht und einfach das Geld dafür fehlt; Kindergärten und Kinderkrippen, bisher kostenlos vom Staat geführt, werden geschlossen oder so teuer, dass sie von denen, die am meisten darauf angewiesen wären, nicht mehr bezahlt werden können. Hunderttausende verlieren ihre Arbeitsstelle, weil die Betriebe, in denen sie arbeiteten, auf dem Schlachtfeld der globalisierten „Freien Marktwirtschaft" plötzlich nicht mehr „konkurrenzfähig" sind. Besonders hart trifft es die Landwirtschaft: Nehmen die Preise für Maschinen, Dünger und Pestizide als Produkte einer nunmehr auf nackte kapitalistische Profitmaximierung getrimmte Privatindustrie allein zwischen 1991 und 1994 um das 520fache zu, beschränkt sich die Preissteigerung bei den landwirtschaftlichen Produkten im gleichen Zeitraum gerade mal auf das 90fache.4 Infolge der dadurch ausgelösten Landflucht und eines dramatischen Rückgangs der Geburtenraten entvölkern sich zwischen 1991 und 2003 nicht weniger als 17‘000 Siedlungen. Der dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage überlassene privatisierte Wohnungsmarkt treibt, insbesondere in den Grossstädten, die Mieten derart in die Höhe, dass sie für zahllose Familien nicht mehr bezahlbar sind - allein in Moskau sehen sich innerhalb von vier Jahren drei Viertel der bisherigen Mieter gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen. Die medizinische Versorgung verschlechtert sich massiv5, immer mehr Medikamente sind so teuer, dass nur noch Reiche sie sich leisten können; innerhalb von drei Jahren, zwischen 1991 und 1994, nimmt die Anzahl tödlich verlaufender Tuberkuloseerkrankungen um 87 Prozent zu6; zwischen 1989 und 1995 geht die Lebenserwartung der Männer um fünf - von 63,3 auf 58,4 - und diejenige der Frauen um mehr als zwei Jahre - von 74,4 auf 72,1 - zurück, im gleichen Zeitraum sinkt die Geburtenrate um 30 Prozent7; die Gesamtbevölkerung Russlands nimmt innerhalb von 12 Jahren um fast 10 auf 142 Millionen Menschen ab.8 Alkoholismus, psychische Erkrankungen und Kriminalität nehmen in beängstigendem Ausmass zu, allein im Jahre 1993 werden landesweit 30‘000 Morde registriert, zweieinhalb mal mehr als 5 Jahre zuvor.9 Während auf der Liste der hundert Reichsten der Welt, die alljährlich im US-amerikanischen Magazin „Forbes" veröffentlicht wird, im Jahre 2002 bereits 17 Russen mit einem Privatvermögen von über einer Milliarde Dollar figurieren10 - 6 Jahre zuvor war es erst ein Einziger gewesen -, leben in St. Petersburg 16‘000 Kinder auf der Strasse, in der Region Leningrad an die 30‘000, in Moskau 50‘000, sie übernachten in Versorgungsschächten unter den Luxusboulevards der Stadt, in Kellern und auf Dachböden leer stehender Wohnhäuser; rund die Hälfte sind gezwungen sich zu prostituieren, die Jüngsten von ihnen sind noch keine sieben Jahre alt.11
DDR: Trügerische Illusion „blühender Landschaften"
Ähnlich dramatische Auswirkungen wie in Russland hat die „Transformation" vom Kommunismus zum Kapitalismus auch in den übrigen europäischen Ländern des ehemaligen „Ostblocks", so in der ehemaligen DDR:. Entgegen des Ende 1989 abgegebenen Versprechens des damaligen westdeutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl, durch die „Wiedervereinigung" der beiden deutschen Staaten würden sich die Gebiete des Ostens schon bald in „blühende Landschaften"12 verwandeln, ist die so genannte „Wiedervereinigung" in Tat und Wahrheit - um es mit den Worten des damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Lothar Späth, zu