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Johann Heinrich Pestalozzi

"Vergleiche nie ein Kind mit dem andern, sondern jedes nur mit sich selber."

Der bekannte Schweizer Pädagoge und Schriftsteller Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) behandelte in seinen pädagogischen Schriften alle wesentlichen Fragen rund um Bildung, Erziehung, Schule und Lernen. Doch obwohl Pestalozzi offiziell auch heute noch als "Vater der Volksschule" gilt, sähe eine Schule, die sich tatsächlich an den pädagogischen Grundsätzen Pestalozzis orientieren würde, gänzlich anders aus als unsere heutige, viel zu einseitig auf Stoffwissen und "Kopflernen" ausgerichtete Lehrplan-, Konkurrenz- und Selektionsschule. Nur schon das oben erwähnte Zitat "Vergleiche nie ein Kind...": Nähe man es ernst, müsste man augenblicklich das gegenwärtige, auf dem gegenseitigen Vergleichen messbarer Leistungen innerhalb einer Schulklasse beruhende Notensystem abschaffen und durch ein rein individuelles Bewertungssystem ersetzen.

Es wäre wohl äusserst hilfreich, im Strudel und in der Hektik heutiger "Bildungsreformen" vorübergehend eine längere Denkpause einzuschalten und sich in dieser Zeit wieder mal gründlich in die - auf den ersten Blick vielleicht etwas verstaubt klingenden, auf den zweiten Blick aber erstaunlich aktuellen - Gedanken Pestalozzis zu vertiefen...

Erziehung, Menschenbilder, Liebe als Erziehungsprinzip

Die Elementarbildung will nicht negative Hinderung des Bösen, sondern positive Belebung des Guten. Sie arbeitet gegen die Schwäche durch Vermehrung der bereits vorhandenen Kraft, gegen den Irrtum durch die Entwicklung der in der Anlage vorhandenen Keime der Wahrheit.

Was immer wir an euch tun, unser letztes Ziel ist die Liebe. Und alles Lernen hat keinen anderen Zweck.

Wir wollen aus euch nicht Menschen machen, wie wir sind. Wir wollen aus euch nicht Menschen machen, wie andere sind. Ihr sollt an unserer Hand Menschen werden, wie das Göttliche in eurem Wesen es will.

Der Mensch ist gut und will das Gute. Und wenn er böse ist, so hat man ihm sicher den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.

Erziehung ist die höchste und grösste Aufgabe der Menschen, sie ist das Höchste, weil es dabei um die Würde des Menschen geht. Heute geht es in Erziehung und Unterricht allerdings um andere Dinge. Man will die Kinder lehren, diese Welt so zu benützen, wie sie sich benützen lässt. Manche sagen es rund und roh heraus: Wenn man mit den Wölfen leben muss, muss man mit den Wölfen heulen, und wenn man in der Welt leben will, muss man so leben, wie es allgemeiner Brauch ist.

Wir stehen folglich vor der Notwendigkeit, die Verstandesbildung der Herzensbildung, allen Widerständen zum Trotz, unterzuordnen. Dies ist der wichtigste Gehalt der Erziehungs- und Unterrichtsreform, die wir benötigen.

Wir müssen uns bewusst bleiben, dass das Endziel der Erziehung nicht in der Vervollkommnung der Schulkenntnisse besteht, sondern in der Tüchtigkeit fürs Leben; nicht in der Aneignung der Gewohnheiten blinden Gehorsams und vorschriftsgemässen Fleisses, sondern in der Vorbereitung für selbständiges Handeln.

Zum Wesen des Lernens

Es ist unermesslich, was die Natur für unsere Kraftentwicklung selbst tut. Es übersteigt allen Glauben, was das Kind weiss, was es fühlt und wozu es Kraft hat, und was es will. Mein erster Grundsatz ist: Wir können das Kind nur insoweit gut führen, als wir wissen, was es fühlt, wozu es Kraft hat, was es weiss und was es will.

Der Mensch verliert das Gleichgewicht seiner Stärke, die Kraft der Weisheit, wenn sein Geist für einen Gegenstand zu einseitig und gewaltsam hingelenkt ist. Darum ist die Lehrart der Natr nicht gewaltsam.

Sobald nämlich die Sinne des Kindes für die Eindrücke aus der Umwelt empfänglich werden, beginnt das natürliche Lernen.

So unermesslich das Resultat der Erziehung und des Unterrichts ust, so klein ist das, was durch menschliches Können dem Gang der Natur hinzugefügt wird.

Alles Unterrichtliche hat an dem Punkt anzuknüpfen, den die natürliche Entwicklung bereits erreicht hat.

Die Kräfte des Verstandes, des Könnens und des Wollens sind im menschlichen Wesen angelegt. Sie gleichen einem Samenkorn. das in die Erde gelegt wird und durch fördernde Einflüsse zum Halm, zur Blüte und zur Frucht erwächst.

