Summerhill - aktueller denn je
Summerhill - aktueller denn je
Alexander Sutherland Neill wurde
am 17. Oktober 1883 in Schottland geboren. Neill arbeitete zunächst als
Lehrer an staatlichen Schulen. Seine Erfahrungen mit dem repressiven
Dressursystem der öffentlichen Erziehungsanstalten wurden der
Kontrasthintergrund für Neills revolutionäre Pädagogik. 1921
gründete er die berühmt gewordene Internatsschule von Summerhill.
Neills erzieherisches Prinzip: dem Kind bei seiner Entwicklung jede nur
mögliche Freiheit zu lassen, die Autorität der Erwachsenen zum
Verschwinden zu bringen und Vertrauen zur Grundlage der zwischenmenschlichen
Beziehungen zu machen.
In einer Zeit der Wiederherstellung autoritärer Erziehungstheorien, in denen alles, was nur im Entferntesten mit "antiautoritär" in Verbindung gebracht werden könnte, ins "Reich des Bösen" verbannt zu werden droht, kann es nicht schaden, wieder mal einen Blick zu werfen auf Summerhill und die Vision der so genannten "antiautoritären" Erziehung. Um, erstens, festzustellen, wie undifferenziert sich die Kritik daran heute grösstenteils gebärdet. Und um, zweitens, festzustellen, wie aktuell, zukunftsweisend und geradezu "gefährlich" für das herrschende kapitalistische Machtsystem diese Visionen im Grunde waren und bleiben...
Originalauszüge aus A. S. Neill, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung - das Beispiel Summerhill
Welches ist die Aufgabe der Psychologie? Ich schlage vor: zu heilen...
Kein Lehrer hat das Recht, einem Kind das Trommeln abzugewöhnen. Heilung des unglücklichen Menschen ist die einzige Heilung, die erlaubt ist...
Das Gleiche gilt für den schwierigen Erwachsenen. Ein glücklicher Mensch hat sich noch nie zum Störenfried hergegeben, Krieg gepredigt oder einen Schwarzen gelyncht. Eine glückliche Frau nörgelt nicht an ihrem Mann oder ihren Kindern herum. Kein glücklicher Mann hat jemals einen Mord oder einen Diebstahl begangen. Ein glücklicher Chef terrorisiert seine Angestellten nicht...
Lernen in der Schule Summerhill
Unser Grundgedanke: die Schule kindergeeignet zu machen - nicht die Kinder schulgeeignet...
... den festen Glauben, dass das Kind kein schlechtes, sondern ein gutes Wesen ist. In den fast vierzig Jahren unserer Arbeit sind wir in diesem Glauben nie wankend geworden...
... dass der Unterricht an sich keine grosse Rolle spielt. Ob eine Schule eine besondere Methode hat, Kindern die ungekürzte Division beizubringen, ist völlig unwichtig, weil die ungekürzte Division - ausser für die, die sie lernen wollen - selber ganz unwichtig ist. Ein Kind, das sie lernen will, lernt sie jedenfalls - gleichgültig, nach welcher Methode sie gelehrt wird.
Hass erzeugt Hass, und Liebe erzeugt Liebe...
Ich bin für die Kinder keine Obrigkeit, vor der man Angst haben muss. Ich stehe auf gleicher Stufe mit ihnen...
Daseinszweck des Kindes ist es, sein eigenes Leben zu leben - nicht das Leben, das es nach Ansicht der besorgten Eltern führen sollte oder das den Absichten des Erziehers entspricht...
Man kann Kinder nicht dazu zwingen, ein Instrument zu spielen oder etwas zu lernen, ohne sie damit in einem gewissen Ausmass zu willenlosen Erwachsenen zu machen...
Freiheit bedeutet in Summerhill jedoch nicht die Abschaffung des gesunden Menschenverstandes. Schüler unter elf dürfen nicht allein auf öffentlichen Strassen radfahren...
... besteht das Ziel des Lebens darin, glücklich zu werden, das heisst Interesse zu finden...
Wie Erwachsene lernen auch Kinder, was sie lernen wollen. Prüfungen, Zensuren und Preise behindern nur die Persönlichkeitsentwicklung...
Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass Kinder keine therapeutische Behandlung benötigen, wenn sie ihre Komplexe in Freiheit abreagieren können...
Der Gerechtigkeitssinn von Kindern setzt mich immer wieder von neuem in Erstaunen...