sagen - nichts anderes als die „bedingungslose wirtschaftliche Kapitulation"13 der vormaligen DDR. Die von der westdeutschen Regierung speziell hierfür beauftragte „Treuhandanstalt" verschachert innerhalb weniger Jahre fast den gesamten Staatsbesitz der ehemaligen DDR an die jeweils meistbietenden westdeutschen oder internationalen Konzerne, wobei all jene Betriebe, die keine neuen Käufer finden - rund 3200 - schlicht und einfach liquidiert werden und man dabei nicht einmal davor zurückschreckt, hierfür den nationalsozialistischen Begriff des „Abwickelns" zu verwenden.14 Die vormals staatlichen Handelsketten „HO" und „Konsum" gehen an die vier grossen bundesdeutschen Ketten Kaiser, Rewe, Edeka und Spar, welche, kaum sind sie im Besitz der Geschäfte, sogleich fast alle in der ehemaligen DDR hergestellten Produkte durch westliche Waren ersetzen, was die betroffenen ostdeutschen Produktionsbetriebe dazu zwingt, ihre Produkte zu Schleuderpreisen an westdeutsche Aufkäufer zu verramschen, welche diese Waren sodann in anderen europäischen Ländern zu dort üblichen Preisen auf den Markt bringen und damit ihrerseits Riesengewinne erzielen. Unter dem gnadenlosen, vom kapitalistischen Westen aufgezwungenen Rentabilitätsdruck werden auch die früheren kommunistischen Landwirtschaftsproduktionsgenossenschaften (LPG) einer eigentlichen Schocktherapie unterzogen, was zur Folge hat, dass die LPG ihren Bestand von 8-10 Arbeitskräften pro Hektare auf das bundesdeutsche Niveau von unter 4 hinunterfahren müssen - erneut gehen hunderttausende Arbeitsplätze verloren, während die noch Beschäftigten einem immer grösseren Arbeitsdruck ausgesetzt sind.15 Doch nicht nur die Industrie und die Landwirtschaft sind vom gnadenlosen kapitalistischen Kahlschlag betroffen. 600‘000 Staatsbeamte, durch die Auflösung der DDR „überflüssig" geworden, werden frühzeitig pensioniert; zehntausende von Lehrern und Lehrerinnen, von denen es in der früheren DDR, gemessen an westdeutschen Klassengrössen, 40‘000 „zu viele" gab, sind von Entlassung betroffen16; Kunsthochschulen, Theater- und Kulturhäuser, Musikschulen, Bibliotheken und fast die Hälfte sämtlicher Kinos und Jugendtreffpunkte werden geschlossen17, bloss deshalb, weil sie aus kapitalistischer Sicht „überflüssig" oder „zu teuer" sind; überdies werden die meisten der insgesamt 120 wissenschaftlichen Institute der ehemaligen DDR ersatzlos aufgelöst und dies, obwohl sogar der westdeutsche Wissenschaftsrat die Qualität der Mehrzahl dieser Institute als überaus hoch einstuft.18 So gehen, alles in allem, innerhalb von knapp sechs Jahren von ursprünglich 9 Millionen ostdeutschen Arbeitsplätzen deren 3 Millionen verloren19; nicht weniger als zwei Millionen Menschen sind gezwungen, aus jenen kaputten und leergefegten „Randregionen", denen - zynischer geht es nicht mehr - Helmut Kohl eben noch die „blühenden Landschaften" versprochen hatte, ihre frühere Heimat Richtung Westen zu verlassen, während bei den Zurückgebliebenen angesichts der fehlenden Zukunftsperspektiven innerhalb kurzer Zeit die Geburtenrate im Vergleich zu früheren Jahren so dramatisch zurückgeht, dass die internationale Presse gar von einem „ersten Gebärstreik der Menschheitsgeschichte" spricht.20
Polen: Die „nicht wiederholbare Chance, ein neues System einzuführen"