Es darf dem Kinde nichts gewaltsam eingepfropft werden. Alles muss mit Rücksicht auf den geistigen Entwicklungsstand, auf das Fassungsvermögen des Kindes geschehen.

Der echte Lehrer greift nicht gewaltsam in den Entwicklungsgang des Kindes ein, drängt ihm nicht seine Begriffe und Meinungen auf. Dies wäre ein Unrecht, ein Verbrechen. Mit aller Vorsicht nährt und pflegt er das Vorhandene als eine Pflanze, die Gott gepflanzt hat. Die Elementarbildung, weil sie positiv ist, geht individuell vom Kind selbst aus. Es gibt nichts Positives in der Erziehung und im Unterricht als eben das einzelne Kind und die in ihm vorhandene Kraft.

Auf jeder Stufe des Lernens muss das Kind dazu geführt werden, sich die erworbenen Kenntnisse bis zur Vollendung anzueignen, so nämlich, dass es das, was es gelernt hat, einem jüngeren Geschwister auch beibringen könnte. 

Der grosse Fundamentalsatz für jedes naturgemässe Erziehungswesen lautet: Das Leben bildet.

Die Natur allein tut uns Gutes, sie allein führt uns unbestechlich und unerschüttert zur Wahrheit und Weisheit. Je mehr ich ihrer Spur folgte, mein Tun an das ihrige anzuketten versuchte und meine Kräfte anstrengte, ihrem Schritte Fuss zu halten, desto mehr erschien mir dieser Schritt unermesslich; aber ebenso die Kraft des Kindes, ihr zu folgen. Ich fand nirgends Schwäche als in der Kunst, zu benutzen, was das ist - und in mir selber, insofern ich führen wollte, wo nicht zu führen, sondern nur aufzuladen ist auf einen Wagen, der von sich selbst geht.

Das Kind lernt mit Lust, wenn das, was gelernt werden muss, seinen Kräften angemessen ist.

Die Kinder dürfen nicht gekränkt werden. Der Schwache wird nicht veranlasst, sich mit dem Starken zu messen, wohl aber mit sich selbst. Wir fragen das Kind niemals: Kannst du gleichviel wie die anderen? Wir fragen es nur: Kannst du es, kannst du es wirklich gut?

Aller Unterricht des Menschen ist nichts anderes als die Kunst, dem Haschen der Natur nach ihrer eigenen Entwicklung Hand zu bieten.

Ich möchte so weit gehen, die Regel aufzustellen, dass, wenn Kinder unaufmerksam sind und offensichtlich kein Interesse am Unterricht bekunden, der Lehrer immer den Grund bei sich selber suchen sollte. Wenn eine Menge trockenen Stoffes den Kindern vorgelegt wird, wenn ein Kind dazu verurteilt ist, langatmigen Auseinandersetzungen still zuzuhören oder Übungen durchzunehmen, die nichts bieten, was das Gemüt anziehen und fördern könnte, so ist das eine allzuschwere Last, die man seinen Lebensgeistern auferlegt; der Lehrer sollte wirklich alles tun, sie dem Kinde zu ersparen.

Lernen ist keinen Heller wert, wenn es nicht von Freude begleitet ist.

Alles, was das Kind liebt macht, das will es. Alles, was ihm Ehre bringt, das will es. Alles, was grosse Erwartungen in ihm rege macht, das will es. Alles, was in ihm Kräfte erzeugt, was es aussprechen macht: Ich kann es! das will es.

Die Bedeutung von Bewegung und Tätigkeit; Ganzheitlichkeit des Lernens

Du weisst es, mein Freund. Aber stelle dir doch einen Augenblick wieder das Entsetzen dieses Mordes vor. Man lässt die Kinder bis ins fünfte Jahr im vollen Genuss der Natur; man lässt jeden Eindruck derselben auf sie wirken, sie fühlen ihre Kraft... Und nachdem sie also fünf ganzer Jahre diese Seligkeit des sinnlichen Lebens genossen, macht man auf einmal die ganze Natur um sie her vor ihren Augen verschwinden, stellt den reizvollen Gang ihrer Zwangslosigkeit und ihrer Freiheit tyrannisch still, wirft sie, wie Schafe in ganze Haufen zusammengedrängt, in eine stinkende Stube, kettet sie Stunden, Tage, Monate und Jahre unerbittlich an das Anschauen elender, reizloser und einförmiger Buchstaben.

Nur die Tätigkeit ist für die Kinder bildend, und es gibt zu ihrer Entwicklung ganz und gar nichts anderes als Tätigkeit. Daher ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Unruhe, ihr Treiben die weiseste und wohltätigste Einrichtung der Natur und das einzig mögliche Mittel, Kraft und Fertigkeit, Erkenntnis und Bildung in ihnen hervorzubringen.

