"Wir stellen keine Kopftücher ein"
„Wir stellen keine Kopftücher ein, sondern Menschen"
Dass nicht nur Herkunft, Nationalität oder Hautfarbe, sondern auch die Religionszugehörigkeit Anlass zum Grenzenziehen zwischen „Gut„ und „Böse", zu Stigmatisierung und Kriminalisierung sein kann, wissen wir spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York mehr als zur Genüge.
Eine Familie, der wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit der Einzug in eine bereits versprochene Wohnung nachträglich verweigert wird. Frauen, die in einem Reinigungsunternehmen keine Anstellung bekommen mit der einzigen Begründung, man sei nicht dazu da, „Kopftücher" einzustellen, sondern „Menschen".1 Inserate politischer Parteien, die mit dem Abbild eines zu einer Moschee umgewandelten Bundeshauses eine zukünftige Schweiz an die Wand malen, die gänzlich vom Islam beherrscht sein wird. Abstimmungsplakate, auf denen Minarette als todbringende Raketen und eine moslemische Frau in furchterregender schwarzer Verhüllung zu sehen sind, und dies, obwohl schweizweit allerhöchstens ein paar vereinzelte - notabene meist als Touristinnen hier anwesende - moslemische Frauen tatsächlich in solcher Kleidung anzutreffen sind. Eine auf der Frontseite eines unserer meistgelesenen Sonntagsblätter veröffentlichte Kolumne unter dem Titel „Der Schoss, aus dem das Ungeheuer kroch", geschrieben von einem der bekanntesten Schweizer Publizisten, in der dieser die Behauptung aufstellt, die „Ursachen des Islamismus und seines Terrors" seien „im Islam selbst zu finden."2
Einiges geht einem durch den Kopf, wenn man solche und ähnliche Geschichten und Beispiele zu hören bekommt...
Erstens: Wer hat denn all die Menschen mit dieser Religion und diesen Wertvorstellungen, die unser „christliches Abendland" angeblich existenziell zu gefährden drohen, hierher geholt? War das so etwas wie ein Feldzug, eine Eroberung, eine von langer Hand geplante Mission mit dem Ziel, uns eine fremde Religion aufzuzwingen? Waren es nicht vielmehr wir selber, die zum Aufbau einer boomenden Wirtschaft dringend auf fleissige und billige Arbeitskräfte angewiesen waren? Hätten wir von Türken, Bosniern und Kosovoalbanern verlangen sollen, dass sie ihre Religionszugehörigkeit zuhause lassen? Hätten wir nur Spaniern, Italienern und Portugiesen erlauben dürfen, ihre angestammte Religionszugehörigkeit zu behalten?
Zweitens: Haben wir - als Christen - auch nur den geringsten Grund, uns über „Expansionsgelüste" anderer Religionen auszulassen? Waren es nicht gerade die christlichen Herrscher und Machtträger, das Papsttum, die Kreuzritter, die Inquisitoren, die spanischen und portugiesischen Eroberer Mittel- und Südamerikas, die englischen, französischen und belgischen Kolonisten Nordamerikas und Afrikas, die - in ungleich viel höherem Ausmass - über Jahrhunderte hinweg ihre Religion, das Christentum, als einzig „wahre" Religion mit aller nur erdenklichen Brutalität über die ganze Erde auszubreiten versuchten? Und zu welchem Gott betete wohl George W. Bush, bevor er den Befehl zum Angriff auf den Irak erteilte? Ist etwa all das, was wir heute in den Islam hineininterpretieren, bloss eine Projektion und eine Wiederholung unserer eigenen Geschichte? Oder gar der Versuch, die von der eigenen Religion begangenen Verbrechen dadurch in ein etwas weniger schlimmes Licht zu rücken, indem man sich einzureden versucht, andere Religionen seien ja auch nicht viel besser oder sogar noch schlimmer?
Den Feind aufbauen, den man sich herbeiwünscht
Drittens: Ist es nicht so, dass gerade dadurch, dass dem von einer weltweit winzigen Minderheit von Muslimen verkörperten Extremen, Gewalttätigen, Fanatischen so viel Beachtung geschenkt wird, diesem erst recht Auftrieb gegeben wird? Wissen wir nicht längst, dass Gewalt nichts anderes schürt als Gegengewalt, Hass und Feindbilder zu nichts anderem führen als zu noch mehr Hass und noch mehr Feindbildern? Hat nicht der Krieg gegen den Terror diesen erst recht entfacht? Wem, wenn nicht den Extremisten auf beiden Seiten gegenseitiger Missverständnisse, nützt es, wenn akribisch die schlimmsten und blutrünstigsten Stellen aus dem Koran herausgepickt werden, um daraus die angebliche „Gefährlichkeit" dieser Religion abzuleiten und dabei geflissentlich über all jene Stellen hinwegzusehen, die auch in unseren heiligen Schriften von Blut, Rache und Totschlag erzählen? Wäre es im Sinne einer gemeinsamen friedlichen Zukunft nicht tausendfach gescheiter, unser Augenmerk auf die gemeinsamen Kernaussagen der Liebe, der Weisheit, der Gerechtigkeit und des Zusammenlebens zu richten? Sollen Religionen dazu dienen, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, oder könnten sie nicht auch Brücken bilden zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen und Sprachen? Was für eine Alternative gäbe es denn sonst? Wollen wir allen Ernstes daran denken, sämtliche in der Schweiz lebenden Muslime entweder zwanghaft zu christianisieren oder aber zum Teufel zu jagen oder keinen einzigen weiteren mehr in unser Land hereinzulassen? Könnte das Miteinander unterschiedlicher Religionen im gleichen Land nicht auch eine Chance gegenseitigen Lernens und gemeinsamer Weiterentwicklung sein?