Ähnliche, teilweise noch verheerendere Auswirkungen zeitigt die kapitalistische „Transformation" in Polen. Anfangs Oktober 1989, kurz vor der Wende, schwelgt der damalige stellvertretende polnische Ministerpräsident Leszek Balcerowicz noch in den rosigsten Zukunftsträumen, Kohl, Reagan und Fukuyama nachbetend: „Wir haben die nicht wiederholbare Chance, ein neues System einzuführen, das sich auf der ganzen Welt als wirksam erwiesen hat und zu einer schrittweisen Verbesserung der Lebensbedingungen führt."21 Zwei Jahre später hat sich dieser Traum aber bloss für die 15 Prozent Reichsten, deren Einkommen markant zugenommen haben, erfüllt, während gleichzeitig die Realeinkommen der anderen 85 Prozent der Bevölkerung um rund die Hälfte gesunken sind, zwei Millionen ihren Arbeitsplatz verloren haben und schon an 50‘000 Menschen, die Hälfte davon Kinder, täglich Notmahlzeiten verteilt werden müssen, damit sie überhaupt überleben können.22 Dennoch wird auch in den folgenden Jahren das begonnene Liberalisierungsprogramm - Abschaffung sämtlicher Subventionen für „unrentable" Betriebe, freie Zulassung von Privatunternehmen auch mit ausländischem Kapital, Streichung fast aller staatlichen Beihilfen, Freigabe aller Preise, Einfrieren der Löhne - dermassen rigoros weitergeführt, dass ganze einst blühende Industriezweige innerhalb kürzester Zeit zerstört werden, die Arbeitslosigkeit in manchen Gebieten bis auf 60 Prozent ansteigt, die Landwirtschaft durch den Import massiv subventionierter Waren aus der EU ihre Existenzgrundlage weit gehend verloren hat und sich das Gesundheitssystem in einem derart katastrophalen Zustand befindet, dass infolge ungenügender Rettungs- und Notdienste, Personalmangels, fehlender Krankenhauskapazitäten und Notunterkünfte für Obdachlose bereits Jahr für Jahr Hunderte von Todesopfern zu beklagen sind.23
Ungarn, Tschechien, Slowakei: Immer mehr Menschen versinken in Armut
In Ungarn leben im Jahre 2000, zehn Jahre nach dem Beginn der „Transformation", rund 40 Prozent der Bevölkerung, vor allem Rentner und junge Leute, unter der Armutsgrenze, fast alle früheren Sozialleistungen wie Familienbeihilfen und Kindergelder sind abgebaut, zahlreiche ehemals öffentliche und unentgeltliche Dienstleistungen - unter anderem ein Viertel der gesamten Wasserversorgung - sind privatisiert, die einträglichsten Industriezweige und Märkte befinden sich allesamt in der Hand multinationaler Konzerne und immer mehr junge Frauen, die nach der Schule keine Arbeit finden, landen in der Prostitution.24
In Tschechien sind im Jahre 2000, nach zehn Jahren Kapitalismus, nur 29 Prozent der Bevölkerung der Meinung, die Lebensbedingungen seien vor der „Wende" schlechter gewesen.25 Besonders schlimm ist die Situation für die rund 300‘000 Roma, die aufgrund eines 1994 neu erlassenen Gesetzes die tschechische Staatsbürgerschaft verloren haben und daher auch von jeglichem Anspruch auf medizinische Betreuung, Schulbildung und Sozialhilfe ausgeschlossen sind. Die schon unter Hitler grausamst verfolgte Volksgruppe wird nun - zu 80 Prozent von Arbeitslosigkeit betroffen - wie überflüssiges Schlachtvieh zwischen der Tschechei und der Slowakei hin- und hergeschoben und ist dabei immer wieder Angriffen von Skinhead-Banden ausgesetzt, ohne dass dies in der mehr und mehr vom kapitalistischen Konkurrenz- und Überlebenskampf absorbierten Bevölkerung allzu grosse Empörung auslösen würde.26
„Zur Zeit des Kommunismus", ist in einem Uno-Bericht vom März 2001 zur Situation in der Slowakei zu lesen, „war Armut in diesem Land praktisch nicht existent. Man lebte zwar auf einem niedrigeren Niveau als im Westen, aber es reichte für alle. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Menschen, die unter die Armutsgrenze sanken, stetig gestiegen. Bereits leben 10 Prozent der Bevölkerung auf dem Niveau afrikanischer Drittweltstaaten."27