Die Natur gibt uns das Kind als untrennbares Ganzes, als eine organische Einheit mit vielseitigen Anlagen des Herzens, des Geistes und des Körpers. Und sie will, dass keine dieser Anlagen unentwickelt bleibt, sondern dass sie sich alle in harmonischer Einheit entfalten. Die Entwicklung jeder Anlage ist mit der Entwicklung der anderen unzertrennlich verbunden.

Ja, so weit das Kind in die Schule und wieder heimgeht, darf es sich bewegen. Aber in der Schule selbst darf es kaum schnaufen. Das Schuldasitzen ist unverkennbare eigentliche Gewalts- und Kunstübung, die physischen Kräfte der Menschennatur im besten und schönsten Zeitalter ihrer Bildung in unnatürlicher Untätigkeit zu erhalten.

Ganz gewiss ist die Art und Weise, mit welcher die Natur den Menschen lehrt, dass alles an ihm arbeiten muss und dass er Hände und Füsse und Kopf und Herz brauchen und keins von allen still stehen lassen darf, wenn er will, dass es ihm wohl gehen soll auf Erden.

Unterrichtsübungen, die sich auf einzelne Kräfte beschränken, sind verfehlt, denn sie trennen das, was als Ganzheit geschaffen worden ist.

Sprachentwicklung; der Weg vom Konkreten zum Abstrakten; Anschaulichkeit

Es ist wichtig, dass die Wörter stets vom sinnlichen Eindruck der Gegenstände, die sie bezeichnen, begleitet sind. Und das Einüben von Wörtern darf nur in dem Masser erfolgen, in welchem die Anschauung der Gegenstände im Kinde gereift ist. Aber so wie man anfängt, dem Kind leere Wörter in den Mund zu legen und seinem Gedächtnis einzuprägen - Wörter ohne Anschauung, ohne erlebte Wortbedeutung -, so wendet man sich in der Spracherziehung vom Grundsatz "Das Leben bildet" ab. Und indem man das tut, legt man im Kind den Grundstein aller Verkehrtheit und aller Unnatur im Gebrauch der Sprache.

Schwämme wachsen beim Regenwetter schnell aus jedem Misthaufen. Auf die gleiche Weise erzeugen Definitionen ohne das Fundament der Anschauung ebenso schnell ein schwammiges Wissen, das sich bald genug in nichts auflöst. Das beste Mittel zur Verhütung von Verwirrung und Oberflächlichkeit in der Begriffsbildung liegt also darin, dem Kinde die grundlegenden Sinneseindrücke von den wesentlichen Gegenständen unseres Denkens mit aller Sorgfalt zu vermitteln.

Die Natur hat die höheren Anlagen des Menschen wie in eine Schale gehüllt. Zerschlägst du diese Schale, bevor sie sich selbst öffnet, so enthüllst du eine unreife Perle und vernichtest den Schatz des Lebens, den du deinem Kind hättest erhalten sollen.

Was in der Sprachschulung über den Kreis echter, vom Leben vorgezeichneter Bedürfnisse hinausgeht, wirkt nicht bildend, sondern verwirrend und zerstreuend. Erziehung und Bildung haben bei jedem einzelnen Kind dem wirklichen Leben zu dienen.

Das Äussere der Sprache, die Töne selber, sind ohne belebten Zusammenhang mit den Eindrücken, die ihrer Bedeutung zugrundeliegen, leere, eitle Töne.

Sozialkritische Betrachtungen zur Schule; Anprangerung der Selektionsschule

Soweit ich den Schulunterricht kannte, kam er mir wie ein grosses Haus vor, dessen oberstes Stockwerk zwar in hoher, vollendeter Kunst strahlt, aber nur von wenigen Menschen bewohnt ist; in dem mittleren wohnen dann schon mehrere, aber es mangelt ihnen an Treppen, auf denen sie auf eine menschliche Weise in das obere hinaufsteigen könnten, und wenn etwa einige Gelüste zeigen, in dieses obere Stockwerk hinaufzuklettern, so schlägt man ihnen, wo man das sieht, ziemlich allgemein auf die Finger und hie und da wohl gar einen Arm oder ein Bein, das sie bei diesem Hinaufklettern anstrengten, entzwei; im dritten unten wohnt dann endlich eine zahllose Menschenherde, die für Sonnenschein und gesunde Luft vollends das gleiche Recht hat; aber sie wird nicht nur im ekelhaften Dunkel fensterloser Löcher sich selbst überlassen, sondern man macht ihr durch Binden und Blendwerke die Augen sogar zum Hinaufgucken in dieses obere Stockwerk untauglich.


"Die Liebe ist das Wesen der Erziehung..."

Sechs Briefe aus der heutigen Zeit an Johann Heinrich Pestalozzi. Von Peter Sutter. Beitrag zum Pestalozzi-Preisausschreiben aus Anlass seines 250. Geburtstags. 10 A4-Seiten; Fr. 10.-. Bestellung...