Pädagogische Notizen
Vorliegende
Notizen sind während meiner Unterrichtstätigkeit an der Oberstufe Buchs
SG entstanden. Sie widerspiegeln Augenblicke und Situationen, die jedem
Lehrer und jeder Lehrerin täglich begegnen, nichts Spektakuläres, eben:
der ganz "normale" Schulalltag.
Beim Lesen mag der eine oder die andere Berufskollegin eigene Erfahrungen
wiedererkennen. Oder ein wenig schmunzeln. Oder den Kopf schütteln. Oder
sich zu Widerspruch angeregt fühlen. Reaktionen, gleich welcher Art,
würden mich sehr interessieren. Bitte hier...
Schulentwicklung, Schulqualität. Wer kennt sie nicht, diese beiden Begriffe, die schon fast wie ein Damoklesschwert über jeder Lehrer/innen-Sitzung hängen? Zählen wir die Sitzungen und Konferenzen zusammen, die zu diesem Thema schon abgehalten wurden, müssten wir schon längst die qualitativ beste, durch nichts mehr zu überbietende Schule aller Zeiten haben. Dass dem ganz und gar nicht so ist, hängt wohl damit zusammen, dass wir ob aller Diskussionen rund um Qualitätsförderung und dergleichen offensichtlich ganz zu vergessen haben scheinen, dass der Kern- und Ausgangspunkt jeglicher "Schulentwicklung" in erster Linie in der zwischenmenschlichen Grundbeziehung innerhalb von Lernsituationen und Lernprozessen liegt. Wer Schulqualität fördern will, muss den Respekt, das Vertrauen, die Liebe, die Heiterkeit in sämtlichen Lernsituationen fördern und die Schule zu einem Lebensraum machen, in dem sich alle Kinder und Jugendlichen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, akzeptiert und geborgen fühlen. Alles andere ist Treten an Ort.
Wie entsteht Minimalismus? Im Zusammenhang mit "unmotivierten" Schülerinnen und Schülern wird oft behauptet, Minimalismus sei ein menschlicher Wesenszug. So fordert man dann eine Schule, die gegen dieses dem Menschen von Natur aus angeborene "Laster" ankämpfen und ihn mit allen möglichen Mitteln dazu antreiben soll, diesen "Minimalismus" zu überwinden. - Ich denke, dass dieser Ansatz grundlegend falsch ist. Beobachtet man nämlich Kinder im Alter von zwei, drei oder vier Jahren bei ihrem Tun, Spielen und Lernen, wird man das, was im Schulunterricht als "Minimalismus" bezeichnet wird, kaum antreffen. So muss sich die Schule wohl zu recht die Frage gefallen lassen, ob nicht vielleicht gerade sie selber diesen "Minimalismus", den sie angeblich zu bekämpfen versucht, überhaupt erst schafft, und zwar durch eine viel zu grosse Fülle von Wissensstoff, der den Kindern gegen ihren Willen eingetrichtert wird, so dass sie notgedrungen mit der Zeit eine Methode entwickeln müssen, um sich ihre - gerade für alles natürliche, selbstbestimmte Lernen unerlässlichen - Freiräume so weit als möglich zu erhalten. Diese Methode nennen wir dann "Minimalismus" und verstärken diesen erst recht, je mehr wir dagegen anzukämpfen versuchen.
Einer Klasse Zeit und Raum geben - das reicht meistens schon. So können sich eigene Lernprozesse entfalten. Plötzlich stelle ich fest, dass M., bisher hartnäckiger "Aussenseiter", mit ein paar Mitschülern in ein eifriges Gespräch verwickelt ist. Es scheint sich einfach so ergeben zu haben, ohne mein Zutun. Dies wäre in einem streng "autoritären", nach engen Regeln vorgegebenen Unterricht, in dem so etwas wie freies Tun und freie Kommunikation keinen Platz haben, schlicht unmöglich.