Rumänien, Bulgarien, Albanien: Selbsttötung aus schierer Verzweiflung
Auch die Berichte von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens nach der „Wende" von 1989 bilden ein einziges riesiges Schreckensszenario. Doch seltsamerweise löst keine einzige dieser Nachrichten irgendwo in Westeuropa auch nur annähernd eine so grosse Empörung aus wie dereinst die Berichte über die desolaten Verhältnisse in den staatlichen Kinderheimen aus der Zeit des kommunistischen Machthabers Nicolae Ceausescu vor 1989. So etwa wird 1994 berichtet, immer mehr verwahrloste, hungernde und bettelnde Kinder, viele von ihnen abhängig von Drogen oder Benzindämpfen, prägten das Strassenbild Bukarests.28 1997: Das reale durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist auf 70 Prozent des Standes von 1990 abgesunken.29 1998: Immer häufiger lassen Eltern ihre neu geborenen Kinder, für welche sie nicht mehr aufzukommen vermögen, in den Spitälern zurück.30 2001: Im westrumänischen Schiltal beträgt die Anzahl Arbeitsloser bereits 50 000, rund 7000 von ihnen sind völlig mittellos und täglich von Hunger geplagt, immer öfters kommt es zu Selbsttötungen aus schierer Verzweiflung.31
Nahtlos können an dieser Stelle ähnlich dramatische Berichte aus Bulgarien angefügt werden - aber auch diese Berichte aus einem nunmehr „befreiten" kapitalistischen Land werden nie auch nur ansatzweise jene politische Brisanz erreichen, welche den Schreckensberichten aus dem kommunistischen „Reich des Bösen" während der Zeit des Kalten Krieges eigen waren. 1990: Eben noch landwirtschaftliches Exportland, ist Bulgarien innerhalb kürzester Zeit nicht mehr in der Lage, die eigene Bevölkerung zu ernähren.32 1993: Der Konsum von Fleisch, Fisch und Milchprodukten ist innerhalb von zwei Jahren um rund die Hälfte gesunken.33 1996: Bereits gelten 80 Prozent der Bevölkerung als arm; innerhalb weniger Wochen sind die Brotpreise um 400 Prozent gestiegen; nur noch drei Prozent der Bevölkerung glauben, dass sich die Verhältnisse wieder zum Besseren ändern werden. 1997: Bulgarien befindet sich mittlerweile in Bezug auf seine Wirtschaftsleistung gemäss Weltbank auf dem Niveau von Papua-Neuguinea, Ecuador und der Dominikanischen Republik.34
In Albanien verlieren innerhalb weniger Jahre mindestens ein Drittel der Bevölkerung ihre gesamten Ersparnisse - weggeramscht von unzähligen gleich Pilzen aus dem Boden geschossenen Investmentgesellschaften, welche Renditen von bis zu 700 Prozent versprechen, um kurz darauf, entlarvt als simple Pyramiden- oder Schneeballsysteme, in denen ein paar wenige Schnelle sagenhaft reich werden und alle anderen leer ausgehen, so schnell wie sie aufgeschossen sind auch wieder in sich zusammenzubrechen.35
Lettland, Litauen: „Goldene Zeiten" - für wen?
Zunehmende soziale Polarisierung, explodierende Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Niedergang und eine allgemeine Verschlechterung von Gesundheit und Lebensbedingungen - dies sind nicht nur in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas die hervorstechenden Merkmale des Übergangs vom Kommunismus zum Kapitalismus, sondern gleichermassen auch in sämtlichen früheren Teilrepubliken der Sowjetunion, die zwischen 1990 und 1991 eine um die andere ihre staatliche „Unabhängigkeit" erlangen.