Künstliche Leibesübungen gibt es in Summerhill nicht. Die Kinder finden ausreichend körperliche Betätigung beim Spiel, beim Schwimmen, beim Tanzen und beim Radfahren. Ich bezweifle, dass freie Kinder zu einer Turnstunde gehen würden...
Die Zukunft Summerhills selbst mag von geringer Bedeutung sein. Doch die Zukunft der Summerhill-Idee ist für die Menschheit sehr wichtig. Neue Generationen müssen die Chance erhalten, in Freiheit aufzuwachsen. Wer Freiheit schenkt, gibt Liebe. Und nur Liebe kann die Welt retten...
Das Kind versucht alles einmal. Auf diese Weise lernt es. Wir sagen nie einem Kind, es müsse die angefangene Arbeit zu Ende führen. Wenn es das Interesse daran verloren hat, darf man es nicht zum Weitermachen drängen...
Schwänzen beweist nur, dass die Schule langweilig ist. Wenn Sie können, schicken Sie Ihr Kind auf eine andere Schule, in der es mehr schöpferische Tätigkeit, mehr Freiheit, mehr Liebe gibt...
Kindern Hausaufgaben zu stellen ist ein schändlicher Brauch. Kinder hassen Hausaufgaben, das allein reicht aus, gegen Hausaufgaben zu sein...
Kindererziehung
Unfreie Erziehung führt zu einem Leben, das nicht voll gelebt werden kann. Eine solche Erziehung ignoriert fast völlig die Emotionen des Lebens. Und da diese Emotionen dynamisch sind, muss der Mangel an Möglichkeiten, sie auszudrücken, zu Unbehagen, Garstigkeit und Gehässigkeit führen. Nur der Kopf ist erzogen...
Dass den Kindern die Vorstellungen und Werte der Erwachsenen aufgezwungen werden, das ist eine schwere Sünde gegen die Kindheit...
Es ist falsch, irgend etwas durch Autorität zu erzwingen. Das Kind sollte etwas so lange nicht tun, bis es selbst überzeugt ist, dass es das tun sollte...
Allen Eltern und Lehrern muss es als oberstes Gebot gelten: Du sollst auf Seiten des Kindes stehen...
Wenn Sie jemals den Satz gebrauchen: "Als ich in deinem Alter war...", dann machen Sie einen fürchterlichen Fehler...
Jedes Individuum hat die Freiheit, das zu tun, was es will, solange es die Freiheit der anderen nicht beeinträchtigt...
Gehorsam sollte Höflichkeit anderen gegenüber sein. Erwachsene sollten kein Recht auf den Gehorsam der Kinder haben. Gehorsam muss von innen kommen - und nicht von aussen aufgezwungen werden...
Wenn wir die Kinder ständig auf ihre Fehler aufmerksam machen, bringen wir ihnen Minderwertigkeitsgefühle bei. Wir verletzen ihre natürliche Würde...
Wir können zu keiner guten Menschheit kommen, solange sie gehasst, bestraft und unterdrückt wird. Der einzige Weg ist die Liebe...
Belohnungen sind überflüssig und negativ...
Eine Strafe kann nie gerecht verhängt werden, denn niemand ist gerecht...
Das gestrafte Kind wird immer schlimmer und schlimmer. Mehr noch, es wächst zu einem strafenden Vater oder einer strafenden Mutter, und der Zirkel des Hasses setzt sich von Generation zu Generation fort...
Die Arbeit des Lehrers ist leicht: Er muss herausfinden, wo die Interessen des Kindes liegen, und ihm dann helfen, sie auszuleben. Es ist immer so. Unterdrückung und Schweigen treiben diese Interessen nur in den Hintergrund...
Nur wenn man sein Interesse ausgelebt hat, kann man zu etwas Neuem übergehen...
Wenn dem Kind die Freiheit gegeben wird, seinen Egoismus auszuleben, dann entwickelt sich der Egoismus nach und nach zu natürlicher Sorge um andere...
Wenn man jemandem wirklich Achtung erweist, geschieht das ganz unbewusst. Meine Schüler können mich jederzeit einen dummen Esel nennen. Sie achten mich, weil ich ihr junges Leben respektiere, und nicht, weil ich der Leiter der Schule bin oder ein Blechgötze auf dem Piedestal. Meine Schüler und ich achten einander, weil wir uns gegenseitig anerkennen...
Faulheit gibt es nicht. Ein so genannter fauler Junge ist entweder körperlich krank oder er interessiert sich nicht für die Dinge, mit denen er sich nach Ansicht Erwachsener beschäftigen sollte.