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Schule aktuell

September 2006: In ihrem Buch "No Child Left Different" (Praeger Verlag 2006) stellen die Autor/innen - Kinderärzte, Psychiaterinnen, Psychologen - beunruhigt fest, dass die schulischen Normen immer enger gefasst würden, dass also eine immer grössere Anzahl von Kindern als behandlungswürdig "anders" gälten. Die Heldinnen und Helden der Kinderbuchklassiker wie Pippi Langstrumpf oder Huckleberry Finn würden heute wohl zweifellos auf Medikamente gesetzt. Besonders krass sei dieser Trend bei den Diagnosen "Depression" und "Aufmerksamkeitsstörung". Immer mehr "depressive" Kinder erhielten Medikamente, deren Wirkung auf das kindliche Gehirn noch weitgehend unerforscht sei. Die Verschreibung von Ritalin gegen "Hyperaktivität" und "Aufmerksamkeitsstörung" - alles andere als eindeutig definierbare Krankheiten - habe in den neunziger Jahren um über 700 Prozent, die von Amphetaminen gar um 2000 Prozent zugenommen. Gleichzeitig würde "schwierigen" Kindern immer weniger Freiraum gegeben und sie würden in immer grösserem Ausmass mit Mediengewalt und Werbung überschwemmt. Die Autor/innen des Buches üben massive Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Kinder mit Medikamenten ruhig stellt, um nichts an ihrer mörderischen Leistungs- und Konsumlogik ändern zu müssen.

Quelle: Wochenzeitung, 21.9.2006

März 2006: Gemäss neuem Disziplinarreglement für die Zürcher Berufsschulen können diese für "unflätiges Benehmen" von Schülerinnen und Schülern eine Geldstrafe von bis zu 200 Franken verlangen. Im Wiederholungsfall kann die Strafe sogar noch erhöht werden, zudem haben Schulen die Möglichkeit, besonders "renitente" Schülerinnen oder Schüler in eine andere Schule zu versetzen oder gar deren Lehrvertrag aufzulösen. Die "Vergehen", die solche Folgen haben können, sind im Reglement wie folgt definiert: "Störung des Unterrichts, Beeinträchtigung des Schulbetriebs, Verunglimpfung von Lehrpersonen". Disziplinierung pur. Was sich im Einzelfall dann etwa so auswirkt wie bei Schülerin M.: Diese hat, wie sie selber zugibt, "etwas viel geschwatzt", und zwar nicht nur bei einem, sondern gleich bei mehreren Lehrern. Nach zwei gelben Karten wurde ihr schliesslich die rote Karte gezeigt und es kam zum schriftlichen Verweis - mit der entsprechenden Kostenfolge. "Andere schwatzen mindestens so viel wie ich", ärgert sich M., "haben aber noch keine Karte bekommen, man ist den Launen des Lehrers und seinen persönlichen Sympathien ausgesetzt." Ob sie gegen den Entscheid rekurrieren wird, weiss sie noch nicht: Rekurrieren ist riskant. Wird der Rekurs abgewiesen, müssen die Jugendlichen weitere Verwaltungsgebühren in mindestens gleicher Höhe in Kauf nehmen. "Das wirkt", stellt Christian Beck, Prorektor am KV Winterthur, fest und ist wie viele andere Lehr- und Schulleitungspersonen froh darüber, dass die "unerfreulichen Vorfälle" im Unterricht massiv zurückgegangen seien. (Ist in unseren Schulen tatsächlich jegliches pädagogisches und lernpsychologisches Know-how schon so weit verloren gegangen, dass niemand mehr auf die Idee kommt, "schwatzhafte" Jugendliche könnten auch ein Hinweis sein auf eine Unterrichtsart, der es nicht gelingt, diese jungen Menschen mit ihren unterschiedlichen Charakteren, Interessen und Begabungen so sinnvoll und selbstbestimmt in Lernprozesse einzubeziehen, dass "Störungen" derselben ganz von selber verschwinden würden? Repression als einfachste und "wirkungsvollste" Art von Symptombekämpfung jener so genannten "Störungen", um deren Ursachen sich dann garantiert niemand mehr kümmern muss...)

Quelle: Tages-Anzeiger, 30.3.2006

Juni 2005. Allein im Kanton Zürich wurden im Schuljahr 2003/04 über 120 Oberstufenschüler und -schülerinnen vorübergehend oder definitiv aus der Schule ausgeschlossen. Überdurchschnittlich betroffen: Ausländische Schülerinnen und Schüler sowie solche aus schulisch tiefen Niveaus und Kleinklassen. Gründe für den Ausschluss: "Schuleschwänzen", "schlechtes Benehmen", "Konflikte mit Lehrern oder Mitschülern", "chronische Übermüdung" und "Drogenprobleme". In etwa einem Fünftel der Fälle sorgten die Schulen nicht für ein Ersatzprogramm... (Was nichts anderes heisst, als dass ausgerechnet jene Jugendlichen, die auf eine möglichst ganzheitliche Betreuung und Unterstützung in besonders hohem Masse angewiesen gewesen wären, davon ausgeschlossen wurden.)

Quelle: Tages-Anzeiger, 11.6.2005