Lettland gilt 1995, fünf Jahre nach der Loslösung von der Sowjetunion, als ein Land, in dem für Unternehmer und Besucher aus dem Westen „goldene Zeiten" angebrochen sind, während die täglichen Gebrauchsgüter immer teurer werden und bereits 89 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.36
In Litauen leben 1998 ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze37, die meisten ehemals staatlichen Unternehmen befinden sich im Besitz multinationaler Konzerne; der im Namen der kapitalistischen Profitmaximierung ausgelöste, allerdings bloss einer kleinen Minderheit schneller Emporkömmlinge zu Gute kommende Wirtschaftsboom führt - nach Angaben der schwedischen Küstenwache - allein von 1993 auf 1994 zu einer um 50 Prozent höheren Verunreinigung der Ostsee durch Ölrückstände, welche laut Angaben von WWF in den beiden ersten Monaten des Jahres 1995 rund 25‘000 Seevögeln das Leben kosten38 - der angeblich so „umweltzerstörerische" Kommunismus wird auch in dieser Hinsicht vom Kapitalismus nur allzu schnell eingeholt und sogar noch übertroffen.
Ukraine, Moldawien, Armenien: Auf den untersten Rängen der „Weltrangliste" von Reichtum und Armut
In der Ukraine besitzen im Jahre 2001, zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die zwei reichsten Prozent der Bevölkerung mehr als 94 Prozent des nationalen Reichtums, 46 Prozent verdienen weniger als 2 Dollar pro Tag, die Industrieproduktion liegt 70 Prozent unter dem Niveau von 1991, die landwirtschaftliche Produktion hat sich gegenüber 1990 halbiert, über 1,5 Millionen Kinder leben auf der Strasse, die Lebenserwartung der Männer ist von 67 auf 58 Jahre gesunken und Krankheiten wie Tuberkulose, schwarze Pocken, Gelbsucht, Typhus und Cholera, alle zu Sowjetzeiten ausgerottet, treten immer häufiger wieder in Erscheinung.39
In Moldawien beträgt die Wirtschaftsleistung im Jahre 2001 noch knapp 40 Prozent derer von 1990, drei Viertel der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, innerhalb von sechs Jahren ist der Verbrauch von Fleisch um 57 Prozent, von Milch und Milchprodukten um 48 Prozent und von Zucker um 60 Prozent zurückgegangen und der ärmste Teil der Bevölkerung muss bereits bis zu 90 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgeben40; eine Million Menschen haben, aus existenziellen Gründen, das Land verlassen und arbeiten - grösstenteils „illegal" - in Italien, Portugal, anderen westeuropäischen Ländern, Zypern, Israel oder Südkorea.41
In Armenien leben - sieben Jahre nach der Entlassung in die kapitalistische „Freiheit" - 54 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, in Usbekistan sind es 70 Prozent, in Tadschikistan 80 Prozent.42 Auf der vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) aufgrund von durchschnittlichem Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung und Bildungsgrad im Juli 2003 ermittelten „Weltrangliste von Reichtum und Armut" figurieren Armenien, Usbekistan, Kirgisistan, Moldawien und Tadschikistan, die 15 Jahre zuvor alle noch zum wohlhabenderen Drittel sämtlicher Staaten gehört hatten, auf den Plätzen 100, 101, 102, 108 und 113 - letztere sogar hinter El Salvador, Vietnam, Indonesien und Südafrika.43