Manchmal denke ich: Verrückt, ich bin fast ausschliesslich damit beschäftigt, Arbeitsblätter zu produzieren. Und meine Schülerinnen und Schüler sind fast ausschliesslich damit beschäftigt, diese auszufüllen. Aber man kann es auch anders sehen: Diese Arbeitsblätter, immer so gestaltet, dass damit selbständig gearbeitet werden kann, sind so etwas wie ein Teppich. Sind die Blätter ausgeteilt, ist die Klasse beschäftigt, "geordnet". Und ich gewinne jede Zeit, mich einzelnen Schülerinnen und Schülern zuzuwenden, während in der Klasse da und dort immer wieder andere Formen von eigenem Lernen entstehen, die mit dem "Stoff", der gerade "an der Reihe ist", fast nichts oder gar nichts zu tun haben; es entsteht zu einem grossen Teil "freies" Lernen, eigenes Lernen, informelles Lernen. Und dennoch fällt nicht alles auseinander, entsteht kein Chaos. Das Arbeitsblatt ist sozusagen der "Kitt", der alles zusammenhält und dafür sorgt, dass alle Schülerinnen und Schüler, die nicht am informellen, zwischenmenschlichen Lernen innerhalb der Klasse teilnehmen können oder wollen, stets ein "Rückzugsgebiet" für individuelles Tun haben und niemandem die Beschäftigung ausgeht.
Kinder lernen nach ihren eigenen Regeln. Das Wichtigste ist, sie dabei möglichst wenig zu stören. Auch Bäume wachsen von selber. Das Einzige, was sie brauchen: eine gute Erde.
Zum Glück gibt es noch Widerstand gegen übertrieben strenge Regeln, gegen das allgegenwärtige Kontrollieren, Beurteilen, Bestrafen. Wo kämen wir hin, wenn sich unsere Kinder und Jugendlichen dem allem blindlings unterwerfen würden. Widerstand ist ein Zeichen von Leben, von Autonomie, von Selbstständigkeit. Wo es keinen Widerstand mehr gibt, sind die Menschen tot.
Wenn es in der Schule um Lernen und um "Erziehung" geht (was immer man darunter verstehen mag), so fällt auf, dass in den meisten Diskussionen in und rund um die Schule - sei es zwischen Schülerinnen und Schülern, zwischen Lehr- und Schulleitungspersonen, zwischen Eltern und Lehrpersonen - beinahe ausschliesslich Fragen der "Erziehung" im Mittelpunkt stehen und fast nie Fragen des Lernens. Müsste man sich nicht mal in aller Ehrlichkeit und Offenheit diese Grundfrage stellen: Ist die Schule denn vor allem dazu da, junge Menschen zu "erziehen" (und wenn ja, wohin und wozu?), oder sollte sich nicht vor allem dazu da sein, möglichst gutes Lernen zu ermöglichen?
Ein Unterricht, der viel Leben, Bewegung, Freiheit und Kommunikation zulässt, setzt damit gleichzeitig immer wieder neues Material frei für diesen Unterricht selber. Quellen von Kreativität und Begabung treten dabei zutage. Wie dumm wären wir, durch einen allzu stark reglementierten, wenige Freiräume ermöglichenden Unterricht diese Quellen zum Vornherein zu verstopfen. Im Gegenteil, wir müssen sie fruchtbar machen für unseren Unterricht. Heute haben O. und M. während einer Französischstunde längere Zeit einfach so miteinander geplaudert, gegenseitig Filmstars interpretiert, kleine Stegreifvorträge gehalten. Als "Französischlehrer" hätte ich das eigentlich unterbinden und die beiden Schüler ermahnen sollen, an ihrer Französischaufgabe weiterzuarbeiten. Was zwischen den beiden Schülern aber plötzlich ganz spontan an eigenem, ungeplantem Tun und Lernen entstanden war, hat mich dermassen fasziniert, dass ich es nicht über mich gebracht hätte, das einfach "abzustellen". Und in diesem Augenblick entstand die Idee der "Textpräsentation": In einer der folgenden Deutschlektionen werden meine Schülerinnen und Schüler die Aufgabe bekommen, kürzere oder längere selber erfundene Texte oder Textimitiationen vor der Klasse auf möglichst witzige, originelle Weise darzubieten. So ist mein Unterricht durch ein interessantes neues Element bereichert worden. Und die Schülerinnen und Schüler erfahren dadurch gleichzeitig, dass ihre spontanen Bedürfnisse und Interessen wahrgenommen und zu einem Teil unserer täglichen gemeinsamen Arbeit werden, die sie auf solche Weise aktiv mitgestalten.
