Eine kapitalistische Welt
Profite auf Kosten von Elend, Armut und Hunger
Braindrain - die Abwanderung von Fachkräften aus den armen in die reichen Länder
Privatisierung öffentlicher Dienste
Tödliches Showbusiness: Bis sie tot von der Bühne fallen...
Erziehung zum Kapitalismus mit der Muttermilch...
Kommentare in kursiver Schrift von Peter Sutter, Autor dieser Website.
Die Güter fliessen nicht dorthin, wo die Menschen sie brauchen, sondern dorthin, wo es genug Menschen gibt, die sie sich kaufen können
April 2008: Die weltweite dramatische Verteuerung von Grundnahrungsmitteln wie Reis und Weizen bedroht nach Einschätzung der Weltbank gegen 40 Länder. Verantwortlich für die Verteuerung und für die Lebensmittelverknappung sind gemäss Entwicklungshilfeorganisation Oxfam in erster Linie die reichen Länder, weil sie ihre Hilfskredite an die ärmsten Länder gekürzt und zugleich den Anbau von Nahrungsmitteln zum Zweck der Agrartreibstoff-Produktion gefördert haben. So müssen die ärmsten Menschen in Afrika heute bereits 50 bis 75 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Die Preise dafür sind innerhalb eines Jahres um 57 Prozent gestiegen. Für die Tankfüllung eines grossen Geländewagens mit 100 Litern Ethanol-Treibstoff müssen 240 Kilo Mais angebaut werden - eine Menge, von der sich ein Mensch ein ganzes Jahr lang ernähren könnte. "Während sich viele in Europa und den USA um einen sollen Tank sorgen", so der amerikanische Weltbank-Direktor Robert Zoellick, "kämpfen andere im Rest der Welt darum, ihre Mägen zu füllen. Und mit jedem Tag wird das noch schwieriger." (Tages-Anzeiger, 14.4.2008)
Profite auf Kosten von Elend, Armut und Hunger
An den Börsen wird immer mehr mit Rohwaren spekuliert. Gleichzeitig steigen die Preise für Getreide, Öl und Metalle auf Rekordhöhen... Das Spekulieren mit Rohwaren wird in den reichen Industrieländern zum Volkssport. Grossflächige Inserate von Anbietern wie der Bank Vontobel, Goldman Sachs oder EFG finden sich auch in Schweizer Zeitungen. Das Volumen der sogenannten Commodity Exchange Traded Products - ein Sammelbegriff für handelbare Anlagevehikel auf Rohwaren - ist in nur sechs Jahren von null auf 163 Milliarden Dollar geklettert. Zwischen 2003 und 2008 ist die in Rohwarenfonds investierte Summe von 15 Milliarden auf über 250 Milliarden US-Dollar gestiegen. Das Geschäft lohnt sich: In den letzten Monaten sind fast alle Preise für Rohwaren massiv gestiegen. Besonders fatal ist das bei den Lebensmitteln. Der Nahrungsmittelindex der FAO ist allein von Januar auf Februar 2012 um 2,2 Prozent angestiegen und steht jetzt so hoch wie noch nie seit Beginn der Messungen 1990. Matthias Staehelin, der für Swissmill Rohwaren einkauft, sieht unter anderem folgende Faktoren, die die Preise hochtreiben: Zum einen werde immer mehr Anbaufläche für die Produktion von Ethanol verwendet. Zudem fliesse sehr viel Geld von institutionellen Anlegern in die Nahrungsmittelbranche: "Rohstoffe liegen im Trend." ... Ein typisches Beispiel, wie sich Spekulation auf die Preise auswirkt: Im Juli 2010 kaute das Handelsunternehmen Armajaro für eine Milliarde Dollar Kakao, sieben Prozent der Weltjahresernte. Statt den Kakao unverzüglich weiterzuverkaufen, lagerte ihn Armajaro ein und wartete die weitere Preisentwicklung ab. Ähnlich machte es im Dezember 2010 die US-Investmentbank JP Morgan. Sie kaufte an der Londoner Rohwarenbörse für rund eine Milliarde Kupfer, was in London zu einem sofortigen Preisanstieg von 7,2 Prozent und in New York zu 8,1 Prozent führte. Immer mehr Banken und Hedgefonds steigen direkt in den physischen Handel mit Rohwaren ein, kaufen Lagerhäuser, Tankschiffe und Kraftwerke und verfügen so über die Möglichkeit, Rohwaren auch zu horten. Für Olivier de Schutter, Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, hat die Finanzspekulation eindeutig preistreibende Wirkung: Teurere Grundnahrungsmittel würden den weltweiten Hunger nur weiter verstärken. De Schutter fordert, dass reine Finanzspekulanten aus dem Handel mit Lebensmittel ausgeschlossen werden müssten. (Wochenzeitung, 10.3.2011)
