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Eine Zukunft jenseits des Kapitalismus?

Eine Zukunft jenseits des Kapitalismus?

von Hans Schlegel, Buchs SG

Ich habe die beiden Texte „Kapitalismus - was ist das eigentlich?" und „Zeit für eine an­dere Welt" mit grösstem Interesse gelesen. Neben dem Inhalt, zu dem ich gleich kommen werde, hat mich auch die sprachliche Qualität der Texte beeindruckt, die Konsequenz und die Intelligenz der Gedankenführung, die leichte Verständlichkeit, mit der die doch sehr komplexen Zusammenhänge dargestellt werden.

Zur Kapitalismuskritik:

Du gehst von Marx aus und verwendest auch weitgehend die von ihm geschaffenen Be­griffe. Das finde ich gut, auch wenn ihn die Sozialdemokratie eigentlich vor ziemlich langer Zeit über Bord geworfen hat. Marx gehört - auch wenn man verächtlich von der „marxisti­schen Mottenkiste" spricht - ganz klar zu den wichtigsten Denkern des 19. Jahrhunderts, niemand sonst hat die Prinzipien, nach denen der Kapitalismus funktioniert, schärfer her­ausgearbeitet als er.

Was deinen Text ebenfalls stark macht: Du gehst Schritt für Schritt in übersichtlichen Ab­schnitten vor, denen du Untertitel voranstellst, die das Wesentliche schlagwortartig fassen. Die Radikalität deiner Kritik ist dann gerechtfertigt, wenn man den Frühkapitalismus im Auge hat oder den Neoliberalismus, dessen Credo du mit einem Zitat von Barnevik (das ich nicht gekannt habe) vorstellst, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Aber dann kommen mir - bei aller Zustimmung zum meisten, was du sagst - doch gewisse Bedenken, Zweifel oder mindestens diskutable Gegenargumente.

Die Radikalität der Kritik bedeutet wohl zwangsläufig auch, dass man die Dinge schwarz oder weiss darstellt; differenziertere Grautöne haben da kaum Platz. Bei Marx und ange­sichts des Elends im Frühkapitalismus ist eine Schwarzweisszeichnung völlig berechtigt. Wo Menschen nichts anderes mehr zu verlieren haben als ihre Ketten, wo sie während des gan­zen Jahres sechs Tage pro Woche vom Morgen bis zum Abend schändlich ausgebeutet werden, wo sie trotzdem hungern, in elenden Löchern hausen und nur überleben, weil auch noch die Frauen und Kinder Lohnarbeit leisten, da ist jede Radikalität der Kritik gerechtfertigt und jede Radikalität im Vorgehen mindestens verständlich.

„Die hässliche, teuflische Fratze des Frühkapitalismus ist dem friedlich-wohlwollenden Grin­sen der ‚Freien Marktwirtschaft' gewichen, ohne dass dabei freilich auch nur ein einziges der ursprünglichen kapitalistischen Prinzipien aufgegeben worden wäre." So heisst dein letzter Satz. Muss man ihm vorbehaltlos zustimmen? Warum schwanke ich zwischen einem Ja und einem Nein?

Für das Nein sehe ich z. B. folgende Gründe:

  • Wenn wir auf die industrialisierten Länder des Westens blicken: da ist die Massenarmut eine Fiktion. Die meisten Menschen leben in akzeptablen wirtschaftlichen Verhältnis­sen; sie hungern nicht, sie hausen nicht in Löchern, sie arbeiten nicht mehr als acht oder neun Stunden pro Tag, sie haben die Fünf-Tage-Woche und jedes Jahr ihre Fe­rienzeit. Sie können sich auch Annehmlichkeiten leisten; vieles, was man früher als Lu­xus bezeichnet hätte.
  • Es gibt in diesen Ländern einen ausgebauten Sozialstaat und zusätzliche private Netz­werke; für Kranke, Behinderte, Alte, selbst für die so genannten „Randständigen" wird recht gut gesorgt. Dass nicht eine „freie", sondern eine „soziale" Marktwirtschaft herr­schen soll, wird auch von Mittelparteien anerkannt. Dem Kapitalismus sind Fesseln an­gelegt worden. Ob sie, um mit Marx zu sprechen, zum Sprung von der Quantität zur Qualität genügen, ob sich also Prinzipien geändert haben oder nicht, darüber kann man streiten.
  • Die Gesellschaft ist nicht einfach in zwei Klassen gespalten, sondern vielfältig geschich­tet. Und zwischen den verschiedenen Schichten gibt es nicht bloss Gegensätze, son­dern auch viel Verbindendes, zahlreiche Vernetzungen: Menschen verschiedener Her­kunft treffen sich in Vereinen und anderen Organisationen, sind im SAC, im Gesangs­verein, im Turnverein usw.
  • Nicht erfüllt hat sich die Hoffnung der Sozialisten des 19. Jahrhunderts, der Glaube, der etwa die Arbeiterbildungsvereine beseelte: Dass dann, wenn die Armut besiegt, die unmenschlichen Arbeitsverhältnisse beseitigt seien, eine Gemeinschaft freier, schöpfe­rischer und solidarischer Menschen entstehe.