„Buchstäblich tödlicher Übergang zur Marktwirtschaft"
„Nach vorsichtigen Schätzungen", so ein Bericht des UN-Entwicklungs-programms (UNDP) vom August 1999, „sind in den ehemals kommunistischen Ländern Osteuropas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion durch die ‚Transformation' mehr als 100 Millionen Menschen in die Armut geworfen worden und 26 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Massenarmut war vor dem Übergang zur Marktwirtschaft unbekannt: Alle arbeitsfähigen Menschen hatten eine Arbeit und damit eine Unterhaltsquelle; ein ausgefeiltes System von Sozialleistungen stellte sicher, dass die Alten, die Kranken und die Behinderten von grösster Not geschützt waren." Der Zusammenbruch des staatlichen Gesundheitswesens habe, so der UNDP-Bericht, zum Wiederausbruch längst besiegter tödlicher Krankheiten geführt, die Anzahl von HIV-Infektionen habe in Osteuropa zwischen 1994 und 1997 um das Sechsfache, in einzelnen Regionen gar um das 70fache zugenommen und die Anzahl der Fälle von Syphilis sei in Russland von vier pro hunderttausend Einwohner im Jahre 1989 auf 172 im Jahre 1995 angestiegen. Alkoholismus und Drogenabhängigkeit hätten epidemische Ausmasse angenommen, die Selbstmordraten seien dramatisch gestiegen. „Der Übergang zur Marktwirtschaft", so das abschliessende Fazit des UNDP-Berichts vom August 1999, „war für Millionen von Menschen buchstäblich tödlich."44
Peter Sutter, 21.3.2008
1 Tages-Anzeiger, 5.10.1993
2 Wochenzeitung, 3.9.1998
3 Tages-Anzeiger, 30.3.1999
4 Südostschweiz, 25.4.2003
5 Tages-Anzeiger, 8.8.1995
6 World Socialist Website, 10.7.1999
7 Tages-Anzeiger, 22.5.1995
8 NZZ, 30.8.2003
9 Tages-Anzeiger, 4.9.1994
10 Forbes, US-amerikanisches Wirtschaftsmagazin, 1997
11 Tages-Anzeiger, 25.3.2002
12 Wochenzeitung 27.7.2000
13 Tages-Anzeiger, 13.2.1990
14 Tages-Anzeiger, 19.3.1991 & 19.12.1994; Wochenzeitung, 27.7.2000
15 Ostchweizer az, 6.12.1990
16 Südostschweiz, 23.7.1991
17 Tages-Anzeiger, 31.5.1991; Ostschweizer az, 17.9.1992
18 Tages-Anzeiger, 18.7.1991
19 Tages-Anzeiger, 14.8.1995
20 Südostschweiz, 14.11.1994
21 Tages-Anzeiger, 7.10.1989
22 Tages-Anzeiger, 5.11.1990 & 24.10.1991
23 Tages-Anzeiger, 13.1.2000
24 Tages-Anzeiger, 22.3.1995 & 9.11.1995; Unesco-Kurier 2/99; Fischer Weltalmanach 1999; Le monde diplomatique, April 2000
25 Wochenzeitung, 20.1.2000
26 Tages-Anzeiger, 27.9.1994 & 15.11.1999
27 Juliette Hage, Co-Autorin einer Länderstudie des Uno-Entwicklungsprogramms UNDP, in „Südostschweiz", 13.3.2001
28 Tages-Anzeiger, 17.12.1994
29 Fischer Weltalmanach 1997
30 Tages-Anzeiger, 24.12.1998
31 Tages-Anzeiger, 15.5.2001
32 Tages-Anzeiger, 25.10.1990
33 Tages-Anzeiger, 7.12.1993
34 Tages-Anzeiger, 14.1.1997
35 Tages-Anzeiger, 29.1.1997
36 Tages-Anzeiger, 10.3.1995
37 Fischer Weltalmanach 1999
38 Tages-Anzeiger, 8.8.1995
39 Andy Niklaus, 24.8.2001, World Socialist Website; Weltwoche 26.2.1998
40 Wochenzeitung, 7.6.2001
41 Nick Beams, 21.8.1999, World Socialist Website
42 Fischer Weltalmanach 1998
43 www.undp.org
44 UNDP-Bericht in World Socialist Website, Nick Beams, 21.8.1999; Unicef-Jahresbericht 2000