Braindrain - die Abwanderung von Fachkräften aus den armen in die reichen Länder
Die Abwanderung von medizinischen Fachkräften bewirkt, dass viele Entwicklungsländer auch in Zukunft kein eigenes Gesundheitssystem entwickeln können - und gefährdet weltweit die Grundversorgung von Milliarden Menschen... über ein Siebtel der Weltbevölkerung hat keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Grundversorgung... Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO herrscht derzeit in 57 Staaten - davon in 36 afrikanischen Ländern südlich der Sahara - ein kritischer Unterbestand... Ein wesentlicher Grund dafür ist die seit Jahren konstante Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte in Länder mit besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen. Hinzu kommt, dass Spitäler in westlichen Staaten seit einigen Jahren gezielt in Entwicklungsländern Fachkräfte rekrutieren, durch Stellenausschreibungen auf weltweit zugänglichen Websites, durch lokale Rekrutierungsbüros oder gar durch bilaterale staatliche Abkommen. So rekrutieren zum Beispiel niederländische Krankenhäuser in Indien Pflegepersonal. Und Japan hat mit den Philippinen ein entsprechendes Abkommen getroffen... Dadurch - indem sie Personal ausbilden, das anschliessend auswandert - finanzieren die Entwicklungsländer sogar die Gesundheitssysteme der reicheren Länder, die es ihrerseits versäumt haben, genug Fachpersonal auszubilden, oder die ihrerseits von "Braindrain" betroffen sind: So verliert Grossbritannien sein Personal an die USA und rekrutiert in seinen ehemaligen Kolonien; die Schweiz rekrutiert in Deutschland, Deutschland in den früheren Ostblockstaaten und diese wiederum in Asien - ein Dominoeffekt, eine neue Form von Kolonialismus. (Wochenzeitung, 16.6.2011)
Privatisierung öffentlicher Dienste
Um das Staatsdefizit zu senken, setzt die britische Regierung auf Marktstrukturen, auf Auslagerung und Privatisierung - auch im Gesundheitssystem. Nicht nur Medizinnerinnen und Mediziner befürchten die Abschaffung einer der besten Errungenschaften des britischen Sozialstaats... Private Unternehmen sollen am Gesundheitssystem des Landes, dem National Health Service (NHS), stärker beteiligt werden. Staatliche und private Anbieter von Behandlungen, Medikamenten oder medizinischem Gerät sollen gleichgestellt werden. Das Ziel des Entwurfs ist es, durch konkurrierende Anbieter von Gesundheitsleistungen nicht nur die Effizienz zu steigern, sondern vor allem Kosten zu senken... Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen befürchtet der Londoner Arzt Jonathan Tomlinson, eine Zersplitterung des Systems. Spezialisierte private Praxen und Krankenhäuser würden sich die einfachsten Patientinnen und Patienten zur Behandlung aussuchen, während die staatlichen Einrichtungen weiterhin die schwierigen und daher teuren Fälle betreuen müssten. "Bisher konnten die staatlichen Krankenhäuser Gelder intern zwischen den verschiedenen Abteilungen umverteilen", sagt Tomlinson, "aber wenn Privatfirmen ihnen die lukrativsten Behandlungen abnehmen, geht das nicht mehr." Es sei absehbar, dass viele Krankenhäuser deshalb schliessen müssten. Tomlinson glaubt nicht, dass die britische Öffentlichkeit bereits begriffen hat, dass bei der geplanten Reform die "integrierte und umfassende Gesundheitsversorgung für das ganze Land" auf dem Spiel steht. (Wochenzeitung, 16.6.2011)
Die Folgen des kapitalistischen Wachstumszwangs, die Klimaerwärmung, eine Selbstzerstörungslogik wider alle Vernunft...