Aber ich sehe natürlich auch die Gründe für ein Ja:

  • Die Umverteilung des Reichtums von unten nach oben geht weiter. Die sozialen Errun­genschaften sind keineswegs sicherer Besitz, sondern immer wieder Angriffen ausge­setzt.
  • Krasse Ausbeutung ist auch bei uns noch vorhanden: z. B. Working Poor
  • Die oft unmenschlichen Zustände in den Ländern der Dritten Welt sind zur Hauptsache eine Folge des ungebremsten und globalisierten Kapitalismus.
  • Der Zukunft gegenüber ist der Kapitalismus verantwortungslos: wo immer er kann, nimmt er die Zerstörung der Natur, die Erschöpfung der Ressourcen hemmungslos in Kauf. Du schreibst: „... wenn alles den Gesetzmässigkeiten des Kapitalismus überlas­sen bleibt ... wird sich die Menschheit ihr eigenes Grab schaufeln ...". Dem stimme ich zu.

Zeit für eine andere Welt

Die Vision einer gerechten und friedlichen Gesellschaft, nach einer Welt, in der der Mensch dem Mitmenschen nicht mehr als Konkurrent und Feind begegnet, sondern als Freund und Helfer: diese Sehnsucht ist Jahrtausende alt. „Seit mehr als 2'000 Jahren ist in Utopien die Ausbeutung des Menschen durch Menschen abgeschafft. Sozialutopien kontrastieren die Welt des Lichts gegen die der Macht, malten ihr Lichtland breit aus, mit dem gerecht gewor­denen Glanz, worin sich der Unterdrückte erhoben, der Entbehrende sich zufrieden fühlt" (Ernst Bloch).

Die Sehnsucht ist zutiefst in den Menschen verwurzelt, da gebe ich dir Recht: Jesajas mit dem Umschmieden der Schwerter zu Pflugscharen und der Spiesse zu Sicheln, Platon in seinem „Staat", Christus mit seinen Worten über das Reich Gottes, Thomas Morus mit sei­ner Insel Utopia oder Thomas Campanella mit dem „Sonnenstaat".

Die erste Frage: Was zeigt die Geschichte? Ist die Menschheit diesem Ziel näher gekom­men? Ich würde sagen: Ja, wenn auch mit vielen Rückschlägen und manchen Einschrän­kungen. Aber der Blick auf die abendländische Geschichte gibt doch Anlass zur Hoffnung: noch nie war die Demokratie so verwurzelt, noch nie die Menschenrechte so stark verwirk­licht, noch nie die Freiheitsbewegungen so stark und so weit verbreitet wie heute. Es gibt Anlass zur Hoffnung.

Die zweite Frage: Welche Wege sind möglich? - Ich glaube nicht, dass man mit einem ge­waltigen Sprung von der visionären Ebene auf die pragmatisch konkrete Ebene gelangt. Vielmehr sind Zwischenschritte nötig; man muss das Visionäre Schritt für Schritt herunter­brechen auf immer konkretere Ebenen.

Zu diesem Herunterbrechen hast du angesetzt. erstens in deinen Überlegungen zur Strate­gie, und zweitens in den Abschnitten über die Brücke von der alten in die neue Zeit. Ich ver­gegenwärtige sie mir noch einmal:

1. Zur Strategie

  • Man muss das jetzige System schonungslos analysieren.
  • Alle Gegenbewegungen sollten sich solidarisieren.
  • Man muss die bisherigen Scheuklappen ablegen.
  • Die Gegenbewegungen sollten sich global vernetzen.

2. Zur Brücke in die neue Zeit

  • Die Überwindung einer auf Machtübergabe beruhenden gesellschaftlichen Selektion.
  • Der unerlässliche Wertewandel: Rücksichtnahme, Respekt, Liebe, Leidenschaft für die soziale Gerechtigkeit als die richtigen „Tugenden".
  • Die Förderung des „Weiblichen": das Soziale, Fürsorgliche, Mitleidende
  • Kein Weg ausserhalb von Demokratie und Gewaltlosigkeit.
  • Weg und Ziel müssen stets identisch bleiben.

Das sind alles wichtige und richtige Postulate, schon konkreter als die Vision von einer ge­rechten Gesellschaft, aber doch noch nicht so konkret, dass sie den Weg so beschreiben, dass man ihn klar und begehbar vor sich sieht.

Buchs SG, 15.11.2009