Das "Schwatzen" der Klasse um 7.30 Uhr, wenn ich mit dem "Unterricht" beginnen möchte, ist im Grund doch etwas Positives. Es zeigt, dass sich diese Jugendlichen etwas zu sagen haben, dass sie sich gegenseitig nicht gleichgültig sind. Man stelle sich einmal vor, sie würden kein Wort miteinander reden und stumm dasitzen, ohne jegliches gegenseitiges Interesse. Grauenhaft! Todeskalt.
Der selbstbestimmte Schultag: Hier kann ich als Jugendlicher so sein, wie ich bin, und brauche mich nicht zu verstellen.
Wenn die ganze Klasse etwas bearbeitet (z.B. Testanalyse), fragen: Wer braucht noch Zeit? Unbedingt so lange warten, bis alle so weit sind.
Das Beste, was ich als Oberstufenlehrer erreichen kann (bzw. das einzige Wesentliche): Grundlage von Selbstvertrauen und Selbständigkeit bilden, um so einen optimalen Übergang ins Berufsleben zu ermöglichen. Es geht um die Grundkraft, die macht, dass eine Pflanze alleine, ohne Hilfe von aussen, wachsen kann.
Was für ein Leuchten in den Augen von J., als sie mir von ihrer Idee berichtet, für ihren Geografievortrag das Thema "Tiere in verschiedenen Lebensräumen" zu wählen. Sobald das Lernen zur Sache der Lernenden wird, sobald es ihr Lernen ist...
Die Jugendlichen brauchen auch und gerade in der Schule, wo sie sich eine so lange Zeit ihres Lebens aufhalten, RAUM, BEACHTUNG und ZEIT für sich selber, einen Teil des LEBENS eben. IHRES Lebens...
V. fragt mich: "Wann sind die nächsten Ferien, wann können wir wieder richtig glücklich sein?"
95 Prozent ist Atmosphäre, 5 Prozent ist "Stoff".
Zusammenarbeit darf sich auf keinen Fall auf Lehrerinnen und Lehrer beschränken. Wenn sinnvolles Lernen entstehen soll, dann muss es ebenso intensiv eine Zusammenarbeit zwischen "Lernenden" und "Lehrenden", Jugendlichen und Erwachsenen sein. Wo sich Lehrkräfte gegen Schülerinnen, Schüler und Eltern solidarisieren, wo Gräben aufgerissen werden zwischen der Lehrperson und den lernenden Kindern und ihren Eltern, wo sich die einen als "Gegner" oder "Widersacher" der anderen fühlen - da ist etwas fundamental nicht in Ordnung.
Ein Grundprinzip: Bei zwei Wegen ist der individuellere immer der bessere.
Die beste Suchtprävention: selbstbestimmtes Lernen.
KINDER UND JUGENDLICHE VERSUCHEN - LEIDER VERGEBLICH - DIE ZEIT ANZUHALTEN, WEIL SIE SPÜREN, DASS IN DIESER GESELLSCHAFT ALLES VIEL ZU SCHNELL GEHT.
Die Zeiten ändern sich, und das ist nicht nur etwas Schlechtes. Der "Frontalunterricht" wird immer schwieriger, nicht weil die Konzentrationsfähigkeit abnimmt, sondern weil die Selbständigkeit und Autonomie der Jugendlichen so extrem stark zugenommen haben, dass sie gar keinen mehr brauchen, der vor ihnen steht und für sie denkt - sie wollen selber denken und handeln. Das zeigt sich auch darin, dass der "Individualunterricht" - in dem alle selber entscheiden, wie und was sie tun und lernen, so viel besser funktioniert als früher.
Individualunterricht ist: selber essen. Frontalunterricht ist: Zwangsfütterung.
Grundannahmen des Individualunterrichts: Da die "Pflanzen" so verschieden sind, kann ihnen ein "gleichmacherischer" Unterricht niemals gerecht werden. Mein Hauptanliegen muss es sein, einen LEBENSRAUM zu schaffen, in dem es ALLEN dieser "Pflanzen" wohl ist und sie ALLE ihre - individuellen - Lern- und Lebensbedürfnisse entfalten können. Ein weiterer wichtiger Punkt: Alles was ein Kind oder Jugendlicher spontan tut, ist für sein Lernen wichtig. R., S. und F., die heute mitten im "Unterricht" miteinander herumzubalgen angefangen haben, haben sich offenbar im Sandkasten ihrer Kindheit noch nicht richtig ausleben können und müssen nun das ausleben bzw. nachholen, bevor sie mit "höherem" Lernen erst richtig beginnen können.