US-Wissenschaftler haben berechnet, dass infolge der von steigenden Temperaturen und zunehmender Austrockung der Böden verursachten Verringerung der weltweiten Ernteerträge gegen Ende des Jahrhunderts die Hälfte der Erdbevölkerung von Hungersnöten bedroht sein könnte. (Tages-Anzeiger, 9.1.2009)
Weltweite Flüchtlings- und Migrationsströme: Je schlimmer der Kapitalismus wütet, umso drohendere Ausmasse nehmen sie an
März 2005. Ein besonders krasses Beispiel der Instrumentalisierung und Entwürdigung von Flüchtlingen: Australien erwägt die Entlassung von rund 30 abgewiesenen irakischen und iranischen Asylsuchenden aus Internierungslagern. Begründet wird die vorgesehene Freilassung damit, dass diese Flüchtlinge inzwischen zum Christentum konvertiert seien. (Tages-Anzeiger, 22.3.2005) Und da behaupte noch jemand, der Islam hätte den Krieg der Religionen entfacht! P.S.
Vier von fünf Flüchtlingen weltweit leben in Entwicklungsländern. Im letzten Jahr lebten am meisten Flüchtlinge in Syrien, im Iran und in Pakistan - jeweils zwischen ein bis zwei Millionen Menschen. Etwa 43,7 Millionen Menschen waren 2010 insgesamt auf der Flucht. (Südotschweiz, 21.6.2011) Und bei uns in der Schweiz geht nur schon ein Riesengeschrei los, wenn ein paar hundert weitere Flüchtlinge Asyl beantragen)
Der Krieg gegen den "Terror" und das "Ende des Rechtsstaats", Kapitalismus als Diktatur in anderer Form
Bildlegende: Eine Teilnehmerin der
Demonstration "Occupy Wall Street" vom 2. Oktober 2011 in New York wird von der
Polizei festgenommen. (Tages-Anzeiger. 3.10.2011)
Februar 2006. Wie sehr der Krieg gegen den "Terrorismus" - was immer man darunter versteht und wer immer das aufgrund welcher Kriterien auch immer definiert - bisher allgemein anerkannte Grundprinzipien westlich-demokratischer Rechtsstaatlichkeit auszuhöhlen beginnt, führt Jean-Claude Paye in seinem im Rotpunkt-Verlag erschienenen Buch "Das Ende des Rechtsstaats - Demokratie im Ausnahmezustand" aus. Auf diese Weise, so Paye, werde der Kriminalisierung politischer oder sozialer Bewegungen Tür und Tor geöffnet. Denn unter dem Deckmantel der "Terrorismusbekämpfung" würden die Kontrollmöglichkeiten der Polizei - auf Kosten der Justiz - in Bezug auf Internet-, E-Mail- und biometrische Überwachung laufend erweitert. (Wochenzeitung, 16.2.2006)
Tödliches Showbusiness: Bis sie tot von der Bühne fallen...
21.11.2009: Daul
Kim, 20jähriges koreanisches Topmodel, dem eine
internationale Traumkarriere vorausgesagt wurde, hat sich in ihrer Pariser
Wohnung erhängt. Gemäss südkoreanischen Blogs soll Kim dem
Druck der Modewelt nicht standgehalten haben. In ihrem eigenen
Blog schrieb sie am 30. Oktober, sie sei deprimiert und
überarbeitet, sie fühle sich wie ein Geist.
(Tages-Anzeiger, 21.11.2009) Models, Pop- und Filmstars im zunehmend
globalisierten Showbusiness von heute teilen das Schicksal mit den Arbeiterinnen
und Arbeitern in den kapitalistischen Fabriken und auf den kapitalistischen
Plantagen: Ausbeutung ihrer ökonomischen "Verwertbarkeit" bis zum
Äussersten - wenn man sie nicht mehr braucht, wirft man sie fort wie leere
Bierdosen.... P.S.