Viertens: Woher nehmen wir diese Selbstverständlichkeit, bei jedem Verbrechen, bei jedem Selbstmordattentat, bei jedem Terroranschlag, der von Muslimen begangen wird, sogleich zu fordern, dass sich weltweit alle übrigen Muslime davon distanzieren müssten? Nähren wir damit nicht immer wieder aufs Neue dieses Hirngespinst, alle Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft steckten unter einer Decke, seien Komplizen in einem gemeinsamen Kampf und würden sich - durch den Verzicht auf eine öffentliche Distanznahme - automatisch stillschweigend mit den begangenen Verbrechen einverstanden erklären? Käme es etwa dem Papst oder anderen offiziellen christlichen Würdeträgern bzw. sich als „christlich" bezeichnenden Politikern oder Regierungschefs in den Sinn, sich bei jedem Verbrechen, das irgendwo auf der Welt von Christen begangen wird, öffentlich von diesen Tätern zu distanzieren?
Fünftens: Hat nicht auch die Sprache, derer wir uns bedienen, eine ganz zentrale Wirkung auf das Denken? Weshalb gibt es, sozusagen als Verbindungsstück zwischen dem „Islam" und dem „Terror", diesen Begriff des „Islamisten"? Wer hat ihn erfunden und zu welchem Zweck? Weckt er nicht bei jedem, der ihn liest und hört, immer wieder den Anschein, dass jeder Angehörige des Islam möglicherweise auch ein Islamist und daher ein verkappter Terrorist sein könnte? Weshalb gibt es zwischen dem Wort „Christ" und dem Wort „Terror" kein ähnliches Verbindungsstück, das uns zum Beispiel in Erinnerung rufen könnte, dass sowohl George W. Bush wie auch Tony Blair und Silvio Berlusconi nach dem 11. September 2001, in Bezug auf die Kriege gegen Afghanistan und den Irak, mehr als einmal von notwendigen und unerlässlichen, ja gerade „heiligen" Kreuzzügen des „Guten" gegen das „Böse" sprachen?
Sechstens: Inwieweit sind die Bilder und Vorstellungen vom Islam in unseren Köpfen nicht vor allem auch das Produkt der Massenmedien, insbesondere des Fernsehens, wenn bloss ein einzelner Bombenleger oder Selbstmordattentäter genügt, um ein bestimmtes Land für Tage oder Wochen in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit zu rücken, während Abermillionen muslimischer Kinder, Frauen und Männer von den Philippinen über Bangla Desh und Jordanien bis Marokko Tag für Tag friedlich ihren Geschäften, ihren Vergnügungen und ihrer Arbeit nachgehen, Feste feiern, füreinander sorgen und sich lieben, ohne dass wir das Geringste davon zu sehen und zu hören bekommen?
Siebtens: Wie ist es möglich, dass in einer Zeit, da mehr Menschen denn je zu jeder Tages- und Nachtzeit Zugang zu jeglichen Informationen haben, die sie sich nur wünschen können, so elementare Lügen zu Wahrheiten werden können wie jene, das Christentum würde in jedem islamischen Land aufs brutalste unterdrückt, ja es gäbe sogar Länder, wo man jeden, der sich zum Christentum bekenne, an die Wand stelle und abknalle? Während es doch unzählige Beispiele religiöser Toleranz aus den Ländern der islamischen Welt gibt, von Syrien über Ägypten bis zum Irak - paradoxerweise allerdings nur so lange, als dort ein gewisser Saddam Hussein an der Macht war - und bis zu Sarajewo, der Hauptstadt des heutigen Bosnien-Herzegowina, das bis zum Ausbruch des Jugoslawienkriegs 1992 als eigentliches Symbol für das friedliche Zusammenleben von Christen und Moslems galt...
Peter Sutter, 1.5.2010
1 www.newlandsolution.ch
2 Frank A. Meyer im Sonntagsblick, 5.9.2004