Im Januar 2010 muss Lady Gaga mehrere Shows infolge von Erschöpfungszuständen absagen. Eines ihrer Konzerte überlebt sie mehr tot als lebendig: Dreimal kurz vor einer Ohnmacht, vermag sie sich gerade noch rechtzeitig hinzulegen und auf dem Boden liegend weiterzusingen, denn sie würde "lieber auf der Bühne sterben als diese wegen eines Schwächeanfalls verlassen". Kein Wunder, sind ihre Kräfte am Ende: In nur zehn Monaten hat sie auf ihrer aktuellen Welttournee - nebst tausenden anderen Verpflichtungen rund um die Uhr - nicht weniger als 100 Shows zu bewältigen, in denen jedes Mal das Letzte von ihr abverlangt wird. (www.celebrity-ch.de, 25.3.2010) Die Stars des internationalen Showbusiness, je populärer, umso härter die Daumenschrauben, die man ihnen anlegt, um auch noch das Äusserste an Profit aus ihnen herauszuschinden. Bis sie buchstäblich tot von der Bühne fallen... P.S.
Erziehung zum Kapitalismus mit der Muttermilch...
April 2005: In Wannado City, einem Vergnügungspark in Florida,
können Kids, indem sie Manager, Ärzte und Banker spielen, den
kapitalistischen Berufsalltag live erleben...
In Wannado City tun schon Fünfjährige, als seien sie Grosse. Sie haben
Sparbücher und legen ihren Zahltag auf ein zinstragendes Konto der State
Farm Bank. "Geld", sagt der Park-Erfinder Luis Javier
Laresgoiti, "ist der Treibstoff, der alles bewegt."
Aren wählt seine Jobs mit einem Auge auf den Kontostand aus. Bei zwei
offenen Stellen wählt er jene, die mehr einbringt - zur Freude seiner
Mutter: "Kinder haben hier die Möglichkeit, das reale Leben zu testen.. So
begreift Aren den Wert des Geldes."
Wannado City ist die erste von zehn Kinderstädten, die in den USA realisiert
werden sollen.
Die Sponsoren, wie etwa Coca-Cola, erhalten spezielle Kommunikationskanäle
zu den Kindern. Begründet wird das von Laresgoiti so: "Je echter ein
Rollenspiel, desto grösser fällt der Lerneffekt aus. Echte Marken
gehören eben dazu." (Cash, 14.4.2005)
Januar 2006: Kostenlose Kurse für die Kinder von
Millionären bietet neuerdings eine belgische Bank an. Wer
mindestens eine Million Euro bei dem Kreditinstitut angelegt hat, kann seinen
Nachwuchs zu dieser Ausbildung schicken.
Bereits im Grundschulalter werden die Millionäre in spe dazu angehalten,
"Freunde im gleichen Milieu" zu finden. Im Alter von 12 bis 18
folgen dann Anlagespiele und Unternehmertests... (Tages-Anzeiger, 5.1.2006)
Weltweite Klassengesellschaft
Luxusgüter wie teure Uhren, Lederwaren und hochwertiger Schmuck werden dieses Jahr gefragt sein wie nie zuvor. Der weltweite Markt wird 2011 um 8 Prozent auf 185 Milliarden Euro wachsen. Vor allem in Schwellenländern wie China, Russland oder Brasilien gönnen sich die Leute immer mehr Luxus. (aus einer Studie der Unternehmungsberatung Bain, zitiert im Tages-Anzeiger vom 16.6.2011)
James Verone, 59, US-Bürger in North Carolina, wurde vor drei Jahren von seinem damaligen Arbeitgeber Coca-Cola auf die Strasse gestellt und ist seither ohne Job. Verone leidet unter zwei kaputten Bandscheiben, Problemen am linken Fuss und einem Geschwür in der Brust. Doch Chancen auf Heilung gibt es nicht: Verone gehört zu den 46 Millionen Amerikanern, die immer noch keine Krankenversicherung haben. Als die Schmerzen unerträglich geworden sind, beschliesst Verone, eine Bank zu überfallen. Denn im Gegensatz zu Verone und seinen 46 Millionen Leidensgenossen haben Häftlinge kostenlose medizinische Versorgung. "Das ist ein Banküberfall", hat er auf das Schild geschrieben, mit dem er seinen "Banküberfall" begeht, und: "Bitte geben Sie mir nur einen Dollar." Das war keine gute Idee - Verone wird nicht wegen Bankraubs, sondern nur wegen Diebstahls verurteilt, das reicht statt für drei Jahre nur für drei Monate. Dann muss sich Verone wieder etwas Neues einfallen lassen. (Südostschweiz, 25.6.2011)